Dez 11 2009
Eine Mutter
Warm scheint die Sonne in den kleinen Garten, und leise bewegt der Wind die blühende Reseda auf dem Blumenbett, ihren Duft durch das geöffnete Fenster in das kleine Zimmer tragend, in dem kalt und still die Frau liegt, die den Samen der Blumen im Frühjahr ausgestreut hatte und nun für immer die Augen geschlossen hat.
Vor dem Haus flattern unruhig die Tauben, die gewohnt waren, hier ihr Futter zu finden. Aber kein Fenster öffnet sich mehr. Tiefe Stille liegt über dem Haus. Ein Mann tritt jetzt an das Lager der Toten mit feuchtem Schimmer in den Augen. »Sie war mir eine treue Gehilfin«, sagt er leise, »und hat viel gearbeitet. Wie müde sieht sie aus!«
Es ist, als machten diese Worte den andern Mut. Auch die Tochter kniet nun schluchzend neben dem Bett nieder und klagt: »Mutter, du hast viel für uns alle gearbeitet! Ich hätte dir mehr beistehen sollen! Wie geduldig warst du, stets bereit zu helfen, wie selbstlos gegenüber uns, deinen Kindern!«
In der hintersten Ecke des Zimmers, fern von den übrigen, sitzt ein junger Mann. Seine Züge tragen die Spuren einer wüsten Vergangenheit. Jetzt ist er allein mit der Toten, die andern haben das Zimmer verlassen.
Leise nähert er sich dem Lager und sinkt auf die Knie. Seinen Kopf legt er an die treue Brust, an die er als Kind so oft sich gelehnt hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit treten ihm die Tränen in die Augen: »Mutter«, flüstert er. »Du bist immer so gut zu mir gewesen, du hattest mich so lieb!«
Er nimmt die arbeitsreichen Hände der Frau in seine Hände, küßt sie mit Ehrfurcht und sagt mit fester Stimme: »In deine kalten Hände gelobe ich es dir! Es soll anders mit mir werden!«
Die Sonnenstrahlen fallen durch das Fenster und spielen auf dem bleichen Gesicht der Toten. Sie hört die liebevollen Worte des Gatten und der Tochter nicht mehr. Sie vernimmt das Gelübde des verlorenen und geretteten Sohnes nicht mehr. Wie glücklich würde noch gestern beides sie gemacht haben!
»Warum habt ihr das alles nicht der lebenden Mutter gesagt?«