Okt 11 2007
Großvaters Weihnachtsengelein
Großvaters Weihnachtsengelein, ein christliches Anspiel zum Thema Weihnachten für 7 Personen
Erzähler: Die schöne Gotteserde lag in tiefer winterlicher Stille. So weit das Auge reichte, breitete sich ein blendend weißer Teppich aus, mit Milliarden blitzender Diamanten besät. Im Garten des Rentners Wagner, bogen sich die Zweige der Bäume unter der schimmernden Schneelast. In den prächtigen Räumen des reichen Hauses sah es nicht so friedlich wie draußen in der Natur aus. Augenblicklich herrschte tiefes Schweigen in dem reichen und behaglich ausgestatteten Gemach, doch es war die Ruhe vor dem Sturm. Man sah es an den Zügen des Vaters und des Sohnes. In der Brust des Jungen tobte ein heißer Kampf. Die Züge des Alten deuteten von unbeugsamer Härte. Sein Sohn war sein Stolz, und er liebte ihn, aber sein Starrsinn ließ kein Nachgeben zu.
Vater: Bruno, ich sage es dir zum letzten mal. Bringst du mir Ina von Reuten als Schwiegertochter, so soll alles gut sein, und das Geld zu der Klinik, die du gründen willst, liegt sofort bar vor dir auf dem Tisch.
Sohn (Bruno): Vater, ich kann nicht. Du kannst doch wirklich nicht von mir verlangen, dass ich sie heiraten soll. Glaube nur, Vater, Herr von Reuters Zusage hat auch seine besonderen Gründe. Du weißt doch selbst, wie tief er in Schulden ist, sonst würde dem stolzen Herrn ein bürgerlicher Schwiegersohn nicht so willkommen sein.
Vater: Ach, was die Welt alles schwatzt, es wird nicht so schlimm sein. Übrigens sollst du es dir zur größten Ehre anrechnen, eine so hoch stehende Gemahlin zu bekommen. Ich weiß auch gar nicht, was du an ihr auszusetzen hast. Ina ist jung, schön, ein liebenswürdiges Wesen.
Bruno: Aber kein Herz, ich brauche eine Frau, die ein warmes Herz hat für meine Kranken und mich freudig unterstützt in meinem schönen Beruf als Arzt. Eine Hoheit wie sie, würde sich nicht herablassen, ich würde der Sklave ihrer Wünsche werden. Nein, eine solche Frau kann ich nicht brauchen, denn ich bin bereit als ein tüchtiger Arzt mein Leben in den Dienst der leidenden Menschheit zu stellen, da muss ich eine Gefährtin haben, die treulich Hand in Hand mit mir geht.
Vater: So, so! Solche Empfehlungen hätte ich meinem Sohn nicht zugetraut. Übrigens bitte ich dich zu bedenken, dass man bereits davon spricht. Auch habe ich Ina neulich angedeutet, dass du bald kommen würdest.
Bruno: Das war sehr unklug von dir Vater. Ina weiß genau, dass ich sie nicht liebe, und sie mich auch nicht sondern nur mein Geld. Meines Herzens Liebe hat immer und immer nur Schulmeisters Annchen gehört, schon als kleiner Junge hatte ich sie lieb. Gib uns deinen Segen, Vater!
Vater: Nie und nimmer, meinst du ich werde eine so hergelaufene…
Bruno: Halt ein Vater! Annchen ist ein wohlerzogenes Mädchen, sie hat einen frommen demütigen Sinn, das gilt bei mir höher als Ina von Reutens schön klingender Name.
Erzähler: Der alte Herr schwieg darauf, aber sein Blick war finster abgewandt. Bruno stand am Fenster und schaute hinaus, seine Brust hob und senkte sich unter schweren Atemzügen. Nach einer Weile sah er sich um und bat mit halberstickter Stimme.
Bruno: Vater, lass dich bewegen und gib deinen Segen, ohne dem ich nicht gerne glücklich sein möchte.
Vater: Nein! Nein! Noch mal nein!
Bruno: So muss ich diesen wichtigen Lebensschritt ohne deinen Segen tun, und so weh mir´s auch tut, muss ich dir doch erklären, dass keine andere als Annchen meine Frau wird.
Vater: Nun gut, doch wir sind dann fremde Leute!
Bruno: Vater, in zwei Stunden geht mein Zug zurück, der mich wieder zu meiner Pflicht ruft. Willst du mir nicht ein gutes Wort mit auf den Weg geben?
Vater: Ja, gehe, gehe, für immer, es sei denn du bringst mir Ina als Schwiegertochter, dann will ich dich mit offenen Armen willkommen heißen. Mit der Schulmeistertochter aber kommst du mir nicht unter die Augen!
Bruno: Vater, ist das dein letztes Wort?
Vater: Ja, und noch mal ja, entweder – oder!
Bruno: Ich kann nicht anders Vater, ich müsste sonst gegen Herz und Gewissen handeln.
Vater: Dann sind wir auch fertig miteinander. Geh!
Erzähler: Der junge Mann ging schweren Herzens hinüber zum Wohnzimmer, wo seine Mutter und Schwester waren. Seine Schwester Dora saß am Klavier und sang mit heller Stimme “Harre meine Seele, harre des Herrn!” Bruno taten die süßen Klänge und besonders die Trostworte wohl. Er setzte sich still in den Hintergrund des Zimmers und lauschte bis das Lied zu Ende war.
Die Mutter merkte bald, dass Ihn etwas besonders schwer bedrückte.
Mutter: Was hast du mein Sohn?
Dora: Bruno? Wie siehst du aus, was ist dir geschehen?
Erzähler: Das junge Mädchen eilte zu ihm und schlang zärtlich die Arme um seinen Hals. Auch die Mutter streichelte sanft sein Haar. Bei diesem Liebesbeweis verlor Bruno seine Selbstbeherrschung, er schlug die Hände vor´s Gesicht und schluchzte bitterlich. Es dauerte lange, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass er der Mutter und Schwester sagen konnte, was er mit dem Vater erlebt hatte.
Dora: Es wird alles wieder gut werden. Der Vater hat doch im Grunde genommen ein Herz, und lieb hat er dich auch, nur hat er einen sehr harten Kopf. Aber der liebe Gott kann die Herzen der Menschen lenken wie Wasserbäche; nicht wahr Mutter? Wir wollen recht fleißig für unseren armen Bruno beten.
Bruno: Habt Dank, ihr Lieben, dass ihr mir so treulich beigestanden habt; so darf ich doch einen Trost aus dem Vatershause mitnehmen. Und dann bitte ich euch um eins: nehmt meine Braut liebreich an euer Herz.
Mutter: Ja mein Sohn, uns soll sie herzlich willkommen sein. Ja, ich kann sogar offen sagen, dass sie mir weit aus lieber ist als Ina von Reuten.
Dora: O, ich will dein Annchen so lieb haben! Auch werde ich manchmal hinüber laufen und sie trösten.
Bruno: Nun muss ich mich fertig machen zum Fahren.
Erzähler: Eine halbe Stunde später knirschte draußen der Schnee unter seinen Füßen. Bruno ging mit müden Schritten hinaus aus seinem Vatershause, das nun bald wie ein verschlossenes Paradies hinter ihm liegen würde. An der Gartenpforte wandte er sich noch einmal um und winkte Mutter und Schwester einen letzten Gruß zurück, die ihm mit tränenden Augen nachschauten. Dann fiel das Tor klirrend hinter dem verstoßenen Sohne zu. An einem Fenster hinter dem Vorhang stand der Vater, auch er schaute dem Sohne nach. Als er die hohe Gastalt des Sohnes so müde vorwärts schreiten sah, wollte die Vaterliebe durchbrechen, es war ihm, als müsse er das Fenster aufreißen und ihm nachrufen, “O komm ans Vaterherz mein Sohn!” Doch da kam auch schon wieder der alte Trotz und Starrsinn.
Musik
Erzähler: Die Zeit eilte im raschen Fluge vorwärts. Im holden Frühling hatte Bruno sein Annchen heimgeführt. Der Vater hatte eine große Reise angetreten und war nicht zu Hause. So war es möglich, dass Mutter und Schwester den geliebten Bruno zum Traualtar begleiten konnten. Dora hatte die Braut mit Kranz und Schleier geschmückt. Nach der Hochzeit zog das Paar, von tausend Segenswünschen und warmen Gebeten begleitet, in die Stadt zurück, wo Bruno seine Praxis hatte. Er hatte sein Ziel erreicht und eine Heilanstalt gegründet. Ein alter Freund seines Vaters hatte dem jungen Arzt die Mittel dazu angeboten. Die Anstalt blühte in kurzer Zeit segensreich empor, und war bald weit und breit bekannt. Die junge Frau des Arztes überwachte alle Arbeiten. Überall spürte man ihre ordnende Hand und ihre sorgende Liebe für die Kranken. Die Kranken streckten ihr die Hände entgegen, wenn sie durch den Saal schritt. Überall und zu jedem hatte sie ein freundliches Wort. Die Frau des Arztes war ein rechter Segen. In Brunos Elternhaus ging still ein Jahr nach dem anderen dahin, ohne das sich etwas geändert hätte. Von Bruno und seiner Familie durfte in der Gegenwart des Vaters noch immer nichts gesprochen werden, aber in seinem Herzen war längst schon die Sehnsucht nach dem verstoßenen Sohn erwacht. Doch sein Starrsinn ließ keine Vergebung zu. Auch von außen hatte er nicht gute Erfahrungen gemacht. Ina von Reuten, sein Liebling, hatte einen reichen Kaufmann geheiratet, aber nach Verlauf etlicher Jahre hatte sie alles verschwendet und treulos ihren Mann und das Kind verlassen. Sie hatte mit einem anderen Mann das weite gesucht. Die Freundschaft mit Inas Vater hatte auch ein Ende genommen, denn der Herr von Reuten hatte schon öfters größere Summen geliehen, und als Brunos Vater ihn höflich danach fragte, da sagte der Herr, er habe niemals Geld von ihm geliehen. Jetzt sah er ein, dass es nicht gute Leute waren, und Bruno recht hatte als er sagte: “Ina will nur mein Geld.” Der Vater wurde jeden Tag unfreundlicher. Die Mutter und Dora waren fast am verzagen.
Dora: Ach Mutter, wir haben doch so gehofft und gebetet, ich habe ganz fest geglaubt, der liebe Gott müsste ein Wunder tun an Vaters Herzen, und nun ist alles aus.
Mutter: Nimm es dir nicht so zu Herzen mein Kind. Vater wird sich noch anders besinnen! Wir wollen glauben und beten.
Musik
Erzähler: Nun stand mal wieder das liebe Weihnachtsfest vor der Tür. Überall regte sich jenes geschäftige Treiben, gegenseitig Freude zuzubereiten. Mit tiefen dankerfülltem Herzen über die große Gottesgabe, der den eingeborenen Sohn zu unserer Rettung auf die Erde sandte, erfüllte der Menschen Herzen auch einander zu erfreuen. Kurz vor dem Fest kam ein alter Freund ins Haus, der dem Bruno damals die Mittel zur Gründung der Praxis gab.
Der Vater hatte niemals gefragt, wo Bruno das Geld her hatte. Dieser alte Freund des Hauses tat, als ob er nichts wüsste von der Uneinigkeit zwischen Vater und Sohn. Er erzählte ganz harmlos:
Freund: Na, gestern bin ich auch durch die Stadt gefahren und habe mir die Anstalt ihres Sohnes angesehen. Da ruht der Segen des Herrn darauf. Der Bruno verdient ihn aber auch.
Er ist wirklich ein ganzer Mann, und erst seine liebliche junge Frau, die ist in der Tat ein Segensengel. Man sollte nicht glauben, was dies stille Wesen alles schafft. Man muss nur einmal durch die Krankenzimmern gehen und mit ansehen, wie die Augen der Kranken aufleuchten bei ihrem Blick. Und ein Kind haben die beiden auch! Man denkt, die Kleine mit dem goldenen Lockenköpfchen und den großen Kinderaugen sei gerade vom Himmel nieder gekommen. Nein wirklich alter Freund, mit ihnen hat es der liebe Gott gut gemeint. Sie müssen doch wirklich glücklich sein, über solchen Familienreichtum. Aber jetzt ist es höchste Zeit für mich zu gehen. Auf baldiges Wiedersehen!
Musik
Mutter: Nun, liebe Dora, ich meine diese Lobrede unseres Freundes hat einen neuen Brand in Vaters Herz geworfen, er geht so unruhig auf und ab, und uns will er es nicht zeigen.
Dora: Ja Mutter, das habe ich auch schon bemerkt und mit neuer Hoffnung gehe ich in die Zukunft. Ich habe Papa aufmerksam beobachtet als unser alte Freund Bruno so lobte, wie es leuchtete in Papas Augen, als er von dem holden Enkelkinde erzählte.
Erzähler: Dora hatte jetzt immer viel zu tun. Sie nähte und strickte, dann schrieb sie wieder, ihre Wangen glühten vor Eifer. Nicht einmal die Mutter verriet sie etwas. Die Mutter betete nur im Stillen innig, das der Herr den Glauben ihres Kindes mit Lohn krönen möge. In den festlich geschmückten Räumen des Hauses brannte auch ein heller Weihnachtsbaum. Auf drei Tischen lagen reiche Geschenke für die Dienstboten aufgebaut. Dora hatte das schöne Fest mit einem Lied eröffnet. Dann las der Hausherr das Weihnachtsevangelium aus Lukas 2. Danach saß er still in einer Sofaecke, man sah es ihm an, dass ihm etwas fehlte. Dora setzte sich ans Klavier, sie fing ganz leise an zu spielen: “Vom Himmel hoch da komm ich her…” Und was war das? Ein schöner Gesang war zu hören. Der Vater war aufgesprungen, er glaubte einen Engelgesang zu vernehmen, oder träumte er? Jetzt tat sich dir Tür auf und ein holdes Gestaltchen in einem duftigen weißen Kleidchen kam herein. Dora nahm es an die Hand und führte es bis zum Sofa. Die Kleine machte einen zierlichen Knick und sagte ihr Weihnachtsverschen auf.
Kleine: Lieb Großpapa, nun sind wir da zum schönen Weihnachtsfeste. Der Papa und die Mama mein. Die möchten gerne auch herein und wünschen dir das Beste.
Erzähler: Ein heißer Strom von Reutränen brach aus seinen Augen, während aus seinem Herzen der letzte Stolz schmolz. Doch plötzlich beugte er sich zu dem liebenden Kinde nieder und hob es auf seine Knie. Die Kleine hatte die weichen Armchen um seinen Hals geschlungen. Der Großpapa schluchzte zum Herzzerbrechen, und als er sich gar nicht beruhigen konnte, fragte die Kleine:
Kleine: Tut dir etwas weh, lieber Großpapa? Soll ich gehen meinen Papa holen. Papa kann allen Kranken helfen und Mama kocht ihnen so guten Tee. Bei uns sind viele Kranke zu Hause, auch kleine Kinder. Ich darf ihnen auch von meinen Spielsachen bringen. Aber jetzt will ich schnell gehen und Papa rufen.
Vater: Ach bleib bei mir, mein liebes Kind. Dora…
Erzähler: – weiter kam er nicht, aber ein bittender Blick schweifte zur Tochter hinüber, der ihr deutlich sagte, was sie tun durfte. Dora eilte hinüber ins Schulhaus. Wenige Minuten später kehrte sie mit Bruno und seiner Frau zurück. Zum ersten Mal nach 5 Jahren stand der verstoßene Sohn im traulichen Vatershaus und suchte Liebe am Vaterherzen. Vater und Sohn umarmten sich lange .
Bruno: Vater! Kannst du mir vergeben?
Vater: Um eures holden Kindes Willen, sei alles vergeben und vergessen.
Erzähler: Dann zog er auch die junge Frau in seine Arme und drückte einen warmen Segenskuss auf ihre Stirn. Als sich alles beruhigt hatte, sagte die Mutter:
Mutter: Dora, dir ist die Weihnachtsüberraschung mit des treuen Heilands Beistand so schön gelungen. Ich schlage vor, Bruno und Dora singen uns eins ihrer schönen Weihnachtslieder, wie sie es früher immer getan haben.
Musik
Erzähler: Alle stimmten freudig ein, und bald klangen die herzlichen Töne durch das traute Gemach. Die Mutter hatte den Arm um die Schwiegertochter gelegt. Das blonde Haupt der jungen Frau ruhte an der Schulter der Mutter und beide lauschten dem schönen Weihnachtslied. Der Großvater hatte wieder sein Weihnachtsengelein auf den Arm genommen. Er stand hinter dem strahlenden Christbaum und sein Herz stimmte diesmal vom tiefsten Grunde mit ein in die selige Himmelsbotschaft, die dort eben so lieblich von den Lippen seiner Kinder erklang. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!
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