Archive for Juni 13th, 2008

Jun 13 2008

Wer mit dem Munde bekennt, wird gerettet.

Geschrieben von under Kindergeschichten

Wer mit dem Munde bekennt, wird gerettet, eine christliche Kindergeschichte

Zwischen Halle und Naumburg wohnte ein reicher Jude, der hatte einen Kutscher mit Namen Christian. Der reiche Kaufmann saß meistens hinten auf den Fellen, die auf den Wagen geladen waren. Christian war ein treuer Christ, der immer in seiner Bibel las. Da das Pferd oft seinen Weg allein fand, holte er seine Bibel hervor und las laut vor sich hin. Der jüdische Kaufmann musste zuhören, ob er wollte oder nicht. Eines Tages rief er: »Christian, lass das Lesen sein!« -» Das kann ich nicht«, gab jener zurück. »Dann lies bitte leise!« – »Das kann ich auch nicht; wenn ich lese, muss ich laut lesen, sonst verstehe ich es nicht!« Da sagte der Kaufmann: »Geh deines Weges! Ich kann dich in meinem Geschäft nicht mehr gebrauchen!« -
Christian nahm seine Bibel unter den Arm und ging davon, denn Gottes Wort wollte er nicht lassen.
Der jüdische Kaufmann stellte einen neuen Knecht ein. Der las weder laut noch leise seine Bibel, er war ein gottloser Mann, der jämmerlich fluchen konnte.
Der Kaufmann bemerkte aber, dass sein Geschäft seit jener Zeit nicht mehr so gut ging. Eines Tages starb ihm noch sein bestes Pferd.
Beim Pferdehändler traf er Christian. Sogleich fragte er ihn, ob er nicht wieder bei ihm arbeiten möchte.
»Warum nicht; aber darf ich meine Bibel lesen?« – »Meinetwegen ja!« Nun fuhr Christian wieder seinen jüdischen Kaufmann und las jahrein, jahraus die Bibel. Eines Tages wurde der Kaufmann sehr krank, man sah, es geht mit ihm zu Ende. Seine Freunde standen traurig um sein Bett herum. Ihm selbst ward angst und bange. Immer wieder seufzte er: »Meine Sünden, gerechter Gott, meine Sünden!« -
Plötzlich rief er nach seinem Kutscher, der kam sogleich: »Christian bete!« hauchte der Sterbende. Da kniete der treue Knecht am Bett seines Herrn nieder und betete laut und inbrünstig: »Herr Jesus, du hast dem Schächer am Kreuz auch Gnade geschenkt. Du hast ihm in seiner letzten Stunde gesagt: >Heute wirst du mit mir ins Paradies eingehen. Bitte hilf meinem Herrn auch und rette seine Seele!«< -
Der Alte auf seinem Sterbelager wurde immer stiller. Plötzlich drückte er seinem Kutscher die Hand und rief mit letzter Kraft: »0 Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Die jüdischen Freunde, die dabeistanden, hörten dieses Gebet mit großer Verwunderung.
Der alte Christian drückte seinem Herrn die Augen zu und ging mit stillem Frieden aus dem Zimmer. Er hatte seinen Herrn nicht nur zu Lebzeiten gefahren, er hat ihn auch mit dem Wort Gottes ins Himmelreich begleitet. Deshalb sollen wir überall von der Liebe des Herrn Jesus sprechen, ob wir im Kindergarten sind oder in der Schule oder bei der Arbeit.
»Wer mit dem Munde bekennt, wird gerettet.«

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Jun 13 2008

Gerettet!

Geschrieben von under Kindergeschichten

Gerettet, eine christliche Kindergeschichte

Am Rande eines Waldes, oben auf einer Anhöhe lagerten zwei wildaussehende Männer. Der eine blickte finster auf das friedliche Dörfchen in der Ferne. Die beiden waren Sträflinge, die erst seit einigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen waren. Der finster dreinblickende war in diesem Dorf als Waisenkind aufgewachsen. Niemand hatte sich recht um ihn gekümmert, überall wurde er misshandelt oder rumgestoßen. Keiner half ihm in seiner Not. Eines Tages verübte er einen Diebstahl, wurde bald erwischt, er musste für Jahre ins Gefängnis wandern.
Nun war er entlassen und nach langer Abwesenheit zurückgekehrt. Drohend ballte er seine Faust gegen das Dorf und fluchte böse auf die Bewohner des Ortes: »Die sollen mir’s büßen, diese jämmerlichen Spießbürger. Heute Nacht werde ich das ganze Dorf anstecken, an vier Stellen will ich Feuer legen. Rache ist süß, die sollen mich kennenlernen!«
»Hat dir denn damals keiner geholfen, als du noch ein Kind warst?« wollte sein Saufkumpan wissen.
»Nein, alle sind elende Strauchdiebe! Die ganze Bande will ich ausräuchern!«
»Ich kann gar nicht verstehen, dass alle Leute zu dir böse waren, kennst du wirklich keinen, der dir einmal ein gutes’ Wort gesagt hat?«
»Plötzlich wurde der böse Mann ganz still – Tränen traten ihm in die Augen, und er begann zu schluchzen: »Doch – ja, das, Hannerle!« – »Wer war das Hannerle?« wollte der andere wissen. »Das Hannerle war meine Sonntagsschultante. Die hatte einen Buckel und sah recht hässlich aus. Aber sie liebte mich. Manchmal strich sie mir übers Haar und sagte: >Konrad, der liebe Gott vergisst dich nicht. Wenn keiner an dich denkt, Gott liebt dich immer!< – Aber sie ist wahrscheinlich längst tot, das Hannerle war damals schon krank und schwach.« So lauerten die beiden in ihrem Versteck, bis die Sonne hinter dem Wald verschwand und sich dunkle Schatten über das Tal legten. Die beiden schlichen in das Dorf.
»Hier hab ich gewohnt«, flüsterte Konrad, »da drüben wohnt der Lehrer, der hat mich immer grün und blau geschlagen. Gleich daneben ist das Haus des Dorfschulzen, der warf mich oft in den dunklen Keller als Strafe, weil ich ihn nicht gleich gesehen und gegrüßt hatte.«
Plötzlich begannen alle Dorfglocken zu läuten. Die Bauern gingen zum Erntedankgottesdienst. Die beiden schlichen an den hell erleuchteten Raum. Da spürte Konrad, wie ihn eine Hand berührte: »So allein, meine Herren, wollen Sie nicht zur Andacht kommen?« Konrad erblickte das alte, welke Gesicht einer kleinen, buckligen Frau, die ihn freundlich ansah.
»Hannerle!« schrie er laut auf, »das Hannerle!« schluchzte er unaufhörlich. – Die alte Frau hatte den bärtigen Mann zunächst nicht erkannt. Später nahm sie die beiden in ihrer Wohnung auf und bewirtete sie gut.
»Welch eine wunderbare Führung Gottes, dass ich dich noch einmal wiedersehen konnte«, sagte die alte Frau.
Hannerle beschenkte die beiden mit allem, was sie hatte und sorgte für ihre Unterkunft. Durch diesen Liebesdienst wurde ein ganzes Dorf vor einer entsetzlichen Brandkatastrophe gerettet. »Eine sanfte Antwort stillt den Zorn!«

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Jun 13 2008

Nur eine kleine Nachtigall

Geschrieben von under Kindergeschichten

Nur eine kleine Nachtigall, eine christliche Kindergeschichte

In einer armseligen Bauernhütte wohnte eine Witwe, die sich als Wäscherin zu der kleinen Rente noch etwas dazuverdiente, um ihrem klugen Töchterlein eine gute Schulbildung zu ermöglichen. In der höheren Töchterschule lernte Magdalene fleißig, sie bekam immer sehr gute Zensuren. Wenn das Kind seine Hausaufgaben fertig hatte, half es der Mutter die Wäsche bügeln und austragen. An einem schönen Sommertag wollte die Klassenlehrerin mit den Mädchen der höheren Töchterschule einen Ausflug machen. Ihr Wanderziel war ein schönes Schloss. Die Besitzerin dieses schönen Schlosses hatte die Mädchen zu einem Gartenfest eingeladen, weil ihre eigene Tochter dieselbe Klasse besuchte, in welcher auch Magdalene Schülerin war. Alle Mädchen freuten sich auf dieses Gartenfest, nur Magdalene nicht. Ihr Tagewerk sah immer echt eintönig aus, denn in allen freien Stunden musste sie der Mutter helfen und die Wäsche austragen. Eines Tages kam Magdalene ganz

niedergeschlagen aus der Schule nach Hause. Die Mutter bemerkte den geheimen Kummer ihres Kindes.
»Was fehlt dir, Magdalene, du siehst so traurig aus?« – »Ach, Mutti, ich will an dem Klassenausflug gar nicht teilnehmen«, sagte sie. »Und warum willst du an dem Ausflug nicht teilnehmen?« forschte die Mutter.
»Weil alle anderen Mädchen hübsche, weiße Kleider anziehen und nur ich mein altes graues Kleid tragen muss.«
»Aber mein liebes Kind, du weißt doch, dass ich nicht in der Lage bin, dir ein weißes Festkleid zu kaufen. Unser Geld reicht doch gerade für den Unterhalt und das Schulgeld.« – »Ja, ja«, sagte Magdalene traurig und setzte sich ganz missmutig an ihre Hausaufgaben. Am Abend kamen die beiden an einem großen Bauernhof vorbei. Da sahen sie im Garten einen wunderschönen blauen Pfau mit seinen herrlichen Schwanzfedern stolz umherspazieren. Magdalene bewunderte das glänzende Gefieder, erschrak aber mächtig, als plötzlich dieser Pfauhahn mit grässlichem Geschrei seine Stimme erhob. Als sie später noch an einem Gebüsch in der Nähe des Teiches vorübergingen, hörten beide den lieblichen Gesang einer Nachtigall. Zum großen Erstaunen des Mädchens saß dort in den Zweigen des Busches nur ein kleiner, unscheinbarer Vogel mit grauem Gefieder. Diese Nachtigall sah im Vergleich zu dem schönen, glänzenden Pfauhahn direkt hässlich aus. »Welcher Vogel gefällt dir nun besser?« fragte die Mutter, »der Pfauhahn oder die Nachtigall? – »Die Nachtigall«, erwiderte das Mädchen. »Sie kann so herrlich singen, dass einem das Herz fröhlich werden muss.«-
»So sei du bei eurem Klassenausflug die muntere Nachtigall. Ich will dir dein graues Kleid schön ausbügeln und es mit einer schönen Blume schmücken, so dass du dich gut darin sehen lassen kannst«, erwiderte die Mutter.
Magdalene ging also fröhlich zum Klassenausflug der höheren Töchterschule. Sie wanderten durch Wald und Feld, die Lerchen jubilierten in der Luft, und die Sonne schien ganz herrlich warm. Es war ein wunderschöner Sommertag. Die Lehrerin erklärte den Kindern viel von der Schönheit der Natur. Als sie sich im Wald zu einer Rast niedergesetzt hatten, sagte sie: »Schaut einmal, Mädels, wie viele Reiche Gott geschaffen hat. Wenn ihr vor euch auf die Erde schaut, dann seht ihr die kleine Welt der Insekten. Wie viele Ameisen laufen kreuz und quer durch die Gräser. Für sie sind die Grashalme so groß wie Baumstämme. Seht ihr die flinken Käfer, die Heuschrecken, die Regenwürmer – jedes Tierlein hat seine Welt. Wenn ihr nach oben schaut, dann könnt ihr Millionen Insekten in der Luft sehen: die Mücken, die Falter und die herrlichen Schmetterlinge, die Libellen, die Bienen, die Hummeln, alles summt und surrt durch die Luft.«
»Auf der Wiese läuft ein Häslein!« riefen die Mädchen. »O ja, und schaut einmal dort die Rebhühner am Waldesrand, jedes Tier hat seinen Bereich und sein Revier.«
»Was fliegt dort hinten am Wasser für ein blauer Vogel?« wollte Magdalene wissen. »Das ist ein Eisvogel«, sagte die Lehrerin.
»Der kann aber bestimmt sehr schön singen, weil er ein so vornehmes Kleid anhat«, rief ein anderes Mädchen.
»O nein, das ist nicht gesagt, die Nachtigall sieht ganz hässlich und grau aus und singt doch so herrlich, der Pfauhahn dagegen hat ein sehr schönes Kleid, aber er kann nur schrecklich schreien«, erklärte Magdalene der Klasse.
»Ja, sie hat ganz recht«, bestätigte die Lehrerin.
»Das sagt sie bloß, weil sie selber so ein hässliches, graues Kleid anhat«, tuschelte ein anderes Mädchen seiner Nachbarin zu.
Als die Kinder im Garten fröhlich um ein Blumenbeet sprangen, rief die Besitzerin des Schlosses die kleine Magdalene zu sich.
»Sag einmal, mein Kind, ich glaube du kannst uns etwas vorsingen.« Ganz fröhlich stellte sich Magdalene neben die Schlossherrin und sang mit einer engelreinen Stimme:
»Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, ihr seht es kaum, singt doch so schön, dass wohl von nah und fern alle die Leute gern horchen und stehn.«
Magdalene sang von dem Blümlein im Wiesengrund, von den Bächen und Flüssen und: »Habt ihr es auch bedacht, wer hat so schön gemacht, alle die Drei? Gott der Herr machte sie, dass sich nun spät und früh, jedes dran freu’.«
Alle Mädchen, die Klassenlehrerin und auch die Besitzerin des Schlosses klatschten laut Beifall: »Du singst ja wie eine Nachtigall«, sagte die Gräfin. »Als Andenken an diesen schönen Tag schenke ich dir diese hübsche Brosche.«
Als Magdalene nach Haus kam, war sie vergnügt und fröhlich. »Die Gräfin hat gesagt: ich singe wie eine Nachtigall.«
»Siehst du, mein Kind, es kommt nicht so sehr darauf an, was man für Kleider anhat, sondern wie es im Herzen aussieht«, sagte die Mutter.

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Jun 13 2008

Die zerbrochene Vase

Geschrieben von under Kindergeschichten

Die zerbrochene Vase, eine christliche Kindergeschichte

An einem Samstagnachmittag wollte das Ehepaar Markow jemandem einen Besuch abstatten. Ihre Kinder blieben alleine zu Hause. Deshalb sagte die Mutter vor dem Weggehen:
„Seid artig, Kinder, und tobt nicht so wild herum!“, dabei zeigte sie auf die große schöne Vase, die auf dem Tisch stand, und fügte noch hinzu:
„Achtet besonders auf die Vase und zerschlagt sie nicht. Michael, du stellst sie am besten auf den Schrank. Ihr könntet sie aus Versehen von Tisch stoßen und dann…“
„Mutti, lass die Vase hier stehen“, bat Waldemar, „so sieht es viel schöner aus.“
„Wir passen schon auf, dass nichts passiert“, versicherte Michael.
Die Eltern gingen aus dem Haus. Michael schloss die Tür ab und wollte etwas sagen, doch Vera kam ihm zuvor:
„Wollen wir <Gottesdienst> spielen?“
Die Jungen waren einverstanden.
„Setzt euch!“ befahl Michael.
„Du, Viktor, wirst der Chordirigent sein und ich bin jetzt der Prediger.“
„Waldemar und ich, wir sind der Chor“, sagte Vera eifrig und stellte die Hocker zurecht.
„Wir werden alle zusammen den Chor bilden“, verbesserte Michael. „Auch ein Prediger kann im Chor mitsingen.“
Sie spielten den Gottesdienst nach, den sie immer mit ihren Eltern besuchten. Zuerst beteten sie, dann sangen sie das Lied: „Gott liebt die kleinen Kinder.“
Danach stellte sich Michael in die Mitte des Zimmers.
„Ich lese jetzt den 16. Vers aus dem 3. Kapitel des Johannesevangeliums“, sprach er. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Michael machte die Bibel zu und legte sie vorsichtig auf den Tisch.
„Gott liebt alle Menschen, obwohl sie oft sündigen“, er sprach wie ein richtiger Prediger. „Damit wir nicht verloren gehen, sandte Gott Seinen Sohn Jesus Christus in unsere Welt. Obwohl Er selbst keinerlei Schuld hatte, ließ er sich trotzdem für uns und unsere Sünden kreuzigen. So tilgte Jesus unsere Schuld…“, dann stockte Michael einen Augenblick, denn er wusste nicht mehr, was er weiter sagen sollte. So schloss er mit einem „Amen“ ab.
„Amen“, wiederholte gemeinsam die kleine Versammlung.
„Lasst uns nun das Lied: ,Herr, ich bin ein kleines Kind` singen“, bat Vera.
„Aus Liebe zu mir verlorenen Menschen, wurdest Du ein Kind. Und hast mich mit Deinem Blut erkauft…“, sangen die Kinder vereint. Dann beteten sie zum Abschluss.
Die „Versammelten“ waren noch nicht auseinander gegangen, als Waldemar ausrief:
„Und jetzt spielen wir Blinde Kuh!“
Alle freuten sich.
Als sie Michael die Augen zugebunden hatten, verteilten sie sich im Zimmer.
„Aber nicht in ein anderes Zimmer gehen!“ forderte Michael sie auf. Er breitete seine Arme aus und ging langsam in die Richtung des Zimmers, aus der leise Geräusche kamen. Dort hatte sich Vera ganz klein gemacht und saß zusammengekauert auf dem Boden. Sie hoffte, dass Michael sie so nicht finden und berühren würde. Aber er tastete die Wand bei ihr sorgfältig ab und ließ plötzlich seine Hände schnell fallen, gerade auf ihren Kopf. Doch Vera raffte sich sofort zusammen und schlüpfte unter den Tisch. Michael folgte eilig ihren Geräuschen. Als Vera an der anderen Seite unter dem Tisch hervorkroch, stieß sie in der Hast an ein Tischbein… – Die Vase kippte durch diese Erschütterung um, und bevor die Kinder zur Besinnung kamen, fiel sie auf den Fußboden und zerbrach mit einem harten Knall beim Aufschlag in viele Scherben.
Vera stieß einen grellen Schrei aus und presste sich vor Schreck die Hände auf den Mund.
„Wer hat das gemacht?“ schrie Michael bestürzt und riss sich die Binde von den Augen.
„Sie!“ zeigte Viktor sofort auf Vera.
„Du kriegst aber heute was von Papa…“
„Warum bist du nur unter den Tisch gekrochen?“ sagte auch Waldemar vorwurfsvoll.
Vera weinte laut los. Es tat ihr nicht nur um die Vase sehr leid, sie hatte sich auch heftig erschreckt. Sie wusste, dass auch am heutigen Abend, wie auch sonst immer, der Vater die versammelten Kinder fragen würde, was im Laufe des Tages alles vorgefallen sei und dann würde die zerbrochene Vase besonders zur Sprache kommen.
Viktor sammelte vorsichtig die Scherben auf.
„Michael, du bist auch schuld“, bemerkte er.
„Hättest du die Vase auf den Schrank gestellt, wie Mama es gesagt hat, dann wäre dieses nicht passiert.“
Die Freude am Spiel war den Kindern völlig vergangen. Jeder zog sich mit einer Beschäftigung an irgendein Plätzchen zurück. Im Haus war es mäuschenstill geworden. Man hörte nur das regelmäßige Ticken der Uhr.
„Wer ist nun eigentlich schuld?“ fragte sich Michael selbst erneut.
„Wahrscheinlich Vera, weil sie ja den Tisch angestoßen hat und der Vater wird sie deshalb bestrafen…“
Er atmete tief auf. Ihm tat die Schwester leid.
„Wie ist es, wenn ich die Schuld auf mich nehme…?“, dachte er.
Zwei entgegengesetzte Stimmen kämpften in Michaels Herz: „Wenn ich die Schuld auf mich nehme, werde ich bestraft. Und wofür? Ich habe die Vase doch nicht kaputtgemacht!“ Er wollte sich schon mit dem letzten Gedanken ganz beruhigen, als ihm die Worte, die er vor kurzem während ihrer Versammlung gesagt hatte, wieder einfielen.
„Jesus hat die fremde Schuld auf sich genommen…“ Da hob er entschlossen den Kopf und sagte: „Weine nicht mehr, Vera! Papa wird dich nicht bestrafen. Ich nehme deine Schuld auf mich.“
Die Kinder schauten sich erstaunt an. So etwas hatte es bei ihnen noch nie gegeben.
„Wieso – eine fremde Schuld auf sich nehmen? Geht denn das überhaupt?“ schluchzte Vera und wischte sich die Tränen ab. „Ich bin doch eigentlich schuld und du bist unschuldig.“
„Na und! Jesus hatte ja auch keine Schuld und ist für uns ans Kreuz gegangen.“
„Warum willst du allein Veras Schuld auf dich nehmen?“ warf Viktor überraschend ein. „Ich will es vielleicht auch.“
„Nicht du, ich war es, der nicht auf Mama gehört hat“, antwortete Michael bestimmt.
Doch Viktor wollte auch gern seinem Schwesterchen helfen und so verteidigte er sich weiter: „Jesus hatte auch nicht Böses getan. Er nahm einfach die Sünden aller Menschen auf sich. So war es.
Vera, ich möchte auch deine Schuld mittragen.“
„Ja willst du denn lügen?!“ Michael wurde unruhig.
„Papa wird fragen, ,Wer hat die Vase zerschlagen?` , und was wirst du antworten?“
Daran hatte Viktor gar nicht gedacht. Es schien, dass es doch nicht so einfach war, die Schuld eines anderen auf sich zu nehmen.
„Und was wirst du sagen?“ wiederholte er fragend.
„Ich sage, dass ich schuld bin. Ich habe ja tatsächlich nicht auf Mama gehört. Und Vera soll dann einfach schweigen“, meinte Michael.
Vera hörte dem Gespräch aufmerksam zu und weinte nicht mehr. In ihrem Herzen gab es einen schweren Kampf. Alles bekennen – davor hatte sie Angst, aber schweigen – das gleicht einer Lüge.
„Nein, ich erzähle alles so wie es war“, entschloss sie sich. „Ich habe den Tisch angestoßen, dass die Vase herunterfiel und…“
In diesem Moment klopfen die Eltern an die Haustür. Michael öffnete und ging zurück ins Wohnzimmer, wo Viktor, Waldemar und Vera verwirrt saßen.
Papa und Mama wunderten sich über die ungewöhnliche Stille im Haus. Sie folgten Michael.
„Warum seid ihr alle so bedrückt?“ lächelte der Vater.
Die Kinder schwiegen.
„Ist etwas passiert?“ fragte die Mutter beunruhigt.
„Wir haben die Vase zerschlagen…“, gab Michael zu, „ich bin schuld, weil…“
„Nein, Papa, ich bin schuld!“ unterbrach Vera ihn.
„Michael, erkläre bitte, wie es dazu kam und wer tatsächlich Schuld hat“, forderte der Vater ihn auf.
Michael musste nun alles erzählen, wie sie „Blinde Kuh“ gespielt hatten und wie die Vase dabei entzwei ging.
„Verzeih mir, Mama, dass ich nicht auf dich gehört habe…“, sagte er.
Der Vater stand auf und ging eine Weile im Zimmer hin und her. Fragend schwiegen die Kinder, denn sie sahen beim Vater einen gütigen Gesichtsausdruck. Mit einem mal war ihnen klar, dass heute keiner bestraft würde.
Der Vater konnte seine Kinder einfach nicht wieder erkennen. Gewöhnlich, wenn etwas passiert war, versuchte einer dem anderen die Schuld zuzuschieben, und es war meist schwer herauszufinden, wer tatsächlich der Schuldige war. Aber heute war es ganz anders. Eine langersehnte Veränderung war bei den Kindern eingetreten.
„Natürlich ist es sehr schade um die schöne Vase“, sagte der Vater, jedes Wort wählend, „aber für Mama und mich ist es noch wichtiger, dass ihr nicht lügt und die Schuld dem anderen in die Schuhe schiebt. Es wäre schön, wenn ihr immer so handeln würdet.“

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