Nov 21 2008
»Otto, wo bist du?«
Otto, wo bist du, eine christliche Geschichte für Kinder
Das Hänschen hatte einen Spielkameraden, einen zahmen Star. Er fütterte ihn immer ganz liebevoll, deshalb war der Vogel sehr zutraulich zu ihm. Vor allem konnte der dunkle Vogel allerlei nachsprechen. Morgens blieb Hänschen lange Zeit allein mit seinem Tierchen, denn sein größerer Bruder Otto saß zu der Zeit in der Schule und musste fleißig lernen. Weil er so allein war, rief das Hänschen oft: »Otto, wo bist du?« – Diesen Satz merkte sich der Vogel.
Einmal war die Mutter mit Hänschen in die Stadt gefahren. Otto saß am offenen Fenster und machte seine Schulaufgaben. Da hörte er im Nebenzimmer jemand rufen: »Otto, wo bist du?« — »Ich komme sofort«, antwortete der Junge und lief in das Zimmer, aus dem die Stimme kam, aber er konnte niemand sehen. Verärgert setzte sich Otto wieder an die Schulaufgaben. Bald rief es wieder: »Otto, wo bist du?« — Otto rannte die Treppe hinunter und rief: »Was soll ich denn, wer ruft mich da eigentlich?« Otto suchte im ganzen Haus, im Garten, hinter allen Büschen und Bäumen und konnte niemand erblicken. Jetzt wurde er doch etwas ärgerlich, er lief wieder in sein Zimmer und studierte weiter. Er hatte kaum fünf Minuten gesessen, da klang es lustig hinter dem Hause: »Otto, Otto, wo bist du?« — »Du kannst lange warten, ich lasse mich doch nicht immerzu irreführen«, sagte der Junge böse vor sich ihn. Aber da klang es schon wieder vom Hof: »Otto, wo bist du?« — »Na warte, du Frechdachs, ich will dich schon fassen, du sollst mich nicht noch einmal umsonst gerufen haben!« Jetzt raste Otto wie ein geölter Blitz die Treppe hinunter. Seine Augen funkelten ganz böse: »Wo bist du Racker!« schrie er wutentbrannt und bekam ein ganz rotes Gesicht. Plötzlich krächzte es hinter dem Stall: »Otto, wo bist du?« — Jetzt riss Otto der Geduldsfaden. Weinend vor Ärger stürzte der Junge in die Werkstatt des Vaters und klagte ihm sein Leid. — Der Vater lachte, denn er hatte die Sache schon eine Zeitlang beobachtet. Er nahm Otto bei der Hand, führte ihn in den Garten und zeigte ihm den Star, der auf einem Baum saß: »Sieh dort oben, da ist der kleine Bösewicht, der dich immer wieder ruft. Diesen Satz hat er vom Hänschen gelernt!«
Otto bückte sich und hob einen Stein auf, um nach dem Vogel zu werfen. »Warum willst du das tun?« fragte der Vater streng. »Weil er mich immer zum Narren hält, ich lasse mich doch nicht laufend irreführen!« – »Aber, aber, mein Junge«, sagte der Vater, »du rufst doch den ganzen Tag: >Mein Gott, gibt es noch kein Essen? Großer Gott, ich muss noch meine Schularbeiten fertigmachen! Ach Gott, es regnet ja — lieber Gott, warum ist es heute so heiß — mein Gott und ach Gott<, und immer wieder rufst du nach Gott und meinst Gott gar nicht. Wenn Gott nun jedesmal kommen und dich fragen würde: >Was willst du von mir?< Meinst du nicht, Gott könnte auch zornig und ärgerlich werden, wenn solch ein kleiner Racker wie du den Namen Gottes allezeit im Munde führt und ihn gar nicht meint? Wir beten oft: >Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe, sei mir gnädig und erhöre mich!< Wie soll denn Gott wissen, ob du ihn wirklich rufst und meinst?« Jetzt stand Otto ganz verlegen da. Das war eine eindringliche Lektion! Von nun an passte er gut auf, damit er den Namen Gottes nicht gedankenlos nannte. Der Star aber wurde sein liebster Freund und Spielkamerad.
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