Christliche Schatzkammer

Ein Lied vom Leiden

Endlich bricht der heiße Tiegel
und der Glaub‘ empfängt sein Siegel,
als im Feu’r bewährtes Gold,
da der Herr durch tiefe Leiden
uns hier zu den hohen Freuden
jener Welt bereiten wollt.

Unter Leiden prägt der Meister
in die Seelen, in die Geister
Sein allgeltend Bildnis ein.
Wie Er dieses Leibes Töpfer,
will Er auch des künft’gen Schöpfer
auf dem Weg der Leiden sein.

Leiden bringt empörte Glieder
endlich zum Gehorsam wieder,
macht sie Christus untertan,
dass Er die gebrochnen Kräfte
zu dem Heiligungsgeschäfte
sanft und still erneuern kann.

Leiden sammelt unsre Sinne,
dass die Seele nicht zerrinne
in den Bildern dieser Welt,
ist wie eine Engelwache,
die im innersten Gemache
des Gemütes Ordnung hält.

Leiden stimmt des Herzens Saiten
für den Psalm der Ewigkeiten,
lehrt mit Sehnsucht dorthin seh’n,
wo die sel’gen Palmenträger
mit dem Chor der Harfenschläger
preisend vor dem Throne stehn.

Leiden macht das Wort verständlich,
Leiden macht in allem gründlich;
Leiden, wer ist deiner wert?
Hier heißt man dich eine Bürde;
droben bist du eine Würde,
die nicht jedem widerfährt.

Brüder, solche Leidensgnade
wird in mannigfachem Grade
Jesu Jüngern kundgemacht,
wenn sie mancher Schmerz durchwühlet,
wenn sie selbst den Tod gefühlet,
Nächte seufzend durchgewacht.

Wenn auch die gesunden Kräfte
zu den guten Herrn Geschäfte
wurden willig sonst geweiht,
o, so ist’s für sie kein Schade,
dass sie ihres Führers Gnade
läutert in der Prüfungszeit.

Im Gefühl der tiefen Schmerzen
dringt das Herz zu Seinem Herzen
immer liebender hinan;
und um eins nur fleht es sehnlich:
Mache Deinem Tod mich ähnlich,
dass ich mit Dir leben kann!

Endlich mit der Seufzer Fülle
bricht der Geist durch jede Hülle,
und der Vorhang reißt entzwei.
Wer ermesset dann hienieden,
welch ein Meer von Gottesfrieden
droben ihm bereitet sei!

(Nach Karl Friedr. Harttmann (1782)
von Albert Knapp)

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