Aug 24 2007
Das weiße Huhn des Herrn
Das weiße Huhn des Herrn, ein christliches Anspiel zum Thema Erntedankfest für sechs Personen.
Autor: Die folgende Geschichte hat sich vor vielen Jahren in Syrien ereignet. Dort ließ sich in einem ländlichen Bezirk ein junges amerikanisches Ehepaar nieder und begann, die gute Nachricht zu verkündigen. Die Hirten und Bauern, die in dieser Gegend wohnten, beteten zu Gott. Doch sie kannten weder die Bibel, noch hatten sie je gehört, daß ihre Sünden vergeben werden konnten, weil Jesus für sie gestorben war. Über diese Botschaft konnten sie nur staunen, und Abend für Abend kamen sie müde, verschwitzt und schmutzig von ihren Feldern heim, setzten sich um Ralph herum und hörten ihm zu, wie er ihnen die Bibel erklärte. Viele glaubten an das, was sie hörten, und baten den heiligen Geist, in ihr Leben zu kommen. An einem Abend sprach Ralph über die große Liebe Gottes, der Jesus in die Welt sandte, und über die Liebe Jesu, der sein Leben für die Menschen gab. Da fragte Jemand:
Bauer I: Aber was können wir den geben, um Gott zu zeigen, daß wir ihn lieben?
Bauer II: Wir haben doch kaum Geld, und das Wenige, was wir haben, brauchen wir für Werkzeug und Saatgut. Wir alle leben doch vom Ertrag unserer Felder und von unseren Herden und sind arm. Im Winter haben wir manchmal nicht einmal mehr Brot für unsere Kinder. Was könnten wir Gott also geben?
Autor: Ralph schlug das Buch Maleachi auf und las vor, wie Gott vor langer Zeit seinem Volk befohlen hatte, sie sollten den zehnten Teil von allem, was sie besaßen, für Gottes Werk geben. Doch dann wurden die Menschen habgierig und behielten alles für sich, deshalb mußte der Prophet Maleachi ihnen im Auftrag Gottes sagen:
Ralph: Bringt den zehnten Teil eurer Ernte unverkürzt zu meinem Tempel, damit die Priester zu essen haben. Habt keine Sorge, daß ihr dann Mangel leidet! Nehmt mich beim Wort! Ihr werdet erleben, wie ich euch mit Segen überschütte!
Autor: Die Zuhörer sahen einander an.
Bauer III: Ein Zehntel unseres Getreides, unserer Eier, unserer Früchte, unserer Herde? Und wenn wir dann nicht genug für uns selbst übrig behalten?
Ralph: Was steht in dem Vers?
Bauer III: Da steht, daß Gott uns mit Segen überschütten will … . Das klingt gut … . Aber ist es wahr?
Ralph: Probiert’s doch mal aus!
Autor: Schlug Ralph vor. Also versuchten sie es. Jeder brachte den zehnten Teil seines Ertrags zu Ralph, und er kaufte ihnen das entweder ab und lebte davon oder er verkaufte es in der nahe gelegenen Stadt. Das Geld legte er zur Seite. Bald war genug zusammengekommen, daß sie Baumaterial kaufen und eine kleine Kirche bauen konnten, wo sie sich zum Gottesdienst trafen. Im ganzen Dorf herrschte helle Freude, und es fiel den Leuten leicht zu geben. Sie sehnten sich danach, auch in die Nachbardörfer zu gehen und dort von ihrem Retter zu erzählen. Doch sie konnten nicht von ihren Äckern und Herden weg. Da überlegten sie: Wenn wir weiter Geld sparen, können wir vielleicht einen aus unserer Mitte als unseren Botschafter in die Nachbardörfer aussenden. Und so begann die kleine Kasse wieder zu wachsen. Dann aber kam eine Dürrezeit, und die Gaben wurden weniger. Auch die Freude in der kleinen Gemeinde erlosch allmählich, und die Gemeindeleiter machten sich Sorgen. Und noch jemand machte sich Sorgen. Auf einem kleinen Hof in der Nähe wohnte eine Witwe. Ihr Mann war an Typhus gestorben, und so stand sie nun mit ihren drei kleinen Kindern allein da. Das Leben war hart, doch sie hatte ein Stück Land, eine Ziege und etwa dreißig Hennen, und damit schlug sie sich recht und schlecht durch. Während des vergangenen Jahres hatte sie jedoch Christus kennengelernt, ihn in ihr Leben aufgenommen, und alles war anders geworden, seit sie mit all ihren Sorgen im Gebet zu ihm gehen konnte. Es war ein Freudenfest, als sie eines Tages feststellte, daß ihre weiße Henne brütete. Sie wollte sogleich ein Ei für Gott zur Seite tun, doch dann dachte sie:
Witwe: Es ist besser, ich gebe Gott ein Küken als ein Ei.
Autor: Einige Zeit später schlüpften zehn wunderschöne gelbe Küken aus. Sie fing eins davon und band ihm einen Wollfaden um ein Bein.
Mariam: Was machst du denn da?
Autor: Fragte ihre neunjährige Tochter Mariam.
Witwe: Dieses Huhn gehört dem Herrn, darauf müssen wir besonders aufpassen.
Autor: Die Küken wuchsen heran, und Mariam hatte sie alle gern.
Mariam: Wann wirst du Gott seinen Huhn geben, Mama?
Witwe: Noch nicht, meine Tochter. Es soll noch etwas wachsen. Es ist besser, der Herr bekommt eine Henne als ein Küken.
Autor: Bald bemerkten sie etwas Seltsames. Alle Küken wuchsen gesund und stark heran, doch das Huhn des Herrn war gesünder und kräftiger als alle anderen. Es war wirklich ein erstklassiges Huhn mit festem Fleisch und schneeweißen Federn. Mariam freute sich, denn sie fand es ganz richtig, daß Gott das schönste Huhn gehören sollte. Ihre Mutter aber war gar nicht begeistert. Auf dem Feld war in diesem Dürrejahr nur wenig gewachsen. Der Weizen stand schlecht, die Tomaten waren kümmerlich. Mit dem Huhn des Herrn hätte sie auf dem Markt einen ordentlichen Preis erzielen können.
Witwe: Wie konnte ich nur so dumm sein, ihm den Wollfaden ums Bein zu binden. Herr Ralph hat vom zehnten Teil gesprochen. Das ist ein Huhn, und es ist doch ganz gleich, welches. Ich hätte dem Herrn doch auch das magere, dunkle Huhn da drüben geben können. Keiner hätte es je gemerkt.
Autor: Die ganze Angelegenheit beschäftigte sie derart, daß sie an einem Sonntagmorgen zum Hühnerstall ging, den Wollfaden vom Bein des Huhns, das für Gott bestimmt war, löste und ihn dem mageren Huhn ans Bein band. Dann warf sie sich ihren Schleier über den Kopf, putzte ihre drei Kinder heraus und machte sich auf den Weg in den Gottesdienst in der neuen kleinen Kirche. An diesem Sonntag feierten sie am Ende des Gottesdienstes Abendmahl. Ein syrischer Christ ging zu dem einfachen Holztisch, wo in Erinnerung an den Leib und das Blut des Herrn Jesus Christus Brot und Wein standen. Bevor er die Gemeinde einlud, nach vorn zu kommen und das Abendmahl zu nehmen, stimmte er einen alten Choral an, der vom Englischen ins Arabische übersetzt worden war:
„Mein Leben gab ich für dich hin,
vergoß mein kostbares Blut,
um dich zu erlösen
und dir ewiges Leben zu schenken.
Ich habe mein Leben für dich gegeben –
was gibst du für mich?“
Jeder Choral endete mit dieser Frage. Doch bevor die Gemeinde das Lied ganz gesungen hatte, entstand auf einmal Unruhe in der Kirche. Die Witwe kam nach vorne. Sie hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben, weinte und sagte irgend etwas, was man vor lauter Schluchzen nicht verstehen konnte. Sosehr die Leute sich auch bemühten, keiner konnte verstehen was sie sagte. Nur vier Wörter, die immer wieder vorkamen, waren zu verstehen: „Das Huhn des Herrn!“ Mariam war es, die der Gemeinde es schließlich erklären konnte, was mit ihrer Mutter los war. Sie vergaß alle Schüchternheit, rannte nach vorn und legte den Arm um ihre Mutter.
Mariam: Sie sagt: „Wartet!“ Wartet, bis sie zu Hause gewesen ist. Sie möchte dem Huhn des Herrn wieder den Wollfaden ans Bein binden. Sie sagt, sie kann das Brot und den Wein nicht nehmen, bevor sie das nicht erledigt hat.
Autor: Niemand lachte darüber. Die Leute begriffen, was da geschehen war. Die Witwe hob ihre tränenüberströmtes Gesicht:
Witwe: Er hat so viel für mich gegeben. Ich aber wollte ihm nur das Schlechteste geben. Wie kann ich da die Erinnerung an seinen Tod feiern? Wartet! Wartet bitte … . Ich will ihm das Beste geben.
Autor: Jetzt standen andere schweigend auf. Gottes Geist wirkte an ihnen.
Bauer II: Bruder Ralph, ich will auch nach Hause gehen, ich habe den zehnten Teil meines Weizens nicht abgeliefert. Wie kann ich da feiern, was Jesus für mich getan hat?
Bauer I: Und ich, ich habe mich vor der Dürre gefürchtet. Seit vielen Wochen habe ich dem Herrn keine Milch mehr gegeben.
Autor: Murmelte ein anderer. Dann sagte jemand:
Bauer III: Brüder und Schwestern, ich bin dafür, daß wir heute morgen das Abendmahl nicht feiern. Vielleicht müssen viele von uns erst einmal nach Hause gehen. Wir wollen uns heute abend wieder hier versammeln.
Autor: Alle stimmten zu, und schweigend ging die Gemeinde auseinander. An diesem Nachmittag hatte Ralph keine ruhige Minute. Die Gemeindeglieder standen mit ihren Gaben vor seiner Tür Schlange. Am Abend war die Kirche überfüllt. Freude und Jubel hatten wieder Einzug ins Dorf gehalten. Christus schien wieder nahe zu sein, und die Menschen waren glücklich. Auch Mariam und ihre Mutter erschienen zum Gottesdienst, und die Augen der Witwe glänzten vor Tränen, als sie sich an die Liebe ihres Herrn erinnerte, der alles für sie gegeben hatte. Gemeinsam sangen sie die letzte Strophe des Chorals:
„Mein Leben gab ich für dich hin,
vergoß mein kostbares Blut,
um dich zu erlösen
und dir ewiges Leben zu schenken.
Ich habe mein Leben für dich gegeben –
was gibst du für mich?“
Und auf dem kleinen Bauernhof stolzierte das weiße Huhn des Herrn stolz hin und her. Um seinen Bein trug es einen Wollfaden.
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