Christliche Schatzkammer

Zwei Beter

Es gingen zwei hinan
zum Tempel, dort zu beten;
sie schickten sich nun an,
vor Gott, den Herrn, zu treten.

Der eine, aufgebläht,
Denkt von sich selbst nur höher
und zeigt auch im Gebet
den stolzen Pharisäer.

»Ich danke Dir, mein Gott«,
so hebt er an zu beten,
»dass ich Dein ernst Gebot
noch niemals übertreten;

Dass ich nach Deinem Wort
gerecht stets leb‘ und handle,
nicht wie der Zöllner dort
den Weg der Sünde wandle. «

Der Zöllner stand von fern –
was sollte er denn sagen?
Er wagt nicht, zu dem Herrn
das Auge aufzuschlagen.

So arm, so schuldbewusst,
so aller Tugend ledig,
schlägt er an seine Brust:
»Gott, sei mir Sünder gnädig! «

Gott nahm die Last ihm ab
und heilte seinen Schaden;
getrost ging er hinab,
gerechtfertigt aus Gnaden.

Wer nur um Gnade fleht,
dem wird sie frei gegeben.
Doch wer sich selbst erhöht,
erfährt sie nie im Leben.

Martha Thieme

Wie betest du?

Wie betest du? Kannst wie ein Kind du beten,
das bittend an des Vaters Knie sich lehnt
und wunschvoll, was sein kleines Herz ersehnt,
Ihm sagen muss? Vermagst du so zu treten
vor deinen Gott und Vater immerzu?
Wie betest du?

Was betest du? Sind’s Worte leeren Schalles,
ist’s Lippenwerk, davon dein Herz nichts weiß?
Sag, oder glüht die Brust dir brünstig heiß,
liegst du vor Ihm, sagst du Ihm alles, alles,
wie dir ums Herz ist, schlicht und gradezu –
Was betest du?

Wo betest du? Nur dort, wo andre beten,
wo es geboten und wo jedermann
dein Beten sehen oder hören kann?
Hast du kein Kämmerlein, mit Ihm zu reden,
wo’s niemand sieht, allein, in heil’ger Ruh‘ –
Wo betest du?

Wann betest du? Sag, ist dein ganzes Leben
ein unaufhörlich inniges Gebet?
Sag, oder heißt, wenn deine Lippe fleht,
dich nur die Not den Blick zum Himmel heben?
Und trittst du dann mit heißem Dank herzu?
Wann betest du?

O wohl dir, Herz, wenn dein Gebet nie schweiget,
wenn überall vor deinem Gott du stehst;
wenn gläubig du aus Herzenstiefen flehst,
und dein Gebet doch Kindesstammeln gleichet!
Und klinget Gottes »Amen« dann hinzu:
Dann betest du!

        Georg Holzhey

Wachet und Betet

Wachet und Betet! O hört, es ist Zeit!
Heut‘, da ihr den Ruf hört, macht euch bereit,
seid doch recht nüchtern bei Tag und bei Nacht.
Wohl einem jeden, der betet und wacht!

Jesus wird kommen, da niemand es weiß.
Wachet und betet bis daß er erscheint.
Särket die Schwachen, die Sünder weckt auf,
lasset dahinten, was hindert im Lauf.

Haltet mit Öl gefüllt Lampen und Krug.
Kommt, schöpfet bei Jesus, so habt ihr genug.
Wenn er verziehet, löscht sonst euer Licht.
Bleibt bei der Quelle, daß nichts euch gebricht.

Fragt ihr, wie weit es schon sei in der Nacht.
Fragt ihr den Hirten? O betet und wacht.
Wollet ihr wissen, so fragt und kommt her,
seid doch nicht schläfrig, bald kommt ja der Herr!

Bald wird er kommen, o betet und wacht!
Sei’s um den Hahnenkräh, sei’s in der Nacht!
Wacht, denn ihr wisset nicht Stunde noch Zeit.
Eins ist nur sicher, der Herr ist nicht weit.

Drum macht euch auf, Ihm entgegenzugeh’n!
Wachet und betet, vor Ihm zu besteh’n.
Weiß soll das Kleid sein und Öl auf dem Haupt.
Bald kommt der Herr, o glücklich, wer’s glaubt!

Gebet

Beherrscher aller Welten,
im Staube bet‘ ich an;
wie könnt‘ ich Dir vergelten,
was Du an mir getan?!
War nicht an jedem Morgen,
Gott, Deine Güte neu
und machte mich von Sorgen,
von Gram und Kummer frei?

Gott, alle meine Tage
sind Zeugen Deiner Huld.
Wie oft traf eine Plage
mich nur aus eigner Schuld!
0 möge doch Dein Segen,
der mich bisher erfreut,
mich dringen und bewegen
zur tät’gen Dankbarkeit!

Gib, dass ich Dir vertraue,
der Du die Liebe bleibst,
auch wenn Du mich auf raue
und steile Wege treibst.
Wenn in Gefahr und Schmerzen
mein Geist will mutlos sein,
so flöße meinem Herzen
Geduld und Hoffnung ein.

Zum Besten soll mir dienen
das Leiden dieser Zeit.
Noch ist sie nicht erschienen,
die große Herrlichkeit
und Wonne, die die Deinen
dereinst beglücken soll:
Sie säen unter Weinen
und ernten freudevoll.

Bitten – Suchen – Anklopfen

O Vater, lehr mich beten
einfältig, wahr und schlicht,
und vor Dein Antlitz treten
mit Kindeszuversicht!
Du gibst mir keine Schlange
für den erbetnen Fisch,
legst, wenn um Brot ich bange,
nicht Steine auf den Tisch!

Und öffnet sich zu Zeiten
vor mir ein finstres Tal –
ich muss das Tal durchschreiten,
es bleibt mir keine Wahl -,
dann lass mich suchend blicken
zu Dir, mein Gott, empor!
Du wirst mir Antwort schicken,
lässt finden mich Dein Ohr.

Ja, sollt ich gar verschlossen
die Türe vor mir sehn,
dann lass mich unverdrossen
anklopfend vor Dir stehn!
Wer bittet, wird empfangen,
wer sucht, der findet auch,
wer anklopft, wird erlangen,
so ist’s des Vaters Brauch!

Rudolf Brockhaus (1856-1932)