Mrz 18 2008
Das Lied der Mutter
Das Lied der Mutter, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 6 Personen
Sprecher: Es war im Jahre 1756. In dem einfachen Bauernhaus der Familie Hartmann, die sich im Staat Pennsylvania, in Amerika, angesiedelt hatte, war Feierabend nach des Tages Arbeit auf dem Felde. Mutter Hartmann hatte die Öllampe auf den Esstisch gestellt. Regina und Bärbel, die mit ihren 9 und 7 Jahren schon brav zur Hand gingen, deckten den Tisch, während die Brüder, Martin und Peter, Holzscheite neben dem eisernen Herd in der Küche aufstapelten.
Martin: Schau nur, Mutti, wie viel wir heute geschafft haben!
Mutter: Sehr gut, mein Junge. Wir freuen uns über eure fleißige Hilfe.
Sprecher: Der Vater berichtete von seinen Erlebnissen in Wald und Feld und von Gesprächen, die er mit andern Siedlern hatte. Da die Siedlungen weit auseinander lagen, kam es nicht oft vor, dass Familien zusammenkommen konnten. Es war ein einsames hartes Leben, das diese deutschen Bauern in der neuen Heimat lebten; trotzdem sahen sie vertrauensvoll in die Zukunft.
Vater: Es ist so still und heimelig. Man möchte es nicht glauben, was die Leute von den anderen Siedlungen erzählen… Die Indianer sind immer noch feindlich gesinnt. Man kann nie wissen, wann sie die Wohnstätten der Weißen überfallen, die Einwohner morden, Höfe anzünden und Kinder als Sklaven fortführen…
Mutter: Vater, als wir die Heimat verließen und von Reutlingen und Tübingen Abschied nahmen, wussten wir, dass es nicht leicht sein würde. Wir haben von Indianerüberfällen und Kriegen zwischen Engländern und Franzosen gehört. Trotzdem haben wir den Schritt gewagt. Nun lass uns nicht mutlos werden. Unser Leben steht in Gottes Hand – komme was mag!
Vater: Du hast recht, Mutter, komme was mag! Darin ist auch das Leid erhalten. Das Gespräch mit den andern Siedlern hat mich heute unruhig gemacht.
Sprecher: Die Kinder waren mit ihren kleinen Aufgaben fertig. Erwartungsvoll, mit gefalteten Händen, stand die Familie um den gedeckten Tisch. Der Hausherr betete mit seiner ruhigen tiefen Stimme:
Vater: Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du tust deine Hand auf und erfühlest alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Amen. (stimmen alle mit ein und setzen sich)
Sprecher: Nach der Mahlzeit halfen die Kinder schnell mit dem Geschirr, um alles für den morgigen Tag zu richten, während der Vater noch schnell alle Stallungen und Schuppen nachsah, ob auch alle Türen verschlossen und das Vieh versorgt sei. Dann kehrte er in sein trauliches Haus zurück, um an der Abendstunde teilzunehmen, auf die sich die ganze Familie freute. Es war alles in eine feststehende Ordnung eingefügt, daran durfte nichts geändert werden: Erst lasen die Jungs eine Geschichte aus dem Alten Testament, dann die Mädchen aus den Evangelien. Es gab ja keine Schule, zu der sie hätten gehen können, so diente die dicke Familienbibel als Lesebuch. Wie liebten sie diese Erzählungen aus uralter Zeit und aus dem Leben Jesu. Die Mutti konnte die Fragen so gut beantworten und alles so schön erklären. Mit Leichtigkeit lernten sie die 10 Gebote und das Glaubensbekenntnis und freuten sich, wenn der Vater sie lobte. Doch das Schönste war das Singen. Erst waren es lustige Volkslieder, dann Lieder aus dem Gesangbuch, das die Eltern zur Hochzeit bekommen hatten.
Lied
Sprecher: Als Zeichen, dass diese abendliche Familienstunde zu Ende gekommen war, sang der Vater: ,,Leise kommt der Abend, die Kinder schlafen gehen…“ Und die Kinder wussten: es hilft kein Bitten oder Betteln, Schluss ist Schluss! Nun begab sich eines nach dem andern in Küche, wo der Zuber mit kaltem Brunnenwasser bereitstand für das abendliche Bad. Nach dem Waschen schlüpften sie dann unter die Federbetten. Wenn sie dann eng aneinander geschmiegt zu zweit in den schmalen Betten lagen, kam die Mutti noch einmal herein, um mit ihnen zu beten. Vater stand an die Tür gelehnt, so dass sie wieder als Familie vor den Vater im Himmel traten.
Doch das war nicht der Abschluss. Nein, dass was für Regina das Allerschönste war, kam erst jetzt: Mutter sang das Abendlied, das Lied, das für sie von Bedeutung werden sollte, das Lied, das sie immer in ihrem Herzen tragen würde. Die Mutter sang es allein mit ihrer reinen, hellen Stimme:
Mutter: (singt) ,,Müde bin ich, geh zur Ruh…“
Sprecher: Wenn die Mutter dann den Gutenachtkuss auf die Stirn ihrer Vier drückte, waren sie manchmal schon eingeschlafen. Die Kerze wurde gelöscht, und sie gesellte sich leise dann zum Vater in die Stube in der auch das Spinnrad stand, und dann erst sprachen sie von den Sorgen, die sie bewegten.
Sprecher: Bei Sonnenaufgang standen die Eltern auf, um einem neuen Tag tapfer entgegenzusehen. Vorsichtig öffnete der Bauer die verriegelte Tür, pfiff den Hund herbei, und zu zweit gingen sie ums Haus und Gehege, um nach verdächtigen Spuren zu sehen.
Vater: Keine Mokassins, keine Barfüßler! Herr, steh uns bei, was auch kommen mag, sei uns gnädig. Ich kann die Unruhe nicht loswerden. Zu viel, mehr als ich meiner Marianne verraten habe, ist in letzter Zeit geschehen!
Sprecher: Er machte seinen gewohnten Gang zum Schafstall und zu den Hühnern. Die Mutter kam nun auch schon mit dem Melkeimer, streichelte die Schecke und ließ das Kälbchen springen. Als sie mit dem Melken fertig war, brachte sie die Kuh auf die Weide. Dann kam auch schon ein Kind nach dem andern barfuss auf den Hof gesprungen, schaute fröhlich nach dem Wald hinüber.
Martin: Mutti, dürfen wir heute Beeren sammeln? Brauchst du Kleinholz? Einen frischen Strauß pflücken wir dir auch, am besten gleich nach dem Frühstück!
Vater: Ihr werdet mir erst das Pferd fertig machen, denn ich muss ausreiten. Dann könnt ihr in den Wald Beeren und Pilze sammeln, aber auch der Mutter helfen, wo immer es nötig ist. Nur eins müsst ihr versprechen: geht niemals weiter vom Hause fort, als dass Mutter euch hören kann, falls ihr Hilfe braucht, oder dass ihr sie hört, wenn sie euch ruft! Ihr wisst, wir leben in gefahrvollen Zeiten!
Sprecher: Bald saßen sie um den Frühstückstisch und bissen herzhaft in das kräftige Bauernbrot, genossen die frische Butter, das Mus, das aus Waldbeeren zubereitet war und die sahnige Milch der Schecke. Als der Vater aus dem Haus trat und zum Himmel hinauf schaute, bemerkte er dicke, weiße Wolken am blauen Himmel:
Vater: Die weißen Fetzen zwischen den friedlich segelnden Wolken gefallen mir nicht. Vielleicht ballt sich etwas zusammen. Ich werde sehen, dass ich bald zurückkomme.
Sprecher: Samson, der treue Wachhund, sprang noch eine Weile neben dem dahin Reitenden, bis die Buben ihn zurückriefen. „Du musst bei uns bleiben, Samson, wir wollen in den Wald. Du musst uns beschützten.“ Das treue Tier winselte, als verstünde es, was die Kinder sagten.
Mutter: Vielleicht ballt sich doch etwas zusammen. Hat mein Mann wirklich nur die Wolken gemeint, oder hatten seine Worte einen tieferen Sinn? Wirf ab, Herz, was dich kränket und was dich bange macht. (sie wendet sich den Kindern zu) Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Seid ihr mit euren Aufgaben fertig, könnt ihr in den Wald. Aber denkt daran: nicht zu tief in das Dickicht hineingehen. Und immer den Samson dabei haben. Halt machen, wenn ihr etwas Ungewohntes hört, und schreit so laut ihr könnt, wenn Gefahr droht!
Sprecher: Der Tag lief, gottlob, ohne Zwischenfälle ab. Der Vater kam schon zeitig von seinem Ritt zurück; aber beruhigt war er leider nicht.
Vater: (flüsternd) Wenn wir allein sind, werde ich dir berichten.
Sprecher: Die Kinder hatten einen großen Korb voll Beeren gesammelt. Sie kamen ganz aufgeregt zurück und hatten so viel zu berichten:
Regina: Mutti, wir dachten, wir hatten einen Indianer gesehen, aber es war nur eine Feder vom Auerhahn, die im Haselnussgebüsch hängen geblieben war. Da haben wir gelacht, aber erst hatten wir doch Angst!
Sprecher: Als die Eltern von der Auerhahnfeder am Haselnussstrauch hörten, waren auch sie erschrocken, versuchten aber, ihre Sorge vor den Kindern zu verbergen. Die Indianer tragen ja solche Federn in ihrem schwarzen Haar.
Mutter: (zu sich) Nur die Ruhe bewahren. Nur nicht sich von Gerüchten und Ahnungen treiben lassen!
Sprecher: Wieder schloss der Tag friedlich mit der frohen gemeinsamen Abendstunde. Regina lag mit geschlossen Augen, als die Mutter ihr Lied sang. Als sie den Abendkuss erhalten sollte, schlang sie ihre Arme um den Hals der Mutter und flüsterte:
Regina: Mutti, das Lied werde ich nie, nie, nie vergessen! Es ist so schön, und wenn du es singst, dann ist es so still in meinem Herzen. Ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll. Hat deine Mutter es auch gesungen, als du klein warst?
Mutter: Ja, meine Regina, es ist auch für mich „Das Lied der Mutter“ und ich möchte, dass es euch so lieb wird wie mir. Ehe ich meine Augen schließe, höre ich die Stimme meiner Mutter im fernen Deutschland dieses Lied singen. Das gibt mir irgendwie Kraft für einen jeden neuen Tag. Schlaf nun, meine kleine Regina!
Sprecher: Mit innigem Lächeln legte sich, die bald Zehnjährige, in die Kissen zurück und flüsterte noch einmal:
Regina: Das Lied der Mutter!
Sprecher: Dann fiel sie in ihren friedlichen, kindlichen Schlaf und träumte einem neuen Tag entgegen.
Sprecher: Die Ernte war gut ausgefallen, das Korn im Speicher verstaut, Maiskolben und leuchtend rote Äpfel eingesammelt und genügend Heu für die Tiere in der Scheune. Familie Hartmann konnte dem Winter mit dem tiefen Schnee getrost entgegensehen, trotz der Abgeschlossenheit, in der sie leben mussten. Währenddessen spielte sich irgendwo im Lande ein heftiger Kampf ab zwischen den englischen und französischen Truppen.
Die Franzosen waren mit den Indianern verbündet. Und sie waren diesmal die Sieger. Durch diesen Sieg ermutigt, meinten die Indianer, ihre alten Waldgebiete, in denen sie das Wild zu jagen pflegten, zurückgewinnen zu können. So kamen immer wieder grausame Überfälle und Streifzüge vor. Sogar die christlichen Indianer – Gemeinden blieben von diesen Mordanschlägen und Raubüberfällen nicht verschont. „Das Land ist unser Land! Die Fremden haben es uns geraubt! Wir wollen mit den Bleichgesichtern aufräumen. Wir sind die Herren des Landes!“, dies war die Parole des intelligenten, und von allen gefürchteten Häuptlings.
Alle Bemühungen der Amerikaner, den Häuptling von seinen Gewaltzügen abzuhalten, blieben ohne Erfolg. Es herrschte Kampfesstimmung unter den Indianerstämmen und Vorbereitungen für den Siegeszug in die ländliche Gebiete von Pennsylvania waren im Gang. Ein klarer, sonniger, aber kühler Herbsttag war angebrochen.
Mutter: Es ist an der Zeit, für Mehl zu sorgen, ehe wir vom Schnee ganz eingehüllt und von den Nachbarn abgeschlossen sind. Es dauert ja nicht lange, bis wir wieder zurück sein werden. Regina und Bärbel werden für euch, Männer, das Mittagsmahl richten.
Sprecher: So rief die Mutter den Zurückgebliebenen zu, als sie und Peter fröhlich vom Hof fuhren, um von der nächsten Mühle, die etwa 16 km entfernt war, Mehl für den Winter zu holen. Es war ein schöner stiller Spätherbsttag. Wer konnte auch nur im entferntesten daran denken, dass gerade dieser Tag ein Tag des Schreckens werden sollte!
Bevor der Morgen graute, waren bereits Indianer in den angrenzenden Wald des Bauernhofes geschlichen. Lautlos, ohne Geräusche, waren sie so nahe herangekommen, dass sie alles, was sich auf dem Hof abspielte, beobachten konnten. Mit Befriedigung hatten sie gesehen, wie die Frau mit einem Sohn davonfuhr. „Das Pferd ist weg, der Mann kann nicht so leicht entkommen, um Hilfe zu holen“, ging es ihnen durch den Sinn. Bis Mittag verharrten sie regungslos auf ihrem Posten und warteten auf den rechten Augenblick.
In dem Moment, als der Vater und Martin dem Zaun den Rücken kehrten um Bärbels Ruf zum Mittagessen zu folgen, brachen die Rothäute mit grässlichem Schlachtgeheul aus dem Dickicht hervor. Es ging alles so überraschend schnell, dass der Vater überhaupt keine Möglichkeit hatte sich zu verteidigen.
Regina konnte sich diese Schreckensminuten immer lebhaft vorstellen: sie und Bärbel befanden sich plötzlich in den Händen der Indianer und wurden in den Wald geschleppt. Als sie sich noch einmal nach ihrem Häuschen umblickte, sah sie die Tomahawks im Sonnenlicht aufblitzen und Vater und Bruder in den Staub sinken. Bald stieg eine Feuersäule gen Himmel empor. Da wussten die armen Kinder, dass sie ihre Heimat verloren hatten. Eng aneinander geschmiegt, verzweifelt schluchzend, lagen die Mädchen auf dem Waldboden.
Der Indianer, der sie bewachte, hatte in seinem schwarzen Haar eine Auerhahnfeder.
Regina: Die Auerhahnfeder! So war es doch ein Indianer, der uns beobachtete, als wir hier Beeren sammelten!
Sprecher: Oh, was ging durchs Herz und den Sinn der beiden Mädchen in diesen Augenblicken des Schreckens. Regina wollte beten, aber keine Worte fielen ihr ein. Sie konnte ja auch nicht die Hände falten, nicht einmal der kleinen Schwester die Hand geben, um sie zu trösten, denn die Hände waren ihnen gebunden. Es knackte im Gebüsch, und die Indianer kamen mit noch vielen anderen Opfern zurück. Dann gab der Anführer ein Signal, und der traurige Zug setzte sich in Bewegung. Erbarmungslos wurden sie alle angetrieben und gezwungen, sich im Laufschritt vorwärts zu bewegen. Aus den fleißigen, friedlichen Siedlern waren nun Sklaven geworden. Bärbelchen hatte sich alle Mühe gegeben, mit der größeren Schwester Schritt zu halten. Es gelang der Kleinen nicht, und sie wurde zu Reginas unsagbarem Kummer ein Opfer, das am Wege liegen blieb. Allein musste die Zehnjährige weiterziehen – einer ungewissen Zukunft entgegen.
Als Mutter Hartmann mit ihrem Peter von der Mühle zurückkam, fanden sie das traurige Bild vor. Da wussten sie, dass sie selbst so schnell wie möglich weg mussten, um nicht auch in die Indianerhände zu kommen. Erst später kam es ihnen zum Bewusstsein, dass Regina und Bärbel nicht unter den Toten waren. Als nach diesen Indianerstreifzügen Suchkolonnen die dichten Wälder durchstreiften, fanden sie die Leichen der am Wege Liegengebliebenen, auch ihre liebe kleine Bärbel. So wurde die Kleine mit dem Vater und Bruder gemeinsam begraben.
Mutter: Regina lebt! Peter, wir dürfen nicht aufhören, für unsere Regina zu beten. Gott wird uns gnädig sein und uns nach all diesem Leid die Freude eines Wiedersehens schenken. An diese Hoffnung will ich mich halten!
Sprecher: Als der Zug der Gefangenen nach tagelanger Wanderung erschöpft, hungrig und verstört im Indianerdorf ankam, wurden die „weißen Sklaven“ vor den Häuptling geführt. Triumphierend und hochmütig sah der Herrscher der Iroquois auf die vor ihm im Sande Knienden. Dann gab er seine Befehle kurz und bündig, an Gehorsam gewöhnt. Er gab jeder der Frauen und Kinder einen indianischen Namen, auf den sie hinfort hören mussten. Fast alle Gefangenen waren schon abgeführt worden, nur 2 kleine Mädchen knieten noch verängstig und zitternd vor dem Häuptling. Es waren Regina Hartmann und Susan Smith, die sich unterwegs heimlich verständigt hatten. Wenn nur möglich wollten sie einander helfen und Freundinnen sein. Regina, mit ihrer weißen Haut, goldblondem Haar und blauen Augen, schien dem Häuptling besonders zu gefallen. Sie erhielt den Namen: „Die Weiße Lilie“.
Das Mädchen wurde einer alten Tante als Hilfe zugeteilt. In diesem Wigwam musste sie nun auf trockenen Blättern in einer Ecke liegen, die ihr als Schlafplatz dienen sollte. Die Alte gab ihr noch ein Schüsselchen mit Maisbrei zu essen, den die ausgehungerte Regina dankbar annahm und gierig hinunterschlang.
Wie sie nun so dalag, todmüde und verängstigt, überkam sie plötzlich das ganze Elend ihrer Lage, und sie fing an, bitterlich zu weinen. Aber gerade in dem Augenblick, als sie unter ihre alte Decke kriechen wollte, fiel ihr Blick auf die Öffnung in der Mitte des Zeltes, und sie sah die Sterne am dunklen, klaren Herbsthimmel. Trotz ihres elenden Zustandes kam ihr das Abendlied in den Sinn, das sie zu Hause um diese Zeit gesungen hatten. Und die Worte kamen ihr fast unbewusst über die Lippen, und zur Verwunderung der alten Indianerin sang das Kind:
Regina: (singt) „Weißt du wie viel Sterne stehen…“
Sprecher: Als sie bis zu der Zeile kam ,,Denn er sorget auch für dich“ brach sie erneut in verzweifeltes Schluchzen aus.
Regina: Nein, nein, das ist nicht wahr! Du hast uns ja nicht lieb, lieber Gott! Warum?
Sprecher: Tage und Wochen vergingen. Jahr reihte sich an Jahr. Die weißen Sklavinnen waren völlig indianisiert. Sie trugen die einfachen Röckchen aus derbem Nessel, an den Füßen Mokassins oder Sandalen aus Hirschleder, das Haar hing ihnen lang über die Schultern. Sie hatten die Stammessprache sprechen gelernt, und die Muttersprache war verschüttet und ausgelöscht. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend galt es zu schaffen. Leicht war Reginas Leben nicht, obwohl die Alte nicht unfreundlich war. Wenn das Schaffen des Tages vorüber war und Dunkelheit sich über das versteckte Dorf breitete, dann kam die Stunde, in der Regina in der Vergangenheit lebte. Das Bild, das sich vor ihrer Seele ausbreitete in dieser stillen Stunde, war schattenhaft, verwischt, mehr wie ein Traum, und doch, irgendwie musste es Wirklichkeit gewesen sein…
Regina konnte ihre Muttersprache nicht mehr sprechen. Aber in dieser abendlichen Stunde klammerte sie sich an eine Erinnerung, die dunkel und dennoch lebendig in ihrem Herzen lebte: Die abendliche Stunde mit Eltern und Geschwistern. Gewohnheitsgemäß faltete sie unter der Decke ihre Hände und sang ganz, ganz leise das Lied, das die Mutter zu singen pflegte:
Regina: (singt) „Müde bin ich, geh zur Ruh…“
Sprecher: Regina fühlte sich irgendwie geborgen und unbewusst an etwas gebunden, das einmal zu ihren Leben gehört hatte. Ein Wort war ihr auch geblieben, und sie sprach es manchmal vor sich hin, als sei es ein Zauberwort und der Schlüssel zu einer besseren Zukunft:
Regina: Mutti!
Sprecher: In der Welt da draußen gab es mancherlei Kriegszüge. Aber nur selten drang Kunde von dem, was vor sich ging, zu den weißen Indianerinnen im Iroquoisdorf.
Es war um das Jahr 1764, als zwischen den amerikanischen Truppen von Pennsylvania und den vereinigten Stämmen der Indianer eine entscheidende Schlacht stattfand. Die Indianer wurden so gründlich geschlagen, dass sie endlich bereit waren, auf die Friedensbedingungen einzugehen.
Die Amerikaner forderten die Rückgabe aller weißen Sklaven. Wie ein Lauffeuer verbreite sich die Kunde von der Heimkehr der Verschleppten. Von allen Himmelsrichtungen trafen Menschen ein, die nach ihren Lieben suchen wollten. Natürlich war auch Mutter Hartmann unter der aufgeregten Menschenmenge.
In 9 Jahren waren aus Kindern Erwachsene, aus Erwachsenen Gealterte geworden. Die harten Lebensumstände hatten die Lieben so stark verändert, dass es schwer war, einander wieder zu erkennen.
Ängstlich und verschüchtert standen auch Regina und Susan in ihrer Indianertracht unter den Heimkehrern. Sie waren an solch ein Sprachgewirr und soviel Weiße nicht mehr gewöhnt. Verwirrt und schweigsam standen sie, an die Wand gelehnt, das Geschehen um sich herum beobachtend. Viele Angehörige hatten einander bereits wieder gefunden und lagen sich schluchzend in den Armen. Für die, ängstlich suchende Mutter Hartmann aber schien es, als sei ihre Regina nicht unter den Heimkehrern. Forschend, fragend, ging ihr Blick von Gesicht zu Gesicht. Doch es gab kein Erkennen! Da war die sonst so tapfere Frau der Verzweiflung nah, und es schien, als würde sie zusammenbrechen. Voller Mitleid trat ein Kommissar, der den Schmerz der Frau nicht mehr ansehen konnte, an sie heran und fragte:
Kommissar: Haben Sie denn nicht vielleicht ein Lied, das Sie viel mit dem Kinde gesungen haben, das Erinnerungen wachrufen könnte? Manchmal ist solch eine bestimmte Melodie ein Schlüssel zum Herzen und ein Erkennungszeichen.
Sprecher: Mit zitternder Stimme, erst zaghaft, dann mutiger und schließlich hell und klar sang die Mutter „ihr“ Lied!
Mutter: (singt) „Müde bin ich, geh zur…“
Sprecher: Sie sang Vers für Vers…
Plötzlich kam Bewegung in das bis dahin starre Gesicht Reginas. Die hellen Augen, die interesselos vor sich hingestarrt hatten, fingen an aufzuleuchten. Langsam ging sie auf die Singende zu, dabei das Lied singend, das sie durch die 9 Jahre der Trennung begleitet hatte. Es war kein Zweifel möglich: Mutter und Tochter hatten einander wieder gefunden und lagen sich in den Armen.
Regina: Mutti, Mutti!
Sprecher: Sprechen konnte sie nicht. Die Muttersprache musste erst langsam zurückgeholt werden. Aber sie konnte die Hand der Mutter drücken und ihr Gesicht streicheln, das feucht war von den Freudentränen.
Mutter: Ich wusste es, ich wusste es! Gott erhört Gebet!
Sprecher: Einsam stand Susan an die Wand gelehnt. Wahrscheinlich lebten ihre Eltern nicht mehr, denn niemand war da, sie heimzuführen. Da nahm Regina die Hand der Mutter und führte sie zu ihrer Gefährtin und legte die braune Hand in die mütterliche. Zu dritt fuhren sie in die neue Heimat. Susan nahm die Stelle der verstorbenen Bärbel im Familienkreis ein, und sie durften fortan im Frieden miteinander leben.
Hat diese Geschichte, die sich vor 200 Jahren ereignet hat, uns nicht auch heute etwas zu sagen? Vielleicht gerade heute? Wie oft hört man die Frage: „Warum soll man Bibelverse und Lieder auswendig lernen?“
Die „Weiße Lilie“ kann uns dazu eine Antwort geben; Was wir im Herzen und Gedächtnis tragen, kann uns niemand rauben! Es sind Worte des Lebens, die in dunklen Stunden als Sterne am Himmel leuchten und uns den Weg zur Heimat weisen.
Müde bin ich, geh’ zur Ruh’
Schließe meine Augen zu
Vater, lass die Augen dein
Über meinem Bette sein!
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