Archive for August 10th, 2007

Aug 10 2007

Das Auto streikt

Geschrieben von under Gottes Führung

Sprecher: Es ist ein herrlicher Tag. Die Familie Baumann möchte einen Ausflug zum Tierpark machen. Markus und seine Schwester Susi sitzen schon erwartungsvoll und gespannt auf dem Rücksitz des neuen Autos. Frau Baumann packt noch schnell den Picknickkorb in den Kofferraum. Herr Baumann sitzt wartend am Steuer und nachdem seine Frau eingestiegen ist, dreht er den Zündschlüssel um das Auto zu starten.

H. Baumann: Was ist denn das, der Motor bleibt ja stumm?

Sprecher: Er versucht es noch einige Male – doch ohne Erfolg. Dann steigt er aus und klappt die Motorhaube hoch und montiert am Motor herum, ohne den Fehler zu entdecken.

H. Baumann: Tja, es hilft alles nichts, wir müssen uns den Besuch im Tierpark wohl aus dem Kopf schlagen.

Markus+Susi: Oh, schade.

Fr. Baumann:
Ja, es ist wirklich schade, doch da ist nichts zu machen. Seid nicht traurig Kinder, wir können sicher ein andermal zu Tierpark fahren.

Sprecher: Doch das hört Markus nicht mehr. Er läuft in sein Zimmer und lässt sich auf sein Bett fallen.

Markus: Warum hört Gott mich nicht? Ich habe doch gebetet. Warum?
(Vater kommt dazu)
(zum Vater) Das finde ich gemein. Gott kann doch alles. Und ausgerechnet heute lässt er das Auto kaputtgehen. Er weiß doch, wie sehr wir uns auf diesen Ausflug gefreut haben. Wir haben doch auch zu ihm gebetet und jetzt macht er uns einfach einen Strich durch die Rechnung. Warum?

H. Baumann: (legt den Arm um Markus) Weißt du, Markus, ich kann deine Enttäuschung gut verstehen. Manchmal führt uns Gott ganz anders, als wir gedacht und geplant haben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Vor langer Zeit lehrte mich dein Opa ein wichtiges Gebet, das ich immer in solchen Situationen bete. Es besteht nur aus neun Wörtern: ”Vater, ich verstehe dich nicht, ich vertraue dir.” Wenn ich das gebetet habe, gibt Gott mir Frieden und Ruhe. Meistens merken wir erst später, dass Gott doch richtig geführt hat. Du hast doch Gott auch lieb Markus, oder?

Markus: Natürlich, das weißt du doch!

H. Baumann: Markus gib mir mal deine Bibel. Hier, lies mal was da steht!

Markus: Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum besten. Röm 8,28
(Nachdenklich) Auch das mit dem Auto heute?

H. Baumann: Ja Markus, alle Dinge.

MUSIK

Sprecher: Als die Familie nach dem Abendessen noch eine Weile am Tisch sitzen, schaltet Herr Baumann das Radio an, um die Nachrichten zu hören.

Redakteur:
Heute morgen um 9.30 Uhr ereignete sich auf der Autobahn 3 in Richtung Frankfurt ein schwerer Verkehrsunfall. 20 PKW’s und 3 LKW’s rasten an einer Baustelle ineinander. Es gab sechs schwer- und 25 leicht verletzte….

Susi: Ist das nicht die Strecke, die wir heute morgen gefahren wären?

H. Baumann: Ja. Und auch ungefähr zur selben Zeit hätten wir auch die Baustelle passiert.

Fr. Baumann: Vielleicht wären wir in diesen schlimmen Unfall verwickelt worden.

H. Baumann: Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum besten.

Markus: Jetzt weiß ich, dass Gott weiß, was für uns am besten ist. Es tut mir Leid, dass ich heute Morgen so böse war. Auch wenn ich Gott nicht verstehe, so will ich ihm doch vertrauen.

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Aug 10 2007

Zufall oder Fügung

Geschrieben von under Gottes Führung

Sprecher: An einem Maisonntag des Jahres 1949 marschiert auf einer Landstraße ein Mann. Er trägt einen alten Soldatenrock, seine Schuhe sind zerrissen und seine Hosen ausgefranst. Sein Gesicht ist mager und verhärmt. Er ist vor wenigen Wochen aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt…

Kurt: (unterbricht verbittert)
Ja, zurückgekehrt, aber nicht heimgekehrt. Ich habe keine Heimat mehr. Unser Haus ist völlig zerstört, Eltern, Geschwister tot. Nein, August, der lebt vielleicht noch. Zumindest stand er nicht auf der Totenliste. Aber wo soll ich ihn finden? Ob er ein neues zu Hause gefunden hat?- Warum musste mir das alles passieren? Warum?

Pastor : ( nur als Stimme mit Hall )
Der alte Gott lebt noch und wird sie nicht verlassen.

Kurt: Ach der Pastor. Er hat gut reden. Ihn hat’s auch nicht so schlimm erwischt. Gestern traf ich ihn. Er wollte mich belehren.

- Musik -

Pastor: Und wo wollen Sie jetzt hin?

Kurt: Ach, ich weiß es selbst nicht. Ich suche meinen Bruder, der einzige aus meiner Familie, der noch lebt. Wenn ich nur wüsste, wo er sein könnte.

Pastor: Dann sind Sie sicher schon lange unterwegs und haben Hunger . Kommen Sie doch mit mir mit.

Kurt: Danke, Herr Pastor.

Magrit: Hallo, du bist ja früh da. Hattest du heute nicht so viele Besuche?

Pastor: Hallo, Magrit. Nein, aber ich habe einen Gast mitgebracht. Kurt hat einen langen Weg hinter sich.

Magrit: Schön, dass du gekommen bist. Das Mittagessen ist gleich fertig. Vielleicht setzt ihr euch solange ins Wohnzimmer

Kurt: Sie haben es gut, Herr Pastor. Sie haben ein schönes Haus und eine liebe Frau. Aber unsereins läuft obdachlos herum und findet nicht einmal den einzigen noch lebenden Verwandten. Ich habe gar nichts mehr vom Leben. Warum lässt Gott so etwas zu?

Pastor: Sie sind herzlich zu bedauern. Es ist gewiss kein Trost für Sie, dass Tausende ein gleiches oder ähnliches Schicksal erlebt haben und genau wie Sie nach dem ‘Warum’ fragen? Aber Ihnen bleibt noch Grund zum Danken.

Kurt: Ich? Ich soll noch Danken? Wofür?
Pastor: Lieber Freund, Sie brachten Ihre Glieder gesund nach Hause und können sich, wenn Sie den Willen haben, eine neue Existenz schaffen. Darum verzagen Sie nicht! Der alte Gott lebt noch und wird Sie nicht vergessen. Er gibt ein Wort, dessen Wahrheit ich bei mir selbst und bei vielen anderen immer wieder bestätigt fand: ‘Gott lässt sinken, aber nicht ertrinken.’

- Musik -

Kurt: Der alte Gott lebt noch? Ich glaube es nicht! Mich hat er jedenfalls vergessen.

Sprecher: Radler huschen an ihm vorbei, lustige Worte miteinander wechselnd. An einem Waldrand lagern singende Menschen. Das trägt nicht dazu bei, seine düstere Stimmung zu verbessern. Im Gegenteil! Und als nun noch ein Auto so dicht an ihm vorbeifährt, dass er schnell zur Seite springen muss, da packt ihn plötzlich die Wut der Verzweiflung. Er hebt einen Stein auf und wirft ihn dem davon eilenden Fahrzeug nach.

Kurt: Jetzt werd’ ich auch noch beinahe überfahren. Warum trifft mich alles Unglück? Andere feiern und freuen sich und ich?- Da soll ich auch noch danken? Dass ich nicht lache.
Langsam bekomme ich Hunger. Seit gestern Mittag, beim Pastor, habe ich nichts mehr gegessen. Da vorne ist ja eine kleine Wirtschaft.

Sprecher:
Kurt stutzt ein wenig, denn direkt vor der dem Lokal parkt das Auto, das ihn Minuten vorher, beinahe gestreift hatte. Der Fahrer hantiert am Motor. Ein gut gekleideter Mann sitzt im Inneren des Wagens und gibt dem herbeieilenden Wirt eine Bestellung auf. Kurt setzt sich an einen Brettertisch, der im Schatten eines Baumes steht. Er bestellt sich ein Glas Milch und ein Stück trockenes Brot – zu mehr reicht sein Geld nicht – und beobachtet, wie der Wirt dem reichen Mann im Auto ein Glas Wein und ein Schinkenbrot bringt.

Kurt:
(mürrisch) Ja, so geht es in der Welt zu. Der eine muss alle seine Taschen absuchen um sich ein Stück Brot leisten zu können; der andere tut es ohne Wein und Schinken nicht. Ob der wohl Russland oder Norwegen gesehen hat? So schaut der nicht aus.

Sprecher: Während Kurt Kurt seinen Gedanken nachhängt, schaut der Mann im Wagen immer wieder zu ihm hin und spricht mit dem Wirt, der daraufhin auf Kurt zugeht und ihm ein Mittagessen bringt.

Wirt: Bitte sehr! Guten Appetit!

Kurt: Moment mal. Ich habe doch kein Essen bestellt! Ich kann es nicht bezahlen.

Wirt:
Sie brauchen nichts zu bezahlen. Der Herr dort im Auto schickt es Ihnen!

Kurt: Ich bin kein Bettler und nehme keine Almosen entgegen.

Wagner: Junger Mann, kommen Sie doch bitte einmal her.

Kurt: (steht widerwillig auf, bleibt ein paar Schritte entfernt stehen)
Was wollen Sie von mir?

Wagner: Nur das eine, Kamerad, dass sie das Essen, das ich Ihnen schicke, nicht als Almosen betrachten, sondern es sich gut schmecken lassen. Ich wollte Ihnen gern eine Freude machen. Bitte, nehmen Sie es ruhig an. Sie sind doch Heimkehrer?

Kurt: Ja, ein Heimkehrer ohne Heim.

Wagner: Haben Sie keine Angehörigen mehr?

Kurt: Nur noch einen Bruder, der irgendwo in Westdeutschland lebt. Ich bin auf der Suche nach ihm.

Wagner: Heimkehrerschicksal, Kamerad! Kann ich irgendetwas für Sie tun?

Kurt: Ich bin das Leben satt und machte am liebsten Schluss damit. Lieber heute als morgen.

Wagner: Versündigen Sie sich nicht! So schnell wirft man die Flinte nicht ins Korn. Ich könnte das viel eher sagen als Sie. – Das wollen Sie mir jetzt nicht glauben, nicht wahr? Ich bin bereit mit Ihnen zu tauschen!

Kurt: Sie sollten mit einem Unglücklichen nicht Ihren Spott treiben! Sie wissen nicht, wozu ich in meiner verzweifelten Lage fähig bin!

Wagner: Lieber Freund, ich meine das in vollem Ernst. Ich tausche sofort mit Ihnen! Treten Sie doch mal näher heran!

Kurt: (stammelnd ) Oh, da… das tut mir leid.

Wagner: Kamerad, ich habe in Russland beide Beine verloren. Glauben Sie mir jetzt, dass es mir ernst war mit dem Tauschen? Gesunde Glieder sind wertvoller als das schönste Auto. Ich habe Sie vorhin beneidet, als ich an Ihnen vorüber fuhr.

Kurt: Verzeihen Sie mir.

Wagner: Ich bitte Sie! Ich verstehe Ihre Stimmung. Woher stammen Sie übrigens? Was sind Sie von Beruf?

Kurt: Meine Heimat ist in Breslau. Ich hatte dort mit meinem Bruder zusammen eine große Gärtnerei.

Wagner: Da heißen Sie wohl Kurt Mende?

Kurt: Wie können Sie das wissen?

Wagner: Stimmt es? Sagen Sie es mir schnell!

Kurt: Ja, so heiße ich, aber woher können Sie das wissen? Was soll ich davon halten?

Wagner: Und Ihr Bruder heißt August?

Kurt: Ich, ich verstehe das alles nicht! Sie kennen meinen Bruder? Was ist mit ihm? Wo ist er?

Wagner: (reicht ihm die Hand) Es ist ganz einfach, Herr Mende. Ihr Bruder August ist in meiner Gärtnerei tätig, und ich bin sehr zufrieden mit ihm. Essen Sie schnell, und dann fahren wir zu ihm. Was wird der für Augen machen! Er hat schon so oft von Ihnen gesprochen und macht sich Sorgen um Sie. Kommen Sie. Ich stelle Sie noch ein. Arbeit gibt es genug.

Kurt: Ist das wahr?? Ist das wirklich wahr? Treiben Sie auch nicht Ihren Spott mit mir?

Wagner: Nein, Sie können mir glauben. Kommen Sie, wir wollen keine Zeit verlieren.

Kurt: Da hat der Pastor doch recht gehabt: Der alte Gott lebt noch!

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Aug 10 2007

Die verlorene und wiedergefundene Geige

Geschrieben von under Gottes Führung

Erzähler: Der dreißigjährige Krieg war vorüber. Es war etwa ums Jahr 1650, zwei Jahre nach dem Friedensschluß. Um diese Zeit lebte ein junger Mann in einer der engsten Gassen Hamburgs. Niemand besuchte ihn, und alles, was die Leute im Haus von ihm wussten, war, dass er während des größten Teils des Tages seine Geige mit solchem Geschick und Ausdruck spielte, dass immer wieder jemand vor seiner Tür stehen blieb und seinem Spiel lauschte. Er war gewohnt, um die Mittagszeit auszugehen und in einer armseligen Wirtschaft zu essen; außerdem pflegte er noch ab und zu in der Dämmerung das Haus zu verlassen, mit einem unkenntlichen Gegenstand unter dem Mantel. Am andern Tag bezahlte er dann stets seine Miete. Das war Frau Johannsen, seiner Wirtin, natürlich nicht entgangen. Neugierig, wie sie war, folgte sie ihm eines Abends unbemerkt. Als sie sah, daß er den Laden des Pfandleihers betrat, wurde ihr alles klar. Die gutherzige Frau war sofort entschlossen, ihm zu helfen, soweit sie konnte. Wenige Tage darauf klopfte sie an seine Tür. Es jammerte sie von Herzen, als sie in seinem Zimmer nichts weiter fand als ihre eigenen dürftigen Möbel. Alles andere war verschwunden, ausgenommen die Geige, die in der einen Fenster ecke stand, während der junge Mann in der anderen saß und sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte.

Johannsen: Herr Neumark, nehmen Sie mir´s nicht übel, dass ich nach Ihnen sehe. Aber da Sie seit zwei Tagen nicht ausgegangen sind und Sie auch nicht auf Ihrer Geige gespielt haben, dachte ich, Sie könnten krank sein. Wenn ich etwas für Sie tun kann, tue ich es gerne.

Neumark:
Frau Johannsen, Sie sind vielleicht besorgt, dass ich meine nächste Miete nicht bezahlen werde, aber wenn ich auch arm bin, ehrlich bin ich. Es ist ja manchmal schwer genug für mich, aber bis jetzt bin ich noch nie ganz mittellos gewesen.

Johannsen: Herr Neumark, wir haben zwar selber nicht viel, aber zu essen doch manchmal mehr als genug, so zum Beispiel heute, und da Sie noch nicht fort gewesen sind – wenn Sie mir erlauben wollen…

Neumark: Sie haben recht, ich habe noch nichts gegessen.

Erzähler:
Ohne auf ein weiteres Wort zu warten, verließ die Frau das Zimmer und kehrte kurz darauf mit einer tüchtigen Mahlzeit zurück.

Johannsen: Nichts für ungut, aber Sie sind sicher nicht von hier. Kennen Sie denn irgend jemand in der Stadt?

Neumark: Nein, niemand, ich bin fremd hier. Sie sind die erste, die mir freundlich zugesprochen hat.

Johannsen:
Nun gut, wenn es nicht unhöflich ist, möchte ich Sie einiges fragen. Wo sind Sie her? Was sind Sie von Beruf? Sind Sie Musiker? Leben Ihre Eltern noch? Was tun Sie in Hamburg?

Neumark: Meine Eltern waren arme Leute. Sie lebten in Langensalza in Thüringen. Sie sind beide tot. Vor 29 Jahren bin ich dort geboren. Ich habe Rechtswissenschaft studiert, und damit, fürchte ich, habe ich einen verhängnisvollen Fehler gemacht, da ich von Natur ein Mann des Friedens bin und keine Neigung zu Streitereien und Prozessen habe. Hätte ich meine Berufung früher erkannt, bevor ich dies Studium begann, es wäre besser gewesen. – Aber ich will weiter erzählen.
Zehn Jahre lang habe ich oft Hunger gelitten auf der lateinischen Schule einer kleinen Stadt. Dann ging ich, 22 Jahre alt, nach Königsberg, um die Rechte zu studieren. Es war eine weite Reise, aber ich floh vor dem greulichen Krieg, der mein Vaterland verwüstete. Ich entrann zwar den Schrecken des Krieges, aber in Königsberg verlor ich bei Brand all meine Habe bis auf den letzten Heller und war zum Bettler geworden.

Johannsen: Aber wovon lebten Sie dann?

Neumark: Von den Gaben Gottes. Sie müssen nämlich wissen, dass ich ein Dichter bin, und Sie haben wohl auch gehört, dass ich einige Fertigkeit im Geigen spielen habe, und so fand ich nach und nach Freude und Wohltäter, die mir halfen.

Johannsen: Und Sie blieben in Königsberg, bis Sie hierher kamen?

Neumark: Nein. Nach fünf Jahren ging ich nach Danzig, in der Hoffnung, dort mein Brot zu verdienen, und als diese Hoffnung mich betrog, wanderte ich weiter nach Thron; da ging es mir über Erwarten gut. Gott führte mir manchen lieben Menschen zu, der mich als Freund und Bruder aufnahm. Aber trotz alledem konnte ich keine Anstellung finden, und so beschloss ich endlich, in meiner Vaterstadt zu suchen, was mir anderweitig verweigert wurde. Als ich hier durch Hamburg kam, kam es mir vor, als wenn eine Stimme zu mir sagte: Bleibe hier, so wird dich Gott versorgen. Aber es muss die Stimme meines eigenen Willens gewesen sein, denn Sie wissen, dass es mir hier nicht gerade glänzend geht.

Johannsen: Aber sagen Sie mir doch, was für eine Anstellung suchen Sie denn?

Neumark:
Ich könnte mir wohl mein Brot als Schreiber verdienen.

Johannsen: Dann sind Sie also kein Musiker?

Neumark: Ja, ich bin´s und bin es auch wieder nicht. Ich kann ein wenig spielen, so zu meinem Vergnügen, aber nicht, um mein Brot zu verdienen. Diese Geige ist mein einziger Freund in der Welt. Ich könnte Ihnen viel erzählen von der wunderbaren Güte und Barmherzigkeit Gottes gegen mich in all meinem Elend. Jetzt habe ich freilich nichts mehr als diese Geige. Aber Sie kennen Herrn Siebert, bei dem ist eine Schreibstelle offen; er will mein Besuch um diese Stelle heute beantworten. Ich glaube, es ist jetzt gerade die Zeit, wo ich ihn sprechen sollte. Sie entschuldigen mich wohl.

Musik:

Erzähler: Balthasar Kreuzer, der alte Pfandleiher, wohnte in einer der engen Gassen, die nach dem Hafen führten. Noch spät am Abend trat ein junger Mann in seinen Laden.

Kreuzer: Guten Abend! Was führt Sie so spät zu mir? Haben Sie keine Geduld bis morgen?

Neumark: Nein, Balthasar, wenn ich bis morgen gewartet hätte, wäre ich vielleicht gar nicht gekommen. Was wollen Sie mir für diese Geige geben?

Kreuzer: Was soll ich machen mit einer solchen Fidel?

Neumark: Das wissen Sie ganz gut, Balthasar! Sie stellen sie da in die Ecken, hinter die Kleider, wo sie niemand sieht. Nun, was wollen Sie mir dafür geben?

Kreuzer: Was ich Ihnen geben will dafür? Für das bisschen Holz und die paar alten Saiten? Ich habe Geigen mit Silber und Perlmutter gesehen; aber hier ist nichts als Holz.

Neumark: Hören Sie, fünf Jahre habe ich gespart, ganze fünf Jahre habe ich Hunger und Not gelitten, bis ich die fünf Kronen hatte, um dieses Instrument zu kaufen. Leihen Sie zwei drauf! Sie sollen drei haben, wenn ich es wieder einlöse.

Kreuzer: Zwei Kronen haben Sie gesagt? Was soll ich tun damit, wenn Sie´s nicht einlösen?

Neumark: Balthasar, Sie wissen nicht, wie ich an dieser Geige hänge. Sie ist mein ganzes Vermögen, mein einziger Freund hier auf Erden. Geben Sie mir wenigstens anderthalb Kronen.

Kreuzer: Anderthalb Kronen! Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß kein Kaufmann anderthalb Kronen geben kann für ein Stück Holz, das nur einen Groschen wert ist?

Neumark: Sie sind ein harter, grausamer Mann! (Packt seine Geige und will davon gehen)

Kreuzer: Halt, halt, junger Mann! Handel ist Handel. Ich will Ihnen eine Krone geben.

Neumark: Anderthalb, Balthasar! Morgen muß ich eine Krone bezahlen; wovon soll ich denn leben?

Kreuzer: Aus alter Freundschaft will ich Ihnen ein und ein Viertel geben; aber verstehen Sie, mit einem Sechser Zinsen auf jeden Gulden und einen Groschen für die nächste Woche; und können Sie dann nicht bezahlen, so ist sie mein. Aber was soll ich nur anfangen mit einem Stück Holz?

Neumark: Es ist schwer, aber ich muß mich fügen. Möge sich Gott meiner erbarmen! Balthasar, ich habe nur eine Bitte! Sie wissen nicht, wie schwer es mir wird, mich von meiner Geige zu trennen. Zehn Jahre haben wir zusammengehalten. Nur diesen einzigen Gefallen müssen Sie mir tun, Balthasar, mich noch einmal auf meiner Geige spielen zu lassen. (Eilt auf die Geige zu)

Kreuzer: Halt! Mein Laden sollte schon geschlossen sein! Er ist nur Ihretwegen noch offen geblieben. Kommen Sie morgen oder lieber gar nicht!

Neumark: Nein, heute, jetzt! Ich muss Abschied nehmen.

Erzähler: Und indem er das Instrument halb fasste, halb umschlang, setzte er sich auf einen alten Kasten inmitten des Ladens und fing an, so außerordentlich zart zu spielen, dass Balthasar wider Willen lauschen musste. Noch einige Striche mit dem Bogen, und -

Kreuzer: Es ist genug! Was sollen all diese Klagelieder? Sie haben eine Krone und ein Viertel in der Tasche.

Erzähler: Aber der Spieler war taub. In seine eigenen Gedanken vertieft, spielte er weiter. Plötzlich wechselte er die Tonart. Wenige Takte, und die Melodie ergoss sich aufs neue, und er sang lauter und lauter, und sein Angesicht wurde erhellt von einem glücklichen Lächeln.

Kreuzer: Vergessen Sie nicht, dass Sie eine Krone und ein Viertel in Ihrer Tasche haben! Also in vierzehn Tagen ist das Ding mein, wenn Sie es bis dahin nicht eingelöst haben! (Neumark stellt die Geige hin)

Neumark: (flüstert) Wie Gott will, ich bin still!

Erzähler: Ohne ein Wort des Abschieds verließ Neumark den Laden. Als er in die dunkle Nacht hinaus stürmte, stieß er gegen einen Mann, der vor der Tür auf die Musik gelauscht zu haben schien.

Gütig: Entschuldigen Sie! Darf ich fragen, ob Sie es waren, der eben so schön spielte und sang?

Neumark: Ja.

Gütig: Verzeihen Sie, ich bin nur ein armer Mann, aber das Lied, das Sie da eben gesungen haben, ist mir durch die Seele gedrungen. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich eine Abschrift davon bekommen könnte? Ich bin nur ein Diener, aber ich würde einen Gulden darum geben; ich meine, es wäre gerade für mich geschrieben.

Neumark: Lieber Freund, ich will ihren Wunsch gern erfüllen, ohne den Gulden. Darf ich fragen, wer Sie sind?

Gütig: Ich heiße Johann Gütig und bin im Haus des schwedischen Gesandten, Baron von Rosenkranz.

Neumark: Schön, so kommen Sie morgen früh! Mein Name ist Georg Neumark. Sie finden mich bei Frau Johannsen in der Krummen Gasse. Gute Nacht!

Erzähler: Eines Morgens, vielleicht eine Woche später, machte Gütig bereits seinen zweiten Besuch in Frau Johannsens Haus. Neumark empfing ihn freundlich.

Gütig: Sie halten mich vielleicht für töricht, aber ich darf mir erlauben…

Neumark: Vielleicht eine zweite Abschrift des Liedes? Natürlich, herzlich gern!

Gütig: Nein, nein, das nicht! Ich habe die Abschrift, die Sie mir gaben, gut verwahrt. Aber gestern – ich hoffe, Sie nehmen mir´s nicht übel…

Neumark:
Erzählen Sie doch!

Gütig: Nun, sehen Sie, der Gesandte hatte einen Sekretär, der ihm alle seine Briefe schrieb. Gestern ist er plötzlich davon gegangen, niemand weiß warum; aber wir glauben, dass der Baron ihn bei einer Untreue ertappt und unter der Hand entlassen hat. Gestern Abend sagte mir der Herr Baron: “Nun ist der Sekretär fort, und ich weiß wirklich nicht woher ich einen nehmen soll, der so geschickt ist wie er.” Da ging mir nun, ich weiß nicht wieso, Ihr Name durch den Kopf. Der Sekretär lebt im Haus, isst am Tisch und hat hundert Kronen im Jahr in barem Geld. So sagte ich: “Gnädiger Herr, ich wüsste jemand.” – “Du”, rief er lachend, “hast du etwa einen Sekretär unter deinen Freunden?” “Nein, gnädiger Herr”, sagte ich, “obschon ich ihn kenne, bin ich nicht so unbescheiden, ihn zu meinen Bekannten zu zählen.” Kurz erzählte ich ihm alles.

Neumark: Alles? Auch dass Sie meine Bekanntschaft vor dem Haus des Pfandleihers Balthasar Kreuzer gemacht haben, als ich meine Geige versetzte?

Gütig: Ja, das alles, und wenn ich Unrecht getan habe, tut´s mir leid, aber das Herz war so voll. Der Herr Baron nahm auch keinen Anstoß daran, sondern bat mich, ihm Ihr Lied zu zeigen, damit er sieht, wie Sie schreiben. “Handschrift und Poesie ausgezeichnet,” dachte er, als er es gelesen hatte. “Der junge Mann soll sich vorstellen, vielleicht passt er.” Der Gesandte liebt frühe Besuche. Ich rate Ihnen, gleich zu kommen.

Neumark: (zu sich) Des Herrn Wege sind wirklich wunderbar! (Zu Gütig) Gott lohne es Ihnen, was Sie für mich getan haben! Ich komme gleich mit Ihnen.

Musik:

Baron: Sie sind ein Dichter, wie ich aus diesen Versen entnehme. Schreiben Sie nur Lieder?

Neumark: Vor den Armen steht geschrieben: Ihrer ist das Himmelreich. Ich habe nie von einem gehört, der reich war und sich an der Welt ergötzte, dass er ein geistliches Lied geschrieben hätte. Es ist das Kreuz, das uns solche Musik auspresst.

Baron: Sie schmeicheln uns nicht, aber bedenken Sie, junger Mann, dass Ihre Erfahrung beschränkt ist. König Gustav Adolf hat, obwohl er im Glanz und Ruhm des Thrones lebte, ein geistliches Lied nicht nur gesungen, sondern auch gedichtet. Aber Sie sind arm, sehr arm, wenn der Bericht meines Dieners richtig ist. Hat Ihre Armut Sie nie getrieben, Ihr Leben zu verwünschen?

Neumark: Gott sei Dank, nie, obgleich ich manchmal nahe daran gewesen bin. Gott hat mir stets seinen Frieden im Herzen erhalten; und gerade die Armen, sagt der Apostel, mögen doch viele reich machen.

Baron: Sie haben gut geantwortet. Vielleicht haben wir ein andermal Gelegenheit, darauf zurückzukommen. Aber ich höre, Sie haben die Rechte studiert. Denken Sie, dass Sie Papiere ordnen können, die etwas Kenntnis des Rechts und der Staatswissenschaften voraussetzen?

Neumark:
Wenn Euer Gnaden es mir anvertrauen wollen, möchte ich´s wohl versuchen.

Baron: Gut, nehmen Sie diese Papiere zum Durchlesen. Sie enthalten Anfragen von Kanzler Oxenstierna und meine Antworten, soweit ich imstande gewesen bin, sie zu geben. Bringen Sie mir dann einen Auszug des Ganzen! Sie können sich dazu Zeit nehmen; sobald Sie fertig sind, klopfen Sie an der nächsten Tür an.

Erzähler: Neumark verließ das Haus des Gesandten an diesem Abend mit einem strahlenden Gesicht. Als er durch die Straßen eilte, sprach er zu sich selbst mit einem Lächeln um die Lippen.

Neumark: Ja, ja! Wer nur den lieben Gott lässt walten…

Erzähler: Sein Weg ging zu Laden des Trödlers Balthasar.

Neumark: Geben Sie mir meine Geige! Hier ist eine Krone und ein Viertel und noch ein Gulden dazu! Erstaunen Sie nur nicht so! Ich kenne Sie gut genug. Sie haben sich meiner Armut zunutze gemacht; und wäre ich eine Stunde über die vereinbarten zwei Wochen ausgeblieben, so hätten Sie die fünf Kronen in die Tasche gesteckt. Doch danke ich Ihnen für das, was Sie mir geliehen haben, denn ohne das hätte ich Hamburg als Bettler verlassen müssen.

Erzähler:
Hierauf ergriff Neumark triumphierend seine Geige und stürzte nach Hause. Er stand nicht eher still, als bis er in seinem Zimmer angelangt war. Da setzte er sich und fing an zu spielen mit solch bewegten Klängen, dass Frau Johannsen herbeieilte und ihn mit Fragen förmlich bestürmte.

Neumark: Gute Frau Johannsen, tun Sie mir doch den Gefallen und rufen Sie die Hausbewohner und Nachbarn herbei. Ich will ein Lied singen, das noch niemand gehört hat, denn ich bin der glücklichste Mensch in Hamburg. Gehen Sie, liebe Frau, gehen Sie und bringen Sie mir eine Gemeinde zusammen. Ich will ihr eine Predigt auf meiner Geige halten.

Erzähler: Bald war das Zimmer gefüllt. Neumark erfasste seinen Bogen, spielte einige Takte und stimmte dann mit heller Stimme an.

Neumark: Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, dass wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Er kennt die rechten Freudenstunden,
er weiß wohl, wann es nützlich sei;
wenn er uns nur hat treu erfunden
und merket keine Heuchelei,
so kommt Gott, eh wir´s uns versehn,
und lässet uns viel Gut´s geschehn.

Johannsen: Lieber Herr Neumark, das ist doch ganz und gar, als wenn ich in der Kirche säße und vergäße all meine Sorgen. Wie ist das nur alles zugegangen? Sie waren so niedergeschlagen heute morgen, und jetzt möchte Ihnen das Herz vor Freude springen?

Neumark: Ja, all meine Not ist vorüber! Denken Sie nur, ich bin Sekretär beim schwedischen Gesandten hier in Hamburg und habe hundert Kronen im Jahr, und um meine Freude voll zu machen, gab er mir 25 Kronen im Voraus, so dass ich meine Geige auslösen konnte. Ja, liebe Leute, seid dessen gewiss: Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.

Johannsen: Und dieses Lied, lieber Herr Neumark, wo haben Sie dies schöne Lied her? Im Gesangbuch steht es nicht. Haben Sie es etwa selbst gedichtet?

Neumark: Nun, ja. Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut – diese Worte überdachte ich immer wieder, und so gestalteten sie sich von selbst zu einem Lied. Ich fing an zu singen vor Freude, und meine Seele pries den Herrn; Wort für Wort kam hervor, wie Wasser aus der Quelle. Hört auch die weiteren Verse des Liedes

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
daß du von Gott verlassen seiest
und daß ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.

Es sind ja Gott sehr leicht Sachen
und ist dem Höchsten alles gleich,
den Reichen klein und arm zu machen,
den Armen aber groß und reich.
Gott ist der rechte Wundermann,
der bald erhöhn und stürzen kann.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird es bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Erzähler: Dies ist die Geschichte eines der schönsten deutschen Kirchenlieder, eines von denen, das eine tröstliche Predigt für bekümmerte und verzagte Herzen enthält. Zwei Jahre später besorgte Baron von Rosenkranz seinem Sekretär den Posten eines Bibliothekars und Archivars zu Weimar; dort starb er im 61. Lebensjahr.

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Aug 10 2007

Vier Freunde

Geschrieben von under Gottes Führung

Rainer: Schön, dass du da bist, Norbert; wie immer pünktlich, was? Kurt und Horst sind noch nicht da. Komm rein und setze dich. Martina setzte gerade den Kaffee auf.

Norbert: Pünktlichkeit war noch nie unserer Freunde Stärke.

Martina: Guten Abend, Norbert. Wo sind die anderen beiden?

Rainer: Du weißt doch sie sind immer pünktlich fünf Minuten zu spät! Ich glaub, ich habe das Gartentor quietschen gehört. Es wäre ja auch schon Zeit.

Autor: Rainer hatte recht; Martina, Rainers Frau öffnete den beiden die Tür. Bald saßen die vier Freunde, die bereits das Rentenalter erreicht hatten am Wohnzimmertisch, genossen den Kaffee und plauderten über dies und jenes.

Norbert: Selbst als Rentner scheint ihr nicht genug Zeit zu haben, um pünktlich zum Kaffee zu kommen. Das war schon in der Kinderstunde so.

Kurt: Das hab ich wohl von meinem Vater geerbt.

Autor: Derartige Bemerkungen konnten auch nur von Kurt kommen. Schon seit je her hatte Kurt viel Sinn für Humor. Nach dieser Bemerkung ergriff Rainer das Wort. Jeder der Freunde wusste, dass nun stundenlange Unterhaltungen folgen konnten. Doch Reiner hatte eine besondere Art, etwas zu erzählen. Man konnte ihm stundenlang zuhören, ohne dabei nur das geringere Empfinden von Langweile auf kam. Diesmal kehrten sie gemeinsam für einige Stunden in die Vergangenheit zurück. Schon bald sah sich jeder der vier Freunde in seine Kindheit zurück versetzt.

Musik

Die Dorfschulglocke läutete. Schon sah man die Kinder aus der Schule stürmen. Kurz darauf marschierten die vier Freunde die Dorfstraße hinauf. Wie immer verplanten sie auf dem Heimweg den Nachmittag. Natürlich hatte jeder zu Hause seine Pflichten zu erledigen, jedoch gab es genug Zeit, um sich auf den Wiesen und in den Wäldern manchen Spaß zu erlauben. Heute konnten die übrigens drei auf Rainer nicht zählen.

Horst: Was hast du denn heute schon wieder vor?

Kurt: Gerade, wo wir heute doch zur Fuchsschlucht wollten!

Rainer: Ich würde ja ganz gerne mitkommen, aber ich muss mit meinem Vater zum Pferdemarkt.

Norbert: Was willst du denn auf dem Pferdemarkt? Ich dachte, dein Vater ist Pferdezüchter und nicht du!?

Rainer: Ich weiß selbst nicht, was ich dort soll, aber mein Vater besteht darauf.

Autor: Rainers Eltern waren aufrichtige Christen, auch die anderen Jungen hatten gläubige Eltern. Alle vier Freunde waren bekehrt und besuchten die Kinderstunde. Georg, sein ältester Bruder war ihm schon immer ein großes Vorbild. Sie lebten auf einem Bauernhof und verdienten ihr Brot mit dem Züchten von Pferden. Nach dem Mittagessen Fuhren Rainer mit seinem Vater und Georg mit der Kutsche zum Pferdemarkt. Dort erwartete Rainer eine große Überraschung.

Vater: Rainer, du wurdest vor einer Woche vierzehn. Und ich glaube, es ist an der Zeit, dass du, genau so wie dein Bruder Georg, für etwas Verantwortung trägst.

Autor: Georg verstand gleich, worauf sein Vater hinaus wollte. Nicht umsonst sollte er diesmal zum Pferdemarkt. Sein Gesicht strahlte Freude aus. Vater verlor darüber nicht mehr viel Worte. Schon bald hatte sich der Vater den Überblick auf dem Pferdemarkt verschaffen. Und am gleichen Abend noch striegelte Rainer stolz sein eigenes Pferd. In der nächsten zeit sah man die vier Jungen, mit dem schnellen Mustang, wie Rainer sein Pferd nannte, Erfahrungen sammeln. Jetzt verging die Zeit noch viel schneller. Sie trainierten den schnellen Mustang auf die verschiedenen Arten und Weisen. So zog das nächste Jahr schnell ins Land. In diesem einen Jahr war viel geschehen. Die Jungens hatten das Jungscharalter erreicht, doch nicht alle besuchten gerne die Jungscharstunden. Horst und Kurt fanden sich sehr bald in der Jungschar zurecht und ihnen war die Gemeinschaft viel wert. Rainer und Norbert dagegen besuchten die Jungschar am Anfang nur aus dem Pflichtgefühl den Eltern gegenüber. Viel lieber verbrachten sie ihre Zeit mit dem schnellen Mustang. Sie gingen auf Wetten mit den anderen Dorfjungens ein. Allmählich begann die Freundschaft unter den Vieren einzureißen. Während Horst und Kurt die Jungschaar besuchten, schwänzten Rainer und Norbert. Sie unterhielten sich in dieser Zeit lieber mit den Dorfjungen über die Pferde und gingen immer wieder auf neue Wetten ein, die immer riskanter wurden.

Vater: Rainer, was war heute eigentlich auf Jungschar los?

Rainer: Du weißt doch, wie üblich: Gebet, Einleitung, einige Lieder, eine Bibelarbeit und Schluss.

Vater:
Rainer, lüge mich nicht an.

Rainer: Wieso, Vater, ich ââh …

Vater: Ich habe dich mit Norbert und den anderen Dorfjungen auf der Pferdewiese gesehen. Es war die Zeit, wo du Jungschar hast.

Rainer: Jetzt soll es mir egal sein! Jetzt solltest du die ganze Wahrheit wissen. Ich habe es satt, endgültig satt. Ich will dir weiter nichts vorspielen!! Norbert und ich verbringen unsere freie Zeit lieber mit dem schnellen Mustang als in der Jungschar zu sitzen.

Vater: Ich möchte nicht mit dir streiten. Denk darüber nach, was du mir gesagt hast. Ich hoffe nur, du gehst das nächste mal wieder zur Jungschar. ( Vater geht )

Autor: Der Vater blickte Rainer noch einmal in die Augen und verließ den Pferdestall. Dieser Blick sagte Rainer viel aus. Vaters Verhalten ließ ihn regungslos stehen bleiben. Sein Blick traf Rainers Herz. Er ging in sich.

Rainer: Wie tief bin ich doch gesunken!! Was habe ich denn von der Jungscharzeit? Was bringt mir die Jungschar?

Autor: Auf das Hoffen des Vaters ging Rainer die nächsten Male ein, und besuchte die Jungscharstunden. Dies beschränkte sich nur auf einige Male, da seine Jungscharzeit vorüber war. Nach langer Zeit kamen die vier Freunde auf der Abschiedsfeier wieder näher zusammen. Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch.

Horst: Sehen wir uns alle demnächst bei der Aufnahme in die Jugend wieder? Ihr kommt doch, oder?

Kurt: Auf mich kannst du zählen. ( scherzhaft ) Rainer, kommt du auch, oder hast du schon was anderes vor?

Rainer: An sich nicht. Vielleicht kann man von der Jugendstunde etwas mehr erwarten. Man kann’s ja mal versuchen. Ich will mich aber nicht festlegen.

Autor: Der Tag der Aufnahme kam, und Rainer kam auch! Einer der vier Freunde aber blieb weg. Es war Norbert . Außer den dreien wurden fünf weitere in die Jugend aufgenommen. Nach der Aufnahme sah man die strahlenden Gesichter der neuen Jugendlichen, die mit Freude in die Zukunft blickten. Doch es gab auch einen, bei dem die Freude ausblieb. Es war Rainer. Am nächsten Nachmittag trafen sich Rainer und Norbert wie gewöhnlich auf der Pferdewiese.

Norbert: Na, wie war gestern die Aufnahme?

Rainer: Wieso warst du nicht da? Warst wohl zu feige?

Norbert: Das glaubst du wohl selber nicht!

Rainer: Wie dem auch sei, du hast nicht viel verpasst. Man kann es mit der Jungschar Aufnahme vergleichen. Wir hätten lieber gemeinsam ausreiten sollen. Glaub’s mir, da hätten wir mehr von gehabt. Kurt und Horst waren überglücklich. Ich verstehe die Leute nicht. Mit was für einer Einstellung kommen sie nur in die Jugend?

Autor: Seit der Aufnahme ließen sich Rainer und Norbert nicht mehr in der Jugend blicken. Sie verbrachten ihre Zeit mit den Pferden. Da Rainer schon von Kindheit an mit Pferden zu tun hatte, ritt er wie ein Zigeuner. Er war für seine Reitkünste im dort und Umgebung schon berühmt geworden. Dies reizte ihn zu immer neuen und gefährlichen Kunststücken. Da Norbert ihm gleichgesinnt war, hielten sie wie Blutsbrüder zusammen. Schnell wechselten Frühling und Sommer. Rainers Vater ermahnte Rainer noch einige male, und wies ihn auf seinen Zustand hin. Doch es schien alles nicht zu nützen. Rainer gefiel der breite Weg, wie es in Matthäus 7, 13 steht – viel besser. Durch seinen Ruhm als bester Reiter gewann Rainer viele neue Freunde, die sich ebenfalls auf diesem breiten Weg befanden, und ihn immer mehr in den Schlamm der Sünde zogen. Eines Abends, als die Pferde versorgt wurden, kam es zwischen Rainer und seinem jüngeren Bruder Rudi zu einem Gespräch:

Rudi: Rainer, würdest du mir einen Gefallen tun?

Rainer: Was ist?- Sag schon.

Rudi: Aber du musst mir wirklich versprechen, es zu tun.

Rainer: Solange es mir nicht schadet.- Natürlich, für meinen kleinen Bruder…

Rudi: Es schadet dir bestimmt nicht!

Rainer: Na gut, ich verspreche dir. Sag schon, was du willst.

Rudi: Versprochen ist versprochen. Weißt du, Rainer, ich habe Samstag Aufnahme in der Jugend. Und ich dachte, wenn Georg da ist, dürftest du auch nicht fehlen.

Rudi: Zufrieden lief Rudi ins Haus und erzählte es Georg, der darüber sehr erstaunt war. Ärgerlich versorgte Rainer die Pferde weiter, im Nachdenken über das Versprechen, das er gegeben hatte. Die verschiedensten Fragen schwirrten Rainer durch den Kopf.

Rainer: Was soll ich da überhaupt? Ich bleibe lieber weg. Warum musste mich Rudi nur so etwas fragen? Er muss sich damit abfinden, dass ich nicht komme. Aber versprochen ist versprochen! Rudi hat sich doch so gefreut. Ich muss dazu stehen!

Autor: Bald war es Samstagabend. Die drei Geschwister gingen wie besprochen zur Jugendstunde, in der Rudi aufgenommen werden sollte. An diesem Abend setzte sich Georg, gegen seine Gewohnheit, zusammen mit Rainer auf der letzten Bänke. Georg freute sich, nun einen seiner Geschwister in der Jugend begrüßen zu dürfen. Für Rainer hingegen war dies kein Anlass zur Freude. Es waren für ihn zwei qualvolle Stunden. Er war zufrieden, als er wieder heimwärts ging. Als Rainer und Georg abends nach der Stute sahen, von der sie in diesen Tagen ein Fohlen erwarteten, platzte Rainer mit seinen Gedanken heraus.

Rainer: Der Abend heute war wieder vergeudete Zeit!

Georg: Wieso, es war doch schön!

Rainer: Schön?!! Es war die reinste Qual! Sie haben mich angestarrt, wie einen, den sie noch nie gesehen haben, obwohl sie mich alle kennen. Bin ich denn schlechter als sie? Als ob ich dort verkehrt am Platze wäre. Ich glaube, das war ich auch!

Georg: Es ist ja auch kein Wunder. Du warst ja seit deiner Aufnahme nicht mehr da. Ich glaube, sie waren froh, dich dort zu sehen. Auf jeden Fall weiß ich das von Kurt und Horst ganz genau, denn sie haben dich schon oft eingeladen und wurden schon oft genug von dir enttäuscht. Doch eines will ich dir noch sagen: Ich finde es gut, dass du dein Versprechen Rudi gegenüber nicht gebrochen hast.

Autor: Am gleichen Abend unterhalten sich Georg und der Vater über die Jugendstunde und was danach war. Sie bedauerten Rainers Zustand. Vater entschloss sich, Rainer bei der nächst besten Gelegenheit noch einmal auf den rechten Weg hinzuweisen. Am nächsten Abend war es so weit. Die Stute, nach der sie gestern sahen, brachte das Fohlen zur Welt. Der Vater, Georg und Rainer, der natürlich nicht fehlten durfte, waren bei der Stute.

Vater: Es ist schade um die schöne Stute, aber sie wird nicht durchkommen. Ich glaube, unser Mühen ist umsonst. Doch wir haben einen Trost- es ist ein prächtiges Fohlen!

Rainer: Vater, können wir denn wirklich nichts mehr für die Stute tun? Es ist die erste Stute, die ich mit auf erzogen habe.

Autor: Der Vater selbst konnte nicht verstehen, wieso seine beste Stute sterben musste. Traurig sahen sie das Tier verenden. Rainer bat Vater um das neugeborene Fohlen, um es zu erziehen. Das war die Gelegenheit, die Gott Rainers Vater gab.

Vater: Rainer, du hast diese Stute vor deinen Augen sterben sehen. Ich möchte dir etwas sagen, was mir schon lange auf dem Herzen drückt. Schau dir diese Stute an, sie war jung, stark, schnell und schön und wir haben viel Hoffnung auf sie gesetzt. Doch wie plötzlich kam für sie der Tod. Keiner von uns hätte es je gedacht, dass es mit ihr so ein Ende nehmen würde. Doch sie hat etwas gutes hinterlassen, das Fohlen, durch das wir hoffentlich noch lange an sie erinnern werden. Rainer, dein Leben könnte man mit dem Leben dieser Stute vergleichen. Du bist auch jung, schnell, kräftig, und denkst nicht an den Tod. Wie plötzlich kann auch dich der Tod ereilen. Was wirst du am Ende deines Lebens hinterlassen? Werden es gute Erinnerungen sein? Doch du bist nicht nur geboren um zu sterben. Bedenke! Nach dem Tod kommt die Ewigkeit! Wo wirst du sein?

Autor: Wie ein Blitz schlugen die Worte des Vaters bei Rainer ein, und hinterließen in Herz und Gedanken tiefe Spuren. Ohne ein Wort zu verlieren, nahm Rainer den schnellen Mustang und ritt in das dunkle der Nacht hinaus. Georg wollte ihm noch nach, doch der Vater hielt ihn zurück.

Vater: Lass ihn! Wir können ihm nicht weiter helfen. Den Rest muss Gott tun.

Georg: Lass uns rein gehen, Vater, Mutter wartet schon.

Musik

Autor: Es war schon spät. Doch etwas durchbrach die Stille der Nacht. Es war das schnelle Schlagen der Hufen des schellen Mustangs, auf dem Rainer saß. Schon war das Ende des Dorfes erreicht. Reiner war mit den Gedanken so beschäftigt, saß er gar nicht merkte, wohin und wie schnell er ritt. Es war eine schöne Nacht, der Himmel war Sternen klar und der Mond durchbrach die Finsternis der Nacht. Doch Rainer merkte von dem allen nichts, bis plötzlich sein Pferd erschrak, da vor ihnen ein Fasan auf flog. Er stürzte zu Boden, und kam erst nach einer kurzen Zeit zur Besinnung.

Rainer: Wo bin ich? Es ist ja die Fuchsschlucht. Wie lange bin ich nicht mehr hier gewesen!

Autor: Rainers Gedanken schweiften zurück, zu jenem Nachmittag, an dem alle vier Freunde zur Fuchsschlucht gehen wollten.

Rainer: Ich musste damals absagen, weil ich zum Pferdemarkt mitfahren sollte. Mein Vater hat Recht, an jenem Tag begann ich die Pferde mehr zu lieben als Gott. Ich habe dich, Mustang, über alles geliebt. Aber Vater hat Recht, wie kann man doch so schnell tödlich vom Pferd stürzen. Was hat mir dann mein Ruhm, meine Kraft, meine Schnelligkeit, ja, meine ganze Jugendzeit gebracht?

Autor: Er sah nun all seine vergeudete Zeit. Tränen rollten über sein Gesicht. Wie viel hatte er doch verkehrt gemacht? Ein lautes Schluchzen tönte aus der Schlucht in die Stille der Nacht! Es folgende Worte der tiefen Reue und Buße, Worte des Flehens um Vergebung und Gnade vor Gott. Dort, in der Schlucht, einsam und verlassen nahm er Gott aufs neue als seinen persönlichen Erretter an. Tiefer Friede erfüllte sein zerrüttetes Herz. Aufs neue hörte man den Hufschlag eines schnell Pferdegalopps. Bald stand Rainer vor seinen Eltern, die noch auf ihn warteten. Mit Freude erzählen er von seinem Erlebnis. Diese Stunde wurde für die Eltern, ja für die ganze Familie eine Stunde der Freude.

Musik ( Uhr schlägt 11.00 )

Die Uhr schlug elf, und die vier Freunde, die am Tisch saßen, kehrten mit ihren Gedanken wieder in die Gegenwart zurück.

Norbert: Oh, ich dachte nicht, dass es schon so spät ist. Aber wenn wir beisammen sind, verfliegen die Stunden so schnell. Doch es war schön, dass nicht nur du, Rainer, den Frieden fandest, sondern auch ich wieder zum Herrn fand.

Rainer: Ja, Norbert, Gott hat es so geführt.

Norbert: Was ich noch sagen wollte: Ich war damals doch zu feige, zur Jugendaufnahme zu kommen. Ich wollte es mir nur nicht anmerken lassen.

Rainer: Ich habe von der Jugendaufnahme damals viel erwartet. Ich wollte der berühmte Reiter sein, doch da merkte ich, dass es auf etwas ganz anderes ankam. Ich habe an die Jugend damals nur Erwartungen gestellt, wollte aber nichts dazu beitragen, um die Jugendstunden zu verschönern.

Horst: Es war wirklich eine schöne Zeit, doch wart ihr damals leider nicht dabei.

Norbert: Schade, um die verlorenen Jahre. Es waren nur Jahre in denen man sich selbst verwirklichen wollte. Gerne hätte ich sie noch einmal leben wollte. Glaubt es mir, ich würde sie ganz dem Herrn weihen.

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