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Apr 25 2009

Paul

Geschrieben von Christ under Evangelisation,Gottes Wort

Paul, ein christliches Anspiel zum Thema Evangelisation und Gottes Wort für 17 Personen

Erzähler: Wir schreiben das Jahr 1897. In einem armem Dorf Russlands, genannt Sosnovka, wohnte die Familie Tichomirow. Tichomirow heißt buchstäblich Stillenfriedner. Die Familie bestand aus Vater, Mutter und zwei Kindern: Schura, die 10-jährige Tochter und Paul, dem 8-jährigen Sohn. Sie lebten trotz ihrer Armut zufrieden dahin. Doch nach einigen Jahren Missernte wollten einige Sosnower nach Sibirien umsiedeln, unter anderem die Familie Tichomirow.
Da die Vornamen der Eltern unbekannt sind, nennen wir sie Peter und Olga.

Peter: Hör mal Olga, im Dorf wird von einer Umsiedlung nach Sibirien gesprochen. Was hältst du davon?

Olga: Darüber lohnt es sich nachzudenken. Wir sind noch jung und kräftig und die Kinder sind auch schon größer, warum auch nicht? Ist es denn dein voller Ernst, Peter?

Peter: Ja, Olga. Durch die Missernten werden wir nicht reicher und das Ackerland wird auch nicht mehr, nur die Menschen im Dorf.

Olga: Ich hörte sogar, dass einige Männer losfahren wollen, einen geeigneten Platz zu suchen.

Peter: Das ist es ja gerade! Ich bin ja auch dazu auserwählt. Was sagst du denn dazu?

Olga: Hmm. Da kann man ja bald richtig stolz auf dich sein! Ich habe nichts dagegen. Wenn du möchtest, kannst du ja mitfahren.

Erzähler: Die Männer kamen nach 3 Monaten wieder und nicht erfolglos. Sie hatten im Gebiet Tomsk einen guten Platz gefunden. Nun wurden alle Vorbereitungen zur Fahrt getroffen, die per Eisenbahn erfolgen sollte. Im frühen Frühling ging es dann los. Einige Waggons des langen Zuges wurden von den Sosnowern besetzt. Die Reise war sehr beschwerlich. Der Zug fuhr langsam und stand oft lange still. Manchmal dauerte es Wochen, bis die Waggons auf einer Knotenstation Anschluss fanden. Das Teewasser auf den Stationen reichte nicht für so viele und das Essen in den Imbissstuben war für die armen Umsiedler zu teuer. So aßen sie oft Heringe oder Trockenfisch und tranken dazu Wasser. Die Folgen davon waren Magenerkrankungen und dann Cholera. Meistens waren die Erwachsenen davon betroffen. Vor Tomsk wurde auch Peter Tichomirow krank. Alle Anzeichen sprachen für Cholera. Nach einer ärztlichen Untersuchung auf einer Station sagte ein Beamter:

Beamter: Sie müssen den Zug wegen ansteckender Krankheit verlassen, Tichomirow, und in die Baracke dort gehen.

Schura: Papa, geh nicht, was sollen wir nur ohne dich machen!?

Paul: Papa, lass doch uns und Mama nicht allein!

Olga: Ach Peter wie soll es bloß weitergehen? Bleib doch!

Erzähler: Männer, die für diese Sache zuständig waren, führten den Vater ab. Natürlich verließen auch Mutter und Kinder den Zug um wenigsten zu erfahren, was mit dem Vater geschehen wird. Nicht weit von der Baracke entfernt, hinter einem Stapel Schneeschutzschilder ließ sich der Rest der Familie nieder um sich nach der Gesundheit des Vater erkundigen zu können. Diese wurde immer schlechter, und nach drei Tagen sagte die Mutter zu den Kindern:

Olga: Kinder! Papa liegt schon seit 3 Tage schwer krank in der Baracke, und nun bin auch ich von dieser Krankheit angesteckt worden. Oh Kinder, liebe Kinder, wie soll es bloß weitergehen?!

Schura: Mama! Lass dich nicht in die Baracke tragen! Papa ist schon weg, und was sollen wir dann ohne euch nur machen?

Olga: Ach Kinder, die Träger kommen schon. Oh Gott…!

Paul: Mama, Mama lass uns doch nicht allein!

Erzähler: Herzzerreißend war diese Szene, als die Träger gewaltsam die Kinder aus den Armen der Mutter rissen und die Mutter forttrugen. Sie ahnte, dass sie die Kinder nie wiedersehen würde. Dann verschwand auch sie in der Baracke. Die todunglücklichen Kinder liefen wie wahnsinnig um die Baracke herum und riefen:

Paul: Papa, Mama, kommt doch heraus! Wo sollen wir ohne euch hin?! Wir wollen ohne euch nicht leben!

Schura: Mama, Papa, wenn ihr nicht heraus könnt, dann lasst uns doch zu euch in die Baracke, dass wir mit euch sterben! Bitte, macht uns doch auf!

Erzähler: So liefen die Kinder bis spät am Abend um die Baracke, unbeachtet der Drohungen der Wächter, sie zu schlagen oder ihnen sonst noch etwas anzutun. Nur die kalte Frühlingsnacht zwang die Kinder zu ihrem Platz hinter den Schneeschutzschildern zu gehen, wo sie bisher mit der Mutter saßen. Doch was sahen sie:

Paul: Schura, wo ist mein Mantel? Ich friere so sehr.

Schura: Oh weh, Paul, alles ist weg! Es hat uns jemand bestohlen, alles ist weg! Oh Gott, was sollen wir jetzt tun!

Erzähler: Die Kinder setzten sich ganz nah zusammen, um nicht so sehr zu frieren. Schura machte es ihrem Bruder so bequem wie möglich, doch selbst schlief sie die ganze Nacht nicht, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Früh morgens als Paul erwachte, liefen sie wieder zur Baracke, doch ein Diener sagte zu ihnen:

Diener: Kinder, kommt nicht mehr hierher, die Leiche eures Vaters haben sie schon herausgetragen und eure Mutter wird diesen Tag wohl auch nicht überleben. Geht nun endlich und seht zu, wo ihr bleibt!

Erzähler: Doch die Kinder ließen sich auch an diesem Tag nicht abdrängen, bis sie am Abend auch von Mutters Tod erfuhren. Sollten sie nie mehr Mutters Stimme hören? Bitter weinend kehrten sie zu den Schutzschildern zurück, schmiegten sich dicht aneinander und verbrachten so die kalte, lange Nacht. Auch Paul schlief diese Nacht nicht. Zu schrecklich war es ihm alles. Plötzlich rief er, als er einen Zug kommen hörte:

Paul: Schura, ich will ohne Papa und Mama nicht mehr leben! Komm wir legen uns auf die Schienen, wenn der Zug kommt, wozu sollen wir noch leben? Wer braucht uns? Wo sollen wir hin?

Erzähler: Paul ergriff seine Schwester am Arm und zog sie zu den Schienen. Schura war entsetzt. Sie umarmte Paul und rief außer sich vor Schmerz:

Schura: Um nichts in der Welt gehe ich, und lasse auch dich nicht! Es ist so schrecklich…

Paul: Lass mich dann allein laufen!

Erzähler: Kurz darauf fuhr der Zug vorbei. Paul rief laut weinend:

Paul: Warum hast du mich aufgehalten, Schura? Ich will nicht mehr leben!

Schura: Ach Paul, mein Bruder! Willst du mich denn allein lassen? Hör auf, denk nicht mehr ans Sterben, es ist zu schrecklich! Bleib bei mir und ich bei dir, Gott wird uns schon helfen, verzage nicht!

Paul: Nun gut, ich will gehorchen und bei dir bleiben.

Erzähler: Dann brach der Tag an. Die Kinder wollten wenigstens noch die Gräber ihrer Eltern sehen. Doch der Friedhofswärter sagte zu ihnen:

Wärter: Weiß ich denn, wo sie eure Eltern hingebracht haben. Außerdem kommen immer 10 bis 20 Cholerakranke in ein Grab.

Erzähler: Die Kinder standen nun da und schauten weinend auf die frischen Lehmhügel der Begrabenen, bis der Friedhofswärter sie mit folgenden Worten wegjagte:

Wärter: Wie lange wollt ihr hier noch weinen? Seht zu wo ihr bleibt! Ich kann eure Eltern ja nicht aus dem Grab holen!

Erzähler: Zu Tode entmutigt von all dem Erlebten, zudem noch hungrig und erschöpft, gingen die Kinder wieder zu den Schneeschutzschildern, die ihnen die einzige Erinnerung an die Mutter waren, und jetzt wie ein Stückchen zu Hause waren.

Paul: Schura, was wollen wir jetzt? Das bisschen, was wir zu Essen hatten, ist uns gestohlen worden, auch das wenige Geld; ich bin so hungrig und friere.

Schura: Ich dachte an die Baracken für Waisenkinder, aber dann müssen wir bestimmt auseinander.

Paul: Nur nicht das, bloß nicht, Schura! Wohin soll ich ohne dich? Ich will lieber mit dir sterben als ohne dich leben!

Schura: Lieber Bruder, verzage nicht, Gott wird uns schon nicht verlassen! Ich will bei dir bleiben.

Erzähler: Die Kinder beschlossen in eines der nächsten Dörfer zu gehen, um dort um etwas Essbares zu betteln. Da stand plötzlich ein uniformierter Mann vor ihnen und sprach sie grob an:

Beamte: Was macht ihr hier? Wer seid ihr, und woher kommt ihr?

Erzähler: Da die Kinder nicht gleich geantwortet haben, dass sie Waisen sind, befahl ihnen der Mann, ihm in ein Fürsorgeamt zu folgen. Dann passierte ihnen das Schlimmste, wovor sie sich sehr gefürchtet haben; sie kamen in die Baracken für Waisenkinder. Das bedeutete für sie Trennung, denn die Baracke der Mädchen war einige Bahnstationen von der Baracke der Jungen entfernt. Den Kindern brach das Herz, als sie nun gewaltsam voneinander gerissen wurden.

Schura: Onkel, lieber Onkel! Lassen sie uns doch zusammen. Mein Bruder ist noch so klein! Wer wird für ihn sorgen?!

Paul: Onkel, bitte Onkel! Schura! Ach, er führt mich ab! Neiin….

Beamte: Nun schweigt und geht endlich, sonst gibt’s was! Wollt ihr sonst verhungern?

Erzähler: Schura wurde mit dem nächsten Zug zur Baracke für Mädchen gebracht, während Paul zur Baracke für die Jungen gebracht wurde. Als man ihn in die Baracke brachte, wo schon etwa 300 Jungen wohnten, wurde er als Neuling nicht gerade sanft empfangen, ihm schauderte.
Schon nach einer Woche wurde das Barackenleben für Paul unerträglich. Tag für Tag die Schlägereien, Streit, Geschrei und die magere Krautsuppe. Er entschloss sich, zu fliehen, was jedoch nicht so einfach war. Niemand durfte ohne Erlaubnis die Baracken verlassen.

Paul:
Fort von hier, nur noch einmal fort! Heute ist die Nacht finster, heute muss es klappen. Ich will versuchen nach Hause zu kommen, wo ich im Fluss baden und Fische fangen konnte.

Erzähler: Paul setzte über den Bretterzaun und lief, fort, nur fort von der Baracke. Nach etwa 5 km fing dichter Wald an, und erst dort fühlte er sich etwas sicherer.

Paul: Wie gern würde ich Schura noch einmal sehen! Doch wenn sie mich dann wieder fangen und in die Baracke stecken – Nein! Fort, nur fort, aber nicht verirren.

Erzähler:
Paul achtete auf den Waldesrand, um nicht zu tief in den Wald zu kommen. Doch dann wurde er müde, legte sich unter einen Baum und schlief bald ein. Im Traum sah Paul sich wieder gefangen, wieder der alte Trubel, und dann rissen sie ihm den Mund auf und gossen ihm ohne aufzuhören diese widerliche Krautsuppe ein. Als er dann spät am Morgen erwachte, entschloss er sich weiter zu gehen und dann nach dem Weg nach Hause zu fragen. So ging er den ganzen Tag. Nur in ein Dorf kehrte er ein, um nach Brot zu betteln. Als es Abend wurde, ging Paul tiefer in den Wald, legte sich unter einen Baum und schlief bald ein. Früh morgens stieß ihn plötzlich jemand an und sagte schroff:

Räuber 1: He du, steh mal auf! Was machst du hier? Bist du allein, oder ist hier noch jemand?

Erzähler: Paul fuhr auf, und sah drei schwer bewaffnete Männer vor sich stehen. Erschrocken fragte er:

Paul: Muss ich wieder in die Baracke?

Räuber 2: Keine Angst Kleiner, wir tun dir nichts! Erzähle uns lieber, was du hier alleine machst.

Erzähler: Als Paul sah, dass es nicht Leute aus der Baracke waren, erzählte er ihnen alles, was er m den letzten Wochen erlebt hat.

Räuber 3: Du scheinst kein Feigling zu sein, Kleiner.

Räuber 1: Was wäre, wenn wir ihn mitnehmen würden?

Räuber 2: Ich dachte auch daran, er könnte sonst umkommen.

Räuber 3: Ich glaube er wird unserem Boss schon gefallen; ist nicht feige, weiß sich zu helfen und so…

Räuber 2: Er muss nur nach unserer Art erzogen werden.

Räuber 1: So Kleiner, du kommst mit uns mit, verstanden?

Erzähler: Paul bekam nun doch etwas Angst, darum ging er ohne etwas zu fragen mit.

Räuber 3: Na, du zitterst ja, keine Angst. Bei uns wirst du es besser haben als in der Baracke. Bei uns geht es lustig zu: Essen, Trinken, und nachts „arbeiten“ wir. Wenn du größer wirst, lernst du es auch.

Erzähler: Bald kamen sie auf eine kleine Wiese, wo auf sie ein Mann mit gesattelten Pferden wartete.

Räuber 4: Na, was habt ihr denn da gefunden?

Räuber 1: Komm jetzt, zu Hause erfährst du schon alles!

Räuber 2: Schnapp dir lieber den Kleinen aufs Pferd!

Erzähler: Nach einem langen Ritt auf krummen schmalen Pfaden blieben die Männer stehen, die Pferde verschwanden, und nach etlichen Minuten Fußmarsch durchs Dickicht standen sie plötzlich wieder auf einer Wiese, wo etwa 20, zum Teil bewaffnete Männer und einige Frauen waren. Alle schauten auf den Jungen.

Chef: Na, wo habt ihr den denn her?

Räuber 3: Fanden ihn im Wald. Seine Eltern sind tot.

Chef: Wie heißt du denn Junge?

Paul: Paul Tichomirow.

Chef: Paul bleibt Paul, aber Stillfriedner passt uns nicht. Du heißt jetzt Paul Pecher, verstanden? Du siehst nämlich so aus, zerlumpt und dreckig. So, und nun bringt den Jungen in Ordnung und gebt ihm etwas zu essen.

Erzähler: Paul wurde bald der Liebling aller Räuber und wurde auch nur Pecher genannt. Und bald vergaß er auch Sosnovka, denn das lustige freie Leben gefiel ihm. Nur um Schura trauerte er manchmal, er hielt sie sogar schon für tot. So wuchs Paul zum Räuber heran.
8 Jahre waren nun schon vergangen. Der nun 16-jährige Paul war für seine „gute Leistungen“ zum Gehilfen des Chefs ernannt worden. Die „Arbeit“ der Bande hielt die Menschen im Umkreis von etwa 100 km in Angst und Schrecken. Es wurde geraubt und auch oft gemordet. Die riesigen Urwälder boten sicheren Schutz für die Bande. An einem Herbstabend geschah dann folgendes:

Paul: 4 Mann zum Dienst!

Räuber 4: Wer soll es sein?

Paul: Du und die drei, die mich fanden.

Räuber 4: Alles klar!

Erzähler: An einer Landstraße setzten sie sich dann auf die Lauer.

Paul: Ein Fuhrwerk mit zwei Mann in Sicht! Solowjow und ich halten die Pferde auf, und ihr drei haltet die Männer in Schacht! Sollten sie schreien, macht ihr kurzen Prozess mit ihnen.

Erzähler: So wurden die beiden Männer beraubt und umgebracht. Sie hatten nur ein paar Rubel und 2 Bücher bei sich.

Räuber 3: Was machen wir mit den 2 Büchern, Pecher?

Räuber 1: Schmeiß doch das Zeug weg!

Räuber 4: Mensch, das ist doch gutes Zigarettenpapier!

Räuber 3: Ich stopf sie in meinen Sack.

Paul: Halt, die kommen in meinen Sack.

Erzähler: Nachdem man die geraubten Sachen des Tages durchgesehen hatte, nahm Pecher die zwei Bücher aus seinem Sack. Eines trug den Namen „Glaubensstimme“; es war ihm unbekannt. Das andere war ein „Neues Testament“; dieses Buch war ihm von zu Hause etwas bekannt. Pecher streckte sich auf seinem Bett aus und schlug aus Langeweile das Neue Testament irgendwo auf und las:

Paul: (Römer 3,11ff auszugsweise) Da ist nicht der gerecht sei, auch nicht einer,… Da ist niemand der nach Gott frage… da ist nicht der Gutes tue, auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab… Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Ihre Füße sind eilend Blut zu vergießen, auf ihren Wegen ist nur eitel Schaden und Herzeleid… Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.
Also gab es auch früher solche Leute wie wir, (nachdenklich) Ihre Füße sind eilend Blut zu vergießen…

Erzähler: Plötzlich sah Paul die flehenden Männer vor sich, die sie heute gefangen,
beraubt und dann ermordet hatten.

Paul: Was waren das wohl für Männer, und wozu hatten sie wohl dieses Buch?

Erzähler: Paul fing an im Neuen Testament zu blättern, in der Hoffnung irgendwelche Angaben über die Männer zu finden, doch vergebens. Auf der ersten Seite stand jedoch eine Inschrift:

Paul: 15. Mai 1898; der Tag meiner Bekehrung zu Gott. Jesus Christus vergab mir meine Schuld und wusch mich rein in seinem Blut… Was mag das wohl bedeuten?…

Erzähler: Paul blätterte weiter und las hier und da. Dann las er im 1. Korintherbrief:

Paul: (1 Kor. 6,9-11) Wisset ihr nicht, dass die Ungerechten werden das Reich Gottes nicht ererben?… wie viel Greuel?… auch die Räuber werden das Reich Gottes nicht ererben. Und solche sind euer etliche gewesen, aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus… Merkwürdig…

Erzähler: Paul blätterte hin und her, las von Zachäus, dann kam er zu Lukas 23 und las von der Kreuzigung Jesu Christi. Er kam auf die Räuber, die auch am Kreuz hingen und las wie der eine Schächer sich richtete und Jesus bat:

Paul: „Herr gedenke mein, wenn du in dein Reich kommst! Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradiese sein!…“  Kann dies möglich sein?

Erzähler: Paul legte das Buch weg und wollte einschlafen, doch immer wieder standen die zwei vor ihm, die so um ihr Leben gefleht hatten wegen ihrer Familien, und er…
Erst gegen Morgen schlief Paul ein und erwachte bald wieder, bedrückt und unruhig. Seine Mitgenossen merkten, dass mit Paul etwas nicht stimmte, doch er sagte nichts. Einige Tage ging er so umher, bis er endlich zu einigen von seinen Kollegen sagte:

Paul: Freunde, ich finde kein Ruhe mehr, seit jenem Abend, wo wir die zwei ermordet haben, die diese 2 Bücher bei sich hatten. Ich las in dem einen Buch, und es hat mich tief getroffen.

Erzähler:
Den Angesprochenen wurde auch schwer zu Mute.

Die Räuber unter sich

Räuber 1: Was muss das nur für ein Buch sein, dass einen Menschen so verändern kann?

Räuber 2:
Soll er uns das Buch doch geben, damit wir den Zauberkram verbrennen!

Räuber 4:
Nicht so hitzig Junge! Ich und andere wollen es erstmals lesen!

Räuber 3: Vielleicht liest uns Pecher daraus vor, wenn wir alle beisammen sind, oder?

Chef: Ein guter Vorschlag! Heute abend wird uns Pecher aus diesem Buch vorlesen.

Erzähler: Als sie dann alle beisammen waren las Paul vor; besonders die Stellen, die ihn so getroffen hatten. Plötzlich sprang Solowjow auf und rief aus:

Räuber 4: Ich kenne dieses Buch! Es ist das Neue Testament, meine Mutter ist Stundistin, sie las uns Kindern beständig daraus vor, so wie auch in der Kinderstunde, wohin sie uns immer führte.

Erzähler: Das Lesen dauerte eine Zeit. Zerschlagen ging jeder in seine Ecke. Keiner verstand wieso, jedoch jeder spürte die gewaltige Wirkung dieses Buches auf sich. Nun wurde immer wieder von Zeit zu Zeit aus diesem Buch gelesen. Nach etwa einem Monat nahm Solowjow sich den Mut und sagte vor allen:

Räuber 4: Genossen! Ich habe dieses Räuberleben satt, ich gehe von nun an den Weg, den Christus ging.

Paul: Ich gehe mit dir Bruder.

Erzähler: Man hatte die beiden schon vorher auf Knien weinen und beten gesehen. Doch da stand ein dritter auf:

Chef: Auch ich kann nicht mehr weiter, nehmt mich mit Brüder!

Erzähler: Was nun geschah ist nicht schwer zu erraten; die ganze Bande sagte sich los von ihrem grausamen Verbrecherleben und wollten nun ein neues Leben beginnen. Doch wie? Etwas versuchen gutzumachen? Unmöglich. Also sich den Behörden stellen. Jedoch hier teilten sich die Meinungen. Die meisten wollten einfach nur neu anfangen, doch Solowjow, Pecher und noch fünf andere wählten den härteren Weg. Als nun der Tag der Scheidung kam, standen alle gerührt da, da erteilte der Chef seinen letzten Befehl:

Chef: Pecher, lies uns zum Abschied noch einen Abschnitt aus dem heiligen Buch!

Paul: Von Herzen gern mein Bruder.

Erzähler: Paul las aus Matthäus 8 von den 2 Besessenen, wie sie so furchtbar waren, so das sich niemand in ihre Nähe wagte. Dann sagte er:

Paul: So sah es auch mit uns aus, doch genug des Verbrechens! Lasst uns jetzt Christus nachfolgen.

Erzähler: Mit diesen Worten fiel Paul auf die Knie und bat Gott noch einmal für alles um Vergebung und mit ihm die anderen alle. Ergreifend waren diese Gebete, als die Bande ihre Herzen und Hände zu Gott emporhoben. Dann trennten sich die 7 von den anderen mit den besten Segenswünschen und gingen zur nächsten Stadt, mit dem Ziel sich samt ihren Waffen den Behörden auszuliefern. Sie fanden mit Hilfe eines Polizisten bald das gewünschte Haus und baten den Adjutanten um eine Audienz beim Staatsanwalt. Verwundert betrachtete der Diener wie auch die anderen Anwesenden die 7 schwer bewaffneten Männer.

Staatsanwalt: (etwas aufgeregt) Was ist euer Anliegen, meine Herren?

Paul: Erlauben Sie mir Ihnen zu erklären wer wir sind!

Staatsanwalt: Bitte sehr, ich höre zu.

Paul: Wir alle sind Räuber, doch bitte keine Angst vor uns, denn wir sind gekommen unsere Verbrechen vor dem Gesetz und den Menschen zu bekennen und uns dem Gesetz auszuliefern. Handelt mit uns wie ein Rechtsstaat mit Verbrechern zu handeln hat.

Erzähler: Wie auf ein Kommando legten die 7 ihre Waffen auf einen Haufen. Der Staatsanwalt konnte sich kaum beherrschen, denn so etwas hat er noch nie erlebt. Er rief nun den Polizeimeister und einige andere Polizisten herbei um ein Verhör durchzuführen. Einige konnten kaum die Tränen zurückhalten als sie die ungezwungenen Bekenntnisse der Räuber hörten. Es war nicht schwer zu erkennen, dass den plötzlichen Wandel der 7 ehemaligen Räuber ausschließlich das Neue Testament erreicht hatte. Zum Schluss sagte Paul:

Paul: Ich heiße jetzt nicht mehr Pecher, sondern Paul Tichomirow. Ich will jetzt Gott und den Menschen dienen und will still die Strafe büßen, die ihr mir auferlegen werdet. Wir sind in euren Händen.

Erzähler: Dasselbe bestätigten auch die anderen. Die 7 wurden abgeführt, doch der Staatsanwalt und der Polizeimeister sprachen noch lange über diesen Vorfall. Zuletzt sagte der Staatsanwalt:

Staatsanwalt: Groß muss doch die Kraft dieses Buches sein, wenn es Menschen wie neu geboren macht.

Erzähler: Dann ging er nach Hause. Dort traf er seine Frau an.

Staatsanwalt: Denk dir Tanja was ich heute erlebt habe.

Frau: Was ist denn passiert?

Staatsanwalt: Stell dir vor: Ich sitze in meinem Büro und plötzlich stürmt mein Adjutant herein und meldet mir 7 bewaffnete Männer zu einem dringenden Gespräch an. Ich ließ sie eintreten, da sagte der eine: „Wir sind Räuber. Jedoch keine Angst, wir sind gekommen unsere Schuld zu bekennen und abzubüßen.“ Kannst du dir meine Gefühle vorstellen?

Frau: Das ist ja ein großartiges Wunder! Was hat sie denn dazu bewogen?

Staatsanwalt: Ein Buch.

Frau: Juri, ich bin doch deine Frau, wie kannst du…

Staatsanwalt: Tanja, ein Buch sage ich dir! Es heißt: „Das Evangelium“. Ich sagte schon zum Polizeimeister: Groß muss doch die Kraft dieses Buches sein, wenn es Menschen wie neu geboren macht.

Frau: Ich hab in dem Buch auch mal gelesen. (etwas nachdenklich) Ah, ich habs! Mit Jesus wurden auch 2 Räuber gekreuzigt, der eine tat ja auch Buße, aber was ist das gegen diese! Jener hing fest und hatte nur auf den Tod zu warten, aber diese waren doch frei! Ich verstehe nichts mehr. – Ein Buch, und solche Kraft?!

Erzähler: Dann ging Tanja in die Küche, um sich ums Abendbrot zu kümmern. Jury aber ging das Testament zu suchen. Er schlug zufällig das 12. Kapitel des Johannesevangeliums auf und las. Ihn interessierte manches, doch dann kam er zu Vers 31:

Staatsanwalt: „Jetzt geht das Gericht über diese Welt…“  Welches Gericht? „Und ich wenn ich erhöht werde von der Erde, soll ich sie alle zu mir ziehen.“ Erhöht?.. Also gekreuzigt?…

Erzähler: Erst verstand Jury das Gleichnis vom Weizenkorn nicht, dass es ohne zu sterben nicht Frucht bringen kann, doch jetzt spürte er plötzlich eine Kraft, die ihn zum Gekreuzigten hinzog und sein Herz erwärmte; wie ihm Jesus auf einmal so teuer wurde. Er hörte im Geist wie Jesus ausrief: „Es ist vollbracht!“ Da durchfuhr ihn der Gedanke:

Staatsanwalt: Ist das nicht die Kraft, die die Räuber umkehrte?

Erzähler: Er las weiter, doch bei Vers 47 wurde ihm selbst, als Richter, bange. (Zitternd liest er):

Staatsanwalt: „Wer mein Wort hört und glaubt nicht, den werde ich nicht richten, denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt selig mache.“
„Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht auf, der hat schon seinen Richter: das Wort, welches ich geredet habe, das wird ihn richten am jüngsten Tage.“

Erzähler: Jetzt wurde ihm, als Richter, klar, warum die Räuber ihr gräuliches Verbrechen gelassen hatten. Dann kam Tanja:

Frau: Jury, das Abendbrot ist fertig! (sie sieht Jurys besorgtes Gesicht an und fragt) Was ist mit dir los, Liebling, was hat dich so bewegt?

Staatsanwalt: Ach Tanja, jetzt wird selbst ein Richter gerichtet. Hier, lies selbst!

Erzähler: Doch Tanja verstand weder das Wort, noch ihren Mann. Jury fand in dieser Nacht keine Ruhe. Immer wieder das Wort: “Mein Wort wird ihn richten am jüngsten Tage”. Selbst im Traum sah er sich gerichtet zur ewigen Gefangenschaft in der äußersten Finsternis, für seine Untaten. Gegen Morgen erzählte er der Frau alles, was er abends und nachts durchlebt und durchdacht hatte.

Frau: Ach Jury, du bist einfach übermüdet.

Staatsanwalt: Nein, mein Schatz. Ich bin nicht mehr der alte Staatsanwalt, ich werde mein Amt aufgeben.

Frau: (erschrocken) Aber Jury, du bist doch nicht verrückt?!

Staatsanwalt: Nein, das bin ich nicht! Und wenn ich verrückt bin, dann auf einen neuen Weg, wo Jesus mein Retter und Führer ist.

Erzähler: Nun war auch der Richter dem Gericht entgangen. Auch in den Zellen, wo die Räuber in Untersuchungshaft waren, tat Gott Wunder. Die orthodoxischen Priester klagten: Man sollte die Räuber isolieren, denn sie verführen die anderen zu einem anderen Glauben. Nach einem Jahr wurden sie gerichtet. Hier trat der ehemalige Staatsanwalt als Rechtsanwalt auf. Trotzdem wurden alle sieben für 10 Jahre zu Zwangsarbeit verurteilt, die sie auch ohne Widerspruch annahmen. Ihr letztes Wort nutzten sie aus, indem sie ihre Untaten beklagten und die Macht des Evangeliums rühmten. Und nicht vergeblich, denn in manch einem Herz fand die Saat fruchtbaren Boden. Alle wurden einzeln verschickt, nur Paul und Solowjow ließ man zusammen. Beim Abschied:

Paul: Liebe Brüder! Wir müssen uns nun trennen. Doch lasst uns im Geist immer zusammenbleiben! Lasst uns dem Herrn treu dienen und nicht schweigen von dem, was er an uns armen Sündern getan hat.

Räuber 1: O Paul und Solowjow, ihr seid die Erstlinge, die Stärksten; betet für uns, dass all das geschehe, was du gesagt hast, Paul!

Räuber 2: Ja Brüder, lasst uns fest und unbeweglich bleiben und zunehmen im Wort des Herrn, denn unsere Arbeit ist nicht vergeblich in Ihm!

Räuber 3: Ja, lasst uns treu bleiben bis in den Tod, auf dass wir die Krone des Lebens empfangen!

Erzähler: Danach trennten sich die Sieben. Paul und Solowjow kamen hinter den Bajkal. Sie ließen keine Gelegenheit ungenutzt, um den armen Gefangen das Evangelium zu bringen, und überall wo sie hinkamen fanden sie auch willige Zuhörer und gar mancher ergab sich völlig dem Herrn. Doch bei alldem vergaß Paul nicht sich nach den Sosnowern zu erkunden, ob er vielleicht auch seine Schwester Schura noch einmal finden könnte. Eines Tages sagte Paul zu Gregor Solowjow:

Paul: Ach Gregor, ich sehne mich manchmal so nach Schura! Wieviel gäbe es zu erzählen, und vor allem, dass ich gerettet bin! Ob sie noch lebt?

Gregor:
Mir geht es ähnlich, aber mit Mutter. Wie würde sie sich freuen, ihren Sohn gerettet wiederzusehen! Aber wir wollen Gott vertrauen. Er kann Wunder tun!

Erzähler: Und wirklich! Nach einigen Jahren wurden die beiden aufgrund eines Staatsereignisses amnestiert. Schwer war der Abschied von all den gläubig gewordenen im Gefängnis. Ähnlich dem, als sich die Sieben trennten. So gingen Paul und Gregor zu Fuß los. Ihr erstes Ziel war Tomsk-Irkutsk, doch ihre Herzen trieb es weiter nach Westen in die Gegend der Heimat. Überall, wo sie übernachteten oder den Sonntag feierten, erzählten sie von ihrer Vergangenheit, ihrer Bekehrung und ihrem Leben in Christus, was hohes Interesse bei jung und alt hervorrief und manches Herz erwärmte. In einem Dorf ergaben sich an einem Sonntag etwa 30 Seelen dem Herrn, worüber die Freude der Gemeinde groß war. Paul und Gregor wanderten immer in der Nähe der Bahn. Gern hätte Paul die Station noch einmal gesehen, wo er soviel durchlebt und durch litten hatte, doch er wusste den Namen nicht mehr. Da seufzte er auf:

Paul: Ach meine Lieben! Ihr habt mich verlassen, nun muss ich allein auf der Welt sein.

Gregor: Ach Paul! Auch Christus hatte nicht wo er sein Haupt hinlegen konnte, obwohl er Mutter und Geschwister hatte.

Paul: Danke Gregor, du machst mir Mut, und zu dem sind wir ja zu zweit. Und doch möchte ich Schura noch sehen!

Gregor: Weißt du Paul, wenn Gott durch uns schon so viele Seelen errettet hat, dann kann er auch dies noch tun.

Erzähler: Es wurde Abend. Paul und Gregor kamen an ein Städtchen nahe der Bahn und kehrten dort ein. Sie fragten nach Gläubigen, da wurde ihnen ein schönes Häuschen gezeigt. Dort gingen sie hin. Auf dem Hof spielten zwei Kinder, und weiter hinten war die Hausfrau mit etwas beschäftigt.

Paul: Hallo, liebe Frau! Wir sind Gläubige, würden Sie uns für diese Nacht beherbergen?

Schura: Oh ja. gerne! Für Brüder finden wir immer Platz.

Erzähler: Eilig rief die Frau ihren Mann, der weiter hinten im Garten arbeitete.

Schura: Alex, wir haben Gäste! Es sind Brüder. Komm, führe sie ins Haus, und ich will mich ums Abendessen kümmern.

Alex: Kommt Brüder, seid bei uns herzlich willkommen! Es soll euch bei uns gut gehen.

Erzähler: Die Männer waren bald in einem lebhaften Gespräch vertieft, während die Frau den Tisch deckte. Was erwartete da nur die müden und hungrigen Wanderer: Weißbrot, Butter, Sahne und Milch, Gebäck, Marmelade, Eier und vieles mehr.

Schura:
Kommt ihr Lieben. Der Tisch ist gedeckt!

Alex:
Ja, liebe Brüder, kommt zum Mahl. Gott hat uns reich gesegnet. Lässt uns ihm dafür danken.

Erzähler: Noch nie hatte Paul einen so reich gedeckten Tisch gesehen, und auch wohl nie einen so herzlichen Empfang erlebt. Nach dem Abendessen erzählte Paul auch diesem Haus seine Geschichte. Da schlug es auch schon 12 Uhr. Alle standen auf, Alex betete für die Nacht um den Segen, da fragte die Frau plötzlich:

Schura: Was ist jetzt euer Ziel Brüder?

Gregor: Wir gehen nach Hause; ich ins Kiewer Gebiet. Ich habe oder hatte dort eine Mutter und möchte sie gerne wenn möglich noch sehen.

Paul: Und ich gehe ins Mogilewer Gebiet. Ich habe dort zwar niemanden mehr, möchte jedoch mein Heimatdorf noch einmal sehen und den Verwandten das Evangelium bringen.

Schura: Sind sie schon lange ein Waise?

Paul: Meine Eltern habe ich irgendwo hier in dieser Gegend verloren. Sie starben an Cholera auf der Reise hierhin, wo wir uns ansiedeln wollten.

Erzähler: Die Frau klammerte sich an den Tisch fest und schaute dem Gast wie gebannt in die Augen. Ihr Mann verstand sie nicht, denn anstatt das Bett zu machen, bestürmte sie die Gäste mit Fragen. Paul erzählte weiter:

Paul: Ich blieb allein mit meiner Schwester, die etwas älter war als ich. Doch schon am nächsten Tag wurden wir auseinandergerissen, und so weiß ich nichts mehr von ihr. Ach wie war sie so gut zu mir, wie eine Mutter!

Erzähler: Da musste Paul weinen. Die Frau wurde totenblass und rief auf einmal zitternd aus:

Schura: Paul, bist du es denn, mein lieber Bruder?!

Paul: Schura! Meine Schwester, darf ich dich hier sehen?! Ist es denn möglich?!

Schura: Ja Paul, ich bin’s, deine Schwester Schura! Ach wie habe ich mir um dich Sorgen gemacht! Und nun solche Freude!

Erzähler: Schura und Paul fielen sich um den Hals, küssten sich weinend, dann begrüßte er auch seinen Schwager mit Küssen und Tränen; und wieder fiel Schura ihrem Bruder um den Hals und rief vor lauter Glück und Freude:

Schura: Oh Paul! Bist du es wirklich? Oh mein Bruder welch ein Glück dich hier wiederzusehen! Als ihr auf den Hof gekommen seid, durchdrang mich eine so selige Ahnung, aber ich wusste nicht warum. Doch jetzt weiß ich’s! Oh Gott sei Dank!

Erzähler: Und wieder fielen alle auf die Knie und lobten und priesen den Herrn für dieses große Wunder. Endlich, gegen Morgen, begaben sich alle zur Ruhe. Als sie dann erwachten und gefrühstückt hatten, bat Schura Paul wieder zu erzählen vom dem, was er erlebt hatte, dann erzählte sie auch von sich:

Schura: Ach Paul, auch ich habe genug durchlebt! In der Baracke für Mädchen blieb ich bis zum späten Herbst. Die Baracke wurde nicht beheizt, Krankheiten brachen aus, zu Dutzenden starben die Kinder. Da kamen gute Leute aus den Dörfern und nahmen die noch lebenden Kinder zu sich. Mich nahm eine gläubige Tante als fünftes Kind in ihre Hütte auf. Sie las uns oft aus dem Neuen Testament vor und betete mit uns. In dem Dorf war auch eine Schule. Ich liebte das Lernen, aber besonders das Evangelium lesen. Mit 14 Jahren bekehrte ich mich und ließ mich dann auch taufen, diente in der Gemeinde, denn ich sang im Chor. Jeder hielt mich für Tante Dunjas eigenes Kind.

Paul: Aber wie fandest du denn Alex, deinen Mann?

Schura:
Unser Chor reiste oft in den umliegenden Dörfern umher und wir dienten dort, samt den Dienern am Wort. So kamen wir auch in dieses Städtchen. Nach dem Gottesdienst bekehrten sich einige dutzende Seelen, darunter auch ein junger Buchführer – und der wurde nach einem Jahr dann mein Mann.

Paul: Wie wunderbar! Du warst ja schon immer ein Engel! Hättest du mich damals nicht aufgehalten, ich wäre unter den Zug gelaufen. Und jetzt: Wieviel Wunder hat der Herr durch uns getan! Ehre sei nur ihm gebracht.

Erzähler: Als Paul und Gregor dann weiter reisen wollten, bot Schura sich an nach Sosnovka mitzureisen, um Paul dort in geistlicher Arbeit zu unterstützen. Alex ihr Mann stimmte dem Vorschlag freudig zu: Ich werde schon mit allem fertig, meinte er. Im Heimatdorf angekommen, fanden sie bald Nah- und Fernverwandte. Als diese dann das Wiedersehen mit Alkohol feiern wollten, sagten Paul und Schura sich ab. So fing dann bald das Fragen und Antworten an. Tief drang das Wort Gottes, gewürzt durch die Erlebnisse von Paul und Schura, in die Herzen der Sosnower ein, so dass auch hier bald eine neue Verfolgung auf Paul den angeblichen Ketzer entstand. Denn etwa 100 Seelen hatten sich zu Gott bekehrt und gingen nun nicht mehr zu den Priestern um zu beichten. So kam eines Tages ein Polizist und nahm Paul fest. Schura musste abreisen, ohne Paul zu sehen, was sie tief betrübte. Doch bald bekam sie einen Brief von Paul:

Schura: Liebe Schwester! Weine nicht um mich, denn jetzt leide ich nicht mehr als ein Räuber, sondern als ein Christ. Die Anklage lautet: „Dieser Ketzer verwirrt die Menschen und bringt sie vom rechten Glauben ab, was der Regierung schaden könnte.“ Doch ich bin glücklich. Denn auch hier sind viele durstige Seelen nach Errettung, welche ich ihnen in Jesus Christus verkündigen kann. Zage nicht! Betet für mich! Es grüßt euch alle euer Paul!

Erzähler: Bis zum Gericht verging ein Jahr. Paul war schon im dritten Gefängnis, denn auch da baten die Priester, diesen Ketzer loszuwerden, weil sich auch dort manch ein armer Sünder bekehrte. Sein Urteil lautete: Verbannung auf 2 Jahre in Jenißej Gebiet wegen Verführung vom orthodoxen Glauben. Nun gings wieder nach dem wohlbekannten Sibirien. Es war Paul gelungen, Alex und Schura zu benachrichtigen, wann er bei ihrer Station vorbeikommen würde, so dass sie ihn wenigsten durchs Gitter sehen konnten. Als sie ihn sahen, rief Schura aus:

Schura: Ach lieber Brüder, wie tust du mir so leid!

Paul: Weine nicht Schura! Ich freue mich in meinen Leiden, denn auch ich kann nun, wie einst Paulus sagen: erstatte an meinem Leib was noch mangelt an Trübsal in Christus für Seine Gemeinde. ( Kol. 1,24)

Erzähler: Auch diese 2 Jahre gingen vorbei. Pauls Ziel war: Predigen. Und das mit Wort und Wandel, was auch zu großem Erfolg führte. Inzwischen hatte Paul auch mit Gregor Briefkontakt, welcher ihm berichtete:

Gregor: Ich bin in meiner Heimat geblieben, wo eine kleine Gemeinde ist und darf auch hier dem Herrn dienen. Zugleich kann ich auch meine Mutter versorgen, die nun hoch glücklich ist, dass sie ihren Sohn noch einmal sehen durfte und dazu noch als einen Geretteten. Auch sie weiß nicht, wie sehr sie den Herrn preisen soll für solche Gnade. Gott segne Dich! Dein Gregor.

Erzähler: Nach Ablauf der Frist zog Paul dann ganz zu Schura.

Paul: Da bin ich wieder ihr Lieben! Nehmt ihr mich wieder auf?

Schura: Sei uns willkommen, lieber Bruder, von Herzen gern!

Paul:
Auch für immer?

Alex: Nun, das geht auch mich wohl etwas an. Jawohl Paul, auch für immer!

Paul: Wisst ihr, ich möchte allein bleiben, um so dem Evangelium besser zu dienen, darum diese Frage.

Schura: Dann will ich dir helfen, so gut ich nur kann!

Alex: Und ich will dann den Haushalt führen, um am Werk des Herrn teilzuhaben.

Erzähler: Und in dem Neuen Testament, welches Paul bei dem ermordeten Bruder entnommen hatte, schrieb er jetzt:

Paul: Vergib mir, mein Bruder, dass ich dich getötet habe, weil ich selbst in Sünden tot war, doch dein Tod hat mir und auch vielen anderen Räubern und Sündern das ewige Leben gebracht! Gelobt sei dein und mein Herr und Gott in Ewigkeit! Amen.

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Apr 25 2009

Ganz wie Mutter

Geschrieben von Christ under Muttertag

Ganz wie Mutter, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 17 Personen

Auguste: .. und dabei bleibt’s, am ersten Juni geh ich.

Erzähler: Auguste, die Haushälterin, stand mit energischem Gesichtsausdruck vor ihrem Herrn, Professor Brenner, der an seinem Schreibtisch saß und in den Seiten eines mächtigen, wissenschaftlichen Werkes blätterte. Diese Störung passte ihm gar nicht. Sie hatte einigemal an die Tür des Studierzimmers geklopft, aber keine Antwort erhalten. Plötzlich stand sie vor ihm, und ihm war es nicht möglich, auch nur ein Drittel ihrer Rede zu begreifen. Der Professor saß da mit einem Gesicht, als bereite ihm allein das Zuhören körperlichen Schmerz. Auguste machte eine kleine Pause. Die benutzte er schleunigst, auch einmal zu Wort zu kommen.

Professor: Es ist gut, beste Amanda, wir sprechen in einigen Tagen wieder darüber.

Auguste: Erstens heiße ich Auguste, sie verwechseln mich wieder mit einer Ihrer vorigen Haushälterinnen, und zweitens,… du meine Güte, der Herr Professor hat scheinbar wieder einmal kein Wort von dem, was ich gesagt habe, begriffen. In ein paar Tagen darüber sprechen? In vierzehn Tagen ist doch schon der 1. Juni. Ich habe ordnungsgemäß am Ersten gekündigt. Nun macht der Herr Professor keine Anstalten, Ersatz für mich zu suchen.

Erzähler: Jetzt aber schien er doch begriffen zu haben, um was es sich handelte.

Professor: Also Sie wollen fort von uns? Ja, aber beste Auguste, warum denn nur? Gefällt es Ihnen denn so schlecht bei uns?

Auguste: Ach, jetzt fragt er auch noch warum! Soll ich denn das ganze Gerede noch einmal hersagen? Ich möchte wirklich einmal wissen, wer hier länger als drei Monate aushält? Alle meine Vorgängerinnen sind in den ersten 8-10 Wochen ausgerückt, und ich hab’s wahrhaftig auf ein halbes Jahr gebracht, und wenn der Peterle nicht da wäre… nur wegen dem unschuldigen Lamm, das ohne Mutter aufwachsen tut, hab ich ausgehalten. Aber nun ist’s aus, nun ist’s ganz und gar aus. Ich mach einfach nicht mehr mit.

Professor: (reibt sich verlegen die Hände): Aber beste Auguste, das tut mir ja alles unendlich leid, was kann ich denn tun, um Ihnen zu helfen?

Erzähler: Auguste schüttelte den Kopf, es war unmöglich. Mit dem Mann war nichts anzufangen. (Ein 15-järiges Mädchen stürmt herein).

Fränzi: Papa, ich muss auf der Stelle 5,6 Mark haben. Morgen macht unsere Klasse einen Schulausflug. Ich will dafür Einkäufe besorgen.

Erzähler: Professor greift wortlos in die Tasche und gibt ihr Geld.

Auguste: Fränzi, was brauchst du 5 oder 6 Mark? Es Ist alles in der Speisekammer, was du nötig hast. Ich packe dir deinen Rucksack voll. Nütze die Gutmütigkeit deines Vaters nicht aus.

Fränzi: (mit hochmütigem Blick): Ich wüsste nicht, dass ich mit Ihnen gesprochen hätte. Mischen Sie sich gefälligst nicht in Angelegenheiten ein, die Sie nichts angehen.

Auguste: (zornig) Das ist gewisse, am Ersten geh ich.

Professor: Fränzi, so solltest du nicht zu der Auguste reden. Sie hat mir soeben gesagt, dass sie fortgehen will, wir müssen die Mädchen auch vernünftig behandeln, sonst bleibt niemand bei uns.

Fränzi: (wirft schnippisch den Kopf in den Nacken): Lass sie doch gehen, dann kommt eben wieder eine andere.

Erzähler: Und schon war sie draußen. Auguste hatte wirklich nicht übertrieben. Es sah schlimm aus im Hause des Professors Brenner. Vor fünf Jahren, an dem Tage, als Peter, der herzige, von allen verwöhnte Liebling geboren wurde, war die Mutter, die seelengute, stille und doch stets heitere Mutter gestorben. Mit ihr, so schien es, hatte man alles Licht, alle Wärme, alle Freude, aber auch jegliche Ordnung aus dem Hause getragen. Frau Maria war des Hauses Seele gewesen. Sie hatte die Familie zusammengehalten, den Haushalt mustergültig geführt und den stets zerstreuten, oft recht eigentümlichen Gatten zu nehmen gewusst. Alle hingen mit unbeschreiblicher Liebe an ihr. Der Professor nannte sie seinen Engel, ohne den er, trotz seines reichen Wissens, ein unbeholfener Mensch war. Es konnte sich niemand das Dasein ohne die Mutter vorstellen. Und dann kam jener schreckliche Morgen. Paula, das Dienstmädchen, weckte die drei Kinder mit der Nachricht, dass in der Nacht ein Brüderlein angekommen sei und sie leise zur Mutter kommen dürften. Daraufhin waren sie natürlich mit Hallo davon gestürzt und hatten alle drei hinein geschrien: „Mama, Mama, wo ist das Brüderlein, das neue Brüderlein?“ Aber eine fremde Frau in weißer Schürze und Haube hatte entsetzt die Hände erhoben und dann einen Finger auf den Mund gelegt, während sie auf die Mutter deutete, die totenblass, aber freundlich lächelnd im Bett lag. Da waren alle ganz still geworden, und Ruth, deren Tränen von jeher locker saßen, hatte angefangen zu weinen, worauf die fremde weiße Frau sie alle drei hinausschob. Das Brüderlein hatten sie nicht zu sehen bekommen. Um die Mittagszeit war die Mama gestorben.

Autor: Die drei hatten es zuerst gar nicht fassen können. Erst an dem blumengeschmückten Sarg hatten sie das Geschehene begriffen. Am Abend hatten sie sich gefürchtet. Alle drei waren in ein Bett gekrochen und hatten flüsternd und schluchzend von ihrer Mama gesprochen. Dann war plötzlich die Tür aufgegangen, und der Vater war hereingekommen. In seinen Armen hielt er ein weißes Bündel, auf das er hilflos nieder sah. Das war ihr Brüderlein, Peterle. Er sah nicht, dass die drei alle in einem Bett waren. Er setzte sich auf den Bettrand, sah das kleine Kind an und sagte nichts als das eine: „Nun ist sie tot – nun ist sie tot!“ Tränen rollten über sein Gesicht. Die Kinder hatten ihren Vater noch nie weinen sehen. Jetzt begannen alle herzzerbrechend zu schluchzen, selbst das kleine Brüderlein bewies seine Zugehörigkeit zu dieser Trauergemeinde, indem es kläglich zu schreien begann. Der Professor war derartig verwirrt, dass er das Kleinste zu den anderen ins Bett legte. Die liebe, gute Mutter, die immer Rat wusste, fehlte -
Paula, das Dienstmädchen, war herbeigeeilt, nahm behutsam den Kleinen hoch und flüsterte mitleidig: „Ihr armen Kinder, wie wird’s euch gehen ohne Mutter?“ Und es ging nicht gut. Plötzlich bekam Paula eine Nachricht von ihren alten Eltern, nach Hause zu kommen, um die schwerkranke Mutter zu pflegen. Und nun begann der Zerfall der Familie. Wie viele Dienstmädchen und Haushälterinnen waren in diesen fünf Jahren schon dagewesen … Sie blieben nie lange. Einige untreue Dienstboten stahlen Wäsche und Geld; die Kinder wurden vernachlässigt. So geschah es, dass sie wild und zügellos aufwuchsen.
Jetzt war Herbert ein fast siebzehnjähriger junger Mann, der die Oberschule besuchte. Franziska war ein intelligentes Mädchen, in der Töchterschule eine gelehrige Schülerin, jedoch bekannt als hochmütig und schnippisch. Ruth, jetzt elfjährig, war von jeher kränklich, daher sehr empfindlich. Peterle, das Nesthäkchen, wurde als letztes Vermächtnis der verstorbenen Mutter betrachtet und von allen verwöhnt. Auguste, die jetzige Haushälterin, hatte versucht, in diesem verwahrlosten Haushalt Ordnung zu schaffen. Aber ihre Erfahrungen im Hause des Professors waren so entmutigend, dass sie es nicht länger aushalten konnte. Ihre Pflichttreue aber verbot ihr, das Haus zu verlassen, bis ein anderes Dienstmädchen gefunden war. Das Haus des Professors war aber im ganzen Ort bekannt, und niemand wollte Augustes Nachfolgerin werden.

Musik

1. Erzähler: In einer ganz anderen Familie war Henriette, Professor Brenners Schwester, aufgewachsen. Früh hatte sie ihre Eltern verloren. Der Bruder, Paul Brenner, studierte an der Hochschule. Später hatte er geheiratet und wohnte in einer Stadt. Henriette jedoch wuchs im Pfarrhaus bei ihren Verwandten auf. Viele schöne Jahre hatte sie in diesem Hause verlebt. Jetzt saß die Pfarrersfrau gerade allein in ihrem Zimmer, als Henriette plötzlich eintrat.

Tante: Sieh, hier habe ich etwas für dich.

Henriette: (greift nach dem Brief, öffnet ihn): Güntherstal bei Freiburg.
Wertes Fräulein Brenner!
Jetzt weiß ich mir wirklich keinen Rat mehr. Die Kinder können auf keinen Fall allein bleiben. Besonders nicht das kleine unschuldige Lamm. Ich bleibe solange, bis Sie kommen. Es muss jemand den Haushalt übernehmen, der was davon versteht. Und nach vielem Fragen habe ich herausgekriegt, dass der Professor eine Schwester hat, das müssen Sie wohl sein. Bitte packen sie gleich Ihre Koffer. Sie werden nötig gebraucht.
Mit bestem Gruß    Auguste Schmalzbach.

(blickt fragend auf Onkel und Tante): Das muss die Haushälterin meines Bruders geschrieben haben.

Onkel: Und was gedenkst du zu tun?

Henriette: Das möchte ich euch fragen.

Tante: Was sagt dir dein Herz, mein Kind?

Henriette: (blickt auf den Brief) Sie werden nötig gebraucht… Ich meine, das ist ausschlaggebend.

1. Erzähler: So wurde beschlossen, Henriette zu ihrem Bruder fahren zu lassen.

Erzähler: Im Hause des Professors Brenner wurde die Frage der kommenden Tante Henriette sehr lebhaft erörtert.

Fränzi: Was sagt ihr dazu?

Herbert: Was soll man dazu sagen? Jemand muss ja schließlich den Haushalt führen, und wenn die Dienstboten nicht aushalten, dann ist das beste, wenn eine Verwandte ins Haus kommt.

Fränzi: Die soll sich nur nicht einbilden, dass sie hier zu bestimmen hat, ich bin kein kleines Kind mehr und lasse mir nichts von ihr gefallen.

Ruth: Ich aber auch nicht.

Herbert: Wie alt ist sie denn?

Fränzi: Wer soll das wissen? Papa scheint sie ja kaum zu kennen.

Erzähler: Unterdessen saß Henriette im Schnellzug, der sie von der Schweizer Grenze nach Freiburg bringen sollte. Sie war erfüllt von den Gedanken und Aufgaben, die auf sie warteten. Ganz leicht war ihr Abschied von den Pflegeeltern nicht gewesen. Freiburg! Tatsächlich, sie war schon da. Sie raffte das Gepäck zusammen – und stieg aus. Eigentümlich aber war es ihr doch, dass niemand sie empfing. Im Hause des Professors war Auguste inzwischen eifrig bemüht, der Küche einen festtäglichen Glanz zu geben. In den letzten Tagen hatte sie noch einmal gründlich Hausputz gehalten. Nun war sie fertig, den Gast aufzunehmen. Aber was ist das, da läuft der Herr Professor noch immer in seinem Zimmer herum.

Auguste: Herr Professor, der Zug läuft doch ein.

Professor: Ach ja, du liebe Zeit, der Zug, meine Schwester – wo ist mein Hut, meine Schuhe? – Oder, warten Sie, könnte nicht Herbert oder Fränzi …? (Ruft ins Treppenhaus): Hallo, Herbert, Fränzi, einer von euch muss schnell zur Bahn, meine Schwester kommt.

Herbert: Bedauere, Papa, ich habe eine Verabredung, da musst du schon Fränzi schicken.

Fränzi: Glaubst du, ich werde deine Faulheit stärken? Hole du nur selbst -die – die – das Fräulein ab.

Erzähler: Hätte der Professor ein wenig mehr Fühlung mit seinen Kindern gehabt, so wäre ihm die abweisende, unfreundliche Art Fränzis, so über die Tante zu sprechen, nicht entgangen.

Professor: (blickt hilflos auf Auguste): Ja, wer soll dann gehen?

Auguste: (zu Fränzi): Wärst du meine Tochter, dich würde ich lehren. (Zum Professor) Ich würde schon gehen, aber ich kenne das Fräulein nicht. Wie sieht sie denn aus?

Professor: Ja, wie sieht sie aus? Ich habe sie selbst das letzte Mal an meinem Hochzeitstag gesehen. Wie sieht sie denn aus?

Auguste: Na ja, dann wollen wir’s mal lassen, inzwischen wird das Fräulein längst angekommen oder auch schon wieder abgefahren sein.

Ruth: (kommt herein gelaufen) Eine feine Dame ist mit einem Koffer gekommen. Das ist gewiss die Neue.

Erzähler: Inzwischen hatte Auguste Fräulein Brenner in das Studierzimmer des Professors geführt. Henriette war mit ausgestreckter Hand auf ihn zugegangen.

Henriette: Ja, so ist es, wenn Geschwister sich jahrelang nicht sehen, dann laufen sie beinahe aneinander vorbei, ohne sich zu kennen. Guten Tag, Paul.

Professor: Willkommen, Henni, kleine Schwester. Ich finde keine Worte für diese Ähnlichkeit. Du bist die Mutter, ganz die Mutter. So sah sie aus, bevor sie starb. Henni, es ist eine Schande, dass man so wenig voneinander gehört hat in all den Jahren.

Erzähler: Nun fragte sie ihn, ob er von Augustes Brief wisse, wie er sich nun die Zukunft denke und anderes mehr. Bald hatte sie herausgefunden, dass ihr Bruder keine Ahnung von dem Stand der Dinge seines Hauswesens hatte. Sie wollte eben nach den kleinen Kindern fragen, als Auguste zum Mittagessen bat. Henriette folgte ihrem Bruder in das Esszimmer. Der kleine Peter saß bereits am Tisch und holte sich ungeniert aus den Schüsseln verschiedene Kostproben mit den nicht gerade sauberen Händen. Ruth stürmte mit zerzaustem Haar und tintenbespritzter, zerrissener Schürze ins Zimmer. Herbert folgte ihr.

Herbert: (verbeugt sich vor der Tante) Herbert Brenner. Ich nehme an, dass – Sie – die Schwester meines Vaters sind.

Henriette: Jawohl, ich bin die Schwester deines Vaters, deine Tante. Aber ganz köstlich amüsiert es mich, hier einen so großen Neffen, einen jungen Herrn vorzufinden, wo ich nur mit kleinen Kindern gerechnet habe.

Erzähler: Der Professor hatte sich sofort in die neue Zeitung vertieft, die neben seinem Teller lag. Man begann die Mahlzeit, ungeordnet und nach Belieben. Henriette wartete umsonst auf das Tischgebet. So senkte sie still das Haupt, um nach alter, schöner Gewohnheit Gott für die Mahlzeit zu danken. Ein Platz am Tisch war noch unbesetzt.

Herbert: Wo ist Fränzi?

Auguste: Sie war wieder nicht fertig.

Erzähler: Gleich darauf kam die aufgeputzte Fränzi herein. Sie hatte sich das beste Kleid angezogen.

Herbert: Du hast wohl einen Vogel?

Erzähler: Fränzi geht an der Tante vorbei.

Professor: (vorwurfsvoll): Möchtest du nicht deine Tante begrüßen, Fränzi?

Erzähler: Fränzi bleibt steif stehen.

Herbert: (verbeugt sich vor der Tante) Darf ich vorstellen? Gräfin Franziska Veronika Brenner – Fräulein Henriette Brenner, die Tochter unserer von uns leider nicht gekannten, aber nichtsdestoweniger verehrten und geschätzten Großeltern, die Schwester unseres würdigen Vaters und somit unsere Tante.

Professor: (Schüttelt den Kopf) Ist das öfters so bei dir, Herbert?

Erzähler: Henriette war merkwürdig berührt durch diese Szene. Sie fühlte die feindliche Einstellung Franziskas ihr gegenüber und fragte sich nach der Ursache derselben. Aber sie wollte sich dadurch nicht beeinflussen lassen. Gewiss war das Ganze eine Backfischlaune. So stand sie auf und trat zu Franziska, um sie zu begrüßen.

Henriette: Das ist allerdings eine große Überraschung für mich, anstelle der kleinen hilfsbedürftigen Neffen und Nichten schon angehende Herren und Damen zu finden (sie legt ihren Arm um Franziskas Schultern; diese bleibt in ablehnender Haltung stehen).

Fränzi: Allerdings, so hilfsbedürftig sind wir nicht mehr.

Autor: Die Mahlzeit wurde fortgesetzt, aber es war Henriette, als säße ihr etwas im Hals, was ihr das Schlucken erschwerte. Wie seltsam und ungeregelt war das alles. Ihr Bruder hatte sich wieder in der Zeitung vertieft. Nach dem Essen führte Auguste Fräulein Brenner in das Gaststübchen wo sie ihre Sachen auspackte. Später zeigte sie ihr auch die anderen Räumlichkeiten des Hauses. Am Abend brachte Henriette die kleinen Kinder zu Bett.

Henriette: Kinder, aber jetzt wollen wir noch beten.

Ruth: Wir beten niemals; ganz früher, als wir noch klein waren und unser Mutti noch lebte, da haben wir auch gebetet, aber jetzt sind wir schon zu groß dazu.

Autor: Voll Mitleid sah Henriette auf beide Kinder. Ein tiefer Schmerz kam über sie, wenn sie daran dachte, was ihr Bruder an seinen Kindern versäumt hatte.

Henriette: Man ist nie zu groß zum Beten. Eure Mama, die im Himmel ist, freut sich gewiss, wenn ihre Kinder beten, vor allem aber wartet der liebe Heiland darauf.
(Zu Peterle gewandt; betet) “Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, und nimm dein Kindlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Amen.”

Peterle: Schön! Noch mal.

Henriette: Morgen beten wir wieder.

Peterle: O, warum erst morgen?

Henriette: So, nun schläft unser Bübchen gut.

Autor: Ruth lag schweigend in ihrem Bett und blickte zur Decke empor, als müsse sie dort die Lösung auf eine Frage finden, die sie scheinbar bewegte.

Henriette: Na, Ruth, worüber denkst du so angestrengt nach?

Ruth:
(verlegen) Ich – ich – nein, ich kann’s nicht sagen.

Autor:
In diesem Augenblick steckte Herbert seinen Kopf ins Zimmer.

Herbert: Gute Nacht, ihr Trabanten.

Autor: Etwas später ging Herbert noch einmal an Ruths Schlafzimmer vorbei.

Ruth: Herbert! Herbert!

Herbert:
Was ist los?

Ruth: Du, Herbert, glaubst du, dass Fränzi recht hat, dass sie eine alte Jungfer ist?

Herbert: Was meinst du denn?

Ruth: Na ja, ob es wohl wahr ist, dass sie so verschroben und gar nicht nett ist?

Herbert: Ach, du meinst die Tante? Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen.

Ruth: Es ist nur … sie hat nämlich mit uns gebetet. Gerade so, wie Mutti es früher getan hat.

Herbert: So, sie betet? Gerade so.. wie Mutti?… So wie Mutter. Es ist doch merkwürdig mit dieser Tante, es liegt etwas in ihren Augen. Man hat den Eindruck, dass sie tiefer blicken als die Augen anderer Menschen, dass sie Geheimnisse ergründen und in verborgene Winkel eindringen können. Es ist seltsam, man kann vor ihr erröten wie ein albernes Kind. – Andererseits ist sie auch ein angenehmer Mensch, mit dem man sich über allerlei Dinge und Zeitfragen unterhalten kann. Und sie hat Zeit, trotz der vielen Arbeit, sie nimmt sich einfach die Zeit zuzuhören. Seit Jahren, seit Muttis Tod, ist man nicht mehr gewohnt, sich für andere Zeit zu nehmen. Jeder hat immer gerade genug, mit sich selbst zu tun. Der Vater, mit dem war immer dasselbe: Auch er hatte nie Zeit für uns Kinder.

Autor: Nicht alle im Hause des Professors waren dieser Meinung. Franziska war ein häufiger Gast bei ihrer Freundin Eleonore, der einzigen Tochter des Bankdirektors Klinghammer. Frau Klinghammer bestärkte Franziska in ihrer verkehrten Art und stimmte sie gegen ihre Tante ein.

Frau Klinghammer: Euer gegenseitiges Verhältnis scheint sich noch nicht gebessert zu haben.

Fränzi: Gebessert? Das wird nie im Leben anders. Sie machen sich kein Bild, wie unausstehlich sie ist. Allein ihre Ansicht ist maßgebend und niemand anders kommt dagegen auf. Glauben Sie vielleicht, ich dürfte es wagen, einmal ihrem Willen zu widersprechen?

Eleonore: (erstaunt) Ja, lässt du dir denn alles von ihr verbieten?

Fränzi: Verbieten? Nein, sie verbietet mir nichts direkt, aber sie hat eine ganz eigentümliche Art. Sie bleibt immer ruhig, und gerade diese unheimliche Ruhe macht mich rasend. (Ahmt spöttisch ihrer Tante nach): Fränzi, wie schade, dass in deinem Zimmer beständig Unordnung herrscht. Das wird zu einer hässlichen Angewohnheit und ziemt sich nicht für ein Mädchen oder eine künftige Frau.

Eleonore: Hör bloß auf (hält sich die Ohren zu). Man meint die reinste Waisenhausvorsteherin vor sich zu sehen.

Frau Klinghammer: Ich finde, du bist aus den Kinderschuhen heraus. Du liebe Zeit, das sind eben Ansichten. Deine Tante darf schließlich nicht denken, dass ihre Meinung die einzig richtige sei. Außerdem darf sie nicht vergessen, dass du in den Jahren, da fremde Menschen euren Haushalt führten, zu einer Selbständigkeit gekommen bist, die andern jungen Mädchen deines Alters fremd ist.

Autor: Das war Musik für Franziskas Ohr. Hier fand sie Verständnis.

Fränzi: Das ist es ja gerade, Frau Klinghammer, sie behandelt mich wie ein kleines Kind. Ich erzählte Ihnen bereits, dass sie von mir verlangte, ich solle meine Schuhe selber putzen, meine Wäsche selber in Ordnung halten und die Schubladen aufräumen. Es fehlt nur noch, dass sie mich morgens um vier Uhr bis zum Schulbeginn in die Waschküche schickt, diese unverschämte Person. Aber das ist sicher – eher falle ich tot um, als dass ich mich von ihrer Art beeinflussen lasse. Und wenn es mir zu bunt wird … o diese, diese Person – ich hasse sie. Warum hat Papa sie ins Haus genommen? Mit den Fremden war es viel besser. Und dann diese fromme Art, es vergeht kein Sonntag, wo sie nicht fragt: „Fränzi, möchtest du heute nicht mit zur Kirche gehen?“ Sogar das Tischgebet hat sie eingeführt. Ich sehe noch heute Papas verlegenes Gesicht, als sie in ihrer mir verhassten liebenswürdigen Weise fragte: „Paul, du gestattest doch, dass ich mit den Kindern vor dem Essen bete, wie wir es in unserem Elternhaus gewohnt waren?“ Und er war nicht imstande, sich durchzusetzen. Aber ich habe wohl gesehen, wie verlegen er wurde.

Frau Klinghammer: Sie kann euch doch nicht ihre Meinung aufdrängen. Sie wird genau das Gegenteil erreichen.

Fränzi: Jawohl, das wird sie.

Eleonore: Wie stellt sich denn Herbert dazu?

Fränzi: Herbert? Ach der weiß nicht, was er will. Manchmal hat er direkt lächerliche Anwandlungen. Dann sitzt er des Abends mit ihr im Wohnzimmer – sprechen über Bücher, oder spielen vierhändig Klavier, ich würde mich zu Tode langweilen. Wir sollten ganz anders gegen sie zusammenhalten, dann würde sie nicht so auftreten in unserem Hause.

Autor: So und ähnlich ging die Unterhaltung noch eine ganze Weile fort. Henriette ahnte kaum, dass sie im Hause Klinghammer in diesem Augenblick der Mittelpunkt des Gesprächs war.
Sie konnte sich nicht vorwerfen, ungerecht und lieblos gehandelt zu haben, aber sie spürte in diesem Augenblick deutlich, dass sie es am Wichtigsten hatte fehlen lassen. Woran das ganze Haus krankte, das war das Fehlen der liebenden, sorgenden Mutterhand, das Fehlen des Mutterherzens, das nicht mutlos wird, selbst wenn es Jahr um Jahr warten, bangen und hoffen muss, die Mutter, die für jeden da ist, ohne Anerkennung und Dank zu erwarten. Ja, das war es Henriette erkannte in dieser Stunde ihre Aufgabe: Liebe und Geduld einer Mutter sich von Gott schenken zu lassen.
Eines Tages kam Franziska aus der Schule und kündigte der Tante an, dass sie für den kommenden Nachmittag verschiedene Mädchen ihrer Klasse zu sich eingeladen habe.

Henriette: Wie nett, da lerne ich auch einmal deine Freundinnen kennen.

Fränzi: Ich hatte eigentlich vor, mit den Mädels in meinem Zimmer zu bleiben.

Erzähler: Henriette spürte die Abweisung. Sie wusste, ihre Gegenwart war morgen nicht erwünscht. Angenehm war dieser Gedanke nicht, aber sie blieb freundlich und ruhig.

Henriette: Ich werde euch alles im Esszimmer zurecht machen. Da ist es gemütlich und ihr habt Platz genug. Du kannst dann die Wirtin spielen. Eigentlich ist es schade, dass du deine Freundinnen nicht übermorgen eingeladen hast. Da könnte ich eine Rahmtorte für euch backen.

Fränzi: Nein, das ist nicht mehr rückgängig zu machen, und übrigens brauchst du nicht für uns zu backen, ich bestelle noch heute Windbeutel mit Schlagsahne beim Konditor.

Henriette: Gut, Fränzi, dann lass deine Freundinnen nur morgen kommen.

Erzähler: Die jungen Mädchen kamen. Wie die Frühlingsblumen waren sie anzusehen, und Henriette freute sich an der Jugend. Helles Lachen schallte durch Haus und Garten. Franziska stand aufgeregt am Fenster des Esszimmers.

Eleonore: Was ist dir denn? Du bist so erregt.

Fränzi: Da soll man nicht aus der Haut fahren. Dieser Idiot von Konditor hatte mir bestimmt versprochen, die bestellten Windbeutel zur rechten Zeit zu schicken. Jetzt sind sie immer noch nicht da. Ich bin direkt blamiert vor den Mädels.

Eleonore: Allerdings, das ist höchst fatal. Aber sieh, da kommt deine Tante.

Henriette: Fränzi, du bist in Sorge um deine Windbeutel?

Fränzi: (nickt ärgerlich) Dieser pflichtvergessene Kerl, dem werde ich aber meine Meinung sagen.

Henriette: Wenn du willst, gebe ich dir die Rahmtorte, die ich heute morgen gebacken habe. Es war so gutes Feuer, das wollte ich ausnutzen, anstatt morgen zu backen. Wenn du sie haben willst?

Fränzi: O  ja – ich wäre dir sehr … (verschluckt das dankbar”). Gut denn, Auguste soll sie reinbringen. Hoffentlich kommen inzwischen auch die Windbeutel.

Henriette: Nun wünsche ich euch einen vergnügten Nachmittag. Ich habe einige Besorgungen in der Stadt zu machen, aber Fränzi wird gut für euch sorgen (nickt allen freundlich zu).

Fränzi: (ärgerlich zu Eleonore) Sie tut gerade, als wenn sie uns eingeladen hätte.

Eleonore: Ich finde es aber doch sehr nett, dass sie dir gleich die Torte angeboten hat.

Fränzi: Pah – das wird sich wohl so gehören!

1. Mädchen:
Fräulein Brenner ist aber ein sympathischer Mensch.

2. Mädchen: O ja, ich finde sie sehr liebenswürdig.

Fränzi: (mit wegwerfender Handbewegung) Geschmacksache!

Erzähler: Aber der Nachmittag war für Franziska verdorben, und schuld war nur diese Person – die Tante -, die sich die Rechte aneignete, die ihr nicht zukamen. O sie verwünschte sie.
Henriette hatte in der Stadt ihre Besorgungen erledigt und hätte zurückfahren können, aber um dem Kaffeekränzchen der Nichte nicht zu stören, beschloss sie noch einige Zeit in der Stadt zu verweilen. Sie schritt in Gedanken versunken durch die Stadt. So manche Alltagsepisode im Hause ihres Bruders ließ auf alles andere als Erfolg und Fortschritt schließen. Aber heute … all ihr Bemühen wollte vergeblich und aussichtslos erscheinen, und das Benehmen der Nichte war ihr wieder ein klarer Beweis dafür. Wie ein schweres Gewicht legte es sich wieder einmal auf sie. Aber Henriette sah es ganz klar vor sich: Sie war in diesen Wirkungskreis von höherer Hand gestellt worden. Als sie nach Hause kam, blickte Auguste bereits nach ihr aus.

Auguste: Ich bin in Sorge um Ruth. Sie ist mit Fieber aus der Schule gekommen. Ich habe sie zu Bett geschickt.

Fränzi: (brummt) Es wird Zeit, dass jemand nach dem kranken Kind sieht, schlimm genug, dass Ruth so lange allein gelassen wird.

Autor:
Nun hatte der herbstliche Sturm seine Pflicht getan. Die Bäume streckten die kahlen Äste zum Himmel. Leise begann es zu schneien. Langsam wurde die Erde weiß.

Peterle: (am Fenster): Es schneit! Es schneit! Dann kommt bald das Chiristkindlein.

Autor: Tante Henni hatte ihm davon erzählt, und nun konnte er es kaum erwarten. Es war wohl das erste mal in seinem Leben, dass er die ganzen Wonnen der Vorweihnachtszeit mit all ihren geheimnisvollen Vorbereitungen und Erwartungen in dieser Weise erlebte. Der Vater hatte keinen Sinn für familiäre Gestaltung eines Festes, und den Geschwistern hatte eben auch die anleitende Hand gefehlt. Aber Tante Henni war auch auf diesem Gebiet zu Hause, über dem Esstisch hing ein prächtiger Adventskranz. Und jeden Abend bei Dunkelwerden wurden die Kerzen angezündet. Tante Henni setzte sich ans Klavier, spielte und sang Weihnachtslieder. Peterlein hatte solche wunderschöne Lieder noch nie in seinem Leben gehört. Herbert liebte auch an diesen Abenden zu Hause zu sein. Ruth, die seit Wochen nicht zur Schule gehen konnte, lag auf dem Sofa. Nur Franziska nahm ganz selten an den Adventsfeierstunden teil. Sie war beinahe täglich bei ihrer Freundin Eleonore Klinghammer. Aber Henriette setzte große Hoffnungen auf das Weihnachtsfest.
Wenige Tage vor dem Heiligen Abend saß Henriette im Wohnzimmer mit den Kindern und erzählte ihnen von Weihnachten im erzgebirgischen Pfarrhause. Franziska war heute rechtzeitig nach Hause gekommen und nahm ausnahmsweise am Gespräch teil. Henriette freute sich, als Peter an den Fingern abzählte, wie oft man noch schlafen müsse, bis das Christkind käme.

Henriette: Kinder, es geht mir beinahe so wie dem Kleinen, ich kann den Heiligen Abend kaum erwarten. Wir wollen ein richtiges Fest erleben, und jeder von uns soll dazu beitragen, dass es wirklich ein wunderschöner Abend wird.

Fränzi: Wann gedenkst du deine Feier zu veranstalten?

Henriette: (erstaunt) Meine Feier? Wie soll ich das verstehen? Es ist doch nicht meine Feier? Gibt es überhaupt ein Fest, das die Familie so wundersam verbindet wie das Weihnachtsfest.

Fränzi: (lächelt verlegen) Tante, ich finde deine Art köstlich; hätte ich nicht solchen Respekt vor dir, ich würde sagen – naiv. Wir sind schließlich keine kleinen Kinder mehr. Wenn du für die beiden Kleinen eine Bescherung veranstalten willst, gut denn, ich will dir gewiss die Freude nicht verderben, im Gegenteil, ich spende sogar mein Teil dazu – aber um unseretwillen kannst du dir wirklich jede Mühe ersparen. Vater hat uns in dieser Hinsicht nicht verwöhnt, er hat uns zu Weihnachten ein ordentliches Stück Geld in die Hand gedrückt, und wir kauften unser Geschenk dann selber. Ich denke, wir bleiben bei der Sitte, zumal wir ja aus den Kinderjahren heraus sind. Übrigens, bin ich am Heiligen Abend von neun Uhr an bei Klinghammers eingeladen und habe bereits dort zugesagt.

Herbert: (springt zornig auf; zu Fränzi) Jetzt hörst du auf, du bist ein ganz eingebildetes, aber desto mehr ungebildetes Ding. Es ist eine bodenlose Unverschämtheit, wie du dich der Tante gegenüber benimmst. Seit Wochen plant und überlegt sie, wie sie uns ein schönes Weihnachtsfest bereiten kann und so dankst du ihr all ihre Mühe? Pfui, Fränzi, ich finde so etwas direkt niederträchtig. Du ziehst es also vor, ein Stück Geld in die Hand gedrückt zu bekommen? Glaubst du, diese alle Vorbereitungen seien mit Geld zu bezahlen? Meinst du, Weihnachtsstimmungen und Festfreude seien zu kaufen? Du scheinst dich nicht mehr zu erinnern, wie rührend unsere Mutter uns den Heiligen Abend gestaltete? Ich schäme mich nicht, es zu sagen, dass ich mich in all diesen Jahren, wer weiß wie sehr nach solchen Weihnachtsfesten gesehnt habe. Nenne mich meinetwegen sentimental, aber ich habe es von Herzen begrüßt, dass Tante Henni uns wieder zu einem wirklich echten Weihnachtsfest verhilft, und du nennst sie naiv? Du schämst dich nicht? Du zeigst ihr keinen besseren Dank, als dass du am Heiligen Abend zu fremden Leuten läufst? Ich sage dir du wirst bei Klinghammers absagen, du wirst den Weihnachtsabend bei uns verbringen, ich verbiete dir fortzugehen und wenn du glaubst, deinen Kopf durchsetzen zu können, dann werde ich mit Vater sprechen und einmal ihn über seine Tochter aufklären.

Fränzi:
(ärgerlich) Du – willst mich beim Vater schlecht machen? Wage es nur du Scheinheiliger!

Autor: Das war ein trauriger Adventsabend. Die beiden Kleinen weinten. Henriette aber suchte in den kommenden Tagen fieberhaft nach einem Weg, Franziskas Herz zu erreichen. Als dann der Heilige Abend kam, da gestaltete es sich doch besser, als Henriette es erwartet hatte. Peter jauchzte über seinen Pferdestall. Tante Henni hatte jedem ein Geschenk gemacht, und jeder staunte, wieso gerade sein sehnlichster Wunsch erraten worden war.

Herbert: So war es bei Mutter auch immer!

Autor: Und dies Wort war Henriettes größter Dank und schönstes Weihnachtsgeschenk. Der Professor selbst schien ergriffen. Henriette las aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vor. Der Abend wäre ihr wertlos erschienen ohne die Ausführung dieses schönen alten Brauches. Ob es Herberts Worte bewirkt hatten, dass Franziska tatsächlich zu Hause geblieben war und an der Familienfeier teilgenommen hatte? Der Abend war bestimmt auch bei ihr nicht gleichgültig vorbeigegangen. Franziska wusste nicht, dass die Tante ihr noch eine Überraschung zugedacht hatte. Als sie nach der Bescherung in ihr Zimmer kam, fand sie an der Wand eine vergrößerte Photographie ihrer Mutter. Nun kam doch ein Gefühl der Beschämung über das Mädchen. Tränen traten in ihre Augen. Und zum ersten mal empfand sie, wie wenig sie die Güte der Tante erwiderte.
Fräulein Brenner und Auguste saßen im Wohnzimmer. Plötzlich lachte Henriette hell auf. Die alte Haushälterin blickte erstaunt über ihre Brille.

Henriette:
O Auguste, sie wollten uns doch längst verlassen, und nun arbeiten wir schon über ein Jahr zusammen, und sie sind noch immer hier.

Auguste: (lächelnd) Ja, Fräulein, das habe ich mir auch nicht träumen lassen, aber so ist es halt manchmal im Leben. Damit wir uns aber beide darüber klar sind: solange das Fräulein bei Professors ist, bleibt die alte Auguste auch.

Henriette: Gute Auguste, wenn sie wüssten, wie ich sie schätze. Ich bin ihnen sehr dankbar.

Autor: Die alte Haushälterin überlegte, was sie tun könnte, um ihr eine Freude zu machen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke.

Auguste: Die Ruth ist eigentlich noch immer recht elend.

Henriette: Das Kind macht mir Sorge. Trotz aller Mühe, die man sich mit ihrer Pflege gibt, will sie nicht kräftiger werden.

Auguste: Ich meine immer, Luftveränderung würde ihr sicher gut tun.

Henriette: Ja, das sagte der Arzt auch. Wenn ich nur wüsste, wen wir mit ihr fortschicken könnten. Wenn Franziska zuverlässiger wäre!

Auguste: (mit wegwerfendem Ton) Franziska. Aber ich wüsste jemand, Fräulein Brenner.

Henriette: Wen denn?

Auguste: Sie, Sie, Fräulein Brenner, fahren mit Ruth zu Ihrer Tante ins Erzgebirge nach Stollberg. Vier Wochen werde ich schon fertig werden. Die drei Männer sind erträglich – und Fränzi – na, ich weiß ja, dass sie wiederkommen.

Autor: Wie ein Kind hat Fräulein Brenner sich gefreut, für ein paar Tage nach Hause zu dürfen. Sie würde Kräfte sammeln, mit Onkel ein paar Wanderungen mitmachen, mit Pflegemutter Gedanken austauschen. Übrigens könnte sie Peter auch mitnehmen. Die Freude auf Ferienwochen erfüllte Henriette so, dass sie das Bedürfnis hatte, andern davon mitzuteilen. Einen Augenblick später steckte Franziska den Kopf ins Zimmer.

Fränzi: Ist Herbert hier?

Henriette: Nein! Aber komm doch ein Weilchen zu mir, ich möchte dir etwas sagen. Wir wollen mit den Kindern nach Stollberg fahren. Eben kommt mir der Gedanke, du könntest, da die Ferien diese Tage beginnen, uns dorthin begleiten. Ich fände es so schön, wenn du Onkel und Tante Winter und auch mein Kindheitsparadies kennenlerntest.

Fränzi: (mit abwehrenden Händen) Ich bitte dich, verschone mich, ich habe keineswegs so paradiesische Gelüste. Und deinen Leuten bin ich bestimmt nicht fromm genug. Nein, Tante Henni, ein Pfarrhaus ist nichts für mich. Außerdem gedenke ich mit Klinghammers nach Wiesbaden zu fahren. Ich habe bereits zugesagt!

Henriette: Aber Fränzi, davon weiß ich ja gar nichts.

Fränzi: Ich habe es dir ja eben gesagt.

Henriette:
Hast du denn mit Vater darüber gesprochen?

Fränzi: Pah, das ist früh genug, wenn er mir das nötige Kleingeld geben muss.

Henriette: Aber Kind, ich verstehe dich wirklich nicht.

Fränzi: Das ist mir nichts Neues, wir beide werden uns wohl nie verstehen.

Autor: Franziska schloss sich wirklich den Klinghammers an. Henriette fuhr mit Ruth und Peter nach Stollberg zu ihren Pflegeeltern.

1. Erzähler: In Stollberg wartete die ganze Familie auf Henriette und die Kinder. Als die Gäste kamen, war die Begrüßung stürmisch. Alle freuten sich zu diesem Wiedersehen.

Ruth: Bei euch meint man, es sei alle Tage Sonntag.

1. Erzähler: Henriette hörte dies und wurde etwas traurig. Nun versuchte sie es bereits ein Jahr in dem Hause ihres Bruders, eine derartige Atmosphäre zu schaffen, und jetzt musste dieses Kind schon in den ersten Tagen einen Unterschied feststellen. Tante Winter spürte sofort, was im Herzen ihrer Pflegetochter vorging.

Tante: Bist du schon mutlos? Vergiss nicht, dass du erst ein Jahr in deinem neuen Pflichtenkreis stehst.  Eine Mutter muss warten und beten können, Henni. Ja, als du klein warst, hast du oft gewünscht, eine Mutter zu sein mit vielen Kindern. Nun ist es so ganz anders gekommen, als wir es uns alle dachten, und dennoch bist du Mutter geworden, stellvertretende Mutter, und dieses Amt ist oft viel schwerer. Übrigens wird jede echte Frau auch eine echte Mutter sein. Selbst wenn sie nie ein eigenes Kind hat. Mütter erleben aber nicht nur Freuden, sondern tragen ihr Leben lang auch Lasten, und unter ihren Kindern wird immer ein Sorgenkind sein. Deswegen dürfen sie aber nicht mutlos werden, da heißt es Jahr um Jahr warten können. Wenn Gott dir nun ein solches Amt anvertraut hat, wenn er dir die Verantwortung einer Mutter übergibt und das ist gewisslich ein Ehrenamt, dann traue ihm zu, dass er dich auch mit den nötigen Fähigkeiten ausrüsten wird.

Henriette: Es ist nicht leicht, erfolglos zu arbeiten.

Tante: Ob du wohl ein Recht hast, so zu sprechen? Was die Kinder brauchen, das ist eine Mutter.

1. Erzähler: Alle fühlten sich heimisch im alten Pfarrhaus. Am glücklichsten war wohl Henriette. Nur zu schnell vergingen die Wochen. Noch wenige Tage, und die Heimreise musste wieder angetreten werden. Henriettes Geburtstag fiel auf die letzten Ferientage. Als der Geburtstag da war, saßen alle am Tisch beim Kaffee zusammen.

Tante: Ich wünsche dir, dass du nie müde werden möchtest, Mutterlasten zu tragen (Pause).

Henriette: Es kommt jemand.

Onkel: O weh, ich hatte so gewünscht, dass wir heute einmal ganz unter uns sein könnten.

Heidi: (bei der Tür) Wen darf ich melden?

Herbert: Herbert Brenner.

Peter: Mein Bruder, mein großer Bruder.

Onkel: Das ist die beste Geburtstagsüberraschung. (Schüttelt Herbert die Hand)

Herbert: (zu Henni) Dein Großer kommt persönlich, um dir zu gratulieren, Pflegemutter.

Tante: Sei uns herzlich willkommen, Herbert, es ist uns eine große Freude, dich persönlich kennenzulernen.

1. Erzähler: Herbert begleitete in den nächsten Tagen den Pfarrer öfters auf den Wegen des Gemeindebesuchs. Dann besprachen sie auch Themen der Religion, wofür Herbert bisher kein Interesse gehabt hatte. Der Pfarrer wies den jungen Studenten auch auf den einzigen Erretter und Heiland, Jesus Christus, hin. Er riet Herbert den richtigen Lebensweg in der Bibel zu suchen. Das wollte Herbert auch tun, zumal in ihrem Hause noch die Bibel der Mutter erhalten geblieben war.
Nach Ferienende war Henriette mit den kleinen Kindern wieder nach Hause zurückgekehrt. Auch Franziska, die mit Klinghammers gemeinsam die Ferien verbracht hatte, war nach Hause gekommen. Jetzt war sie noch trotziger und feindlicher gegen Henriette geworden. Sie hatte sich mit einem jungen Verwandten der Klinghammers befreundet und erhielt von ihm heimlich Briefe. Als man einen Briefumschlag, den sie im Hausflur verloren hatte, entdeckte, stellte Henriette sie zur Rede.

Henriette: Hat dein langes Ausbleiben heute einen Zusammenhang mit diesem Brief?

Fränzi: Wo hast du das her?

Henriette: Du hast den Umschlag im Hausflur verloren.

Fränzi: Bin ich dir darüber Rechenschaft schuldig?

Henriette: Fränzi, möchtest du dich einmal daran erinnern, dass dein Vater mich gebeten hat, Mutterstelle an euch zu vertreten?

Fränzi: Der Vater vielleicht, aber nicht ich – und ich lasse mir einfach nicht in meine Angelegenheiten hineinreden. Du hast schon immer versucht, meinen Willen zu unterdrücken. Aber dagegen werde ich mich wehren, solange ich kann. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin schon siebzehn Jahre alt.

Henriette: Deine Mutter würde gewiss in Sorge um dich sein, wenn sie sehen würde, dass ihre Tochter postlagernd Briefe empfängt.

Fränzi: Wenn meine Mutter noch lebte, wäre manches anders.

Henriette: Ja, du hast Recht. Wie schön wäre es, wenn du nun mit mir, die ich an Stelle deiner Mutter stehen soll, vertrauensvoll über alles sprechen würdest. Wie gerne würde ich dir raten und helfen. Ich mache mir große Sorgen um dich.

Fränzi: Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen, das ist ganz unnötig. Eins aber ist sicher: mein letztes Schuljahr wird auch vorübergehen, und dann hat diese Sklaverei ein Ende. Lieber in einer Pension eingesperrt sein, als hier, wo man zu Hause sein soll und doch keine Freiheit genießt, sich unterdrücken zu lassen.

Erzähler: Henriette beschloss, mit Frau Klinghammer über Franziska zu sprechen; sie ist doch auch eine Mutter. Diese bestärkte jedoch Franziskas Verhalten. Henriette verstand, nicht jede Mutter ist wirklich eine Mutter.
Herr Brenner war nur zutiefst mit seiner Wissenschaft beschäftigt gewesen, und hatte sich nicht um die Erziehung seiner Kinder gekümmert. So gelang es Franziska, den Vater zu überreden, dass er ihr wieder erlaubte, mit den Klinghammers die nächsten Ferien an der Ostsee zu verbringen.
Jedoch hier wurde Franziska von ihrem “Ideal” einem Verwandten der Klinghammers, dem 22jährigen Studenten, grausam getäuscht und wäre beinahe entehrt worden. Nach einer schlaflosen Nacht war sie an den Meeresstrand gegangen, um sich hier von ihrem überspannten Seelenzustand zu erholen. Plötzlich hatte sie das Verlangen, weit aufs Meer hinaus zu schwimmen, ein erquickendes Bad zu nehmen. Als sie schon weit vom Ufer entfernt war und umkehren wollte, begannen ihre Kräfte zu schwinden. Während sie so im Kampf mit den Wogen lag, war es ihr, als rolle ein Film von ihrem ganzen Leben in wenigen Augenblicken an ihr vorüber. Jetzt fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von ihren Augen und sie erkannte ihre unbeschreibliche Selbstsucht. Und nun sollte sie sterben? … Sollte sie so vor dem himmlischen Richter erscheinen, wenn es doch einen Gott gibt? … Ist es wirklich zu spät, alles gutzumachen? … O wäre sie jetzt zu Hause … Hilfe! Hilfe!… Ihre Kräfte schwanden mehr und mehr. Der Körper sank immer tiefer. Hil-fe Hil-fe! – Vater!- Herbert!- Ruth! Peter! – Hilfe, Tante Henni – O könnte ich beten wie du! – Vergib mir! – Hil-fe! – Gott – erbarme dich–!

Erzähler: Ein Fischer und seine Frau hatten gesehen, daß Franziska so weit ins Meer hinausgeschwommen war und kamen jetzt im letzten Augenblick zu Hilfe.

Fischersfrau: Halt sie fest! Vater, halt sie fest! Sie ist ohnmächtig oder gar schon tot. Ja, gewiss, O Gott, sie ist tot. Es ist – -

Fischer: Halt deinen Mund und hilf mir, sie ins Boot zu legen. Wie kannst du behaupten, dass sie tot ist?

Fischersfrau: Sie ist tot.

Fischer: Sie ist nicht tot.

Erzähler: Nach einer Stunde Wiederbelebungsversuchen schlug Franziska die Augen auf.

Fränzi: Wo bin ich? Was ist mit mir? Bin ich nicht tot? O Gott, bin ich nicht tot? … Leben – leben! O Gott im Himmel, hab Dank, hab Dank. Oh, ich will gut werden, ich will anders werden!

Erzähler: Nur wer auch einmal im Vorraum der Ewigkeit gestanden hat, wer es erlebt hat, dass ihn nur ein Atemzug vom Jenseits trennte, der wird verstehen, was im Herzen Franziskas vor sich ging.
Als Franziska sich bei den Fischern etwas erholt hatte, war es ihr innigster Wunsch, schnellstens nach Hause zu fahren. Hier angekommen, erfuhr sie, dass ihre, früher so gehasste Tante Henni, an schwerer Lungenentzündung im Sterben lag. Sie durfte nur ganz kurz am Bett der Tante verweilen. Alle anderen waren draußen geblieben. Hier sank sie vor dem Bett auf die Knie … Gott allein war Zeuge dieses wunderbaren Augenblickes, wo sich Herz zum Herzen fand. Zur weiteren Erholung wurde Franziska nach Stollberg ins Pfarrhaus gebracht.

1. Erzähler: Wie seltsam sind oft die Wege Gottes! Wie hatte sie sich gesträubt, hierherzukommen! Wie hatte sie sich gegen alles Religiöse gewehrt! Nun saß sie hier an der Seite der stillen, gütigen Pfarrersfrau und empfand es so wohltuend, dass diese mit ihr von der Möglichkeit eines neuen Lebens mit Gott sprach und mit ihr betete. Es ging nicht von heute auf morgen. Auch in ihr musste die Erkenntnis erst zur Reife kommen, dass auch sie ein neuer Mensch werden konnte, nicht durch eigene Kraft und Bemühungen, sondern allein durch die Gnade Gottes und das Erbarmen Christi. Sie erlebte Zeiten schwerster Selbstanklage, und sie meinte, nie im Leben wieder froh werden zu können. Aber solche Not lehrte sie beten. In den ersten Tagen hatte sie angstvoll auf die Todesnachricht der Tante gewartet. Aber eines Tages kam ein Brief mit der Freudenbotschaft, dass Tante Henni auf dem Wege der Genesung sei. Und endlich kam auch der erste Brief, den Tante Henni nach der Krankheit geschrieben hatte. Sie schrieb: „Meine liebe große Tochter! Das bist du jetzt, ich fühle es. Ich finde nicht Worte des Dankes für die wunderbare Hilfe Gottes.“ Der Brief schloss mit den Worten: „Grüße mir meine lieben Pflegeeltern. Du aber lass nicht zu lange auf Dich warten. In herzlicher Liebe Deine Tante Henni!”
Noch am selben Abend ging ein Telegramm von Stollberg ab: „Mutter, ich komme morgen nach Hause.    Franziska.“

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Apr 25 2009

Die Mutterliebe wanket nicht

Geschrieben von Christ under Muttertag

Die Mutterliebe wanket nicht, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 4 Personen

Mutter: Ist denn Gott dein Wort nicht wahr,
auf das solange ich schon baute?
Ist’s denn umsonst das Jahr für Jahr
ich glaubte und vertraute?
Erhörst du denn nicht mehr Gebet,
wenn für ihr Kind die Mutter fleht?

Sprecher: Es stöhnt in tiefstem Seelenschmerze
die Witwe matt und müde.
Ach, alles schwand, es brach ihr Herz,
doch blieb die Mutterliebe.
Für ihren weit verirrten Sohn
fleht sie so viele Jahre schon.

Mutter: Einst ruhte er an meiner Brust,
in Freude und in trüben Stunden.
Mir Lieb erweisen, war ihm Lust;
die Stütze ist geschwunden.
Mein höchstes Glück ist längst dahin.
Die arge Welt verlockte ihn,
bald triebs ihn von der Mutter fort,
ihn traf mein teures Beten nicht,
umsonst mein mahnend Mutterwort;
mit Füßen ward’s getreten.
So zog er trotzig aus dem Haus
und abwärts ging’s in Saus und Braus.

Sprecher: Die Mutter weint ihm hebend nach,
sie gibt ihn nicht verloren.
Für ihn zu beten Tag und Nacht
hat sie sich auserkoren.
So ringt für den verlorenen Sohn
sie, ach, so viele Jahre schon,
und immer neu setzt sie sich ihre Frist.
Bald muss er doch nach Hause kommen.
Dass sie so oft getäuscht schon ist,
das kann sie nicht betören;
so treu in Lieb’, in Leid und Schmerz,
so harret nur ein Mutterherz. –
Der harte Sohn, ach, wie ein Stein
ist längst zur See gegangen.
Noch einmal Kamms ihm in den Sinn,
nach Hause ein Verlangen.
Doch fluchend, schwelgend unterdrückt
die Mahnung er, die Gott geschickt.
Und wenn er abends ruhen will,
da nagt ihn das Gewissen:
Die Mutter betet treu und still,
das macht ihm heiß das Kissen.
Und in der Welt, die da entflammt,
er sein Gewissen gar verdammt. –
Da, eines Tages, nach langer Zeit,
nach vielen Jahren und Stunden
hat Gott in seiner Freundlichkeit
den irrenden Sohn gefunden.
Ein Sturm, dass selbst der Seemann bebt,
erreicht das, was er nie erlebt.
Anfänglich flucht und spottet man,
nach eitler Seemannsweise.
Doch nach drei Tagen wird es dann
allmählich still und leise.
Solch Gestürm und solche Not,
es trieb bald viele hin zu Gott.
Der  Kapitän ruft laut im Schreckenston:

Kapitän: Matrosen! Jungs! Das Schiff sinkt schon!
Drum betet, wer da beten kann,
wir sind verloren, Mann für Mann.
Die Flut geht hoch, das Schiff zerschellt,
kein Lichtstrahl diese Nacht erhellt.
Es braust der Sturm und wütet das Meer.
Euch sind die Herzen von Sorgen so schwer.
Fürchtet euch nicht! Betet! Gebt acht,
Gott schickt uns Hilfe in dieser Nacht.

Sohn: Ich kann nicht beten, Herr Kapitän.
Ich bin zu sündig und viel zu schlecht.
Wie kann ich so vor Gott hintreten?
Hab ich dazu wohl noch ein Recht?

Kapitän: Ja, Gott ist gnädig und barmherzig,
er will den Tod des Sünders nicht.
Wenn wir von Herzen werden rufen,
verschmäht er unser Flehen nicht.

Sohn: Hört, meine Mutter ich verließ,
verschmähte all’ ihr Beten.
Die Mutterliebe ich verstieß,
wie viel hat sie gelitten.
Ihr treues Beten war mir Qual.
O, hört ich’s jetzt ein einziges Mal.

Sprecher: Da fällt ihm ein, im Koffer lag
einstmal das Buch der Mutter.
Schnell sucht er überall danach
trotz Sturm und Ungewitter.
Und als die Bibel er nun fand,
da hält er fest sie in der Hand,
er schlägt sie auf, sucht hin und her,
da kann er nichts verstehen.
Dem Tode schaut ins Antlitz er,
vor Furcht will er vergehen.
Da sieht er nur ein Stück Papier,
verschlingt es vor Verlangen schier.

Sohn: Seht, was ich hier gefunden hab,
es lag im Buch der Mutter.
Darauf steht: „Mein Sohn, mein lieber Sohn”
Ich will stets für dich Beten.
Und ob du auch so weit entflohn’,
Gott wird dich dennoch retten.
Komm heim, wenn alles dir zerbricht.
Die Mutterliebe wanket nicht!“

Sprecher: Nun liest er aus dem Bibelbuch,
dass Gott die Sünder liebt,
wie er die irrenden Schafe sucht,
dass er ihr Hirte bleibe,
vergisst die Mutter auch ihr Kind,
ihm alle unvergesslich sind.

Sohn: Hilf, Herr, im wilden Sturmgebraus,
das Schiff ist schon am Sinken.
O Herr, bringe mich nach Haus
und lass mich nicht ertrinken.
Lass mich die Mutter noch mal sehn,
bei ihr Vergebung mir erflehn.

Sprecher: Und in der Heimat, in der Ferne
die Mutter liegt im Bett.
Sie hofft noch immer: „Gott erbarme
dich und höre mein Gebet.“
Sie weiß ihr letztes Stündlein naht,
doch den Glauben sie bewahret hat.

Mutter: Er kommt gewiss, geht schaut nur aus.
Gott hat es stets versprochen.
Der Herr bringt endlich ihn nach Haus.
Sein Wort hat er noch nie gebrochen.
Und sein Wort es sagt so klar:
Wer bittet, der nimmt immerdar.

Sprecher: Vergebens harrt sie lange schon.
Soll sie umsonst denn trauern,
wird sie den längst vermissten Sohn
hier wirklich nicht mehr schauen?
So weiß sie, dort am sel’gen Strand
sieht sie ihn dann im Himmelsland.
Schon wird ihr Auge trüb und matt,
sie ahnt des Todes Nähe.
Es schwand ihr alles,
eins nur bat sie noch in Leid und Weh,
sie betet innig, betet heiß:
,,Herr, rette ihn um jeden Preis!” –
Da stürmt ein fremder Mann daher,
im Dort ihn niemand kennt.
Er läuft und schaut nicht hin noch her,
und unaufhaltsam rennt er hin
zu dem wohlbekannten Ort
und stürmt herein, und hat kein Wort.
Verwundert schaun die anderen zu.
Was will denn nur der Fremde?
Lass doch die Sterbende in Ruh’,
es geht mit ihr zu Ende.

Sohn: Lebt meine Mutter denn nicht mehr? –
Bist du von mir geschieden?
O Gott, jetzt hilft kein Jammern mehr,
nie seh ich sie hienieden.

Sprecher: Doch sie schlägt matt die Augen auf:
„Willkommen hier, nach langem Lauf.“ –
Er wirft am Bett sich nieder,
ihm zittern alle Glieder.

Sohn: Ach Mutter, sieh hier kniet dein Sohn.
Vergib dem Kind, dem schnöden.
Ach, lange zog’s mich heimwärts schon,
es war dein treues Beten.
Doch ich verstockte stets mein Herz
und brachte dir viel Gram und Schmerz.
Doch Gott, er wusste endlich Rat,
mein Schiff ließ er zerschellen.
Mich riss in seiner Lieb’ und Gnad’
er hebend aus den Wellen.
Und ein Gelübde gab ich ihm,
ich wollte zu der Mutter ziehn.
Hier knie ich, o nimm mich an.
Ich habe es nicht verdienet,
als ein Verlorener will ich nahn,
denn Christi Tod versühnet.
Gedenke es mir ferner nicht,
vergib mir, ehe dein Auge bricht!

Mutter: Komm, lieber Sohn, komm an mein Herz,
komm, mir von Gott geschenkter,
du meines Herzens Trost und Lust,
die Mutterliebe wanket nicht.
In Frieden fahr ich nun dahin,
weil ich von Gott erhöret bin.

Sprecher: Ihr Mütter, Gott erhört Gebet,
und ob’s auch lange währet.
Und scheint’s, als ob ihr vergebens fleht,
dass Gott den Sohn bekehre.
O, ringet mutig weiter fort und stützt
euch aufs verheißene Wort.
Einst kommt die Zeit, sie kommt gewiss,
da wird der Herr erhören.
Und irrt er noch so weit umher,
es sucht und findet ihn der Herr.
O, danket Gott, wer Eltern hat,
die für die Kinder beten.
Und Vater, der’s bis jetzt nicht tat,
lass es fernerhin geschehen.
Und Mutter halt geduldig aus,
Gott führt den irrenden Sohn nach Haus!

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Apr 25 2009

Die Mutter wartet

Geschrieben von Christ under Muttertag

Die Mutter wartet, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 3 Personen

Mutter: Mein Sohn, ich seh du gehst heut Abend wieder aus
Ich bitte dich von Herzen, blieb nicht zu lange aus:
Ich werde auf dich warten wie ich’s ja immer zu
Denn ehe du zuhause hab ich doch keine Ruh.
Auch fühl ich mich heut Abend so elend wie noch nie
Möchte dich gern bei mir haben, drum komm nach Hause früh.

Sprecher: Der Sohn hat diese Bitte schon oftmals angehört
Und hat sich auch darüber schon manches gestört.
Er sagt nur zu der Mutter:

Sohn: Wenn heute dir nicht wohl
Dann lege dich doch nieder und ruhe bis ich komm.
Warum soll mein Vergnügen ich kürzen weil ich jung,
mach die nur keine Sorgen, ich wünsch dir Besserung.

Sprecher: Doch als er ging da hört er noch einmal wie sie sprach:

Mutter: Ich werde auf dich warten, ich bleib so lange wach.

Sprecher: Der Sohn verbringt den Abend ganz fröhlich wie schon oft.
Die Mutter hat gewartet, gebetet und gehofft.
Und als schon lang nach Mitternacht, er endlich kam nach Haus
Schien ihm als sehe alles, so wie gewöhnlich aus
Es war noch Licht im Zimmer wo seine Mutter war
Doch alles war so stille das schien ihm Wunderbar.
Er schlich sich nun ganz leise hin auf ins Schlafgemach
Ringsum war alles stille – ob Mutter wohl noch wach?
Er horcht gespannt und wartet, doch ist und bleibt es still
Da wird ihm so unheimlich, er steht nun auf und will
Doch nach der Mutter sehen, sie fühlte sich ja schlecht.
Uns sein Betragen schien ihm, nun doch nicht gut und recht
Da sitzt die treue Mutter, hat sich zurück gesehnt.
Den Sohn bei sich zu haben in ihrer Sterbestund
Er ruft sie an:

Sohn: O Mutter!

Sprecher: Doch stumm bleibt nun ihr Mund.

Sohn: O Mutter

Sprecher: ruft er wieder

Sohn: O Mutter höre mich
Vergib wo ich gefehlet, du weißt, ich liebe dich.

Sprecher: Umsonst sind deine Worte du armer junger Mann
Du kannst nun nicht mehr ändern was du ihr angetan.
Sie ist nun Heimgegangen, ins ew’ge Vaterhaus.
Doch schaut sie auch von droben, noch sehnend nach dir aus.
Sie hielt etwas die Mutter, in ihrer kalten Hand
Es war ein kleiner Zettel, darauf geschrieben stand:
„Mein Sohn, ich hab gewartet auf dich, doch kamst du nicht
Nun werd ich droben warten, im ew’gen Himmelslicht.“

Das waren schwere Stunden die nun der Sohn gelebt
Er hat fast in Verzweiflung, so manchen Tag geschwebt
Man brachte sie zur Ruhe, die ihn so heiß geliebt
Die er durch sein betragen, so oftmals hat betrübt.
Die guten Kameraden die blieben jetzt zurück,
sie lassen ihn alleine, das schien ihm wie ein Glück.
Er wollte anders werden, wollt andre Wege gehen
Damit er einst im Himmel, die Mutter dürfte sehn.
Doch lockten Welt und Sünde ihn auf die breite Bahn
Und nach und nach da fing er sein altes Leben an.
Er ding die alte Wege und desselbe Spiel
Die Lockung war so mächtig und Freude waren viel.

Doch steht, an einem Abend, mitten im Freundeskreis
Steht er entschlossen auf und geht hinaus – er weiß
Das dieser breite Weg, auf welchen er jetzt geht,
der führt ihn ins Verderben und ernstlich er jetzt fleht.

Sohn: O Herr, hilf mir doch kämpfen, Du siehst ich bin so schwach
Doch bin ich jetzt entschlossen dir Herr zu folgen nach.

Sprecher: Es kamen schwere Kämpfe, doch standhaft hielt er aus,
denn seine Mutter wartet auf ihn im Vaterhaus.

Hast du noch eine Mutter, du lieber junger Mann?
Sag, hast du ihr wie jener, auch oft schon weh getan?
Gott mög dir Gnade geben, dass du eh es zu spät
Der Mutter Bitte hörest, die täglich für dich fleht.
So lange sie noch am Leben o höre auf ihr Wort
Und ist sie nicht mehr bei dir, triff sie im Himmel dort.

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