Christliche Schatzkammer

Richte nicht

Richte nicht mit harter Strenge,
Wenn du andre fehlen siehst,
Da du selbst der Schwächen Menge,
Die dich drücken, nicht entfliehst.
Schonung ist des Christen Pflicht,
Richte deinen Nächsten nicht.

Siehst du immer auch die Gründe,
Von des Nächsten Handlung ein?
Ist das, was du tadelst, Sünde,
Oder trüget dich der Schein?
Urteilst du gewissenhaft,
Oder reizt dich Leidenschaft?

Auch bei wirklichen Versehen,
Meide mit Besonnenheit,
Um nicht selbst dich zu vergehen,
Schmähung, Hohn und Bitterkeit.
Menschenfreundlich decke zu,
Deines Nächsten Fehler zu.

Reich’ aus christlichem Gemüte,
Ihm die Hand zu seinem Glück.
Führe, wenn du kannst, voll Güte,
Von dem Irrweg ihn zurück.
Sieh dich vor, wenn du noch stehst,
Dass du selbst dem Fall entgehst.

Nicht halb

Mir kann ein halber Segen nicht genügen.
Ich kann mich keiner halben Gnade freu’n.
Nein, nein, in ganzen, vollen, sel’gen Zügen
will Jesu Lebenslauf geatmet sein.

Ganz ungeteilt darf ich Ihm angehören,
Der mir ja auch Sein ganzes Herze gibt.
Der kam, die ganze Sünde zu zerstören
und mich auch nicht mit halber Liebe liebt!

Sein! Völlig Sein! Das heißt – der Welt entronnen;
die Brücken abgebrochen zu ihr hin.
Das heißt, den ganzen Himmel hier gewonnen
und vollen Frieden auch für Seel’ und Sinn.

Da gibt’s kein Hinken mehr auf beiden Seiten,
kein Rückwärtsschaun nach Sodoms Lustgefild,
kein hoffnungsloses mit der Sünde Streiten.
Nein, Jesus siegt und prägt in uns Sein Bild.

Er tut Sein Werk nicht halb im Schmerzenstiegel.
Nein, Er vollendet es mit heil’ger Hand,
bis Er heraufgedrückt das heilge Siegel,
dann nimmt Er es ins ewge Heimatland.

Meines Gottes Güte

Ob auch von Deiner Vatergüte
so manches Lied hier schon erklingt –
der Glaub‘ mit dankbarem Gemüte
Dir immer noch ein neues singt.

Dass Deine Hand die Lilien kleidet,
die Raben speist, die Fluren schmückt,
dass sanft Dein Allmachtsarm mich weidet –
wie hat es oft mein Herz erquickt!

Ja, dass gewaltig Deine Güte,
erfuhr ich oft und rühm‘ es gern;
des Lebens reinste Freudenblüte –
sie war im Dunkel stets mein Stern.

Doch als in finstern Schicksalsstunden
ich glaubensarm am Boden lag,
da hab‘ ich erst so recht empfunden,
was Deine Güte all‘ vermag.

Da hast Du Dich zu mir geneigt,
mich liebend an Dein Herz gedrückt;
Verstehn, Erbarmen mir erzeiget,
und nicht mich zürnend angeblickt.

Da hast Du gütig meine Augen
geöffnet, um Dein Tun zu seh’n,
und mehr als je an lichten Tagen
Dich, Gott der Treue, zu versteh’n.

Ja wahrlich! Alle Erdenschmerzen,
selbst tiefster Trübsal höchste Pein
sind Diener nur dem Vaterherzen,
um meine Seele zu erfreu’n.

Drum will ich froh und dankbar singen,
mein Leben lang, in Freud‘ und Leid.
Bald wird mich Gottes Güte bringen
ins Vaterhaus, zur Herrlichkeit.

Mein Gott, wie groß bist Du!

Mein Gott, wie groß bist Du!
Du schufst, Du trägst die Welten!
Der Schöpfung Jubellied kann
Dir allein nur gelten.
Du gibst der Sonne Licht,
der Blume Duft und Farben;
Dich rühmen Luft und Meer,
des Feldes goldne Garben.

Mein Gott, wie treu bist Du!
Du Fels der Ewigkeiten!
Du bist mein fester Turm
im Wechselgang der Zeiten.
Scheint dunkel auch Dein Rat
und seltsam Deine Pflege, vollkommen ist Dein Tun,
und recht sind Deine Wege.

Mein Gott, wie gut bist Du,
so mild Dein Herz,
die Hände so stark,
und Deine Huld ohn‘ Maß,
ohn‘ Ziel und Ende!
Gebundne machst Du frei,
gibst Augenlicht den Blinden,
Gebeugten hilfst Du auf,
lässt Schwache Rettung finden.

Mein Gott, wie reich bist Du,
Herr Himmels und der Erden!
Dein Bach, so voll, so frisch,
kann nimmer trocken werden.
Und schein‘ ich hier auch arm
und schwach einmal im Leiden,
bin dennoch reich in Dir –
mein Erbe. Ew’ge Freuden!

Gottes Güte

Wie groß ist des Allmächt’gen Güte!
Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt?
Der mit verhärtetem Gemüte
Den Dank erstickt, der Ihm gebührt?
Nein, seine Liebe zu ermessen,
sei ewig meine größte Pflicht!
Der Herr hat mein noch nie vergessen;
Vergiß, mein Herz, auch seiner nicht.

Wer hat mich wunderbar bereitet?
Der Gott, der meiner nicht bedarf.
Wer hat mit Langmut mich geleitet?
Er, dessen Rat ich oft verwarf:
Wer stärkt den Frieden im Gewissen?
Wer gibt dem Geiste neue Kraft?
Wer lässt mich so viel Glück genießen?
Ist’s nicht sein Arm, der alles schafft?

Schau, o mein Geist, in jenes Leben,
zu welchem du erschaffen bist;
wo du, mit Herrlichkeit umgeben,
Gott ewig sehn wirst, wie er ist!
Du hast ein Recht zu diesen Freuden;
Durch Gottes Güte sind sie dein.
Sieh, darum musste Christus leiden,
damit du könntest selig sein.

O Gott! Lass deine Güt‘ und Liebe
Mir immerdar vor Augen sein!
Sie stärk in mir die guten Triebe,
mein ganzes Leben dir zu weihn.
Sie tröste mich zur Zeit der Schmerzen,
sie leite mich zur Zeit des Glücks;
Und sie besieg in meinem Herzen
Die Furcht des letzten Augenblicks.