Apr 23 2009
Der Sohn des Schiffers
Der Sohn des Schiffers, ein christliches Anspiel zum Thema Evangelisation für 7 Personen
Erzähler: Die Dämmerung ging langsam in Dunkelheit über, es regnete als die beiden sturmerprobten Schiffsleute dem hellerleuchteten Gebäude zuschritten. Es war ein alter Schiffer mit seinem Bootsmann. Der Schiffer war inzwischen grau geworden aber ungebrochen war seine Kraft. Aus dem von Wind und Wetter zerfurchten Gesicht schauten zwei ehrliche, milde Augen. Doch schien er eine schwere Last zu tragen, die ihm Sorgen bereitete.
Plötzlich näherte sich eine prunkvolle Kutsche in rasanter Fahrt dem Gebäude, mit einem Ruck stand sie still und die Tür flog auf. Einige junge Herren in edler Kleidung sprangen heraus und wandten sich zum Eingang.
Hermann: Voran meine Herren! Schnell herein, die Damen erwarten uns mit Ungeduld, und wir sind wahrscheinlich wieder die letzten.
Schiffer: Hermann, mein Junge, ich möchte dich gern einen Augenblick sprechen.
Erzähler: Der Klang dieser schweren, tiefen Stimme ließ Hermann zusammenzucken. Das Blut schoss dem jungen Mann ins Gesicht und färbte einen Augenblick seine Wangen dunkelrot. Aber sogleich gewann er seine Selbstbeherrschung wieder, fasste Anton Reubers am Ärmel und zog ihn schnell mit in den Eingang des Hauses. Hermanns Freunde merkten nicht das Geringste von dem Zwischenfall, aber dem Amerikaner war nichts entgangen. Er hatte die Worte des Schiffers deutlich vernommen und auch gesehen, wie Hermann plötzlich die Farbe wechselte.
Amerikaner: Van Maarle, hier, der Mann wünscht etwas von dir.
Erzähler: Für einen Augenblick begegnete der eiskalte Blick Hermanns den treuen, ehrlichen Augen seines Vaters. Er sah den schmerzlichen Zug um dessen Mund, und wie ein Blitz durchzuckte es sein Gehirn.
Schiffer: Kein van Maarle fuhr je unter falscher Flagge!
Erzähler: Aber das tat er schon zu lange. Der Teufel hatte ihn zu fest in seinen Klauen. Und wieder erlag er dem bösen Geist des Hochmuts und der falschen Scham. Mit einem Achselzucken wandte er sich ab und sagte:
Hermann: Was will der Mann denn. Er verwechselt mich mit einem andern. Doch kommt endlich, meine Herren, wir haben keine Zeit zu verlieren. (ein paar harte Klavierakkorde)
Erzähler: Ein schallendes Gelächter erklang und dann waren die drei Freunde in dem Eingang verschwunden. Nur der Amerikaner blieb zurück, um dem Kutscher Trinkgeld zu geben. Bleich wie ein Toter stand der arme Vater auf dem nassen Bürgersteig. Jede Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
Schiffer: O, Peter! Der Unglückliche will mich nicht kennen. Er verleugnet seinen eigenen Vater.
Erzähler: Aber als der Schiffer den Blick auf seinen treuen Gefährten richtete, fuhr er erschrocken zurück. Das Gesicht des Bootsmannes war völlig entstellt. Die Wut, die in ihm kochte, verzehrte seine Züge. Die Adern an Hals und Stirn traten wie dicke Stränge hervor, und seine Augen, die auf den Hauseingang gerichtet waren, funkelten wie die eines Tieres. Er ballte die Fäuste und wollte nach innen stürmen. Doch mit beiden Händen ergriff der Schiffer den rasenden Seeländer beim Arm und versuchte ihn zurückzuhalten.
Schiffer: Peter, Peter! — Was hast du vor?
Peter: Was ich vor habe? Ich will den Burschen, der seinen Vater vor seinen nichtsnutzigen Freuden nicht kennen will, herausholen! Er soll heraus, selbst wenn ich sie alle zusammenschlagen müsste. Auf seinen Knien soll er um Vergebung bitten! Schiffer, lasst mich los!
Erzähler: Van Maarle war ein starker Mann, und seine Hände umklammerte mit festem Griff den linken Arm des Seeländers, doch gegen dessen Riesenkraft, die durch die schier sinnlose Wut noch verdoppelt wurde, konnte der Schiffer nicht an. Der Ärmel von Peters Jacke war bereits eingerissen. Nur noch ein Ruck und Peter würde frei sein und nach innen stürmen, um wer weiß welches Unheil anzurichten. In diesem Zustand war er zu allem fähig.
Schiffer: Peter! Willst du meinen Schmerz vergrößern? Habe ich das verdient?
Erzähler: Mehr als die Worte brachte der tieftraurige Ton der Stimme den wüsten Seeländer zur Besinnung. Die starken, sehnigen Arme des Seeländers sanken herab, und wie jemand, der aus einem schweren Traum erwacht, sah er um sich auf die zusammengelaufene Menschenmenge.
Schiffer: Komm, Peter, wir gehen an Bord.
Erzähler: Solange er konnte, sah der Amerikaner den beiden nach. Hatten die Umstehenden von dem Vorgang auch nichts verstanden, so durchschaute doch er, Bill Darting, die ganze Sache.
Amerikaner: An diesen Abend sollst du dich noch lange erinnern, Hermann van Maarle!
(Musik)
Erzähler: An Bord angekommen, ging van Maarle gleich in die Kajüte, während Peter sich noch erst überzeugte, dass für die Nacht alles in Ordnung war. Dann folgte auch er. Das Haupt in die Hände gestützt, über seine alte Bibel gebeugt saß van Maarle. Peter ging zu Bett. Doch hörte er noch lange van Maarles flüsternde Stimme, der zu seinem Gott rief für sich selbst und – für den verlorenen Sohn, der ihm heute Abend das Herz schier zertreten hatte, aber der trotz allem für ihn doch noch “Vaters Junge” blieb.
(Musik)
Erzähler: In der schönen geräumigen Wohnung von Anton Reubers ging es wieder lustig zu. Der Freundeskreis war vollzählig und man spielte wieder Karten. Aber Hermanns bleiche Wangen fingen an zu glühen, und auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Derart griff ihn die innere Unruhe und die Angst vor der Entdeckung seines Falschspielens an. Die Karten zitterten in seiner Hand, aber er gewann trotzdem.
Anton: Van Maarle ist ein Glückspilz sondergleichen. Er ist unüberwindlich auf jedem Gebiet.
Hermann: Nur ein blinder Zufall. Heute ist das Glück mir günstig, morgen dem anderen.
Erzähler: Als Hermann die Hand ausreckte, um das gewonnene Geld an sich zu ziehen, stieß der Amerikaner plötzlich die Hand roh zurück. Hermann van Maarle, sonst stets so mutig, wurde bleich wie ein Toter. Er wollte etwas erwidern, aber kein Laut kam über seine Lippen, nur mit Mühe hielt er sich aufrecht. Einen Augenblick blieb es still in dem Zimmer. Alle starrten mit Entsetzen den Amerikaner an.
Benthorp: Ruhe meine Herren! Hier liegt wie ich hoffe ein Missverständnis vor. Bill Darting soll uns eine Erklärung über sein Benehmen geben.
Anton: Und eine deutliche Erklärung, sonst werfe ich ihn die Treppe hinunter!
Benthorp: Beruhige dich, Reubers und lasst uns nicht Partei ergreifen, bevor wir wissen was Darting zu sagen hat.
Amerikaner: Wenn dies für euch kein genügender Beweis ist, dass van Maarle ein Falschspieler ist, dann werde ich euch jetzt etwas erzählen, dass euch möglicherweise doch auf andere Gedanken bringen wird. Erinnert ihr euch, dass an dem letzten Ballabend, als wir vor dem Klub aus dem Wagen sprangen, uns oder besser van Maarle ein Mann ansprach? — Du stelltest dich, als ob du den alten Schiffer mit seinem grauen Bart nicht kanntest. Willst du in dieser Gesellschaft wiederholen, dass du diesen alten Mann wirklich nicht kanntest? Willst du es wagen, van Maarle, zum zweiten mal deinen Vater zu verleugnen?
Anton: Aber sprich doch Hermann! Verteidige dich und sag dem Amerikaner, dass er ein Lügner, ein Lästerer ist. Was sollte ich sonst von dir denken?
Benthorp: Mach es kurz, van Maarle, und beantworte mir nur diese eine Frage. War der alte Mann dein Vater oder nicht?
Erzähler: Jetzt trat Hermann hervor, und obwohl sein Gesicht kreideweiß aussah, erklang seine Stimme doch fest und klar, und seine schwarzen Augen funkelten wieder, als er sie auf Bill Darting richtete.
Hermann: Du hast gewonnen, Bill Darting. Obwohl deine Triebfeder niedrige Rachesucht ist, kann mich das nicht entschuldigen und an der Tatsache nichts ändern. Ja, der alte Schiffer mit dem grauen Bart ist mein Vater, ein Vater, so groß und edel wie ich ein Feiger, erbärmlicher Schuft bin. –Ich werde euch alles erzählen. Mein Vater ist ein Schiffer auf einem Tjalkschiff, und so weit er zurückdenken kann, waren alle seine Vorgänger dasselbe gewesen. Wiederholt sagte mir mein Vater, als er an meiner Ehrlichkeit zu zweifeln begann.
Schiffer: Denke daran Hermann, kein van Maarle fuhr je unter falscher Flagge.
Hermann: Und ich Elender bin seit meinem ersten Besuch in eurem Haus, Anton, unter falscher Flagge gefahren. Kurz, ich bezog das Gymnasium, und Anton nahm mich mit zur Villa. Gleich am Anfang schon wurden meine Augen und mein Gemüt betäubt durch den Glanz des Reichtums, und als ich gefragt wurde, wer mein Vater wäre, gab ich zur Antwort, dass mein Vater Schiffsbesitzer sei. Das war so zweideutig wie möglich. Denn wohl war mein Vater ein Schiffsbesitzer, aber nur Schiffer auf seiner eigenen Tjalk und kein Reeder, wie man in eurem Hause vermutete, Anton.
Von dieser Zeit an trieb meine törichte Eitelkeit mich immer weiter auf der falschen Bahn. Ich brauche hierüber nicht mehr viel hinzuzufügen, denn ihr alle wisst, wie ich gelebt habe. Mein Vater, einst ein wohlbestellter Bürger, hat für mich bezahlt, solange er konnte, bis zum Schluss sein Fahrzeug und unser altes Schifferhaus so belastet waren, dass kein Geld mehr darauf zu bekommen war, und er mir nur mit der größten Mühe das allernötigste senden konnte. Ehe Darting erschien, war ich fest entschlossen, so schnell wie möglich mein Studium zu beenden und mir eine Stellung zu erobern – nötigenfalls eine reiche Heirat zu machen.
- Aber dann trat dieser Amerikaner in unsere Mitte, der, von seinem Hass angespornt, mich auf Unkosten trieb, die ich nie auf ehrliche Weise bezahlen konnte. So bin ich zum Falschspieler geworden, und als ich an jenem Abend meinem Vater gegenüberstand, sah ich mich vor die Wahl gestellt, entweder meinen Vater zu verleugnen, oder im letzten Augenblick alle Früchte meines jahrelangen Betruges preiszugeben.
– Ich erbärmlicher Feigling wählte das erste. Ich verleugnete den alten Mann und brach ihm sein edles Herz. Der Blick, mit dem er mich ansah, wird auf meiner Seele brennen bis in den Tod. Nun wisst ihr, wer Hermann van Maarle ist! Der schmutzigste Hafen ist nicht schmutzig genug, meine Schande darin zu ersäufen.
Erzähler: Bevor einer der Studenten ein Wort äußern oder Hermann zurückhalten konnte, war dieser die Treppe hinab gestürzt. Da stand er jetzt in der dunklen Nacht auf der Straße, wandte noch einmal das bleiche Gesicht nach dem Haus, wo er so lange bei seinen Freunden als die Hauptperson gegolten hatte und aus dem er als ein Ehrloser geflohen war. Dann jagte er wie ein Verfolgter durch die dunklen Straßen der Universitätsstadt. Fort, nur immer fort, aber – wohin?(Musik)
Etwa ein Jahr war dahingeflogen. Es war ein schweres Jahr gewesen. Peter und van Maarle ließen keine Gelegenheit aus, sobald sie irgendwo anlegten, nach Hermann zu suchen. Aber alles war erfolglos. Wieder einmal lagen sie auf einem Kanal vor Amsterdam. Peter ging nach Feierabend etwas in die Stadt um ein paar Besorgungen zu erledigen.
Schiffer: Du bist früh zurück, Peter. Was ist los? Du bist ja ganz abgehetzt.
Peter: Ich habe Hermann gesehen und bin ihm gefolgt. Ich weiß wo er jetzt ist.
Schiffer: Wir wollen gleich zu ihm gehen. Ist er auch so tief gesunken, ich gebe ihn nicht auf, denn bei Gott ist Erbarmung, und Er war es, der dich meinen Hermann hat finden lassen. Gott hat meine Bitte erhört. Komm, Peter, wir wollen Hermann holen.
Erzähler: Drei Treppen hoch, auf einer elenden Speicherkammer, wohnte Hermann van Maarle. Immer tiefer war er gesunken in Sünde und Schuld. Um nicht zu verhungern, war Herman gezwungen, sich nach Arbeit umzusehen, und es gelang ihm. Eine Zeitlang schleppte er sich so fort. Eines Abends hatte er sich so betrunken, dass er seine Wohnung nicht mehr fand und den größten Teil der Nacht auf dem Straßenpflaster schlief. Den nächsten Tag hatte er noch gearbeitet, obwohl ihn das Fieber schüttelte und ein scharfer, trockener Husten seine Brust schier zerriss. Dann hatte er sein erbärmliches Lager nicht verlassen können. An dem Abend, wo Peter ihn durch die Gasse schwanken sah, war die Not aufs höchste gestiegen. Viel zu krank um aufzustehen, hatte er sich zu dem Händler, dessen Bücher er in Ordnung halten sollte, geschleppt. Doch der hatte ihm sagen lassen, dass er seine Dienste nicht mehr wünsche. Noch nie hatte er sich so verlassen gefühlt, wie an diesem Abend. Ach, wenn doch der Tod käme und ihn von seinem Elend und Jammer befreite! Ein heftiger, schmerzhafter Hustenanfall unterbrach ihn in seinen verzweifelten Grübeleien. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn, und als der Anfall endlich vorüber war, sank er todmüde auf seinen Stuhl zusammen. Eine furchtbare Angst überkam ihn. Waren das keine Zeichen des nahen Todes? –
Schiffer: Hermann, mein Junge!
Erzähler: Hermann starrte ihn an. Die Stimme versagte ihm. Der Schiffer umklammerte die feuchte Hand des Sohnes, der den Kopf auf die Brust sinken ließ und in haltloses Schluchzen ausbrach. (Musik setzt ein)
Schiffer: Armer, armer Junge, du hast Gott verlassen, aber Er hat das Gebet eines suchenden Vaters gehört und uns hierher geleitet.
Erzähler: Langsam erhob Hermann das todbleiche Antlitz. Er sah, wie sehr sein Vater in dem einen Jahr ergraut und gealtert war.
Hermann: Vater, o Vater, wenn du alles wüsstest, würdest du den Elenden von dir stoßen. Ich bin all die Jahre unter falscher Flagge gefahren, ich habe geheuchelt, gelogen und betrogen.
Schiffer: Hermann, ich weiß alles!
Hermann: Und trotzdem hast du mich, der ich nicht wert bin zu leben, noch gesucht? O Vater, ich habe dich verleugnet, ich habe deinen ehrlichen Namen geschändet durch mein elendes Betragen. Ich glaubte, mir einen ansehnlichen Platz in der Welt zu erwerben, und dafür habe ich meine Seele verkauft und dein Vermögen verschwendet. Bitter habe ich es bereuen müssen. Von Gewissensbissen und Reue getrieben, wollte ich meinem Leben ein Ende machen. Aber ich war zu feige. Bis zu meinem letzten Atemzug werde ich dir danken, Vater, dass du mich in diesem verlorenen Winkel aufgesucht hast, aber kehre jetzt mit Peter wieder an Bord zurück und erzähle Mutter nie, wie du mich angetroffen hast; es wird schnell mit mir zu Ende gehen.
Erzähler: Ein neuer Hustenanfall ließ ihn nicht weiter reden, und wieder färbte das Blut seine Lippen rot. Schnell wischte er es ab, aber der Schiffer hatte es bereits gesehen. Das Herz des Vaters schlug laut vor Schmerz und Mitgefühl.
Schiffer: Still, Hermann, still, du hast viel gefehlt, aber trotzdem bist du noch “Vaters Junge.” — Komm, Hermann, wir gehen an Bord und morgen fahren wir, so Gott will, zusammen nach Hause.
Erzähler: —Wenige Wochen später konnte Hermann durch Ringen und Kämpfen endlich die Gnade Gottes fassen und ihm sein Herz übergeben. Nun war erst recht Freude im Schifferhaus, dass “Vaters Junge” in jeder Beziehung heimgefunden hatte. —Mit Hermann ging es bergab. Lange Hustenanfälle und Fieber ließen sein baldiges Ende voraussehen. Doch je mehr seine Kräfte abnahmen, umso ruhiger wurde es in seinem Inneren.
Hermann: Vater, Mutter, ich sehe euch nicht mehr. Es wird sicher dunkel draußen, aber hier innen wird es Licht. Gott lob, es wird Licht!
Erzähler: Noch ein kurzer Seufzer, dann brachen seine dunklen Augen, und Hermann van Maarle war heimgegangen.
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