Christliche Schatzkammer

Wie betest du?

Wie betest du? Kannst wie ein Kind du beten,
das bittend an des Vaters Knie sich lehnt
und wunschvoll, was sein kleines Herz ersehnt,
Ihm sagen muss? Vermagst du so zu treten
vor deinen Gott und Vater immerzu?
Wie betest du?

Was betest du? Sind’s Worte leeren Schalles,
ist’s Lippenwerk, davon dein Herz nichts weiß?
Sag, oder glüht die Brust dir brünstig heiß,
liegst du vor Ihm, sagst du Ihm alles, alles,
wie dir ums Herz ist, schlicht und gradezu –
Was betest du?

Wo betest du? Nur dort, wo andre beten,
wo es geboten und wo jedermann
dein Beten sehen oder hören kann?
Hast du kein Kämmerlein, mit Ihm zu reden,
wo’s niemand sieht, allein, in heil’ger Ruh‘ –
Wo betest du?

Wann betest du? Sag, ist dein ganzes Leben
ein unaufhörlich inniges Gebet?
Sag, oder heißt, wenn deine Lippe fleht,
dich nur die Not den Blick zum Himmel heben?
Und trittst du dann mit heißem Dank herzu?
Wann betest du?

O wohl dir, Herz, wenn dein Gebet nie schweiget,
wenn überall vor deinem Gott du stehst;
wenn gläubig du aus Herzenstiefen flehst,
und dein Gebet doch Kindesstammeln gleichet!
Und klinget Gottes »Amen« dann hinzu:
Dann betest du!

        Georg Holzhey

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