Christliche Schatzkammer

Singen im Leid

Wenn ich zu Zeiten traurig bin
Und liegt mir dies und das im Sinn,
Und ist doch nur ein irdisch‘ Ding,
Zum Trauern zu gering,
Dann denk ich bald, was soll der Schmerz,
Komm, schaffe dir ein andres Herz,
Denn Trauern ist in dieser Welt
Vom bösen Feind bestellt.

Dann denk‘ ich auch an Jesum Christ,
Wie er voll guten Zuspruchs ist;
Er sprach im hellen Osterschein:
„Stellt Euer Trauern ein!“
Dann kommt mir gleich ein Lied in‘ Sinn,
Ich sing‘ es leise für mich hin,
Bis dass es durchbricht mit Gewalt
Und hell und laut erschallt.

Je heller meine Stimme klingt,
Je tiefer Jesus in mich dringt;
Mit Ihm zieht lichter Sonnenschein
Ins arme Herz hinein.
Drum sollt‘ ich wieder traurig sein,
So hol‘ ich Jesus singend ein;
Und, o wie selig ist das Herz,
Das so versingt den Schmerz.

Leiden sind des Königs Zimmer

Leiden sind die dunklen Fluten, die das Erdenland durchziehn,
Leiden sind die Liebesruten, will der Herr Sein Kind erziehn,
Leiden sind die Diamanten in des großen Schöpfers Hand,
wenn Er schleift die scharfen Kanten Seiner Kinder Land um Land.

Leiden kommen schwarz gekleidet, Tränen zeichnen ihren Pfad,
doch in ihrer Mitte schreitet Gottes Herold voller Gnad‘.
Leiden kommen ungerufen, fragen nicht nach reich und arm,
klopfen an der Throne Stufen, an der Hütte voller Harm.

Leiden sind gleich einem Hammer, der das harte Holz zerschlägt,
dass man seufzt in tiefem Jammer, Reue um die Sünde trägt.
Bis im Frühlingsstrom der Gnade auch das letzte Eis zerspringt,
und ein sel’ges Jubilieren zu dem Thron des Höchsten dringt.

Leiden sind die heißen Tiegel, die der Herr zum Läutern schickt.
Wo Sein unverkennbar Siegel Er uns auf die Stirne drückt.
Leiden sind die dunklen Schächte, draus der Segen Gottes fließt,
wie durch die Gewitternächte Er das dürre Land begießt.

Leiden sind des Königs Zimmer, wo Er Audienz gewährt,
wo vom Erdenstaub und Flimmer Er uns gänzlich ausgeleert,
wo der Hochmut wird zerrieben, Stolz und Eitelkeit vergeht,
wo man lernt, den Nächsten lieben, Hass und Neid wie Rauch verweht.

Leiden sind das Treibhaus Gottes, ew’ge Blumen dort gedeihn,
die uns einst dort droben schmücken, herrlich in der Engel Reih’n,
die mit Tränen sind begossen hier in diesem Erdental,
die so reichlich sind geflossen, heiß und bitter ohne Zahl.

Menschen, die mit Jesu gehen, nehmen Leid aus Gottes Hand,
tragens still und ungesehen, schauen nach dem Vaterland.
Kurz sind dieser Tage Leiden, wenn wir auf die Krone sehn,
überschwenglich sind die Freuden, wenn wir bald vor Ihm dann stehn.

Selig, wenn in Leidenstagen eine starke Hand uns hält,
wenn man Hilfe hat zum Tragen aus der ob’ren Gotteswelt.
Dann wird uns zum Segen werden auch das größte, tiefste Leid;
dann sind Tränen dieser Erden Sterne in der Herrlichkeit.

Drum gesegnet, Leidensstunden, fester fass ich Seine Hand;
fester hat mich Ihm verbunden Seiner Liebe heilig Band.
Besser sah ich durch die Leiden alle Nichtigkeit der Welt,
wahres Glück und wahre Freuden stammen nur vom Himmelszelt.

Herz, mein Herz, drum lass das Zagen, hier ist nur die Durchgangszeit,
nach den trüben, dunklen Tagen folgt die sel’ge Ewigkeit.
Dann wird ganz verkläret werden das verweinte Angesicht,
alles Dunkel dieser Erden wird uns droben Heil und Licht.

Geh nicht vorüber am Erdenleid!

Geh nicht vorüber am Erdenleid!
Das Auge offen, die Arme weit!
Die Füße eilend, und stark die Hand,
sei du ein Bote, von Gott gesandt!

Geh nicht vorüber am Erdenleid!
Hörst du, wie einsam die Seele schreit?
Siehst du, wie heimlich die Träne rinnt?
Sei Gottes Bote, und tröste lind!

Geh nicht vorüber am Erdenleid!
Das Meer der Trübsal ist tief und weit.
So mancher ringt mit der dunklen Flut;
wirf ihm ein Seil zu und mach ihm Mut!

Geh nicht vorüber am Erdenleid!
Du gehst nur einmal des Weges heut.
Was du versäumt, ist ewig dahin,
was du getan, bringt sel’gen Gewinn.

Sei Du ein Engel in Menschengestalt!
Übe die Liebe! – die Welt ist so kalt.
Strahle Dein Licht in das Dunkle der Zeit,
Geh nie vorüber am Erdenleid!

Eva von Tiele- Winckler

Ein Lied vom Leiden

Endlich bricht der heiße Tiegel
und der Glaub‘ empfängt sein Siegel,
als im Feu’r bewährtes Gold,
da der Herr durch tiefe Leiden
uns hier zu den hohen Freuden
jener Welt bereiten wollt.

Unter Leiden prägt der Meister
in die Seelen, in die Geister
Sein allgeltend Bildnis ein.
Wie Er dieses Leibes Töpfer,
will Er auch des künft’gen Schöpfer
auf dem Weg der Leiden sein.

Leiden bringt empörte Glieder
endlich zum Gehorsam wieder,
macht sie Christus untertan,
dass Er die gebrochnen Kräfte
zu dem Heiligungsgeschäfte
sanft und still erneuern kann.

Leiden sammelt unsre Sinne,
dass die Seele nicht zerrinne
in den Bildern dieser Welt,
ist wie eine Engelwache,
die im innersten Gemache
des Gemütes Ordnung hält.

Leiden stimmt des Herzens Saiten
für den Psalm der Ewigkeiten,
lehrt mit Sehnsucht dorthin seh’n,
wo die sel’gen Palmenträger
mit dem Chor der Harfenschläger
preisend vor dem Throne stehn.

Leiden macht das Wort verständlich,
Leiden macht in allem gründlich;
Leiden, wer ist deiner wert?
Hier heißt man dich eine Bürde;
droben bist du eine Würde,
die nicht jedem widerfährt.

Brüder, solche Leidensgnade
wird in mannigfachem Grade
Jesu Jüngern kundgemacht,
wenn sie mancher Schmerz durchwühlet,
wenn sie selbst den Tod gefühlet,
Nächte seufzend durchgewacht.

Wenn auch die gesunden Kräfte
zu den guten Herrn Geschäfte
wurden willig sonst geweiht,
o, so ist’s für sie kein Schade,
dass sie ihres Führers Gnade
läutert in der Prüfungszeit.

Im Gefühl der tiefen Schmerzen
dringt das Herz zu Seinem Herzen
immer liebender hinan;
und um eins nur fleht es sehnlich:
Mache Deinem Tod mich ähnlich,
dass ich mit Dir leben kann!

Endlich mit der Seufzer Fülle
bricht der Geist durch jede Hülle,
und der Vorhang reißt entzwei.
Wer ermesset dann hienieden,
welch ein Meer von Gottesfrieden
droben ihm bereitet sei!

(Nach Karl Friedr. Harttmann (1782)
von Albert Knapp)