Mrz 10 2009

Das Bild

Geschrieben von at 13:57 in Ostern - Auferstehungsfest

Das Bild, ein christliches Anspiel zu Ostern für 3 Personen

Sprecher: Pater Hugo, Geistlicher an der reichen Kirche zum heiligen Hieronymus in Düsseldorf, trat in die Werkstatt des jungen Malers Domenico Feti. Ein Altarbild von der Kreuzigung Jesu sollte er malen. Sie wurden über Entwurf und Preis einig, und der Maler machte sich an die Arbeit. Mittlerweile sprangen die jungen Knospen, und die ersten Blumen entfalteten sich. Da packte den Künstler die Sehnsucht, die Stadt zu verlassen und mit einem Skizzenbuch das umliegende Land zu durchstreifen. Am Waldrand begegnete er eines Tages einem Zigeunermädchen, das gerade Strohkörbe flocht. Ihre Schönheit fesselte sein Künstlerauge.

Maler: (sehnsüchtig) Wenn ich sie nur malen könnte! Diese lebhaften blitzenden Augen und das lange Haar schwarz wie Ebenholz. Was gäbe das für ein herrliches Bild!

Sprecher: Jetzt erst bemerkte ihn das Mädchen und erriet seine Absicht. Sofort sprang sie auf. Dann hob sie die Hände über den Kopf, schnippte mit den Fingern den Takt und tanzte leicht und anmutig vor ihm hin und her. Dabei zeigte sie ihre weißen Zähne und ihre Augen strahlten vor Lust. Domenico ergriff sofort die Gelegenheit und skizzierte sie in aller Eile, beschloss aber mehr daraus zu machen und sprach die junge Zigeunerin an.

Maler: (tritt an sie heran) Hör mal, was hieltest du davon, wenn ich von dir ein richtiges Bild malen würde? Du würdest dabei auch einiges verdienen.

Zigeunerin: Wollen Sie das wirklich tun?

Maler: O ja, und ich denke es würde ein wunderschönes Bild werden!

Zigeunerin: Na ja, wenn Sie meinen… Von mir aus können wir jetzt sofort anfangen.

Maler: So habe ich das nun auch wieder nicht gemeint. Damit es tatsächlich ein Prachtstück wird, muhst du mehrmals zu mir in die Werkstatt kommen. Da kann ich in Ruhe arbeiten. Ich denke, es ist das Beste, wenn du dreimal die Woche zu mir kommst. Noch weiß ich nicht, wie lange es dauern wird, bis ich ganz zufrieden damit bin.
Ich möchte dich nämlich als spanische Tänzerin malen und das Bild soll ein Meisterwerk werden. Bist du also damit einverstanden, dreimal pro Woche zu kommen.

Zigeunerin: Ja, natürlich!

Maler: Abgemacht?

Zigeunerin: Abgemacht!
(schütteln sich die Hände)

Maler: Ach übrigens, wie heißt du?

Zigeunerin: Pepita!

Maler: Pepita. Ein schöner Name. Also gut, Pepita! Dann bis Morgen um 3 Uhr!

Sprecher: Pünktlich zur festgesetzten Zeit erschien sie. Ihre großen Augen wanderten im Atelier hin und her und ruhten dann auf den altertümlichen Rüstungen, Krügen und Schnitzereien. Jetzt fing sie an, die Gemälde zu betrachten, und bald fesselte das große Altarbild, das seiner Vollendung nahe war, ihre Aufmerksamkeit. Tagelang betrachtete sie es staunend bis sie sich endlich traute Domenico danach zu fragen.

Zigeunerin: Wer ist das? Ich meine die Figur hier, die am meisten hervorsteht.

Maler: (gleichgültig) Christus.

Zigeunerin: Was geschieht mit ihm?

Maler: Er wird gekreuzigt. (ablenkend) So, und jetzt dreh dich ein wenig nach rechts – so, so geht’s.

Zigeunerin: (schweigt eine Weile, setzt dann wieder an) Wer sind die andern Leute, die mit den bösen Gesichtern?

Maler: (verärgert) Hör mal, ich kann nicht immerfort mit dir reden, du hast hier nichts weiter zu tun, als still zu stehen.

Sprecher: Das Mädchen schwieg eingeschüchtert. Aber sie betrachtete weiter das  Bild und grübelte darüber nach, was es bedeuten sollte. Jedes Mal, wenn sie das Atelier betrat, fesselte sie das Gemälde von neuem. Ab und zu wagte sie eine Frage, denn die Sehnsucht, mehr zu erfahren, verzehrte sie fast.

Zigeunerin: (schüchtern) Warum kreuzigten sie ihn denn? War er schlecht, sehr schlecht?

Maler: Im Gegenteil – der beste Mensch auf der Welt.

Zigeunerin: Wenn er gut war, warum kreuzigten sie ihn denn?

Maler: Es war, weil –

Zigeunerin: (atemlos) Weil?

Maler: Hör zu, ich will es dir erzählen, aber dann lass mich mit deinen Fragen in Ruhe.

Sprecher: Und er berichtete ihr die Geschichte des Gekreuzigten – neu für Pepita, für den Künstler so alt, dass sie ihn gar nicht mehr bewegte. Er konnte die Todesangst des Heilandes malen, und nicht ein Nerv zuckte an ihm, während schon der bloße Gedanke daran ihr fast das Herz brach. Ihre großen, schwarzen Augen standen voller Tränen, die der glühende Zigeunerstolz doch verbergen wollte.
Das Altarbild und die spanische Tänzerin wurden zu gleicher Zeit fertig. Pepitas letzter Besuch im Atelier war gekommen. Gleichgültig sah sie auf das schöne Bild, das der Künstler von ihr gemalt hatte, aber dann drehte sie sich um, stand vor dem Altarbild und konnte sich nicht davon trennen.

Maler: Komm, hier ist dein Geld, und noch ein Goldstück darüber, denn du hast mir Glück gebracht, die spanische Tänzerin ist schon verkauft.

Sprecher: Das Mädchen wandte sich langsam um. Ihre Augen, die voll tiefer Bewegung waren, schauten feierlich.

Zigeunerin: Nicht wahr, Herr, Ihr liebt ihn sehr, weil er das alles für Euch getan hat?

Sprecher: Das Gesicht, in das sie sah, wurde dunkelrot. Der Künstler schämte sich. Daran hatte er noch nie gedacht. Das Mädchen in seinem armseligen verblichenen Kleid verließ das Atelier, aber die fragenden Augen klangen in seinem Herzen nach. Er beeilte sich, das Gemälde an seinen Bestimmungsort zu schicken, doch konnte er nicht die Worte vergessen: „…das alles für dich getan!“

Maler: (an sich selbst gewandt) Ich kann diese Qual nicht mehr ertragen. Ich muss ihr entgegentreten und sie besiegen. Es ist sicher das Beste, wenn ich zur Beichte gehe. Pater Hugo wird mir bestimmt die Absolution erteilen, schließlich glaube ich ja an alle Lehren der Kirche. Und wenn ich auch noch das Altarbild viel billiger abgebe, als ich es ursprünglich wollte, dann – ja dann ist sicher alles in bester Ordnung.

Sprecher: Was er sich vorgenommen hatte, das tat Domenico auch. Wie vermutet fühlte er sich ein oder zwei Wochen erleichtert, aber dann erwachte von neuem die Frage: „Ihr liebt ihn doch sehr?“ und forderte eine Antwort.
Feti wurde ruhelos und konnte nicht mehr arbeiten. So wanderte er viel in der Stadt umher. Eines Tages sah er Menschen in ein kleines haus an der Stadtmauer gehen. Einige Tage später erfuhr er, dass ein Fremder dort wohnte, einer von der neuen Lehre. Hier war möglicherweise das zu finden, was er suchte. So ging Feti in die Versammlungen, um zu beobachten, vielleicht als Suchender, sicher nicht, um ein Anhänger dieser Lehre zu werden. Aber ein Mensch kann dem Feuer nicht nahe kommen und doch kalt bleiben. Der Suchende fand das, wonach er sich sehnte: einen lebendigen Glauben. Das Alte war das Neue. Sein neuer Freund lieh ihm eine Zeitlang eine kostbare Abschrift des neuen Testamentes. Nach einigen Wochen wurde er aus Düsseldorf vertrieben, zog von dannen und musste das Buch zurücklassen. Aber das Wesentliche daraus blieb in Fetis Herz haften.

Maler: All das tat er für mich – wie kann ich den Menschen sagen von dieser Liebe, die ihr Leben ebenso hell machen will wie das meine? (nachdenkliche Pause) Ich kann malen, mein Pinsel muss es verkünden. Ach, in jenem Altarbild drückte sein Gesicht nur Todesqual aus. Aber das war nicht die ganze Wahrheit. Unaussprechliche Liebe, unendliches Mitleid, williges Opfer müssen darin zu sehen sein.

Sprecher: Und dann malte er – und der Maler wuchs über sich selbst hinaus. Das neue Gemälde von der Kreuzigung war wie eine göttliche Eingebung.
Er konnte sich nicht entschließen, es zu verkaufen, und schenkte es seiner Geburtsstadt Düsseldorf. Das Bild wurde in der öffentlichen Galerie aufgehängt, und die Bürger strömten dahin, um es zu sehen. Jeder, der davor stand, verstummte; die Herzen wurden bewegt. Unter dem Bild stand: „Das tat ich für dich – was tatest du für mich?“
Auch Feti ging oft hin. Er stand weit hinten in einer Ecke der Galerie und bat Gott, er möge seine gemalte Predigt segnen. Als sich eines Tages die übrigen Besucher verlaufen hatten, bemerkte er ein armes Mädchen, das bitterlich weinend vor dem Bild stand. Der Künstler trat zu ihr.

Maler: Was macht dich so traurig, Kind?
(Das Mädchen schaut sich um.)

Maler: Ach, du bist es Pepita! Warum weinst du den  so?

Zigeunerin: O Herr, wenn er nur mich so geliebt hätte! Ich bin nur ein armes Zigeunermädchen; für Euch ist diese Liebe da, aber nicht für mich.

Sprecher: Tränen stürzten aus ihren Augen, aber sie gab sich keine Mühe mehr, diese zurückzuhalten.

Maler: Pepita, auch für dich ist das alles.

Sprecher: Und dann erzählte ihr der Künstler die ganze Geschichte dieser Liebe. Bis zu der späten Abendstunde, wo die Galerie geschlossen wurde, saßen die beiden beieinander und redeten. Nun wurde der Maler nicht mehr müde, ihre Fragen zu beantworten, denn sie fragte ja nach den einen, den er liebte. Er erzählte dem Mädchen von dem wunderbaren Leben des Heilandes und seinem siegreichen Tode und wie er auferstand in Herrlichkeit. Er erklärte ihr auch, wie diese erlösende Liebe uns mit Gott verbindet. Sie lauschte, nahm die Worte in ihrem Herzen auf und fand zum Glauben.
Viele Jahre waren seitdem vergangen, da fuhr auf der Reise nach Paris ein fröhlicher Grafensohn in seiner Kutsche in Düsseldorf ein, und während seine Pferde gefüttert wurden, besuchte er die berühmte Galerie. Er war reich, jung und klug, die Welt strahlend schön, und all ihre Schätze standen ihm offen. Nun trat er vor Fetis Bild und war tief ergriffen.
„Das tat ich für dich – was tatest du für mich?“
Er las wieder und wieder die Inschrift auf dem Rahmen und konnte sich nicht losreißen – sie drang in sein Herz hinein, die Liebe Christi nahm ihn für immer gefangen. Das Licht verblich, der Türschließer musste den jungen Mann am Arm fassen und ihm sagen, dass es Zeit sei, die Galerie zu verlassen. Die Nacht war gekommen – nein – für jenen jungen Mann war vielmehr die Morgenröte des ewigen Lebens angebrochen. Er war Graf von Zinzendorf. Später legte er sein Leben, Vermögen und Ruhm dem zu Füßen, der durch das Bild zu seinem Herzen geredet hatte.

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