Erzähler: Der dreißigjährige Krieg war vorüber. Es war etwa ums Jahr 1650, zwei Jahre nach dem Friedensschluß. Um diese Zeit lebte ein junger Mann in einer der engsten Gassen Hamburgs. Niemand besuchte ihn, und alles, was die Leute im Haus von ihm wussten, war, dass er während des größten Teils des Tages seine Geige mit solchem Geschick und Ausdruck spielte, dass immer wieder jemand vor seiner Tür stehen blieb und seinem Spiel lauschte. Er war gewohnt, um die Mittagszeit auszugehen und in einer armseligen Wirtschaft zu essen; außerdem pflegte er noch ab und zu in der Dämmerung das Haus zu verlassen, mit einem unkenntlichen Gegenstand unter dem Mantel. Am andern Tag bezahlte er dann stets seine Miete. Das war Frau Johannsen, seiner Wirtin, natürlich nicht entgangen. Neugierig, wie sie war, folgte sie ihm eines Abends unbemerkt. Als sie sah, daß er den Laden des Pfandleihers betrat, wurde ihr alles klar. Die gutherzige Frau war sofort entschlossen, ihm zu helfen, soweit sie konnte. Wenige Tage darauf klopfte sie an seine Tür. Es jammerte sie von Herzen, als sie in seinem Zimmer nichts weiter fand als ihre eigenen dürftigen Möbel. Alles andere war verschwunden, ausgenommen die Geige, die in der einen Fenster ecke stand, während der junge Mann in der anderen saß und sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte.
Johannsen: Herr Neumark, nehmen Sie mir´s nicht übel, dass ich nach Ihnen sehe. Aber da Sie seit zwei Tagen nicht ausgegangen sind und Sie auch nicht auf Ihrer Geige gespielt haben, dachte ich, Sie könnten krank sein. Wenn ich etwas für Sie tun kann, tue ich es gerne.
Neumark: Frau Johannsen, Sie sind vielleicht besorgt, dass ich meine nächste Miete nicht bezahlen werde, aber wenn ich auch arm bin, ehrlich bin ich. Es ist ja manchmal schwer genug für mich, aber bis jetzt bin ich noch nie ganz mittellos gewesen.
Johannsen: Herr Neumark, wir haben zwar selber nicht viel, aber zu essen doch manchmal mehr als genug, so zum Beispiel heute, und da Sie noch nicht fort gewesen sind – wenn Sie mir erlauben wollen…
Neumark: Sie haben recht, ich habe noch nichts gegessen.
Erzähler: Ohne auf ein weiteres Wort zu warten, verließ die Frau das Zimmer und kehrte kurz darauf mit einer tüchtigen Mahlzeit zurück.
Johannsen: Nichts für ungut, aber Sie sind sicher nicht von hier. Kennen Sie denn irgend jemand in der Stadt?
Neumark: Nein, niemand, ich bin fremd hier. Sie sind die erste, die mir freundlich zugesprochen hat.
Johannsen: Nun gut, wenn es nicht unhöflich ist, möchte ich Sie einiges fragen. Wo sind Sie her? Was sind Sie von Beruf? Sind Sie Musiker? Leben Ihre Eltern noch? Was tun Sie in Hamburg?
Neumark: Meine Eltern waren arme Leute. Sie lebten in Langensalza in Thüringen. Sie sind beide tot. Vor 29 Jahren bin ich dort geboren. Ich habe Rechtswissenschaft studiert, und damit, fürchte ich, habe ich einen verhängnisvollen Fehler gemacht, da ich von Natur ein Mann des Friedens bin und keine Neigung zu Streitereien und Prozessen habe. Hätte ich meine Berufung früher erkannt, bevor ich dies Studium begann, es wäre besser gewesen. – Aber ich will weiter erzählen.
Zehn Jahre lang habe ich oft Hunger gelitten auf der lateinischen Schule einer kleinen Stadt. Dann ging ich, 22 Jahre alt, nach Königsberg, um die Rechte zu studieren. Es war eine weite Reise, aber ich floh vor dem greulichen Krieg, der mein Vaterland verwüstete. Ich entrann zwar den Schrecken des Krieges, aber in Königsberg verlor ich bei Brand all meine Habe bis auf den letzten Heller und war zum Bettler geworden.
Johannsen: Aber wovon lebten Sie dann?
Neumark: Von den Gaben Gottes. Sie müssen nämlich wissen, dass ich ein Dichter bin, und Sie haben wohl auch gehört, dass ich einige Fertigkeit im Geigen spielen habe, und so fand ich nach und nach Freude und Wohltäter, die mir halfen.
Johannsen: Und Sie blieben in Königsberg, bis Sie hierher kamen?
Neumark: Nein. Nach fünf Jahren ging ich nach Danzig, in der Hoffnung, dort mein Brot zu verdienen, und als diese Hoffnung mich betrog, wanderte ich weiter nach Thron; da ging es mir über Erwarten gut. Gott führte mir manchen lieben Menschen zu, der mich als Freund und Bruder aufnahm. Aber trotz alledem konnte ich keine Anstellung finden, und so beschloss ich endlich, in meiner Vaterstadt zu suchen, was mir anderweitig verweigert wurde. Als ich hier durch Hamburg kam, kam es mir vor, als wenn eine Stimme zu mir sagte: Bleibe hier, so wird dich Gott versorgen. Aber es muss die Stimme meines eigenen Willens gewesen sein, denn Sie wissen, dass es mir hier nicht gerade glänzend geht.
Johannsen: Aber sagen Sie mir doch, was für eine Anstellung suchen Sie denn?
Neumark: Ich könnte mir wohl mein Brot als Schreiber verdienen.
Johannsen: Dann sind Sie also kein Musiker?
Neumark: Ja, ich bin´s und bin es auch wieder nicht. Ich kann ein wenig spielen, so zu meinem Vergnügen, aber nicht, um mein Brot zu verdienen. Diese Geige ist mein einziger Freund in der Welt. Ich könnte Ihnen viel erzählen von der wunderbaren Güte und Barmherzigkeit Gottes gegen mich in all meinem Elend. Jetzt habe ich freilich nichts mehr als diese Geige. Aber Sie kennen Herrn Siebert, bei dem ist eine Schreibstelle offen; er will mein Besuch um diese Stelle heute beantworten. Ich glaube, es ist jetzt gerade die Zeit, wo ich ihn sprechen sollte. Sie entschuldigen mich wohl.
Musik:
Erzähler: Balthasar Kreuzer, der alte Pfandleiher, wohnte in einer der engen Gassen, die nach dem Hafen führten. Noch spät am Abend trat ein junger Mann in seinen Laden.
Kreuzer: Guten Abend! Was führt Sie so spät zu mir? Haben Sie keine Geduld bis morgen?
Neumark: Nein, Balthasar, wenn ich bis morgen gewartet hätte, wäre ich vielleicht gar nicht gekommen. Was wollen Sie mir für diese Geige geben?
Kreuzer: Was soll ich machen mit einer solchen Fidel?
Neumark: Das wissen Sie ganz gut, Balthasar! Sie stellen sie da in die Ecken, hinter die Kleider, wo sie niemand sieht. Nun, was wollen Sie mir dafür geben?
Kreuzer: Was ich Ihnen geben will dafür? Für das bisschen Holz und die paar alten Saiten? Ich habe Geigen mit Silber und Perlmutter gesehen; aber hier ist nichts als Holz.
Neumark: Hören Sie, fünf Jahre habe ich gespart, ganze fünf Jahre habe ich Hunger und Not gelitten, bis ich die fünf Kronen hatte, um dieses Instrument zu kaufen. Leihen Sie zwei drauf! Sie sollen drei haben, wenn ich es wieder einlöse.
Kreuzer: Zwei Kronen haben Sie gesagt? Was soll ich tun damit, wenn Sie´s nicht einlösen?
Neumark: Balthasar, Sie wissen nicht, wie ich an dieser Geige hänge. Sie ist mein ganzes Vermögen, mein einziger Freund hier auf Erden. Geben Sie mir wenigstens anderthalb Kronen.
Kreuzer: Anderthalb Kronen! Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß kein Kaufmann anderthalb Kronen geben kann für ein Stück Holz, das nur einen Groschen wert ist?
Neumark: Sie sind ein harter, grausamer Mann! (Packt seine Geige und will davon gehen)
Kreuzer: Halt, halt, junger Mann! Handel ist Handel. Ich will Ihnen eine Krone geben.
Neumark: Anderthalb, Balthasar! Morgen muß ich eine Krone bezahlen; wovon soll ich denn leben?
Kreuzer: Aus alter Freundschaft will ich Ihnen ein und ein Viertel geben; aber verstehen Sie, mit einem Sechser Zinsen auf jeden Gulden und einen Groschen für die nächste Woche; und können Sie dann nicht bezahlen, so ist sie mein. Aber was soll ich nur anfangen mit einem Stück Holz?
Neumark: Es ist schwer, aber ich muß mich fügen. Möge sich Gott meiner erbarmen! Balthasar, ich habe nur eine Bitte! Sie wissen nicht, wie schwer es mir wird, mich von meiner Geige zu trennen. Zehn Jahre haben wir zusammengehalten. Nur diesen einzigen Gefallen müssen Sie mir tun, Balthasar, mich noch einmal auf meiner Geige spielen zu lassen. (Eilt auf die Geige zu)
Kreuzer: Halt! Mein Laden sollte schon geschlossen sein! Er ist nur Ihretwegen noch offen geblieben. Kommen Sie morgen oder lieber gar nicht!
Neumark: Nein, heute, jetzt! Ich muss Abschied nehmen.
Erzähler: Und indem er das Instrument halb fasste, halb umschlang, setzte er sich auf einen alten Kasten inmitten des Ladens und fing an, so außerordentlich zart zu spielen, dass Balthasar wider Willen lauschen musste. Noch einige Striche mit dem Bogen, und -
Kreuzer: Es ist genug! Was sollen all diese Klagelieder? Sie haben eine Krone und ein Viertel in der Tasche.
Erzähler: Aber der Spieler war taub. In seine eigenen Gedanken vertieft, spielte er weiter. Plötzlich wechselte er die Tonart. Wenige Takte, und die Melodie ergoss sich aufs neue, und er sang lauter und lauter, und sein Angesicht wurde erhellt von einem glücklichen Lächeln.
Kreuzer: Vergessen Sie nicht, dass Sie eine Krone und ein Viertel in Ihrer Tasche haben! Also in vierzehn Tagen ist das Ding mein, wenn Sie es bis dahin nicht eingelöst haben! (Neumark stellt die Geige hin)
Neumark: (flüstert) Wie Gott will, ich bin still!
Erzähler: Ohne ein Wort des Abschieds verließ Neumark den Laden. Als er in die dunkle Nacht hinaus stürmte, stieß er gegen einen Mann, der vor der Tür auf die Musik gelauscht zu haben schien.
Gütig: Entschuldigen Sie! Darf ich fragen, ob Sie es waren, der eben so schön spielte und sang?
Neumark: Ja.
Gütig: Verzeihen Sie, ich bin nur ein armer Mann, aber das Lied, das Sie da eben gesungen haben, ist mir durch die Seele gedrungen. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich eine Abschrift davon bekommen könnte? Ich bin nur ein Diener, aber ich würde einen Gulden darum geben; ich meine, es wäre gerade für mich geschrieben.
Neumark: Lieber Freund, ich will ihren Wunsch gern erfüllen, ohne den Gulden. Darf ich fragen, wer Sie sind?
Gütig: Ich heiße Johann Gütig und bin im Haus des schwedischen Gesandten, Baron von Rosenkranz.
Neumark: Schön, so kommen Sie morgen früh! Mein Name ist Georg Neumark. Sie finden mich bei Frau Johannsen in der Krummen Gasse. Gute Nacht!
Erzähler: Eines Morgens, vielleicht eine Woche später, machte Gütig bereits seinen zweiten Besuch in Frau Johannsens Haus. Neumark empfing ihn freundlich.
Gütig: Sie halten mich vielleicht für töricht, aber ich darf mir erlauben…
Neumark: Vielleicht eine zweite Abschrift des Liedes? Natürlich, herzlich gern!
Gütig: Nein, nein, das nicht! Ich habe die Abschrift, die Sie mir gaben, gut verwahrt. Aber gestern – ich hoffe, Sie nehmen mir´s nicht übel…
Neumark: Erzählen Sie doch!
Gütig: Nun, sehen Sie, der Gesandte hatte einen Sekretär, der ihm alle seine Briefe schrieb. Gestern ist er plötzlich davon gegangen, niemand weiß warum; aber wir glauben, dass der Baron ihn bei einer Untreue ertappt und unter der Hand entlassen hat. Gestern Abend sagte mir der Herr Baron: “Nun ist der Sekretär fort, und ich weiß wirklich nicht woher ich einen nehmen soll, der so geschickt ist wie er.” Da ging mir nun, ich weiß nicht wieso, Ihr Name durch den Kopf. Der Sekretär lebt im Haus, isst am Tisch und hat hundert Kronen im Jahr in barem Geld. So sagte ich: “Gnädiger Herr, ich wüsste jemand.” – “Du”, rief er lachend, “hast du etwa einen Sekretär unter deinen Freunden?” “Nein, gnädiger Herr”, sagte ich, “obschon ich ihn kenne, bin ich nicht so unbescheiden, ihn zu meinen Bekannten zu zählen.” Kurz erzählte ich ihm alles.
Neumark: Alles? Auch dass Sie meine Bekanntschaft vor dem Haus des Pfandleihers Balthasar Kreuzer gemacht haben, als ich meine Geige versetzte?
Gütig: Ja, das alles, und wenn ich Unrecht getan habe, tut´s mir leid, aber das Herz war so voll. Der Herr Baron nahm auch keinen Anstoß daran, sondern bat mich, ihm Ihr Lied zu zeigen, damit er sieht, wie Sie schreiben. “Handschrift und Poesie ausgezeichnet,” dachte er, als er es gelesen hatte. “Der junge Mann soll sich vorstellen, vielleicht passt er.” Der Gesandte liebt frühe Besuche. Ich rate Ihnen, gleich zu kommen.
Neumark: (zu sich) Des Herrn Wege sind wirklich wunderbar! (Zu Gütig) Gott lohne es Ihnen, was Sie für mich getan haben! Ich komme gleich mit Ihnen.
Musik:
Baron: Sie sind ein Dichter, wie ich aus diesen Versen entnehme. Schreiben Sie nur Lieder?
Neumark: Vor den Armen steht geschrieben: Ihrer ist das Himmelreich. Ich habe nie von einem gehört, der reich war und sich an der Welt ergötzte, dass er ein geistliches Lied geschrieben hätte. Es ist das Kreuz, das uns solche Musik auspresst.
Baron: Sie schmeicheln uns nicht, aber bedenken Sie, junger Mann, dass Ihre Erfahrung beschränkt ist. König Gustav Adolf hat, obwohl er im Glanz und Ruhm des Thrones lebte, ein geistliches Lied nicht nur gesungen, sondern auch gedichtet. Aber Sie sind arm, sehr arm, wenn der Bericht meines Dieners richtig ist. Hat Ihre Armut Sie nie getrieben, Ihr Leben zu verwünschen?
Neumark: Gott sei Dank, nie, obgleich ich manchmal nahe daran gewesen bin. Gott hat mir stets seinen Frieden im Herzen erhalten; und gerade die Armen, sagt der Apostel, mögen doch viele reich machen.
Baron: Sie haben gut geantwortet. Vielleicht haben wir ein andermal Gelegenheit, darauf zurückzukommen. Aber ich höre, Sie haben die Rechte studiert. Denken Sie, dass Sie Papiere ordnen können, die etwas Kenntnis des Rechts und der Staatswissenschaften voraussetzen?
Neumark: Wenn Euer Gnaden es mir anvertrauen wollen, möchte ich´s wohl versuchen.
Baron: Gut, nehmen Sie diese Papiere zum Durchlesen. Sie enthalten Anfragen von Kanzler Oxenstierna und meine Antworten, soweit ich imstande gewesen bin, sie zu geben. Bringen Sie mir dann einen Auszug des Ganzen! Sie können sich dazu Zeit nehmen; sobald Sie fertig sind, klopfen Sie an der nächsten Tür an.
Erzähler: Neumark verließ das Haus des Gesandten an diesem Abend mit einem strahlenden Gesicht. Als er durch die Straßen eilte, sprach er zu sich selbst mit einem Lächeln um die Lippen.
Neumark: Ja, ja! Wer nur den lieben Gott lässt walten…
Erzähler: Sein Weg ging zu Laden des Trödlers Balthasar.
Neumark: Geben Sie mir meine Geige! Hier ist eine Krone und ein Viertel und noch ein Gulden dazu! Erstaunen Sie nur nicht so! Ich kenne Sie gut genug. Sie haben sich meiner Armut zunutze gemacht; und wäre ich eine Stunde über die vereinbarten zwei Wochen ausgeblieben, so hätten Sie die fünf Kronen in die Tasche gesteckt. Doch danke ich Ihnen für das, was Sie mir geliehen haben, denn ohne das hätte ich Hamburg als Bettler verlassen müssen.
Erzähler: Hierauf ergriff Neumark triumphierend seine Geige und stürzte nach Hause. Er stand nicht eher still, als bis er in seinem Zimmer angelangt war. Da setzte er sich und fing an zu spielen mit solch bewegten Klängen, dass Frau Johannsen herbeieilte und ihn mit Fragen förmlich bestürmte.
Neumark: Gute Frau Johannsen, tun Sie mir doch den Gefallen und rufen Sie die Hausbewohner und Nachbarn herbei. Ich will ein Lied singen, das noch niemand gehört hat, denn ich bin der glücklichste Mensch in Hamburg. Gehen Sie, liebe Frau, gehen Sie und bringen Sie mir eine Gemeinde zusammen. Ich will ihr eine Predigt auf meiner Geige halten.
Erzähler: Bald war das Zimmer gefüllt. Neumark erfasste seinen Bogen, spielte einige Takte und stimmte dann mit heller Stimme an.
Neumark: Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.
Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.
Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.
Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir´s uns versehn,
und lässet uns viel Gut´s geschehn.
Johannsen: Lieber Herr Neumark, das ist doch ganz und gar, als wenn ich in der Kirche säße und vergäße all meine Sorgen. Wie ist das nur alles zugegangen? Sie waren so niedergeschlagen heute morgen, und jetzt möchte Ihnen das Herz vor Freude springen?
Neumark: Ja, all meine Not ist vorüber! Denken Sie nur, ich bin Sekretär beim schwedischen Gesandten hier in Hamburg und habe hundert Kronen im Jahr, und um meine Freude voll zu machen, gab er mir 25 Kronen im Voraus, so dass ich meine Geige auslösen konnte. Ja, liebe Leute, seid dessen gewiss: Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.
Johannsen: Und dieses Lied, lieber Herr Neumark, wo haben Sie dies schöne Lied her? Im Gesangbuch steht es nicht. Haben Sie es etwa selbst gedichtet?
Neumark: Nun, ja. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut – diese Worte überdachte ich immer wieder, und so gestalteten sie sich von selbst zu einem Lied. Ich fing an zu singen vor Freude, und meine Seele pries den Herrn; Wort für Wort kam hervor, wie Wasser aus der Quelle. Hört auch die weiteren Verse des Liedes
Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
daß du von Gott verlassen seiest
und daß ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.
Es sind ja Gott sehr leicht Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich,
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn und stürzen kann.
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird es bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.
Erzähler: Dies ist die Geschichte eines der schönsten deutschen Kirchenlieder, eines von denen, das eine tröstliche Predigt für bekümmerte und verzagte Herzen enthält. Zwei Jahre später besorgte Baron von Rosenkranz seinem Sekretär den Posten eines Bibliothekars und Archivars zu Weimar; dort starb er im 61. Lebensjahr.