Archive for März, 2008

Mrz 29 2008

Der ältere Bruder

Geschrieben von under Kindergeschichten

Der ältere Bruder, eine christliche Kindergeschichte

Im Frühling hatte Daniel Geburtstag und wurde 11 Jahre. Er hatte einen älteren Bruder namens Andreas. Daniel hatte seinen Bruder sehr lieb und versuchte ihm, alles nachzuahmen. Oft reparierten sie gemeinsam etwas in der Werkstatt. Abends lasen sie zusammen die Bibel und unterhielten sich über das Gelesene. Andreas verstand seinen Bruder sehr gut und Daniel vertraute ihm, wie einem Freund, alle Geheimnisse und Träume an.
Eines Samstags fragte Daniel Andreas, ob er ihm sein Fahrrad ausleihen könnte. Als Andreas ihm das erlaubte, schwang Daniel sich bald aufs Fahrrad und winkte Andreas zum Abschied. Er wollte in die Stadt fahren. Aber dieses Mal war es keine glückliche Fahrradtour, denn an der Straßenecke stand eine Gruppe Jungen, die ihm den Weg versperrten!
„Gib mal! Ich will mal ausprobieren’” „Halt an!”
“Das ist ja ein neues Fahrrad!”
Von allen Seiten hörte man Rufe. Aber das war noch nicht alles. Plötzlich sprang jemand mit voller Wucht auf den Gepäckträger, so, dass Daniel gezwungen war, anzuhalten. Die Jungen waren ihm fremd, deshalb wollte er ihnen das Fahrrad auch nicht geben.
“Hörst du etwa nicht? Gib mir dein, Pferd’!”, befahl einer der Jungen, der ein bisschen älter und größer war als Daniel. Er packte ihn am Arm und zerrte ihn zur Seite.
“Das Fahrrad gehört nicht mir!”, protestierte Daniel. Aber ehe er zu Ende reden konnte, traf ihn eine Faust im Rücken. Daniel schrie vor Schmerzen auf. Zurückschlagen wollte er aber nicht. Die Jungen rissen ihm das Fahrrad aus den Händen, und einer von Ihnen fuhr sofort los und verschwand hinter der Ecke.
Als die anderen sahen, dass Daniel sich nicht wehrte, warfen sie ihn auf die Erde und fingen an, auf ihn loszuschlagen.
“An-d-r-e-a-s!”, schrie Daniel mit lauter Stimme und versuchte, sich von seinen Peinigern loszureißen.
Plötzlich fragte einer der Jungen ganz erstaunt:
“Wer ist Andreas eigentlich?”
“Das ist mein älterer Bruder. Ich werde ihm alles erzählen, denn das Fahrrad gehört nämlich ihm!”
Dann fing er noch lauter an zu schreien: “A-n-d-r-e-a-s!” Von irgendwo hörte man ein Geräusch eines näher kommenden Autos. Plötzlich sprangen alle Jungen auf und liefen in verschiedene Richtungen davon.
Jetzt kam auch der Junge mit dem Fahrrad um die Ecke gefahren. Als er seine Freunde weglaufen sah, ließ er das Fahrrad fallen und machte sich auch aus dem Staub.
Daniel sprang auf, trocknete schnell die Tränen, hob das Fahrrad auf, biss seine zerschlagenen Lippen zusammen und fuhr nach Hause. Als Andreas den aufgeregten Daniel sah, fragte er erstaunt:
“Warum bist du so schnell zurückgekommen? Ist etwas passiert?”
“Mich haben mehrere Jungen gehauen”, erzählte Daniel schluchzend von der unglücklichen Fahrradtour.
“Hör auf zu weinen, das bringt dich auch nicht weiter” I sagte Andreas liebevoll und umarmte Daniel.
“Komm, setz dich auf die Bank.”
Vorsichtig schüttelte er den Staub von Daniels Kleidern ab, strich über sein zerzaustes Haar und sagte tröstend:
“Bald ist der Schmerz wieder vorbei, Brüderchen. Hab noch ein wenig Geduld: Es war sehr gut von dir, dass du nicht zurückgeschlagen hast.
Du hast heute so gehandelt, wie ich es in schweren Augen-
blicken tue.”
Daniel atmete tief durch und fragte erstaunt:
“Wirst du denn auch geschlagen?”
“Nein, mich schlägt niemand”, lächelte Andreas, “aber, wie alle Menschen, habe auch ich einen grausamen Feind – den Satan. Er geht hinter mir her wie ein brüllender Löwe und sucht, wo er mir Schaden antun kann, um mich zur Sünde oder zur Unwahrheit zu verleiten. Aber dann wende ich mich, wie auch du heute, an meinen älteren Bruder.”
“Irgend etwas hat er falsch gesagt”, dachte Daniel misstrauisch und zweifelnd fragte er:
“Hast du einen älteren Bruder? Ist das etwa Papa?”
“Nein, mein älterer Bruder ist nicht Papa, sondern Jesus
Christus. ”
Erstaunt sah Daniel Andreas an.
“Bringe mir mal die Bibel!”, bat Andreas.
Daniel lief ins Haus und kam nach kurzer Zeit mit der Bibel zurück.
“Schlag mal bitte Markus 3 auf und lies den letzten Vers”, sagte Andreas.
Ohne Anstrengung fand Daniel die gesuchte Stelle und las:
“Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.”
“Das hat Jesus selber gesagt. Und genauso wie die Jungen weggelaufen sind, weil sie vor deinem älteren Bruder Angst hatten, so flieht auch der Satan, weil Christus stärker ist als er.
Jesus Christus als älteren Bruder zu haben, ist der größte Schatz im Leben und in der Zukunft. Du hast mich gerufen, aber ich hörte dich nicht, weil ich zu weit weg war. Der Heiland dagegen hört uns überall, weil Er ein allgegenwärtiger Gott ist.”
Zärtlich streichelte Andreas Daniels zerkratzte Hand und fragte dann:
“Hast du dir den Vers gemerkt?” Daniel nickte.
“Ich möchte gerne”, sagte Andreas, “dass Jesus auch dein ältester Bruder wird. Aber bevor du mit Ihm verwandt wirst, musst du deine Sünden vor Gott bekennen, und dann reinigt dich sein Blut von jeder Sünde und du wirst verwandt mit Ihm. Ein Bruder Jesu kann nur der sein, der alles macht, was Gott will. Und wenn du mich, Mama und Papa liebst, dann verdient Jesus noch größere Liebe. In Seiner Freundschaft mit dir und in Seiner Liebe wird Er dich nie enttäuschen, weil Er ein treuer Freund ist!”

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Mrz 20 2008

… und ihre Lampen verlöschen

Geschrieben von under Evangelisation

…und ihre Lampen verlöschen, ein christliches Anspiel zum Thema Evangelisation

Sprecher: „Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an.“

Jesus, der Sohn Gottes, erfuhr das Verstoßen werden von Anfang an seines irdischen Lebens. Es gab keinen Raum für ihn. Von denen, die nicht zum Volk Gottes gehören, ist ja auch nichts anderes zu erwarten, aber wie steht es mit seiner Gemeinde? Steht er da vielleicht draußen und ist das Problem Laodicäas aktueller denn je?

Hat die erschütternde Klage Jeremias über das Volk Gottes nicht auch heute noch, trotz vieler Gemeindeaktivitäten ihre traurige Berechtigung: „Sie haben ihr Angesicht härter gemacht als einen Fels, sie haben sich geweigert, umzukehren.“

Vor dem Hintergrund der Wiederkunft Christi hält diese Erzählung aus einer norwegischen Kleinstadt der Gemeinde Jesu einen Spiegel vor!

Der Gottesdienst in der „Gottesgemeinde“ war zu Ende und die Möglichkeiten für Zeugnisse wurden gegeben, als sich der Bootsbauer Alexander Lyngeid mit ruhigen Schritten nach vorn bewegte. In der Hand hielt er die aufgeschlagene Bibel. Ein paar Männer mittleren Alters bewegten sich unruhig auf ihren Plätzen, als wollten sie hinausgehen; doch irgendetwas hielt sie fest. Andere beugten sich nach vorn und verfolgten jeden Schritt des Mannes mit gespanntem Blick. Die Ältesten auf ihren erhöhten Plätzen sahen sich ratlos an; aber da nickte Pastor Björnas als wolle er sagen: „Lasst ihn nur reden!“

Lyngeid: „Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an!“ Kann man sich so etwas denken, dass es irgendwo einen Raum gibt, der Jesus verschlossen bleibt? Dabei soll er doch drinnen sein und das Menschenherz völlig ausfüllen, so das kein Raum für andere Dinge überbleibt! Aber warum steht er draußen? Warum fand er keinen Raum als er zum ersten Mal auf diese Erde kam? Es geschah nicht aus Bosheit, das sie ihn in den Stall wiesen. Nun die Herberge war eben voll belegt. Sie hatten tatsächlich keinen Platz mehr. Wie kam es, dass er wieder hinaus muss aus dem Herzen, wo er einmal drin war? Er wurde hinausgedrängt. Das Herz hat seinen Platz anderen Dingen eingeräumt.

Sprecher: Augenblicklich nahmen die Höhrer Stellung zu dem was gesagt wurde. Der ganz vorne sitzende Großhändler Andreas Mobekk lehnte sich betont gleichgültig weit nach hinten. Es war schon Jahre her, seit er und seine Frau sich bekehrt hatten. Die Leute dieser kleinen Stadt hielten ihn für sehr reich. Er war hinreichen klug, um Geld zu verdienen, in dieser Hinsicht sogar ein wenig zu klug. Er verfügte auch über genug Herzensgüte, um wenigstens sich und seinen Leuten ein gutes Leben nicht zu versagen. Auf seinem Gesicht war Ablehnung zu lesen, als wollte er dem Stachel wehren, den er in sein Gewissen eindringen fühlte. Neben ihm saß seine Mutter – eine offenherzige alte Frau, die einen lebendigen Glauben besaß.

Lyngeid: Was hat aber nun den Platz angenommen? Eine heimliche Sünde? Ehrgeiz? Dein Geschäft? Ein anderer Mensch?

Sprecher: Hinter Mobekk saß Stian Röst, der Büroangestellte der Firma „Andreas Mobekk“, der dem Redner jedes Wort begierig abnahm. Er war 30 Jahre alt und schon länger verlobt. Er hätte schon länger verheiratet sein können, aber wie sollte er mit seinem Gehalt eine Familie ernähren? Um etwas zu erübrigen, hatte er sich seit vielen Jahren nicht mehr richtig satt gegessen. Doch er sehnte sich nach einem eigenem Heim.

Lyngeid: Das Herz ist mit eigenem Christentum ausgefüllt, Christus selber steht aber draußen! Begreift ihr das? Meine Freunde, es ist ein schlechter Tausch, den lebendigen Herrn Jesus Christus hinzugeben für ein totes Christentum! Ich frage mich, ob nicht die Gemeinde hier drinnen sitzt, während Jesus draußen steht.

Sprecher: Mit einem Ruck wechselte der Pastor die Haltung.

Björnas: Du, Bernd, mir scheint, er wird etwas weitschweifig.

Bernd: Nein, lass ihn nur ruhig weiter reden.

Lyngeid: Wir sind eine große Gemeinde – die größte in dieser Stadt, was wir ja nicht ohne Stolz hervorzuheben pflegen. Wir haben immer das Größte von allem: die größte und schönste Kirche, die größte Orgel, den größten Kindergottesdienst. Wir haben auch von allem das Beste: die besten Prediger, die beste Kirchenordnung. Unsere Lehren reihen sich logisch aneinander, und das ist auch gut so. Aber welchen Platz nimmt Jesus mit seinem Leben und mit seiner Liebe in dem Ganzen ein? Was sagt er dazu? Vielleicht ein schmerzliches, hilfloses „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; ich stehe draußen.“?
Wir machen uns gegenseitig Konkurrenz wie im Geschäftsleben. Der christliche Betrieb nimmt unsere Gemeinden gefangen. Wo ist bei alledem noch Raum für Jesus? Sind wir eine „Gottesgemeinde“ ohne Gott? Steht…

Sprecher: Eine Stimme fing an zu singen. Einige zuckten zusammen, und blickten sich um; allmählich sangen dann alle mit. Lyngeid begab sich traurig auf seinen Platz.

Musik

Lina: Waren viele Leute in der Kirche, Mutter?

Mutter: (traurig) Ja, an Leuten fehlte es nicht.

Lina: (erstaunt) An Leuten fehlte es nicht? Woran denn dann?

Sprecher: In diesem Moment trat Mobekk ins Zimmer.

Mobekk: (aufgeregt) So ein Besserwisser!

Lina: Kann mir bitte einer sagen was los ist?

Mobekk: Ja doch Lina. Da war dieser Bootsbauer. Er redetet davon, dass Jesus überall draußen stünde – vor den Türen der Gemeinde, der Herzen, der Häuser und…

Mutter: (unterbricht) … der Geschäfte.

Mobekk: Von Geschäften verstehst du nichts, Mutter. Der Bootsbauer versteht auch nichts davon. So ein Unsinn! Man muss doch Christenleben und Geschäft auseinander halten!

Mutter: Das geht nicht, Andreas! Das gerade wollte der Bootsbauer doch sagen.

Lina: Na – und wie ging es weiter?

Mobekk: Nun, wir haben ihn niedergesungen.

Lina: (erschrocken) Niedergesungen habt ihr ihn?

Mobekk: Ja, – denn sonst würde er wahrscheinlich immer noch reden! So muss man das machen! Ich muss schon sagen, – das war…

Mutter: (unterbricht) … schändlich! Und wie schändlich das war.

Sprecher: Andreas Mobekk und seine Frau schüttelten nur den Kopf über die alte Mutter und bald hatten sie den Bootsbauer vergessen. Vergessen die Worte von dem, der vor der Tür steht.

Akkord auf dem Klavier

Sprecher: Am selben Abend ging Stian Röst tief in Gedanken nach Hause. Was Lyngeid sagte, war wie ein Blitz in ihn und in die meisten jungen Leute gefahren. – In welche Hektik waren sie doch alle geraten. Jeden Abend gab es irgendetwas zu tun: Bibelstunden, Vorträge, Männerabende, Arbeitsbesprechungen für Sonderveranstaltungen, wer gut singen konnte fand Aufnahme im Kirchenchor und hatte bei jeder Probe anwesend zu sein. Man war kaum noch zu Hause. Jeder wurde zur Mitarbeit herangezogen. Dabei übersah man in christlicher Liebe die unchristlichen Schatten im Alltagsleben der lieben Brüder und Schwestern, seien sie nun Mitglieder oder noch nicht. Das ganze glich einer Wüste, über die der Ruf des Bootsbauers einsam und verlassen verhallte. Dann wurde der Ruf mit Gesang erstickt. Sie hätten alle miteinander weinen sollen – doch sie sangen.

Das Niedersingen der Gemeinde hatte den Bootsbauer Lyngeid tief verwundet. Aber es half einem über vieles hinweg wenn man eine liebevolle Ehefrau und Kinder hatte, und vor allem wusste Lyngeid, das hinter jeder Wolkenbank Sterne leuchten – auch hinter den dunkelsten. Ein Freudenstrahl drang zu ihm hindurch als sein Lehrling Sascha zu ihm kam.

Sascha: Ich komme zu dir wegen der Sache mit der Tür…

Lyngeid: Hast du sie denn nicht zugemacht?

Sascha: Nein, ich meine nicht die Tür der Werkstatt. Ich meine das, was du am vergangenen Sonntag sagtest.

Lyngeid: Und jetzt Sascha?

Sascha: Ich fürchte das er bei mir draußen steht.

Lyngeid: Klopft er an?

Sascha: Ja, das tut er schon lange.

Lyngeid: Dann musst du ihn einlassen.

Sascha: Das ist es ja gerade – ich weiß nicht wie ich es machen soll.

Sprecher: Die beiden setzten sich hin und beteten miteinander. An diesem Tag übergab Sascha sein Leben dem Herrn Jesus.
Sie hatte gerade zu Ende gebetet als Lyngeids Tochter hereinkam.

Doris: Papa, du sollst bitte sofort rein kommen, Pastor Björnas und Bernd warten auf dich.

Sprecher: Die Freude über Saschas Bekehrung lag noch auf Lyngeids Gesicht, als er in die Wohnstube trat, wo die beiden Männer auf ihn warteten.

Björnas: Hm – tja, wir kommen wegen des Vorfalls am Sonntag. Ich kann nicht billigen, dass du so sprichst.

Lyngeid: Und das ich niedergesungen wurde?

Björnas: (heftig) Das hattest du nicht anders verdient!
(ruhiger) Du musst aufhören, die Gemeinde fortwährend zu provozieren! Du lehrst ein Christentum, das sich in unserer Zeit nicht verwirklichen lässt! Du treibst Gottes Wort auf die Spitze und stiftest Unruhen in unseren Reihen.

Lyngeid: Ist denn Gottes Wort so gefährlich?

Björnas: Du wendest Gottes Wort auf die Kleidung der Menschen an, auf ihr Essen, ihren Umgang und ihre Geschäfte…

Lyngeid: (unterbrechend) …und ihre Bekehrung.

Björnas: Richtig! Und die Folge davon ist, dass viele unsrer jungen Gemeindeglieder beunruhigt werden.

Lyngeid: (erfreut) Werden sie das wirklich?

Björnas: (streng) Du tätest besser daran dich nicht darüber zu freuen. Du verärgerst die Leute und beschwerst das Gewissen. Du gefährdest sie…

Lyngeid: Es gibt keine größere Gefahr als die der Vermischung.

Björnas: Das sind Theorien die du am besten für dich behältst! Verschiedene Gemeindeglieder haben mir schon zu verstehen gegeben, dass sie sich zurückziehen wollen, wenn sie nicht in Ruhe gelassen werden. Und das können wir uns nicht leisten.

Lyngeid: Es handelt sich wohl um reiche Leute?

Björnas: Hm – ja, ich kann es ruhig sagen. Andreas Mobekk ist ziemlich erregt. Es wäre ja nicht gerade schön, wenn er aufhörte sein…

Lyngeid: Korban zu entrichten.

Björnas: Korban?

Lyngeid: Man sagt doch Korban, wenn ein Sohn seinen Eltern etwas vorenthielt und es stattdessen Gott gab.

Björnas: Was hat das denn mit Mobekk zu tun?

Lyngeid: Nun, er gibt Gott, und das sehr öffentlich, damit es auch alle wissen, das was er seinen Arbeitern an Lohn abzieht.

Musik

Sprecher: Pastor Björnas hatte immer ein Auge für die Bedeutung der Erweckung gehabt. Sie mussten dann und wann sein, wenn ein Gemeindeleben blühen sollte. Deshalb hielt er ständig Ausschau nach Erweckungspredigern. Das war auch das Thema der heutigen Gemeindeversammlung.

Björnas: Und nun haben wir noch einen Punkt. Und zwar handelt es sich um eine Reihe von Erweckungsveranstaltungen. Der Vorstand hat beschlossen der Gemeinde vorzuschlagen, dass wir Pastor Ling einladen, einen Monat bei uns zu evangelisieren. Bitte äußert eure Meinung.

Sprecher: Die meisten waren mit dem Vorschlag einverstanden.

Björnas: Das heißt nun für uns: alle Kräfte mobilisieren – Kirchenchor, Orchester, Werbung, Gebetsgemeinschaft. Ein jeder soll einmal alles andere beiseite stellen und mitmachen. Die Jugend soll in Bewegung gesetzt werden.

Lyngeid: Nur ein paar Worte! – Vor einiger Zeit besuchte uns ein Bruder und predigte uns das Evangelium – ein einfacher schlichter Mann. Ich meine den Evangelisten Elvegard. Seinen Evangelisationsversammlungen gingen weder musikalische oder gesangliche Darbietungen, noch Gebetgemeinschaften voraus. Wir stellten nichts beiseite, um ihn anzuhören. Mutlos und arm reiste er wieder von uns. Wir hätten ihn einsetzten sollen, denn er brauchte Hilfe. Dieser Ling…

Mobekk: Wir verlieren uns hier doch wohl zu sehr in Dingen, die hier nicht hingehören.

Björnas: Ja, wir müssen weiterkommen. Es ist also….

Bernd: Verzeihung! Wir tun Bruder Lyngeid Unrecht. Er soll seine Meinung äußern.

Björnas: (ungeduldig) Also bitte. Lyngeid…

Lyngeid: Ich wollte nur feststellen das wir unsere Hoffnungen auf Menschen setzten und nicht auf Gott. Das war alles.

Björnas: Es ist also beschlossen, dass wir Ling einen Monat zu uns bitten. Bleibt lediglich noch die Honorarfrage. Was wollen wir ihm geben?

Lyngeid: 200 Kronen!

Björnas: (genervt) Aber Lyngeid! So wenig können wir dem Mann doch nicht anbieten!

Lyngeid: Genauso viel hat auch Elvegard damals bekommen.

Mobekk: (aufgeregt) So ein Vergleich! Es gibt immerhin gewisse Unterschiede!

Lyngeid: Das wusste ich nicht! Vielleicht hat Ling eine größere Familie. Elvegard hatte eine Frau, fünf Kinder und eine alte Mutter zu versorgen.

Mobekk: (gereizt) Unterschiede in der Begabung meine ich.

Lyngeid: Aha! Die Begabung soll also honoriert werden?!

Mobekk: (böse) Was denn sonst??? Das macht man doch überall.

Lyngeid: Aber nicht in der „Gottesgemeinde“.

Mobekk: Wie macht man es denn da?

Lyngeid: „Umsonst habt ihr ‘s empfangen, umsonst gebt es auch.“ Der Prediger soll nach der Bedürftigkeit und nicht nach der Begabung belohnt werden.

Björnas: Wir wollen ein Lied singen ehe wir weitergehen.

Sprecher: Zum zweiten Mal wurde der Bootsbauer niedergesungen. Er beugte sein Haupt und sank langsam in sich zusammen, richtete sich aber sofort wieder auf, um laut und klar mitzusingen.

Björnas: Die Frage bleibt: wieviel…

Mobekk: 400 Kronen. Der Mann muss soviel bekommen, dass er während seiner Tätigkeit bei uns leben kann, ohne sich einzuschränken.

Björnas: Gut, es bleibt dann dabei. Jetzt müssen wir noch eine Angelegenheit regeln: Ist jemand bereit Bruder Ling bei sich aufzunehmen?

Sprecher: Jetzt machten sich einige Gemeindeglieder so klein wie möglich.

Dirigent: Leider geht es bei mir diesmal nicht.

Mobekk: Wir müssen ihm ein Hotelzimmer besorgen.

Björnas: Nein, das wirkt so kalt.

Lyngeid: Ich will ihn gerne aufnehmen. Er soll mir willkommen sein.

Musik

Sprecher: Pastor Ling hätte es woanders nicht besser haben können als bei Lyngeids. Die Familie umgab ihn mit einer frischen Freundlichkeit. Solch einen guten Geist hatte er noch nirgendwo verspürt.
Auch die Stimmung der Evangelisation war gleich von Anfang an derart, dass etwas geschehen musste. Der Ruhm war Ling voraus geeilt. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt.
Von dem Moment, wo Ling anfing zu predigen, hatte er die Gemeinde in seiner Gewalt. Nach dem Gebet und dem lauten Gesang hatte er seine Rede begonnen. Sie war ein Appell an den gesunden Menschenverstand, jedoch von rührenden Geschichten eingerahmt, so das die Leute fast Tränen vergossen.

Ling: Ich möchte mit der Aufforderung, sich für Jesus zu entscheiden, schließen. Ihr könnt das wenn ihr nur wollt. Hebt die Hand wenn ihr zu Jesus wollt.
Ist jemand der sich bekehren will? Tut es jetzt – jetzt – noch heute Abend! (Pause, dann monoton und eindringlich). Prüft euch ernstlich, junge Seelen! Denkt an die Ewigkeit! Willst du nicht Gott gehören? Entscheide dich jetzt! Ja, da heben einige die Hände. Noch jemand? (Pause) Wie ist es hier auf dieser Seite? Und auf der Empore? Denkt an den Tod! Die Zeit eilt dahin. Entscheide dich! Bedenke deine erhobene Hand wird dein ewiges Geschick entscheiden.
Für euch gilt es euren Entschluss festzuhalten. Gott segne euch.

Sprecher: So wurde die Gemeinde entlassen. Diejenigen, die ihre Hand gehoben hatten, waren in der Menge verschwunden. Niemand ging mit ihnen in die Seelsorge.
Pastor Ling stand noch ganz unter der Nachwirkung des Abends, als er bei Lyngeids etwas nervös von seinen Erfolgen berichtete.

Ling: Es war herrlich Bruder! 15 Seelen heute Abend! Gottes Gnade ist groß!

Lyngeid: Glaubst du, dass es auch 15 Seelen im Himmel waren?

Ling: Im Himmel?

Lyngeid: Ja, denke an den, der da oben zählt.

Sprecher: „Glaubst du, dass es auch 15 Seelen im Himmel waren?“ Diese Frage ließ den Evangelisten die ganze Nacht nicht mehr los. Jetzt ging ihm auf, dass man seine irdische Bahn vom Himmel aus verfolgte. Gott war ihm so nahe, und ihm war gar nicht wohl dabei.

Musik

Sprecher: Der Evangelist Ling war in vielen Dingen unsicher geworden und doch gingen die Versammlungen wie gewohnt weiter. An einem Abend wurde er tief erniedrigt. Bei Lyngeids saß man noch zum Abendessen zusammen. Doris, die Tochter, kam auch gerade von der Abendversammlung zurück.

Doris: (freudig) Mama, Papa, ich habe mich heute Abend bekehrt.

Lyngeid: Da freuen wir uns sehr Doris, aber erzähle doch mal wie es kam?

Doris: Nun Papa, kannst du dich an den Abend erinnern als du vom anklopfen sprachst? Seit damals klopfte Gott gewaltig an meine Herzenstür. Heute Abend war es der alte Schuhmacher. Er legte ein Zeugnis ab und las aus der Bibel: „Er hat uns alle geliebt und gewaschen von den Sünden mit seinem Blut.“ Und da habe ich es verstanden.

Lyngeid: Da sieht man es wieder – das Wort Gottes ist es das lebendig macht.

Sprecher: Ling wünschte allen eine Gute Nacht und ging in sein Zimmer. Er weinte und betete die ganze Nacht. Er, Pastor Ling, suchte die Ehre, eine Seele gerettet zu haben. Und Gott hatte einen alten Schuhmacher als sein Werkzeug gebraucht. Ling war erschreckt über seine große Verantwortung als Seelsorger. Bei der ersten Gelegenheit, als er mit Lyngeid allein war, fragte er:

Ling: Sage mir doch was an meiner Verkündigung falsch ist?

Lyngeid: Wenn ich dir jetzt antworte, so vergiss bitte nicht, das du mich darum gebeten hast.

Ling: Nein!

Lyngeid: Du betreibst religiöse Fabrikarbeit.

Ling: Und was fabriziere ich?

Lyngeid: Törichte Jungfrauen.

Ling: Mit dieser Antwort hast du eine große Verantwortung auf dich genommen. Jetzt musst du mir das auch erklären.

Lyngeid: Törichte Jungfrauen kennzeichnet dass sie Bekenntnisse ablegen, in denen kein Leben ist. Bekenntnisse können sich die Menschen selber zurecht machen. Leben kann nur Gott erwecken. Deine Verkündigung schafft wohl Bekenner, aber es wird aus ihr kein Mensch zum Leben erweckt.
Es ist nämlich kein Evangelium darin. Du gehst davon aus, dass der Mensch im Grunde genommen gar nicht so schlecht ist. Gott braucht nur das Gute in ihm zu veredeln, das heißt seinem Willen aufzuhelfen. – Bist du selber wiedergeboren?

Ling: (zögernd) Ja-a-a, (bestimmt) das will ich doch meinen.

Lyngeid: War es deine Willensanstrengung oder eine Tat Gottes?

Ling: Du redest doch Unsinn! Das ist doch beides vollkommen dasselbe. Gott stählte meinen Willen – das ist doch dann eine Tat Gottes.

Lyngeid: Geboren vom Willen eines Mannes. -
Jetzt verstehe ich jedenfalls besser als zuvor, wie deine Fabrikation abläuft. Du kratzt die letzten Reste des menschlichen Ichs zusammen, gibst dem Schrotthaufen einen geistlichen Anstrich und so entsteht religiöses Leben im alten Menschen. Aber Gott will nicht den guten Willen eines Menschen. Denn der Wille des Menschen ist böse, er ist verloren. Erst dann, wenn der Mensch unter dem Druck des Heiligen Geistes kraftlos wird, kann Gott ihm mit seiner Kraft begegnen und neues Leben schaffen. Ach Ling.- Du hast dem Menschen viele Anregungen gegeben – Anregungen für den alten Menschen; aber du hast es versäumt, ihnen das Wort Gottes zu predigen.

Ling: Ich bin in die Tiefe gestoßen. Gott helfe mir. Ich halte heute Abend hier meinen letzten Gottesdienst. Ich muss nach Hause, um erst einmal mit mir selber ins Reine zu kommen.

Sprecher: An diesem Abend entschuldigte sich Ling bei den Ältesten der Gemeinde und reiste ab. Damit war die Erweckung zu Ende. Eine Schar neuer Gemeindeglieder besuchte zwar die Gottesdienste, aber doch mit dem sicheren Anzeichen, dass sie wieder entgleiten würden. Ihre menschliche Kraft begann zu erschöpfen. Aber Pastor Björnas verstand es meisterhaft sie, durch allerlei Beschäftigungen, an die Kirche zu binden.

Musik

Sprecher: Es war an einem der ersten Tage im April als die Lyngeids Nachricht von Pastor Ling bekamen. Pastor Ling schrieb, dass er jetzt Frieden mit Gott im Herzen habe.
Außerdem kündigte an, das er zu einer neuen Evangelisation kommen würde um seine Fehler mit Gottes Gnade wieder gut zu machen.
Während sich die Lyngeids von Herzen über Gottes Werk freuten, war bei Mobekks gespannte Stimmung. Im Osten stand eine schwarze Wolkenwand, die sich langsam immer höher hinaufschob. Die Luft hatte einen schwefelgelben Farbton angenommen.

Mobekk: Wie dunkel es wird!

Sprecher: Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wie ein Protest gegen seine Worte zuckte draußen ein Blitz. Sein Wiederschein ließ die entsetzten Gesichter Mobekks und seiner Frau aufleuchten. Nur die alte Mutter Mobekk saß ruhig auf ihrem Platz. Da krachte es schmetternd in der Nähe, als ob der Himmel abstürzen wolle. Mobekk war schon immer etwas ängstlich bei Gewitter, aber jetzt schien es ihm als ginge die Welt unter.

Mobekk: Wir leben in einer ernsten Zeit. Man spricht von der Wiederkunft unseres Herrn. Es ist gut wenn man bereit ist.

Lina: (ängstlich) O Andreas, glaubst du das Jesus wiederkommt?

Mobekk: Ich weiß es nicht. Es sieht bedenklich aus. Ich mache mir Gedanken. Bin vielleicht doch ein wenig geizig gegen meine Angestellten gewesen. Muss noch überlegen ob ich nicht dem ganzen Personal mehr Lohn gebe.

Lina: (aufgeregt) Mutter, hast du es gehört? Jesus kommt wahrscheinlich wieder.

Mutter: (freudig) Das wäre schön!

Lina: (entsetzt) Aber Mutter! So etwas ernstes!
Nun lass doch auch mal das Stricken, dann lesen wir schnell etwas in der Bibel.

Mutter: Aber ich muss mit diesen Strümpfen fertigwerden.

Lina: Aber denke doch, wenn Jesus nun kommt?

Mutter: Dann findet er mich bei der Arbeit, Lina. Ich werde ihm die Hände entgegenstrecken und sagen: Hier bin ich, Herr Jesus! Ich danke dir, das du gekommen bist.

Lina: (entsetzt) Aber Mutter!

Mutter: Nun Lina, wer zu ihm gehört, freut sich auf sein Kommen.

Mobekk: Aber wir gehören doch auch zu ihm.

Mutter: Nein, leider seid ihr nicht sein.

Mobekk: Ich muss schon sagen, du bist mir ja eine schöne Mutter.

Mutter: Ihr solltet euch bemühen, den Frieden Gottes zu gewinnen, solange noch Zeit ist. Sonst bleibt ihr vor der Tür des Hochzeitssaales stehen, wie die törichten Jungfrauen, die kein Öl in ihren Lampen hatten.

Musik

Bernd: Ich habe nicht gedacht, dass es so ernst mit unserer Gemeinde steht! Aber was tun? Austreten?

Lyngeid: Austreten sollten eigentlich die Gottlosen.

Bernd: Aber das tun die ja doch nicht!

Lyngeid: Und darum hat Gott geboten, dass man sie hinaus tun soll.

Bernd: Das klingt so hart.

Lyngeid: Die Gemeinde will freundlicher sein als Gott. Aber Gott hat uns die Gemeindezucht als Heilmittel gegeben, um die Gemeinde gesund zu erhalten und zu bewahren. Dadurch sollen Seelen nicht abgestoßen, sondern gerettet werden. Eine Gemeinde, die die Sünde duldet, geht zugrunde.

Bernd: Aber wir haben doch Gemeindezucht.

Lyngeid: Auf dem Papier, ja! Aber was ist das Ergebnis? Ungehindert sind wissentliche Sünden im Gange. Die Weltlichkeit und das Namenschristentum greifen im schnellen Tempo um sich.

Akkord

Sprecher: Im Herbst sollte das 50 – jährige Jubiläum der Gemeinde gefeiert werden. In Verbindung damit sollten große Feierlichkeiten stattfinden, vorbereitet von vielen Händen. Die Sänger sollten ein großes Gesangstück Bachs, eine Kantate, einüben und dann vortragen. Als die Vorbereitungen im vollen Gange waren, kam die Ankündigung das Pastor Ling wieder in die Gemeinde käme.
Diesmal predigte er anders:

Ling: Gott kennt nur zwei Völker. Mir aber scheint es, als wären es drei. Zu der dritten Völkergruppe gehören die, welche zwischen den anderen beiden stehen möchten. Die „Hinkenden“. Die „Religiösen“. Die christlich oder halbchristlich leben, ohne wiedergeboren zu sein. Die, welche an der christlichen Arbeit teilhaben, ohne geistliches Leben zu besitzen. Die törichten Jungfrauen.

Sprecher: Jetzt wurden die Versammlungen weniger besucht, solche Worte wollte keiner hören.
Eines Abend besuchte Pastor Ling den Bootsbauer Lyngeid und sie unterhielten sich als Doris das Gespräch unterbrach:

Doris: Der Chor droht auseinandezubrechen.

Anna: Jetzt, wo das Fest vor der Tür steht?

Doris: Es gab ein Durcheinander ohnegleichen. Eine Anzahl Mitglieder will nicht mehr mitmachen.

Lyngeid: Und warum nicht?

Doris: Sie sagen, sie haben es satt, sich in jeder Versammlung ausschimpfen zu lassen. Sie würden mit den törichten Jungfrauen verglichen. Da könnten sie nun ebensogut Schluss machen, um kein Ärgernis mehr zu erregen.

Lyngeid: Und wie ging es weiter, Doris?

Doris: Der Dirigent hatte große Schwierigkeiten bis er die Gemüter beruhigt hatte. Der Ling würde ja bald abreisen und dann würde alles wieder ins alte Gleis kommen. Und nun müsse man vernünftig sein um alle Kraft für die Kantate einzusetzen. Kaum hatten sich die meisten wieder beruhigt, brachte Sascha alles wieder durcheinander. Er fragte, ob es nicht die beste Lösung sei, wenn sich alle zu Gott bekehrten. Und da weinten ein paar Frauen vor Wut los.

Anna: Und wie ging die Sache aus?

Doris: Man einigte sich, das Problem bis nach dem Fest ruhen zu lassen. Dann wolle man zusammenkommen und…

Ling: (unterbrechend) …sich bekehren?

Doris: Ich bin nicht sicher, ob sie das dachten.

Lyngeid: (nachdenklich) Sonderbar, wie ihnen dieses Fest zu schaffen macht! Es sieht so aus, als ob alles wichtige aufgeschoben wird, bis es vorbei ist.

Sprecher: Es stimmte in der „Gottesgemeinde“ gärte es. Lyngeid verglich diesen Zustand mit dem Grollen eines Vulkans vor dem Ausbruch.
Eines Abends kam Stian Röst bei Lyngeid vorbei. Er hatte geheiratet und war vor einigen Monaten Vater geworden, doch er war einsamer als je zuvor. Und während dieser ganzen Zeit wahrte er den Schein gegenüber der Kirche. Er fühlte die Leere in seinem sogenannten Christenleben, eine Leere die er durch verschiedene Unternehmungen füllen wollte. Unternehmungen, die oft hart an der Grenze des Schicklichen lagen.

Lyngeid: Geht es dir nicht gut? Bist du im Zweifel über dein Verhältnis zu Gott?

Röst: Nein, darüber bin ich im klaren. Ich gehöre zu den Gottlosen… und Verlorenen.

Lyngeid: Du kannst Erlösung finden.

Röst: Theoretisch weiß ich das auch. Aber in der Praxis geht das nicht. Ich habe bei Mobekk Geld unterschlagen und kann es nicht mehr lange verheimlichen. Die Fälschungen in den Büchern sind plump, wie ich jetzt merke. Und die Sache mit Gott und seinem Gericht macht mir zu schaffen. Was soll ich bloß tun?

Lyngeid: Das ist eine ernste Sache. Geh doch zu Mobekk und sag ihm alles.

Röst: Der stell mich doch vor das Gericht.

Sprecher: Röst brach plötzlich zusammen. Lyngeid redetet auf ihm ein und bot Stian Röst an mit ihm zusammen zu Mobekk zu gehen.

Lyngeid: Wann wollen wir gehen?

Röst: Mir kann es gleich sein. Meinetwegen schon morgen früh. Aber es wäre mir unangenehm wenn Mobekk einen Skandal daraus machen würde, jetzt vor dem großen Jubiläumsfest. Vielleicht wollen wir doch abwarten bis es vorbei ist.

Lyngeid: Ich halte das Aufschieben allerdings für gefährlich.

Musik

Sprecher: Der große Tag war gekommen: Das 50 – jährige Jubiläum der Gemeinde. Die Kirche war überfüllt mit festlich gekleideten Menschen, Sänger und Instrumente füllten die Bühne.
Festmarsch eröffnete die Versammlung und nach einem kurzen Gebet gab Pastor Björnas einen Überblick über die innere Entwicklung der Kirche. Mit vollen Händen streute er Weihrauch um die Gemeinde und deren Arbeitskreise. Aber je mehr Räucherwerk er verbrannte, umso stärker wurde der Duft um seine eigene Person.
Danach gab der Vorsitzende nun allen Vereinigungen und Arbeitskreisen der Gemeinde die gebührende Ehre. Es war ein wohlbedachter Effekt, das er den Kirchenchor zuletzt nannte: denn als er seine Ausführungen beendet hatte, erhob sich verabredungsgemäß der ganze Chor. Nun sollte die Kantate aufgeführt werden. Der Dirigent hatte seinen Platz eingenommen.

Er gab den Ton an. (deutliche Pause)
Der Chor wartete gespannt. (Pause)

Aber da – - – (Pause) der Chor gab keinen Laut von sich. Über die Hälfte des Chores war nicht mehr da. Die Stille des Augenblicks war furchtbar. Sie war erdrückend! -
Aber nur kurz, dann schrie der Dirigent:

Dirigent: (entsetzt und voller Angst) Wir sind verloren!!!

Sprecher: Stian zeigte in die Kirche hinunter mit zitternden Fingern:

Röst: (zitternd) Seht sie euch an – die törichten Jungfrauen!

Sprecher: Im Saal lachte jemand markerschütternd auf. Und Lina rief ängstlich:

Lina: Lyngeid, Lyngeid?!? Bist du da???

Sprecher: Doch da war keine Antwort. Und nirgendwo war noch ein Kind zu sehen.

Akkord

laut und deutlich

(Sofort nach „sehen“, keine Pause)

dann leise, während dem Sprecher, weiterspielen

Sprecher: Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
Denn wie es in den Tagen Noahs war, so wird auch sein das Kommen des Menschensohnes.
Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie heirateten und ließen sich heiraten bis an den Tag, an dem Noah in die Arche hineinging;
und sie beachteten es nicht, bis die Sintflut kam und raffte sie alle dahin -, so wird es auch sein beim Kommen des Menschensohnes.
Dann werden zwei auf dem Felde sein; der eine wird angenommen, der eine wird preisgegeben.
Zwei werden mahlen mit der Mühle; die eine wird angenommen, die andere wird preisgegeben.

Matthäus 24; 37 – 42

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Mrz 18 2008

Das Lied der Mutter

Geschrieben von under Muttertag

Das Lied der Mutter, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 6 Personen

Sprecher: Es war im Jahre 1756. In dem einfachen Bauernhaus der Familie Hartmann, die sich im Staat Pennsylvania, in Amerika, angesiedelt hatte, war Feierabend nach des Tages Arbeit auf dem Felde. Mutter Hartmann hatte die Öllampe auf den Esstisch gestellt. Regina und Bärbel, die mit ihren 9 und 7 Jahren schon brav zur Hand gingen, deckten den Tisch, während die Brüder, Martin und Peter, Holzscheite neben dem eisernen Herd in der Küche aufstapelten.

Martin: Schau nur, Mutti, wie viel wir heute geschafft haben!

Mutter: Sehr gut, mein Junge. Wir freuen uns über eure fleißige Hilfe.

Sprecher: Der Vater berichtete von seinen Erlebnissen in Wald und Feld und von Gesprächen, die er mit andern Siedlern hatte. Da die Siedlungen weit auseinander lagen, kam es nicht oft vor, dass Familien zusammenkommen konnten. Es war ein einsames hartes Leben, das diese deutschen Bauern in der neuen Heimat lebten; trotzdem sahen sie vertrauensvoll in die Zukunft.

Vater: Es ist so still und heimelig. Man möchte es nicht glauben, was die Leute von den anderen Siedlungen erzählen… Die Indianer sind immer noch feindlich gesinnt. Man kann nie wissen, wann sie die Wohnstätten der Weißen überfallen, die Einwohner morden, Höfe anzünden und Kinder als Sklaven fortführen…

Mutter: Vater, als wir die Heimat verließen und von Reutlingen und Tübingen Abschied nahmen, wussten wir, dass es nicht leicht sein würde. Wir haben von Indianerüberfällen und Kriegen zwischen Engländern und Franzosen gehört. Trotzdem haben wir den Schritt gewagt. Nun lass uns nicht mutlos werden. Unser Leben steht in Gottes Hand – komme was mag!

Vater: Du hast recht, Mutter, komme was mag! Darin ist auch das Leid erhalten. Das Gespräch mit den andern Siedlern hat mich heute unruhig gemacht.

Sprecher: Die Kinder waren mit ihren kleinen Aufgaben fertig. Erwartungsvoll, mit gefalteten Händen, stand die Familie um den gedeckten Tisch. Der Hausherr betete mit seiner ruhigen tiefen Stimme:

Vater: Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du tust deine Hand auf und erfühlest alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Amen. (stimmen alle mit ein und setzen sich)

Sprecher: Nach der Mahlzeit halfen die Kinder schnell mit dem Geschirr, um alles für den morgigen Tag zu richten, während der Vater noch schnell alle Stallungen und Schuppen nachsah, ob auch alle Türen verschlossen und das Vieh versorgt sei. Dann kehrte er in sein trauliches Haus zurück, um an der Abendstunde teilzunehmen, auf die sich die ganze Familie freute. Es war alles in eine feststehende Ordnung eingefügt, daran durfte nichts geändert werden: Erst lasen die Jungs eine Geschichte aus dem Alten Testament, dann die Mädchen aus den Evangelien. Es gab ja keine Schule, zu der sie hätten gehen können, so diente die dicke Familienbibel als Lesebuch. Wie liebten sie diese Erzählungen aus uralter Zeit und aus dem Leben Jesu. Die Mutti konnte die Fragen so gut beantworten und alles so schön erklären. Mit Leichtigkeit lernten sie die 10 Gebote und das Glaubensbekenntnis und freuten sich, wenn der Vater sie lobte. Doch das Schönste war das Singen. Erst waren es lustige Volkslieder, dann Lieder aus dem Gesangbuch, das die Eltern zur Hochzeit bekommen hatten.

Lied

Sprecher: Als Zeichen, dass diese abendliche Familienstunde zu Ende gekommen war, sang der Vater: ,,Leise kommt der Abend, die Kinder schlafen gehen…“ Und die Kinder wussten: es hilft kein Bitten oder Betteln, Schluss ist Schluss! Nun begab sich eines nach dem andern in Küche, wo der Zuber mit kaltem Brunnenwasser bereitstand für das abendliche Bad. Nach dem Waschen schlüpften sie dann unter die Federbetten. Wenn sie dann eng aneinander geschmiegt zu zweit in den schmalen Betten lagen, kam die Mutti noch einmal herein, um mit ihnen zu beten. Vater stand an die Tür gelehnt, so dass sie wieder als Familie vor den Vater im Himmel traten.
Doch das war nicht der Abschluss. Nein, dass was für Regina das Allerschönste war, kam erst jetzt: Mutter sang das Abendlied, das Lied, das für sie von Bedeutung werden sollte, das Lied, das sie immer in ihrem Herzen tragen würde. Die Mutter sang es allein mit ihrer reinen, hellen Stimme:

Mutter: (singt) ,,Müde bin ich, geh zur Ruh…“

Sprecher: Wenn die Mutter dann den Gutenachtkuss auf die Stirn ihrer Vier drückte, waren sie manchmal schon eingeschlafen. Die Kerze wurde gelöscht, und sie gesellte sich leise dann zum Vater in die Stube in der auch das Spinnrad stand, und dann erst sprachen sie von den Sorgen, die sie bewegten.

Musik

Sprecher: Bei Sonnenaufgang standen die Eltern auf, um einem neuen Tag tapfer entgegenzusehen. Vorsichtig öffnete der Bauer die verriegelte Tür, pfiff den Hund herbei, und zu zweit gingen sie ums Haus und Gehege, um nach verdächtigen Spuren zu sehen.

Vater: Keine Mokassins, keine Barfüßler! Herr, steh uns bei, was auch kommen mag, sei uns gnädig. Ich kann die Unruhe nicht loswerden. Zu viel, mehr als ich meiner Marianne verraten habe, ist in letzter Zeit geschehen!

Sprecher: Er machte seinen gewohnten Gang zum Schafstall und zu den Hühnern. Die Mutter kam nun auch schon mit dem Melkeimer, streichelte die Schecke und ließ das Kälbchen springen. Als sie mit dem Melken fertig war, brachte sie die Kuh auf die Weide. Dann kam auch schon ein Kind nach dem andern barfuss auf den Hof gesprungen, schaute fröhlich nach dem Wald hinüber.

Martin: Mutti, dürfen wir heute Beeren sammeln? Brauchst du Kleinholz? Einen frischen Strauß pflücken wir dir auch, am besten gleich nach dem Frühstück!

Vater: Ihr werdet mir erst das Pferd fertig machen, denn ich muss ausreiten. Dann könnt ihr in den Wald Beeren und Pilze sammeln, aber auch der Mutter helfen, wo immer es nötig ist. Nur eins müsst ihr versprechen: geht niemals weiter vom Hause fort, als dass Mutter euch hören kann, falls ihr Hilfe braucht, oder dass ihr sie hört, wenn sie euch ruft! Ihr wisst, wir leben in gefahrvollen Zeiten!

Sprecher: Bald saßen sie um den Frühstückstisch und bissen herzhaft in das kräftige Bauernbrot, genossen die frische Butter, das Mus, das aus Waldbeeren zubereitet war und die sahnige Milch der Schecke. Als der Vater aus dem Haus trat und zum Himmel hinauf schaute, bemerkte er dicke, weiße Wolken am blauen Himmel:

Vater: Die weißen Fetzen zwischen den friedlich segelnden Wolken gefallen mir nicht. Vielleicht ballt sich etwas zusammen. Ich werde sehen, dass ich bald zurückkomme.

Sprecher: Samson, der treue Wachhund, sprang noch eine Weile neben dem dahin Reitenden, bis die Buben ihn zurückriefen. „Du musst bei uns bleiben, Samson, wir wollen in den Wald. Du musst uns beschützten.“ Das treue Tier winselte, als verstünde es, was die Kinder sagten.

Mutter: Vielleicht ballt sich doch etwas zusammen. Hat mein Mann wirklich nur die Wolken gemeint, oder hatten seine Worte einen tieferen Sinn? Wirf ab, Herz, was dich kränket und was dich bange macht. (sie wendet sich den Kindern zu) Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Seid ihr mit euren Aufgaben fertig, könnt ihr in den Wald. Aber denkt daran: nicht zu tief in das Dickicht hineingehen. Und immer den Samson dabei haben. Halt machen, wenn ihr etwas Ungewohntes hört, und schreit so laut ihr könnt, wenn Gefahr droht!

Sprecher: Der Tag lief, gottlob, ohne Zwischenfälle ab. Der Vater kam schon zeitig von seinem Ritt zurück; aber beruhigt war er leider nicht.

Vater: (flüsternd) Wenn wir allein sind, werde ich dir berichten.

Sprecher: Die Kinder hatten einen großen Korb voll Beeren gesammelt. Sie kamen ganz aufgeregt zurück und hatten so viel zu berichten:

Regina: Mutti, wir dachten, wir hatten einen Indianer gesehen, aber es war nur eine Feder vom Auerhahn, die im Haselnussgebüsch hängen geblieben war. Da haben wir gelacht, aber erst hatten wir doch Angst!

Sprecher: Als die Eltern von der Auerhahnfeder am Haselnussstrauch hörten, waren auch sie erschrocken, versuchten aber, ihre Sorge vor den Kindern zu verbergen. Die Indianer tragen ja solche Federn in ihrem schwarzen Haar.

Mutter: (zu sich) Nur die Ruhe bewahren. Nur nicht sich von Gerüchten und Ahnungen treiben lassen!

Sprecher: Wieder schloss der Tag friedlich mit der frohen gemeinsamen Abendstunde. Regina lag mit geschlossen Augen, als die Mutter ihr Lied sang. Als sie den Abendkuss erhalten sollte, schlang sie ihre Arme um den Hals der Mutter und flüsterte:

Regina: Mutti, das Lied werde ich nie, nie, nie vergessen! Es ist so schön, und wenn du es singst, dann ist es so still in meinem Herzen. Ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll. Hat deine Mutter es auch gesungen, als du klein warst?

Mutter: Ja, meine Regina, es ist auch für mich „Das Lied der Mutter“ und ich möchte, dass es euch so lieb wird wie mir. Ehe ich meine Augen schließe, höre ich die Stimme meiner Mutter im fernen Deutschland dieses Lied singen. Das gibt mir irgendwie Kraft für einen jeden neuen Tag. Schlaf nun, meine kleine Regina!

Sprecher: Mit innigem Lächeln legte sich, die bald Zehnjährige, in die Kissen zurück und flüsterte noch einmal:

Regina: Das Lied der Mutter!

Sprecher: Dann fiel sie in ihren friedlichen, kindlichen Schlaf und träumte einem neuen Tag entgegen.

Musik

Sprecher: Die Ernte war gut ausgefallen, das Korn im Speicher verstaut, Maiskolben und leuchtend rote Äpfel eingesammelt und genügend Heu für die Tiere in der Scheune. Familie Hartmann konnte dem Winter mit dem tiefen Schnee getrost entgegensehen, trotz der Abgeschlossenheit, in der sie leben mussten. Währenddessen spielte sich irgendwo im Lande ein heftiger Kampf ab zwischen den englischen und französischen Truppen.
Die Franzosen waren mit den Indianern verbündet. Und sie waren diesmal die Sieger. Durch diesen Sieg ermutigt, meinten die Indianer, ihre alten Waldgebiete, in denen sie das Wild zu jagen pflegten, zurückgewinnen zu können. So kamen immer wieder grausame Überfälle und Streifzüge vor. Sogar die christlichen Indianer – Gemeinden blieben von diesen Mordanschlägen und Raubüberfällen nicht verschont. „Das Land ist unser Land! Die Fremden haben es uns geraubt! Wir wollen mit den Bleichgesichtern aufräumen. Wir sind die Herren des Landes!“, dies war die Parole des intelligenten, und von allen gefürchteten Häuptlings.
Alle Bemühungen der Amerikaner, den Häuptling von seinen Gewaltzügen abzuhalten, blieben ohne Erfolg. Es herrschte Kampfesstimmung unter den Indianerstämmen und Vorbereitungen für den Siegeszug in die ländliche Gebiete von Pennsylvania waren im Gang. Ein klarer, sonniger, aber kühler Herbsttag war angebrochen.

Mutter: Es ist an der Zeit, für Mehl zu sorgen, ehe wir vom Schnee ganz eingehüllt und von den Nachbarn abgeschlossen sind. Es dauert ja nicht lange, bis wir wieder zurück sein werden. Regina und Bärbel werden für euch, Männer, das Mittagsmahl richten.

Sprecher: So rief die Mutter den Zurückgebliebenen zu, als sie und Peter fröhlich vom Hof fuhren, um von der nächsten Mühle, die etwa 16 km entfernt war, Mehl für den Winter zu holen. Es war ein schöner stiller Spätherbsttag. Wer konnte auch nur im entferntesten daran denken, dass gerade dieser Tag ein Tag des Schreckens werden sollte!
Bevor der Morgen graute, waren bereits Indianer in den angrenzenden Wald des Bauernhofes geschlichen. Lautlos, ohne Geräusche, waren sie so nahe herangekommen, dass sie alles, was sich auf dem Hof abspielte, beobachten konnten. Mit Befriedigung hatten sie gesehen, wie die Frau mit einem Sohn davonfuhr. „Das Pferd ist weg, der Mann kann nicht so leicht entkommen, um Hilfe zu holen“, ging es ihnen durch den Sinn. Bis Mittag verharrten sie regungslos auf ihrem Posten und warteten auf den rechten Augenblick.
In dem Moment, als der Vater und Martin dem Zaun den Rücken kehrten um Bärbels Ruf zum Mittagessen zu folgen, brachen die Rothäute mit grässlichem Schlachtgeheul aus dem Dickicht hervor. Es ging alles so überraschend schnell, dass der Vater überhaupt keine Möglichkeit hatte sich zu verteidigen.
Regina konnte sich diese Schreckensminuten immer lebhaft vorstellen: sie und Bärbel befanden sich plötzlich in den Händen der Indianer und wurden in den Wald geschleppt. Als sie sich noch einmal nach ihrem Häuschen umblickte, sah sie die Tomahawks im Sonnenlicht aufblitzen und Vater und Bruder in den Staub sinken. Bald stieg eine Feuersäule gen Himmel empor. Da wussten die armen Kinder, dass sie ihre Heimat verloren hatten. Eng aneinander geschmiegt, verzweifelt schluchzend, lagen die Mädchen auf dem Waldboden.
Der Indianer, der sie bewachte, hatte in seinem schwarzen Haar eine Auerhahnfeder.

Regina: Die Auerhahnfeder! So war es doch ein Indianer, der uns beobachtete, als wir hier Beeren sammelten!

Sprecher: Oh, was ging durchs Herz und den Sinn der beiden Mädchen in diesen Augenblicken des Schreckens. Regina wollte beten, aber keine Worte fielen ihr ein. Sie konnte ja auch nicht die Hände falten, nicht einmal der kleinen Schwester die Hand geben, um sie zu trösten, denn die Hände waren ihnen gebunden. Es knackte im Gebüsch, und die Indianer kamen mit noch vielen anderen Opfern zurück. Dann gab der Anführer ein Signal, und der traurige Zug setzte sich in Bewegung. Erbarmungslos wurden sie alle angetrieben und gezwungen, sich im Laufschritt vorwärts zu bewegen. Aus den fleißigen, friedlichen Siedlern waren nun Sklaven geworden. Bärbelchen hatte sich alle Mühe gegeben, mit der größeren Schwester Schritt zu halten. Es gelang der Kleinen nicht, und sie wurde zu Reginas unsagbarem Kummer ein Opfer, das am Wege liegen blieb. Allein musste die Zehnjährige weiterziehen – einer ungewissen Zukunft entgegen.
Als Mutter Hartmann mit ihrem Peter von der Mühle zurückkam, fanden sie das traurige Bild vor. Da wussten sie, dass sie selbst so schnell wie möglich weg mussten, um nicht auch in die Indianerhände zu kommen. Erst später kam es ihnen zum Bewusstsein, dass Regina und Bärbel nicht unter den Toten waren. Als nach diesen Indianerstreifzügen Suchkolonnen die dichten Wälder durchstreiften, fanden sie die Leichen der am Wege Liegengebliebenen, auch ihre liebe kleine Bärbel. So wurde die Kleine mit dem Vater und Bruder gemeinsam begraben.

Mutter: Regina lebt! Peter, wir dürfen nicht aufhören, für unsere Regina zu beten. Gott wird uns gnädig sein und uns nach all diesem Leid die Freude eines Wiedersehens schenken. An diese Hoffnung will ich mich halten!

Musik

Sprecher: Als der Zug der Gefangenen nach tagelanger Wanderung erschöpft, hungrig und verstört im Indianerdorf ankam, wurden die „weißen Sklaven“ vor den Häuptling geführt. Triumphierend und hochmütig sah der Herrscher der Iroquois auf die vor ihm im Sande Knienden. Dann gab er seine Befehle kurz und bündig, an Gehorsam gewöhnt. Er gab jeder der Frauen und Kinder einen indianischen Namen, auf den sie hinfort hören mussten. Fast alle Gefangenen waren schon abgeführt worden, nur 2 kleine Mädchen knieten noch verängstig und zitternd vor dem Häuptling. Es waren Regina Hartmann und Susan Smith, die sich unterwegs heimlich verständigt hatten. Wenn nur möglich wollten sie einander helfen und Freundinnen sein. Regina, mit ihrer weißen Haut, goldblondem Haar und blauen Augen, schien dem Häuptling besonders zu gefallen. Sie erhielt den Namen: „Die Weiße Lilie“.
Das Mädchen wurde einer alten Tante als Hilfe zugeteilt. In diesem Wigwam musste sie nun auf trockenen Blättern in einer Ecke liegen, die ihr als Schlafplatz dienen sollte. Die Alte gab ihr noch ein Schüsselchen mit Maisbrei zu essen, den die ausgehungerte Regina dankbar annahm und gierig hinunterschlang.
Wie sie nun so dalag, todmüde und verängstigt, überkam sie plötzlich das ganze Elend ihrer Lage, und sie fing an, bitterlich zu weinen. Aber gerade in dem Augenblick, als sie unter ihre alte Decke kriechen wollte, fiel ihr Blick auf die Öffnung in der Mitte des Zeltes, und sie sah die Sterne am dunklen, klaren Herbsthimmel. Trotz ihres elenden Zustandes kam ihr das Abendlied in den Sinn, das sie zu Hause um diese Zeit gesungen hatten. Und die Worte kamen ihr fast unbewusst über die Lippen, und zur Verwunderung der alten Indianerin sang das Kind:

Regina: (singt) „Weißt du wie viel Sterne stehen…“

Sprecher: Als sie bis zu der Zeile kam ,,Denn er sorget auch für dich“ brach sie erneut in verzweifeltes Schluchzen aus.

Regina: Nein, nein, das ist nicht wahr! Du hast uns ja nicht lieb, lieber Gott! Warum?

Musik

Sprecher: Tage und Wochen vergingen. Jahr reihte sich an Jahr. Die weißen Sklavinnen waren völlig indianisiert. Sie trugen die einfachen Röckchen aus derbem Nessel, an den Füßen Mokassins oder Sandalen aus Hirschleder, das Haar hing ihnen lang über die Schultern. Sie hatten die Stammessprache sprechen gelernt, und die Muttersprache war verschüttet und ausgelöscht. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend galt es zu schaffen. Leicht war Reginas Leben nicht, obwohl die Alte nicht unfreundlich war. Wenn das Schaffen des Tages vorüber war und Dunkelheit sich über das versteckte Dorf breitete, dann kam die Stunde, in der Regina in der Vergangenheit lebte. Das Bild, das sich vor ihrer Seele ausbreitete in dieser stillen Stunde, war schattenhaft, verwischt, mehr wie ein Traum, und doch, irgendwie musste es Wirklichkeit gewesen sein…
Regina konnte ihre Muttersprache nicht mehr sprechen. Aber in dieser abendlichen Stunde klammerte sie sich an eine Erinnerung, die dunkel und dennoch lebendig in ihrem Herzen lebte: Die abendliche Stunde mit Eltern und Geschwistern. Gewohnheitsgemäß faltete sie unter der Decke ihre Hände und sang ganz, ganz leise das Lied, das die Mutter zu singen pflegte:

Regina: (singt) „Müde bin ich, geh zur Ruh…“

Sprecher: Regina fühlte sich irgendwie geborgen und unbewusst an etwas gebunden, das einmal zu ihren Leben gehört hatte. Ein Wort war ihr auch geblieben, und sie sprach es manchmal vor sich hin, als sei es ein Zauberwort und der Schlüssel zu einer besseren Zukunft:

Regina: Mutti!

Sprecher: In der Welt da draußen gab es mancherlei Kriegszüge. Aber nur selten drang Kunde von dem, was vor sich ging, zu den weißen Indianerinnen im Iroquoisdorf.
Es war um das Jahr 1764, als zwischen den amerikanischen Truppen von Pennsylvania und den vereinigten Stämmen der Indianer eine entscheidende Schlacht stattfand. Die Indianer wurden so gründlich geschlagen, dass sie endlich bereit waren, auf die Friedensbedingungen einzugehen.
Die Amerikaner forderten die Rückgabe aller weißen Sklaven. Wie ein Lauffeuer verbreite sich die Kunde von der Heimkehr der Verschleppten. Von allen Himmelsrichtungen trafen Menschen ein, die nach ihren Lieben suchen wollten. Natürlich war auch Mutter Hartmann unter der aufgeregten Menschenmenge.
In 9 Jahren waren aus Kindern Erwachsene, aus Erwachsenen Gealterte geworden. Die harten Lebensumstände hatten die Lieben so stark verändert, dass es schwer war, einander wieder zu erkennen.
Ängstlich und verschüchtert standen auch Regina und Susan in ihrer Indianertracht unter den Heimkehrern. Sie waren an solch ein Sprachgewirr und soviel Weiße nicht mehr gewöhnt. Verwirrt und schweigsam standen sie, an die Wand gelehnt, das Geschehen um sich herum beobachtend. Viele Angehörige hatten einander bereits wieder gefunden und lagen sich schluchzend in den Armen. Für die, ängstlich suchende Mutter Hartmann aber schien es, als sei ihre Regina nicht unter den Heimkehrern. Forschend, fragend, ging ihr Blick von Gesicht zu Gesicht. Doch es gab kein Erkennen! Da war die sonst so tapfere Frau der Verzweiflung nah, und es schien, als würde sie zusammenbrechen. Voller Mitleid trat ein Kommissar, der den Schmerz der Frau nicht mehr ansehen konnte, an sie heran und fragte:

Kommissar: Haben Sie denn nicht vielleicht ein Lied, das Sie viel mit dem Kinde gesungen haben, das Erinnerungen wachrufen könnte? Manchmal ist solch eine bestimmte Melodie ein Schlüssel zum Herzen und ein Erkennungszeichen.

Sprecher: Mit zitternder Stimme, erst zaghaft, dann mutiger und schließlich hell und klar sang die Mutter „ihr“ Lied!

Mutter: (singt) „Müde bin ich, geh zur…“

Sprecher: Sie sang Vers für Vers…
Plötzlich kam Bewegung in das bis dahin starre Gesicht Reginas. Die hellen Augen, die interesselos vor sich hingestarrt hatten, fingen an aufzuleuchten. Langsam ging sie auf die Singende zu, dabei das Lied singend, das sie durch die 9 Jahre der Trennung begleitet hatte. Es war kein Zweifel möglich: Mutter und Tochter hatten einander wieder gefunden und lagen sich in den Armen.

Regina: Mutti, Mutti!

Sprecher: Sprechen konnte sie nicht. Die Muttersprache musste erst langsam zurückgeholt werden. Aber sie konnte die Hand der Mutter drücken und ihr Gesicht streicheln, das feucht war von den Freudentränen.

Mutter: Ich wusste es, ich wusste es! Gott erhört Gebet!

Sprecher: Einsam stand Susan an die Wand gelehnt. Wahrscheinlich lebten ihre Eltern nicht mehr, denn niemand war da, sie heimzuführen. Da nahm Regina die Hand der Mutter und führte sie zu ihrer Gefährtin und legte die braune Hand in die mütterliche. Zu dritt fuhren sie in die neue Heimat. Susan nahm die Stelle der verstorbenen Bärbel im Familienkreis ein, und sie durften fortan im Frieden miteinander leben.
Hat diese Geschichte, die sich vor 200 Jahren ereignet hat, uns nicht auch heute etwas zu sagen? Vielleicht gerade heute? Wie oft hört man die Frage: „Warum soll man Bibelverse und Lieder auswendig lernen?“
Die „Weiße Lilie“ kann uns dazu eine Antwort geben; Was wir im Herzen und Gedächtnis tragen, kann uns niemand rauben! Es sind Worte des Lebens, die in dunklen Stunden als Sterne am Himmel leuchten und uns den Weg zur Heimat weisen.

Müde bin ich, geh’ zur Ruh’
Schließe meine Augen zu
Vater, lass die Augen dein
Über meinem Bette sein!

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Mrz 17 2008

Das verlorene Kind

Geschrieben von under Muttertag

Das verlorene Kind, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 13 Personen

Autor: Die arme Fischerin Teodore lebte in einer einsamen Hütte des Waldes, nicht weit von dem Ufer der Donau. Ihr Mann war vor kurzem gestorben. Ihr einziger Trost in ihrem frühen Witwenstand war ihr Kind, ein holder Knabe von etwa 5 Jahren, der August hieß. Ihn fromm und gut zu erziehen, war ihre größte Sorge. Außerdem verdiente sie einiges durch Netzstrickerei.
Einmal, an einem schönen Herbsttag, strickte Teodore vom frühen Morgen an einem großen Netz, mit dem sie heute fertig werden wollte. August sammelte indessen im Walde Buchnüsse, aus denen die Mutter Öl pressen lassen wollte. Der kleine August freute sich jedes mal, wenn er sein kleines Körbchen voller Buchnüsse der Mutter bringen durfte. Die Mutter lobte ihn, um ihn früh an das Arbeitsleben zu gewöhnen. Jetzt wurde es aber bald Mittag, und der Kleine war hungrig und müde. Endlich läutete die Glocke im nächsten Dorf, und die Mutter rief zum Essen.
Sie bot ihm ein einfaches Mittagsmahl, eine Schüssel voll Milch mit Brot. Nach dem Essen sagte die Mutter zu August:

Mutter: Leg dich im Schatten des Baumes nieder und schlafe ein wenig.

Autor: Sie sah noch eine kleine Weile zu. Der Junge war eingeschlafen. Sein lockiges Köpfchen ruhte auf einem Arm, und mit dem andern umschlang er das Körbchen. Er lächelte im Schlaf.

- Musik -

Sie eilte wieder zu ihrem Netz und strickte weiter. Bei der Arbeit verflossen ihr ein paar Stunden wie ein paar Augenblicke. Sie wollte nun den kleinen August wecken, aber sie fand ihn nicht unter dem Baum.

Mutter: Das fleißige Kind ist schon wieder bei der Arbeit.

Autor: Doch sie ahnte nicht, was für ein Jammer auf sie wartete und ging wieder an ihre Arbeit. So verfloss abermals eine Zeit. Als dann der Knabe noch nicht da war, wurde sie unruhig, fing an zu suchen und zu rufen „August! August!“ Aber sie erhielt keine Antwort. Sie suchte im Wald, lief zum Ufer, keine Spur von dem Jungen! Dann eilte sie ins Dorf. Kein Mensch wusste etwas von dem Kind. Viele Leute versammelten sich um die wehklagende Mutter. Alle hatten Mitleid mit ihr, und es wurde beschlossen, gemeinsam das Kind zu suchen. Einige begaben sich in den Wald, andere an den Fluss. Die ganze Nacht über wurde gesucht. Vergebens. Keiner konnte den Jungen entdecken.
So vergingen Tage und Wochen. Die Mutter sah und hörte nichts von ihrem Kind.

Mutter: In so kurzer Zeit meinen lieben Mann und mein liebes Kind zu verlieren, das ist zu hart! Wenn ich nicht darauf vertrauen könnte, dass Gott es hatte geschehen lassen, müsste ich verzweifeln!

Autor: Sie wurde blasser und blasser und schwand wie ein Schatten. Als sie an einem Sonntag in der Kirche erschien, fiel dem Herrn Pfarrer ihr trauriges, blasses Gesicht auf. Er ließ sie nach dem Gottesdienst rufen. Als sie in das Zimmer trat, in dem der Pfarrer saß und etwas in das Pfarrbuch schrieb, da grüßte er sie freundlich und sagte:

Pfarrer: Warten Sie bitte einen Augenblick, dann bin ich fertig.

Autor: Teodore betrachtete in dieser Zeit ein kleines Bild, das in einem schönen goldenen Rahmen an der Wand hing. Sie wurde davon sehr gerührt, und die Tränen flossen ihr über die Wangen. Das sah der Pfarrer und sprach:

Pfarrer: Gefällt euch das Bild?

Mutter: Ach ja, es ist sehr anmutig. Ich muss weinen, wenn ich es ansehe.

Pfarrer: Wisst ihr auch, wen es darstellt?

Mutter: O ja, es ist das Bild der Maria, die unterm Kreuz steht. Ich habe sie noch nie schöner gesehen als jetzt, da sie den Tod ihres Sohnes beweint.

Pfarrer: Gute Dore, ihr habt viel verloren, erst euren Mann, jetzt das Kind. Ergebt euch in Gottes Willen. Vertraut auf Ihn, und betet um Kraft und Trost von oben. Derselbe Glaube, der aus Maria sprach, als sie auf die Freudenbotschaft des Engels antwortete, derselbe Glaube, der auch in den Stunden des Leidens ihr Herz erfüllte, der möge auch euer Herz erfüllen! Möget ihr lernen, wie Maria zu antworten: “Siehe, ich bin des Herren Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.” Liebe Dore, lasst nie das Ziel aus dem Auge, und vergesst niemals das Bibelwort: “Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.” Auch Christus musste durch Leiden zur Herrlichkeit eingehen, und für uns gibt es keinen andern Weg zum Himmel.

Mutter: Ich will dem Beispiel Marias folgen. Ich werde zum Himmel aufblicken, beten und glaubend von Herzen sagen: “DEIN WILLE GESCHEHE.”

Pfarrer: Gut, das freut mich. So ist es recht.

Autor: Er nahm das Bild von der Wand, gab es Teodore und sagte:

Pfarrer: Damit ihr euren guten Vorsatz nicht vergesst, nehmt dieses Bild mit nach Hause. Wenn euch das Herz zu schwer wird und wieder anfängt zu bluten, so werfet einen Blick auf das Bild, erneuert euren Vorsatz, und die Wunde wird nach und nach heilen. Droben im Himmel wartet dann auf euch die herrliche Krone.

Autor: Teodore folgte der Ermahnung des guten Pfarrers, und ihr Schmerz wurde leichter. Nur wenn sie an dem Baum vorbeiging, stach es ihr jedes mal durchs Herz. Da kam ihr einmal der Gedanke, das schöne Bild fest in den Baumstamm zu nageln. Sie dachte, der Baum mag das Denkmal sein für meinen lieben August. Voller Mühe schnitt sie eine Vertiefung in den Stamm und hängte das Bild hinein. Immer, wenn sie an dem Stamm vorbeikam und ihr das Herz schwer wurde, blickte sie auf das Bild und sagte: “Ich will auch des Herren Magd sein wie Maria. An mir geschehe des Herren Wille.” Da wurde ihr jedes mal leichter ums Herz.

Autor 1: In dieser Zeit, als die Mutter ihren lieben August als tot beweinte, hatte der Kleine in wenigen Monaten viele, viele Kilometer zurückgelegt und war in der großen Kaiserstadt Wien angekommen. Er lebte da frisch und gesund in einem prächtigen Hause, das einem Palast glich, war so schön und zierlich gekleidet, als wäre er von adligem Stand und was noch mehr war von allem – er wurde aufs sorgfältigste erzogen und von den besten Lehrern in allerlei Nützlichem und Gutem unterrichtet.
Diese wunderbare Veränderung ergab sich auf sehr einfache Art und Wiese. Nachdem der Kleine August dort unter der Buche erwacht war und – sich die Augen ausgerieben hatte, suchte er im Wald weiter nach Buchnüssen und hatte sein Körbchen schon über die Hälfte gefüllt. Doch jetzt traf er lange Zeit nicht mehr auf einen Buchenbaum und kam zuletzt am Flussufer aus dem Wald heraus. Er sah ein großes Schiff am Ufer der Donau. Das Schiff hatte hier angelegt, um auf etliche Reisende zu warten, die mitfahren wollten. Die Schiff Gesellschaft, die meist aus reichen Leuten bestand, war an das Land gestiegen. Die Eltern gingen auf dem grünen Rasen auf und ab, sich ein wenig Bewegung zu machen, und die Kinder suchten am Ufer bunte Steinchen. Dabei entdeckten die den kleinen August und blickten in sein Körbchen. Die netten kleinen Buchenfrüchte, die sie nicht kannten, gefielen ihnen.

Antonie: Das sind aber winzige Dinger. Solche dreieckigen Kastanien habe ich noch nie gesehen!

August: Nein, das sind Büchelein, und man kann sie essen.

Autor 1: Er teilte mit vollen Händen aus, und es entstand ein großer Jubel unter ihnen. Es waren so viele Kinder! Der kleine August freute sich sehr! Sie teilten mit ihm, was sie bei sich hatten: Birnen und Äpfel. August war sehr neugierig. Er hatte zu gern das Schiff von innen gesehen. Es war das erste Schiff, das er aus der Nähe sah. Das schwimmende Haus kam ihm sehr sonderbar vor. Da nahmen ihn die Kinder mit aufs Schiff.
Zuerst führten sie ihn in den großen Speisesaal. Erstaunt rief August:

August: In diesem schwimmenden Haus ist ja eine schönere Stube als bei uns daheim!

Autor 1: Antonie und die andern Kinder zeigten ihm dann ihre wunderschönen Spielsachen. August sah die ganze Pracht und dachte nicht ans Heimgehen. Indessen stieß das Schiff vom Ufer ab. Niemand von den Erwachsenen hatte bemerkt, dass der kleine August auf dem Schiff geblieben war. Erst als August laut anfing zu weinen und nach seiner Mutter zu rufen, merkten die Leute, dass ein fremdes Kind auf dem Schiff war. Sie erstaunten nicht wenig über den kleinen Reisegefährten, und es entstand kein geringer Lärm unter ihnen.
Dann kam der Schiffsherr dazu und nahm den Knaben ins Verhör.

Kapitän: Sag mal, aus welcher Stadt oder aus welchem Dorf bist du?

August: Ich bin nicht aus der Stadt, auch nicht aus dem Dorf.

Kapitän: Das ist seltsam. Irgendwo wirst du doch zu Hause sein.

August: Mein Haus liegt im Walde, weit weg vom Dorf.

Kapitän: Nun, und wie heißt das Dorf?

August: Es heißt Dorf. Meine Mutter nannte es nie anders als Dorf.

Kapitän: Wie heißen denn deine Eltern?

August: Mein Vater ist schon gestorben. Meine Mutter heißt “Arme Fischer Dore.”

Kapitän: Also Dore heißt sie mit Vornamen. Und wie mit Nachnamen?

August: Sie hat keinen andern Namen.

Autor 1: Der Schiffsherr merkte wohl, dass von dem Kind nicht viel zu erfahren war.

Kapitän: Hätte dich doch bloß der Kuckuck woanders hingeführt, als auf mein Schiff.

Autor 1: Der gute kleine, dem die Tränen in den Augen standen, antwortete ganz treuherzig:

August: Der Kuckuck hat mich nicht her geführt. Ich habe ihn noch nie gesehen; aber im Frühling habe ich ihn oft gehört.

Autor 1: Alle im Schiff lachten. Der Schiffsherr aber war in großer Verlegenheit; denn unglücklicherweise floss die Donau hier durch eine unbewohnte, waldige Gegend. Weit und breit war kein Ort zu sehen. Erst später, als die Sonne bereits unterging, erblickte man einen Kirchturm.

Kapitän: In jenes Dorf, will ich das Kind bringen, damit man es der Mutter zurückbringe. Auch wollen wir dort übernachten, weil es schon Abend ist.

Autor 1: Allein Herr Wahl, Antonies Vater, gab dieses nicht zu. Er war ein Kaufmann und hatte Kisten voll Geld und Wertsachen bei sich; denn er flüchtete von den Feinden. Damals wurde Deutschland gerade durch den dreißigjährigen Krieg verheert.

H.Wahl: Ich wünsche von Herzen, dass das Kind zu seiner betrübter Mutter zurückkehrt, allein, in diesem Augenblick geht es nicht. Der Feind ist im Anzug und nähert sich der Donau. Und wenn das Schiff anlegt, um einige Stunden auszuruhen, fallen wir dem Feind in die Hände. Dann verlieren wir alles. Fahrt in Gottes Namen weiter!

Autor 1: Herr Wahl, der in Sorge war, bestand darauf, die ganze Nacht zu fahren. Der Schiffsherr jedoch meinte, das sei gegen ihre Gepflogenheiten. Da versprach Herr Wahl ihm viel Geld, und sie fuhren bei hellem Mondschein weiter, die ganze Nacht. Als die Sonne aufging, kam man an ein kleines Dorf, das nahe am Fluss lag. Man wollte den kleinen August dort lassen. Doch die Bauern wehrten ab: ,,Wir haben Arme genug bei uns in dieser schweren Zeit.“ Etwas weiter erblickte man noch ein großes Dorf. Der Schiffsherr wollte hin, um das Kind vielleicht bei Beamten oder beim Herrn Pfarrer zu lassen, damit sie für seine Heimfahrt sorgten. Da ließ sich plötzlich wieder Herr Wahl hören:

H.Wahl: Horcht! Hört ihr nicht den Donner der Kanonen? Der Feind ist uns nahe! Vorwärts! Weiter mit dem Schiff!

Autor 1: Der Schiffsherr fürchtete, das Kind zu behalten und widersprach dem Herrn Wahl. Fast wäre ein heftiger Streit entstanden. Allein Frau Wahl, die eine gute Frau war, trat dazwischen. Sie ging leise zu ihrem Mann und sagte freundlich:

F.Wahl: Wir wollen den kleinen, holden Knaben annehmen. Dann hat der Streit ein Ende.

Autor 1: Der Vorschlag gefiel dem Herrn Wahl, und er rief sogleich laut:

H.Wahl: Fahrt los! Ich nehme das Kind und werde für es sorgen.

Autor 1: Damit war der Schiffsherr einverstanden, und alle im Schiff lobten den Herrn Wahl. Das Schiff kam glücklich in Wien an.
Hier blieb Herr Wahl wohnen und kaufte sich ein großes Haus. Seine Tochter Antonie ließ er von guten Lehrern unterrichten. August durfte auch an den Stunden teilnehmen. Er gewöhnte sich an diese Leute und hatte bald seine Heimat vergessen. Er lernte schnell und gut, so das jedermann über ihn erstaunt war. Er war auch folgsam, und bescheiden und von Herzen fromm. Herr Wahl und seine Frau liebten ihn wie ihr eigenes Kind. So vergingen die Jahre, und er wuchs heran. Herr Wahl stellte fest, dass er große Lust zum Kaufmannsberuf hatte. Ehe er 20 Jahre alt war, konnte er ab und zu seinen Pflegevater im Geschäft vertreten. Dieser war ihm sehr dankbar dafür und gedachte, ihn zu belohnen. Die kleine Antonie war indessen zur jungen Frau erblüht. Sie war auch fromm aufgezogen, und Herr Wahl gab sie dem August zur Frau.

- Musik -

Nach dem Krieg erhob der Kaiser den Herrn Wahl und seinen Schwiegersohn in den Adelsstand; denn beide hatten ihm große Dienste geleistet. Augusts Schwiegereltern konnten sich des lang ersehnten Friedens nur wenige Jahre erfreuen. Sie wurden bald vom Herrn in die ewige Ruhe abberufen. August, der nun Herr von Wahlheim hieß, gab sein Handelsgeschäft bald auf und beschloss, sich in Böhmen einen Adelssitz zu kaufen. Er machte sich auf die Reise, um das im Krieg verwüstete Gut in Augenschein zu nehmen. Er hatte das ehemals schöne Gut Neukirch erworben. Als seine Frau Antonie die Spuren des Elends erblickte, die der Krieg angerichtet hatte, wurde sie sehr betrübt. Mehrere Häuser des Ortes waren nur noch Schutthaufen, und die Leute sehr verarmt. Da sagte sie mit Tränen in den Augen:

Antonie: Wir müssen ihnen helfen.

August: Ja, das werden wir machen.

Autor 1: August freute sich, dass seine Frau ebenso gesinnt war wie er selbst. Er verwendete einen Teil seines Reichtums dazu, einige Häuser wieder aufzubauen. Die Bauern wollten dem August danken, aber er meinte, der liebe Gott habe ihn aus einem armen Kinde zu einem reichen Mann gemacht, und er wäre es schuldig, andern armen Leute zu helfen und ihnen beizustehen.

- Musik-

Autor 2: Während August von Wahlheim also ein sehr reicher und vornehmer Herr geworden war, hatte seine Mutter, die gute Teodore, manches Schwere erlebt und ein armes, aber Gott wohlgefälliges Leben geführt. Bald nachdem sie den kleinen August verloren hatte, kehrte der Krieg auch in ihre Gegend ein. Teodore flüchtete ins Dorf zu ihrem Bruder. Da war sie aber auch nicht sicher. Das ganze Dorf wurde fast in Schutt und Asche gelegt. Teodore flüchtete weiter zu ihrer Schwester. Die Schwester hatte viele Kinder, und Teodore half ihr, sie aufzuziehen. Beide Schwestern lebten in Frieden zusammen. Nach vielen Jahren erhielten sie von ihrem Bruder einen Brief. Er schrieb ihnen, seine Frau sei gestorben und Teodore möchte doch zu ihm kommen und ihm den Haushalt führen. So kehrte Teodore wieder zurück in ihre alte Heimat. Kaum war sie dort angekommen, ging sie in den Wald und suchte nach dem alten Buchenbaum, den sie nicht vergessen konnte. Wie erstaunt war sie jedoch, als sie sah, wie sehr sich alles verändert hatte. Der Weg, der einst zu ihrer Hütte führte, war nicht mehr zu finden. Er war ganz mit hohem Gras und Sträuchern bedeckt. Sie fand nicht einmal richtig die Stelle, wo ihre Hütte gestanden hatte. Im Wald versuchte Teodore lange vergeblich, den Baum aufzufinden, unter dem Sie oft geweint hatte. Die Buche war nicht zu finden. Da kam ein Mann vorbei, der Holz im Wald sammelte.

Mann: Was sucht ihr da, gute Frau?

Mutter: Ich suche einen Baum, wo ich einst meinen Sohn zum letzten mal gesehen habe.

Autor 2: Teodore erklärte ihm alles.

Mann: Der Baum wird längst gefällt worden sein.

Mutter: Schade, und ich hoffte, dass ich es noch mal sehen würde.

Autor 2: Teodore gab alle Hoffnung auf und kehrte betrübt mit dem alten Mann zurück ins Dorf. Der tröstete sie unterwegs:

Mann: Hier auf Erden haben wir keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Autor 2: Herr von Wahlheim wohnte mehrere Stunden entfernt von dem Dorfe, in dem Teodore nun wohnte. Eines Tages kam Herr von Wahlheim in den Wald, um für die Leute zum Winter Holz auszuteilen. Und da die Wälder sehr verwildert waren und mancher überständige Baum darin war, so wollte er bei der Verteilung selbst zugegen sein. Auch wollte er sich selbst davon überzeugen, dass jeder Bedürftige seinen Teil bekam. Er hatte die Hausväter zu sich bestellt. Teodore war auch gekommen, weil ihr Bruder krank war. Herr von Wahlheim verteilte die Bäume und schenkte bald diesem, bald jenem einen Baum. Endlich kam auch Teodore an die Reihe. Als Herr von Wahlheim die arm gekleidete Frau sah, bekam er großes Mitleid mit ihr und schenkte ihr auch einen Baum.

Förster: Espen und Birken sind für die armen Leute gut genug. Das Buchenholz sollte für die gnädige Herrschaft bleiben.

August: Nicht doch! Den Armen soll man nur das Gute geben. Der Baum soll dieser Frau gehören und sofort gefällt werden. Legt gleich an, ihr Holzfäller, bevor ihr mein Holz spalten!

Autor 2: Er eilte sogleich weiter, um ihr den Dank zu ersparen. Teodore sah ihm mit Tränen in den Augen nach und sagte:

Mutter: „Gott segne den guten Herrn.“

Autor 2: Auf Herrn von Wahlheims Befehl machten sich zwei Holzhauer sofort ans Werk. Der Baum stürzte mit großem Getöse zu Boden. Die Männer schrien erstaunt auf: ,,Seht nur das wunderbare Bild!”
Der Baumstamm war unten, wo er etwas morsch war, gebrochen. Ein Stück von der Rinde hatte sich gelöst, und die Männer sahen das Bild, das Teodore so lange gesucht hatte.

Mann 1: Wie kommt das Bild in den Baum?

Autor 2: Indessen hatte Teodore sich bereits im Walde entfernt und hörte nichts von dem Gespräch. Doch Herr von Wahlheim kam vorbei und betrachtete das Bild genau. „Wirklich, es ist sehr schön.“ Dann las er die Schrift auf der Rückseite:

August: Im Jahre nach Christi Geburt 1632, den 10. Oktober, sah ich hier unter diesem Baum meinen Sohn August zum letzen mal. Seines Alters 5 Jahre und 8 Monate. Gott sei mit ihm, wo er auch ist. Er tröste mich wie einst auch Maria unter dem Kreuz. Die tief betrübte Mutter Teodore Sommer.

Autor 2: Wie ein Blitz schoss es August durch die Adern, Gedanken und Sinne. „Das verlorene Kind bin ich! Name, Tag und Jahr treffen genau zu. Dieses Bild kam durch meine selige Mutter hierher!“ Die Nachricht von dem Bild verbreitete sich schnell durch den ganzen Wald und erreicht auch Teodore, die zurückeilte.

Mutter: Ach, gnädiger Herr, das Bild gehört mir. Es steht noch mein Name drauf, den der Herr Pfarrer geschrieben hat! Unter dieser Buche hat mein kleiner August das letzte Mal geschlafen! Wie oft bin ich hier vorbeigelaufen und konnte den Baum nicht mehr erkennen!

Autor 2: Herr von Wahlheim, den schon der Name seiner Mutter auf dem Bild erschüttert hatte, war ganz außer sich vor Freude, in der arm gekleideten seine Mutter zu erblicken. Das Herz brach ihm fast. Er wollte schon aufspringen und sie mit dem Ruf: „Mutter!“ in die Arme schließen. Doch er fasste sich und nahm sie freundlich bei der Hand, trocknete ihr die Tränen und sprach ihr Trost zu. Ihr Sohn lebe noch. Er kenne ihn wohl. Sie würde ihn bald wieder sehen. Schließlich sagte er leise:

August: Ich bin euer verlorener August.

Autor 2: Mit dem Rufe: „Du?“ sank sie in seine Arme, und alle Anwesenden schluchzten.

- Musik -

Eine Weile schwieg Herr von Wahlheim. Dann rief er aus:

August: Liebe Mutter! Endlich hat Gott es so geführt. Bei diesem Baum war unsere Trennung und hier auch das Wiedersehen! Der liebe Gott hat doch eure Gebete erhört, und mich hat Er auch gesegnet. Gelobt sei Gott! Heute geht ihr nicht heim. Ihr kommt mit auf meinen Gutshof.

Autor 2: Dort warteten gute Freunde auf die gute Teodore. Als August seiner Antonie berichtete, was geschehen war, und als er ihr erklärt hatte, wer diese Frau war, ging Antonie ihr mit offenen Armen entgegen und grüßte und küsste sie. Teodore weinte vor Freude, als ihr über dies noch ihre beiden Enkelkinder vorgestellt wurden. Sie sprach: „Wie unaussprechlich schwer war meine Trauer, und wie unaussprechlich viel größer ist jetzt meine Freude!“ Am folgenden Morgen ließ August seine Kutsche anspannen; und fuhr mit seiner Mutter zu ihrem kranken Bruder, um die Freude mit ihm zu teilen. Und auf einen bestimmten Tag ließ Herr von Wahlheim seine Freunde und Verwandten einladen und richtete ihnen ein Freudenfest aus. Das Bild hatte Herr von Wahlheim an die Wand gehängt und gesagt: “Es soll uns eine beständige Erinnerung sein in großer Dankbarkeit gegenüber unserem himmlischen Vater.“

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