Archive for Juli, 2009

Jul 14 2009

Der eigentliche Glanz

Geschrieben von under Geschichten aus dem Leben

Bei der Olympiade der Behinderten in den USA vor einigen Jahren bewegte die wenigen Zuschauer vor allem der 400-m-Endlauf der Männer. Acht Behinderte laufen los. Sie laufen nicht elegant, aber sie laufen, jeder mit einer anderen Behinderung. Das sieht nicht so schön aus, und mancher wendet sich erschrocken ab. Doch dann schauen wieder alle hin, als kurz vor dem Ziel der führende Läufer stürzt. Der zweite rennt nicht vorbei, um sich den Sieg zu sichern. Er läuft zu dem Gestürzten, richtet ihn mühsam auf, greift unter seine Arme, schleppt ihn mit sich und zu zweit humpeln und stolpern sie weiter.
Da kommen die anderen auch schon heran, aber auch sie laufen nun nicht an den beiden vorbei, sondern auf sie zu. Alle greifen sich unter die Arme, den Gestürzten haben sie in der Mitte, und so laufen und schleppen sie sich gemeinsam ins Ziel.

Unsere Gemeinden sich ähnlich. Vieles läuft nicht so elegant und schneidig, mehr gebrochen und behindert, oft erbärmlich anzuschauen und eher kümmerlich. Aber der Glanz und die Schönheit unsrer Gemeinden liegt gar nicht in unserem Können, unsrer Eleganz und Kompetenz, unserer Superform und bestechender Cleverness, sondern darin, dass wir Gestürzte aufheben und Behinderte annehmen und Schwache tragen und einander helfen und lieben.

In der Gemeinde Jesu kommt es nicht darauf an, dass einer der Beste und der strahlende Sieger ist, sondern dass alle gemeinsam das Ziel erreichen. Der eigentliche Glanz der Gemeinde ist ihre Liebe.

„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt!“                     Johannes 13, 34.35

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Jul 14 2009

Das schönste Herz

Geschrieben von under Geschichten aus dem Leben

Eines Tages stellte sich ein junger Mann in die Mitte des Ortes und verkündete, er habe das schönste Herz im ganzen Tal. Eine große Menge versammelte sich um ihn, und alle bewunderten sein Herz, denn es sah vollkommen aus. Nicht eine Schramme war daran, und nicht die kleinste Delle. Ja, alle stimmten zu, dass dies wirklich das schönste Herz sei, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter mit seinem schönen Herzen.
Plötzlich trat ein alter Mann aus der Menge heraus und sagte: “Ach was, dein Herz ist lange nicht so schön wie meines.” Die Menge und der junge Mann blickten auf das Herz des Alten. Es schlug stark, doch es war voller Narben. Stücke waren heraus gebrochen und andere eingesetzt, aber sie passten nicht genau, und so gab es einige raue Kanten. Tatsächlich waren da sogar mehrere tiefe Löcher, wo ganze Teile fehlten. Die Leute starrten darauf – wie kann er sagen, dachten sie, sein Herz sei schöner?
Der junge Mann schaute auf das Herz des Alten, sah seinen Zustand und lachte. “Du machst wohl Witze”, sagte er. “Vergleich dein Herz mit meinem: meines ist vollkommen und deines ist voller Narben und Löcher!” “Ja”, sagte der alte Mann, “dein Herz sieht vollkommen aus, aber ich würde doch niemals mit dir tauschen. Weißt du, jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich nahm ein Stück von meinem Herzen und gab es ihm, und oft gab er mir dafür ein Stück von seinem eigenen Herzen, das den leeren Platz in meinem ausfüllte. Aber weil die Stücke nicht genau gleich sind, habe ich ein paar Unebenheiten – die ich in Ehren halte, weil sie mich an die Liebe erinnern, die wir geteilt haben.”
“Manchmal”, fuhr er fort, “habe ich ein Stück meines Herzens weggegeben, und der andere Mensch gab mir kein Stück von seinem zurück. Das sind die Lücken – Liebe zu geben ist immer ein Risiko. Diese Lücken schmerzen, doch sie bleiben offen und erinnern mich an die Liebe, die ich auch für diese Menschen habe, und ich hoffe, dass sie mir eines Tages etwas zurückgeben und den leeren Platz füllen, der darauf wartet. Siehst du jetzt”, fragte der Alte, “worin die Schönheit meines Herzens besteht?”
Der junge Mann stand schweigend, und Tränen liefen über seine Wangen. Er ging zu dem alten Mann, dann griff er nach seinem perfekt schönen jungen Herzen und riss ein Teil heraus. Mit zitternden Händen bot er es dem Alten an. Der alte Mann nahm es an und setzte es in sein Herz, dann nahm er ein Stück seines alten narbigen Herzens und setzte es in die Wunde im Herzen des jungen Mannes. Es passte, aber nicht ganz genau, so blieben einige raue Kanten. Der junge Mann schaute auf sein Herz, das nicht mehr vollkommen war, aber doch schöner als je zuvor, weil Liebe aus dem Herzen des alten Mannes hinein geflossen war.

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Jul 14 2009

Das Netz

Geschrieben von under Geschichten aus dem Leben

Im Süden Siziliens, in einem kleinen Fischerdorf, leben ein Fischer und seine Frau. Es lässt sich nicht umgehen, der Fischer muss bisweilen wochenlang auf dem Meer sein. Da wird ihm während dieser Zeit seine Frau untreu. Nun kehrt der Mann zurück. Nach der alten und nie gebrochenen Sitte des sizilianischen Dorfes muss die Ehebrecherin vom Felsen in das Meer gestürzt werden. Früh morgens wird die Frau auf die Klippe geführt. Jetzt wartet man nur noch auf das Eintreffen des Mannes. Der aber, gestern erst angekommen, erscheint nicht zum Gericht. So warten sie lange, bis das Dorf schließlich ohne ihn das Urteil vollstreckt. Die Frau wird von der Klippe hinuntergestoßen – und fällt in das Netz ihres Mannes, der die Nacht dazu benutzt hatte, Fischernetze aufzuspannen, um seine Frau zu retten.
Während andere den Stab über sie brachen, spannte er seine Netze.

Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.
Psalm 103, 10-13

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Jul 14 2009

Brauner Biber

Geschrieben von under Kindergeschichten

BRAUNER BIBER
So hieß der kleine Indianer, der aus einer engen, hässlichen Siedlung am Rande einer nordamerikanischen Großstadt stammte. Die Zeiten, in denen seine Vorfahren als stolze, freie, unbesiegbare Männer in den endlosen Prärien des Westens jagten und Fallen stellten, waren längst vorbei. Brauner Biber war nun, als er alt genug geworden war, von seinem Vater bei einer bekannten Familie in der Nähe einer größeren Schule untergebracht worden. Er sollte jetzt diese Schule besuchen und nur jeweils übers Wochenende nach Hause kommen.
Brauner Biber war oft niedergeschlagen. Er konnte sich gar nicht mehr so recht freuen. Das Lernen machte ihm wenig Schwierigkeiten. Aber er litt unter der Trennung von Eltern und Geschwistern. Außerdem bedrückte es ihn, dass er von seinen weißen Schulkameraden wegen seiner anderen Hautfarbe verachtet wurde. Man schob ihn zur Seite, stellte ihn hinten an und machte sich lustig über ihn. Und wenn bei irgendeinem bösen Streich der Schuldige gesucht wurde, dann sollte er’s gewesen sein.
Als Brauner Biber wieder einmal übers Wochenende heimkam, erklärte er seinen Eltern, dass er nie wieder zur Schule gehen wolle. Er könne das Verhalten der weißen Kinder nicht mehr länger ertragen.
Lange saß er am Abend mit seinen Eltern zusammen und klagte ihnen sein Leid. Ach, sie verstanden ihn gut. Ähnliches hatten auch sie oft genug erfahren müssen.
Aber sie kannten auch den Herrn Jesus. Vater und Mutter waren schon länger sein Eigentum. Und deshalb konnten sie ihrem Jungen auch wieder Mut machen und ihn trösten:
»Versuch es noch einmal!
Wir beten für dich!
Sei tapfer, glaube an den Herrn Jesus!
Wurde nicht auch Er ohne Grund abgelehnt?
Wurde nicht auch Er verspottet?«
Brauner Biber kehrte wieder in die Schule zurück.
Bald kam der Winter. Es schneite fast jeden Tag. In seinen freien Stunden war Brauner Biber oft draußen im Freien. Dort wusste er bald überall gut Bescheid. Von seinem Vater hatte er so manches gelernt, wovon die Kinder in der Stadt kaum Ahnung hatten. Er baute kleine Fallen, stellte sie an versteckten Stellen auf und fing kleines Raubzeug, dessen Fell besonders wertvoll ist. So verging ihm auch die Zeit schneller, denn fast immer war er ja allein.
Wieder einmal hatte er mehrere Bisamratten gefangen. Als er die Tiere seinen Schulkameraden zeigte, lachten die nur. Charly, einer der ältesten von ihnen, war besonders frech. Er meinte: »Typisch Indianer!« Das sei wohl auch so ziemlich alles, was der kleine »Nager« fertig bringe. Aber das stimmte, wie Charly sehr genau wusste, durchaus nicht. Der Klassenlehrer war mit Braunem Biber und seinen Leistungen sehr zufrieden.
Inzwischen war der Fluss zugefroren. Die Jungen wollten Schlittschuhe und Hockeyschläger holen und sich am Fluss treffen. Brauner Biber schaute ihnen nach, wandte sich dann um und ging dem Wald zu. Dort wollte er nach seinen übrigen Fallen sehen.
Es dunkelte bereits, als er auf dem Heimweg war, mit dem Sack auf seinem Rücken. Als er in die Nähe des Flusses kam, glaubte er eine Stimme zu hören. Ob seine Schulkameraden noch immer Eishockey spielten? Er blieb stehen und lauschte. Wieder hörte er eine Stimme. Da rief doch jemand um Hilfe! Brauner Biber rannte nun dem Fluss zu, lief an dessen Ufer entlang und begann dabei, sich durch lautes Rufen selbst bemerkbar zu machen. Wieder blieb er kurz stehen. Und da hörte er die Stimme ganz in seiner Nähe. Er eilte darauf zu. Da hockte einer unterhalb der hohen Uferböschung auf einer Baumwurzel. Es war Charly.
Dieser war zuletzt noch ganz allein am Fluss gewesen. Seine Kameraden hatten sich bereits über die hohe Böschung auf den Heimweg begeben. Er hatte auf dem Eis noch ein paar Runden gedreht, hatte ihnen folgen wollen, war dann aber an der Böschung abgerutscht und hatte sich den Knöchel verstaucht. Es hatte zuerst nur ein wenig weh getan, so hatte Charly nicht gedacht, dass er schon nach wenigen Minuten nicht mehr laufen konnte. Und bis zu seinem Elternhaus war es weit.
Zunächst schraubte Brauner Biber dem verletzten Charly die Schlittschuhe von den Schuhen. Dann half er ihm mit äußerster Kraft die hohe Böschung hinauf. Oben mussten sie lange ausruhen, bis sie weitergehen konnten. Ganz behutsam setzten sie beide Fuß vor Fuß. Charly biss tapfer die Zähne zusammen, obwohl ihm vor Schmerzen immer wieder die Tränen kamen. Der Fuß war inzwischen stark angeschwollen, und der Junge wagte kaum noch aufzutreten.
Brauner Biber stützte Charly beim Gehen. Er schleppte daneben noch seinen Sack mit den Bisamratten und den Fallen und auch Charlys Schlittschuhe und den Hockeyschläger.
Anfangs sprach keiner der Jungen ein Wort. Der große Charly schaute immer wieder verstohlen zu dem kleinen Indianer an seiner Seite hin. Scham schnürte ihm die Kehle zu. »Brauner Nager« hatte er diesen hilfsbereiten Jungen genannt. Als sie wieder einmal stehen blieben, um auszuruhen, sagte Charly:
»Kannste mir verzeihen?«
Es wurde für die beiden ein sehr langer und mühsamer Heimweg. Charlys Eltern sorgten sich schon um ihren Jungen. Als dann auch Brauner Biber endlich heimgehen konnte, standen die Sterne schon lange am Himmel.
Charly und Brauner Biber blieben Freunde während ihrer ganzen gemeinsamen Schulzeit.

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