Apr 30 2008
Muttersorgen
Muttersorgen, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 13 Personen
Autor: Über der kleinen Landstadt lag die Schwüle eines heißen Sommernachmittags. Es war still auf den Gassen. Wer nicht ausgehen musste, blieb in diesen Stunden lieber zu Hause. Und die wenigen Leute, die hier Landwirtschaft trieben, waren draußen auf dem Feld, denn die Ernte hatte begonnen.
Es schlug 4 Uhr. In der Schule verabschiedete sich der Pfarrer von der Oberklasse, in der er Religionsunterricht erteilt hatte.
Pfarrer: Ihr werdet euch auf die Sommerferien freuen. Wie auch viele von euch werde auch ich verreisen. Und nun wünsche ich euch allen eine schöne Ferienzeit!
Autor: Als er seinem Pfarrhaus zuging hörte er plötzlich Schritte hinter sich. Er wandte sich um und sah Elise, eine seiner besten Schülerinnen. Freundlich fragte er sie:
Pfarrer: Was wünschst du noch?
Elise: Ich möchte nur wissen, wann Sie von Ihrer Reise heimkommen.
Pfarrer: Wenn eure Schule wieder anfängt bin ich wieder da, Elise.
Autor: Fast schien es als wollte sie es noch genauer wissen, denn sie sah ihn noch immer fragend an. Da wiederholte er seine Antwort und reichte ihr die Hand zum Abschied.
Pfarrer: Was hat das Kind wohl zu der Frage getrieben?
Autor: Dieser Gedanke beschäftigte den Pfarrer im Weitergehen. Sie war immer ein stilles Mädchen gewesen und sehr aufmerksam in der Schule. Früher hatte sie sich nie zu einer Antwort gemeldet, aber jetzt war es anders. Er musste sich oft über ihre guten Antworten, die vom tiefen Nachdenken zeugten, wundern. Er freute sich jetzt schon, sie im Winter als Konfirmandin zu haben.
Doch nun nahmen seine Gedanken eine andere Richtung. Heute und morgen wollte er noch alle Kranken besuchen, denn übermorgen begann sein Urlaub, dessen der ältere Pfarrer dringend bedurfte.
- Musik -
Zwei bis drei Wochen waren vergangen. Da kam die Krankenschwester des Städtchens zu der Pfarrersfrau und berichtete:
Schwester: Ich wollte Ihnen sagen, dass die Elise Weiß schwer krank ist. Gestern hat sie ihrem Vater das Mittagessen aufs Feld gebracht und dann ein paar Stunden draußen geholfen. Als sie dann heim kam war sie von der Hilfe ganz müde und matt. Heute liegt sie nun mit hohem Fieber und heftigen Kopfschmerzen zu Bett.
Fr.Pfarrer: Was sagt denn der Doktor?
Schwester: Er spricht sich noch nicht aus. Man muss ihr nur kalte Umschläge auf den Kopf legen. Ich wollte Sie bitten hinzugehen, die Mutter ist recht in Sorge.
Autor: Als die Pfarrersfrau kurz darauf ihren Besuch machte, wurde sie von Fr. Weiß sofort ins Krankenzimmer geführt.
Fr.Weiß: Sehen Sie Frau Pfarrer, da liegt sie nun und wirft sich von einer Seite auf die andere. Sie ist nichts, sie sagt nichts und sieht mich so eigen an. Elise guck, die Frau Pfarrer ist zu Besuch!
Autor: Die Kranke schaute auf und ihr Blick wurde plötzlich klarer als sie die Pfarrersfrau erkannte.
Elise: Wann fängt die Schule wieder an?
Autor: Die Frauen sahen sich einen Augenblick verwundert an, wie in stiller Frage. Ob das Kind bei klarem Bewusstsein sei. Dann antwortete die Pfarrersfrau:
Fr.Pfarrer: Erst in zehn Tagen ist wieder Schule. Du kannst ganz unbesorgt im Bett liegen. Du versäumst nichts.
Autor: Dann reichte sie dem Kind die Hand mit einem lieben herzlichen Wort und winkte der Mutter zum Hinausgehen. Der Weg führte durch das Zimmer wo die andere Töchter waren – die um ein Jahr ältere Marie und die jüngere Anna.
Fr.Weiß: Es ist doch sonderbar das sie immer wissen will wann die Schule anfängt. Stimmt. Anna, dich hat sie heute auch danach gefragt?
Autor: Die Kleine nickte nur still. Doch Marie sagte:
Marie: Ich weiß warum. Zu mir hat sie gesagt: “Wenn die Schule anfängt dann kommt der Herr Pfarrer wieder heim?!”
Autor: In ernsten Gedanken ging die Pfarrersfrau nach Hause. Warum sehnte sich das Kind wohl nach dem Pfarrer? Hatte sie am Ende eine Ahnung das es bald sterben wird? Sie nahm sich vor gleich morgen früh wieder nach ihr zu sehen. Und wenn ihr Befinden sich verschlechtern sollte, würde sie ihrem Mann schreiben und ihn bitten heimzukommen. Am nächsten Morgen traf sie Frau Weiß tief bekümmert.
Fr.Weiß: O Frau Pfarrer, sie wird nimmer gesund, ich muss das gute Kind hergeben.
Fr.Pfarrer: (erschrocken) Gibt der Doktor keine Hoffnung mehr?
Fr.Weiß: Er war heute noch nicht da, aber…
Autor: Die Mutter brach in Tränen aus. Frau Pfarrer fragte teilnehmend, ob es so schlimm um Elise stünde. Die Träne trocknend, antwortete die Mutter:
Fr.Weiß: Ich habe es nicht gewusst, dass ich eine so fromme Tochter habe. Heute nacht war sie recht unruhig und hat oft nach ihrem Kopf gegriffen und dabei gestönt. Ich glaube, sei war nicht recht bei sich. Aber heute früh hat sie nach ihrem Gesangbuch verlangt. Als Marie es ihr brachte, sagte sie: “Geht alle hinaus! Ich will beten.!? ”Der Vater und Marie gingen raus, ich blieb aber, ohne dass sie es merkte. Lange blätterte sie im Buch und las darin. Schließlich rief sie nach mir. Ich kam näher und sie zeigte mir unter den Trostliedern ein Lied und sagte: “Das Lied ist für dich, Mutter!”
Dann blätterte sie weiter und schlug auf: “Mit Fried und Freud fahr ich dahin” und sagte: “Das möchte ich noch lernen.” Glauben Sie, das sie stirbt?
Autor: Ergriffen hatte die Pfarrersfrau zugehört. Nun sprach sie mit Tränen in den Augen:
Fr.Pfarrer: Wir wollen das liebe Kind der Obhut des guten Hirten übergeben, sei es im Leben oder im Tod. Dort ist es wohl geborgen.
Autor: Zu Hause schrieb sie sofort an ihren Mann und bat ihn, früher heimzukommen, da das kranke Kind nach ihm verlange. Mit bangen Herzen ging sie am Nachmittag wieder zur Familie Weiß. Die Mutter begrüßte sie mit den Worten:
Fr.Weiß: Frau Pfarrer, es ist hoffnungslos. Der Doktor sagt, es sei Gehirnhautentzündung, und sie komme nicht mehr davon los. Es sei sogar besser so, denn wenn jemand diese Krankheit überstehe, ist es ein bleibender Schaden.
Fr.Haller: Das ist wahr! Sehen Sie, Frau Pfarrer, ich habe es schon zu Frau Weiß gesagt. Sie solle es nur nicht erzwingen wollen von Gott und das Kind herausbeten von Ihm, wenn er es zu sich nehmen will. Ich habe es so oft gemacht, als mein Ernst mit vier Jahren diese Krankheit hatte. Oh wie habe ich Gott angefleht mir das Kind zu erhalten, geradezu abgetrotzt habe ich es Ihm – und jetzt..
Autor: Frau Haller, eine der Nachbarinnen, schwieg jetzt. Die andere Frauen, die im Zimmer waren, sahen sie traurig an. Sie wußten, welch schwere Last diese Mutter trug an dem Sohn, der seit 20 Jahren völlig verkrüppelt war, der eine Pflege bedurfte wie ein ganz kleines Kind. Frau Haller fuhr fort:
Fr.Haller: Ich möchte alle Leute warnen, bei ihrem Gebet für die Kranken nicht eigenwillig zu sein, sondern immer unseren Heiland nachzusprechen: “Nicht wie ich will, sondern wie Du willst!” Sonst tut uns Gott den Willen und erst später merken wir, daß es zu unserem Schaden war.
Autor: Der Blick der Pfarrersfrau fiel auf Frau Kraus, die Nachbarin des Hauses. deren Augen bei diesen Worten einen tieftraurigen Ausdruck annahmen. Man konnte sehen, daß auch hier eine schwere Erfahrung dahinter lag. In der Stille, die jetzt eintrat, fragte Frau Weiß:
Fr.Weiß: Frau Pfarrer, wollen Sie nicht zu Elise hinein? Sie ist zwar nicht bei sich, doch liegt sie jetzt ganz ruhig da.
Autor: Sie traten ins Krankenzimmer. Als Frau Pfarrer Marie am Bett sitzen sah, wurde es ihr ganz weh ums Herze. Seit Jahren hatte sie die Schwestern immer zusammen gesehen. Am liebsten hätte sie Marie ans Herz genommen und geküßt, statt dessen reichte sie dem Mädchen die Hand und trat ans Krankenbett.
Still betrachtete sie das ruhende Kind, dessen liebes Gesicht mit den roten Fieberbacken, umgeben von dem blonden Kraushaar, besonders hold und lieblich aussah. Wie schwer muss es doch für die Mutter sein, dieses Kind hergeben zu müssen! Aber wenn sie die Krankheit überstehen würde, aber dann nicht mehr ihren gesunden Verstand hätte, wäre es nicht noch schwerer?
Unwillkürlich faltete die Pfarrersfrau die Hände und sprach aus tiefbewegten Herzen:
Fr.Pfarrer: “Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm Dein Kücklein ein…”
Autor: Leise, wie sie gekommen, gingen die Frauen wieder hinaus. Frau Pfarrer wünschte den betrübten Eltern noch Gottes Beistand und verabschiedete sich. Frau Krauß hatte sich ihr angeschlossen. Als sie am Hause von Frau Krauß vorbeikamen, fragte diese:
Fr.Krauß: Müssen Sie gleich Heim, Frau Pfarrer, oder kommen Sie noch kurz zu mir rein?
Autor: Da fiel der Pfarrersfrau der traurige Blick, ein den sie heute wahrgenommen, und sie folgte gern der alleinstehenden Frau. Diese blieb auch jetzt noch still. Aber die Pfarrersfrau merkte, daß außer dem Mitleid mit der Familie Weiß auch ein eigenes Leid ihr Herz bedrücken müßte. Schließlich fragte sie:
Fr.Pfarrer: Frau Krauß, haben Sie etwas auf dem Herzen, von dem Sie frei werden möchten?
Fr.Krauß: O ja, Frau Pfarrer, mein Kummer drückt mir fast das Herz ab. Und heute ist mir klargeworden, dass ich einen großen Fehler gemacht habe, damals, als mein Wilhelm so krank war. Er ist wieder gesund geworden und jetzt denke ich oft, für ihn wäre es besser gewesen, wenn er gestorben wäre.
O Frau Pfarrer, ich meine, mein Mutterschmerz ist noch größer als der von der Frau Weiß und Frau Haller. Wenn die Elise stirbt so darf die Mutter wissen, das ihr Kind beim Heiland ist. Und der Ernst bleibt ein Sorgenkind, aber nicht ewig. Aber all dieser Trost paßt nicht für meine Muttersorgen.
Autor: Ihre Tränen hinderten sie im Weiter sprechen, und die Pfarrersfrau sagte sanft:
Fr.Pfarrer: Gewiss hat Gott auch für Sie einen Trost bereit. Es gibt kein Leid für das er keinen hätte.
Fr.Krauß: Doch, eines gibt es, Frau Pfarrer. Wenn man Ihn verlässt, dann hört aller Trost auf.
Autor: Nun erzählte sie der Pfarrersfrau von dem Schicksal ihres jüngsten und einzig am Leben gebliebenen Sohnes Wilhelm. Er hatte Gott und sie, die Mutter verlassen und in die Fremde gezogen. Seit 1/4 Jahr hat sie keinen Nachricht von ihm erhalten, so habe auch sie nicht mehr geschrieben.
Frau Pfarrer ermutigte die Mutter einen Brief in Liebe ohne Schärfe an ihren Sohn zu schreiben und verabschiedete sie sich …
Langsam ging sie nach Hause. Die Sorge ihrer Mitmenschen lasteten schwer auf ihrem Gemüt und machten sie geistig und körperlich müde. Zu Hause empfing sie ihre 14jährige Tochter Hedwig mit den Worten:
Hedwig: Du warst lange fort, Mutter. Geht es Elise noch nicht besser?
Autor: Die Mutter wusste, wie sehr ihre Hedwig die Schwestern Weiß liebte. Sie setzte sich zu ihr und teilte mit, wie ernst es stehe. Unter Tränen sagte Hedwig:
Hedwig: O wie ist das möglich? Sonntag saßen wir noch nebeneinander in der Kirche und jetzt liegt sie im Sterben. Und wie traurig ist es für Marie! O Mutter, warum muss es so gehen?
Fr.Pfarrer: Kind, wir dürfen nicht warum fragen, wenn Gott etwas schweres schickt…Wir müssen uns beugen unter seinen Willen.
Hedwig: Wie hart das klingt, Mutter! Ist Gott denn nicht die Liebe ,?
Fr.Pfarrer: Doch, Hedwig. Denn aus Liebe sandte Gott seinen Sohn auf die Erde, um uns zu retten. Sieh, das ist der Fels unseres Glaubens an seiner Liebe, der nie wanken kann!
Autor: Als die Mutter endlich zur Ruhe gegangen war; zogen noch manche Gedanken durch ihre Seele. Es war ein schwerer Tag für sie gewesen. Und sie klagte alles ihrem Gott: das kranke Kind und seine Eltern; Frau Haller, die ihr großes Kind pflegen mußte; Frau Krauß, die keinen Trost finden konnte und ihres eigenen Kindes, das heute zum ersten Mal gefragt hatte: “Ist Gott nicht die Liebe?” Sie wußte, das ihre Sorgengebete bei Gott erhört waren und daß Er helfen wird.
Am anderen Tag kam der Pfarrer zurück. Nachdem er seine Frau und Kind begrüßt hatte, war seine erste Frage um Elises Zustand. Frau Pfarrer berichtete, daß der Arzt die Krankheit für hoffnungslos ansehe.
H.Pfarrer: So will ich gleich zu ihr gehen. Das hätte ich nicht gedacht, als sie mir damals nachgeeilt und fragte, wann ich wieder komme, dass ich noch vor Schulbeginn an ihr Sterbebett gerufen würde.
Autor: Er ging hin und redete erst mit den Eltern. Trotz der gedämpften Stimme, hatte Elise es gehört, denn Marie kam aus den Krankenzimmer und sagte:
Marie: Elise hat des Herrn Pfarrers Stimme gehört und möchte dass er kommt.
Autor: Als er mit den Eltern eintrat ging ein müdes Lächeln über das abgezehrte Gesicht, dessen Anblick den Pfarrer schmerzlich bewegte. Er begrüßte sie mit kurzen warnen Worten und fragte:
H.Pfarrer: Wollen wir miteinander beten?
Autor: Elise faltete die Hände und der Pfarrer sprach ein herzliches Gebet, wobei sich ein stiller Friede auf dem Gesicht des Kindes ausbreitete. Gott war spürbar nahe.
Am Städtischen Krankenhaus in Mannheim läutete noch spät abends die Hausglocke Sturm. Es wurden zwei schwerverletzte nach einem Motorradunfall hereingetragen. Sie waren im betrunkenen Zustand bei einer Straßenkreuzung auf eine Hausecke aufgefahren. Der Motorradfahrer war schwerer verletzt, als sein Kamerad. Als dieser nach zwei Stunden aus der Bewusstlosigkeit erwachte, sah er, wie sein Freund tot herausgetragen wurde. Da erschrak er heftig und fragte:
Wilhelm: Muss ich auch sterben?
Autor: Doch er bekam keine Antwort. Die Frage war wohl nicht gehört worden. Das Bewusstsein verließ ihn.
Es folgten schwere Tage für Wilhelm Krauß. Die Verletzung am Kopf bereitete ihm rasende Kopfschmerzen. Sein linker Arm war zweimal gebrochen und lag nun hart und steif im Gipsverband. Doch der junge Mann hatte eine gesunde Natur. Die Kopfverletzung war nicht lebensgefährlich gewesen, und nach vierzehn Tagen sagte der Arzt, als er ihn untersuchte:
Arzt: So, die Kopfwunde ist merkwürdig rasch und gut geheilt. Wissen Sie eigentlich, dass das Schicksal ihres Kameraden auch Ihnen gedroht hat? Der Tod ist nahe bei Ihnen vorbeigegangen. Sie können wohl dankbar sein. Der Arm wird nicht so schnell wieder gebrauchsfähig sein, doch es bedarf keinen längeren Krankenhausaufenthalts mehr. Wie steht’s? Haben Sie noch eine Mutter, die Sie pflegen und versorgen könnte, bis Sie ganz gesund sind?
Wilhelm: Ja, meine Mutter lebt noch.
Arzt: Nun, dann ist es sehr gut. Und in einer Woche könnten Sie zu ihr gehen.
Schwester: Es heißt nicht umsonst: “Wenn du noch eine Mutter hast, so danke Gott und sei zufrieden.”
Autor: Als der Arzt und die Schwester das Zimmer verließen, meinte Wilhelms Zimmernachbar:
Mann: Gewiss haben die Gebete Ihrer Mutter Sie bewahrt bei dem Unglück.
Wilhelm: Das kann wohl sein!
Autor: Wilhelm hatte seinen Nachbarn ganz erstaunt dabei angeschaut. Dann drehte er den Kopf zur Wand, denn er wollte keine weitere Unterhaltung. Der Gedanke an seine Mutter hatte ihn seltsam bewegt. Der Vers, den die Schwester sagte, ging ihm nicht aus den Sinn. Er bemühte sich das Gedicht wieder ins Gedächtnis zu rufen, was ihm teilweise sogar gut gelang.
Wilhelm: Wenn du noch eine Mutter hast,
so danke Gott und sei zufrieden;
nicht allen auf dem Erdenrund
ist dieses hohe Glück beschieden.
Wenn du noch eine Mutter hast,
so sollst du sie mit Liebe pflegen,
daß sie dereinst ihr müdes Haupt
in Frieden kann zur Ruhe legen.
Sie hat vom ersten Tage an
für dich gelebt mit bangen Sorgen;
sie brachte abends dich zu Ruh
und weckte küssend dich am Morgen.
Und warst du krank, sie pflegte dein,
den sie mit tiefen Schmerz geboren:
und gaben alle dich schon auf -
die Mutter gab dich nicht verloren.
Autor: Wilhelm dachte nach. Das Gedicht passte ganz genau zu ihm und der Beziehung zu seiner Mutter. Wie würde es der Mutter geschmerzt haben, wenn sie die Nachricht von seinem Tod erhalten hätte? Wie würde sie darum trauern, dass er nicht mit Frieden im Herzen sterben musste. Er erinnerte sich noch deutlich an seinen letzten Brief, wo er harte Worte geschrieben hatte. “Ich brauche deine Ermahnungen nicht mehr. Lass mich meinen eigenen Weg gehen. Ich bin jung und will meine Jugend und Freiheit genießen. Wenn einmal der Tod bei mir anklopft, dann ist es immer noch Zeit, wieder an Gott zu denken.”
Als er so weit gekommen war in seinen Gedanken, stutzte er. Hatte nicht der Arzt heute gesagt: “Der Tod ist nahe bei Ihnen vorbeigegangen.” War es nicht eine deutliche Mahnung, sein Wort einzulösen?
Wilhelm brütete vor sich hin. Immer klarer wurde ihm seine Schuld der Mutter gegenüber. Aber, war es nicht schon zu spät zum Umkehren? Doch mitten in seine trübe Gedanken leuchtete die Liebe und Gnade Gottes, die sein Herz tröstete.
Die Schwester kam und brachte ein Kind mit hinein und sagte:
Schwester: Das Töchterlein unseres Herrn Doktor möchte heute allen Kranken eine Freude machen!
Autor: Das weißgekleidete, etwa 12-jähriges Mädchen trug Rosen in der Hand. Freundlich reichte sie jedem der Männer einen kleinen Strauß. Wilhelm musste immer wieder an seine Nachbarin Elise Weiß denken, der die Tochter des Arztes sehr ähnlich aussah.
Er musste an seine Heimat denken und Heimweh ergriff ihn. Wenn er nur wüsste, ob die Mutter ihm noch zürne! Er dachte en sein altes Elternhaus, die heimatliche Kirche und hörte die Abendglocke läuten. Unwillkürlich faltete er die Hände, und so schlief er ein.
In dieser Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Ihm war, als trete Elise zu ihm als Engel, strahlend schön, in weißem Gewand und mit Flügeln und spräche mit sanfter Stimme: “Komme heim, Wilhelm, deine Mutter weint so heiß um dich!” Er wollte eine Frage an sie stellen, doch sie entschwand ihm und er erwachte. Nach dem Mittagessen brachte die Schwester einen Brief
Schwester: Soeben Ist dieser Brief für Sie abgegeben worden. Er sei in ihre Wohnung gekommen.
Autor: Wilhelm warf einen raschen Blick darauf und nahm ihn dankend an. Er war von seiner Mutter! Zürnte die Mutter nicht mehr? Hastig riss er den Brief auf. Nein, es war ihre alte, treu Art, die Ihm aus ihren Worten entgegen klang. Es wurde ihm ganz warm ums Herz.
Sie erzählte von sich und ihrem Leben, sie fragte nach seinem Ergehen und berichtete allerlei aus der Heimat. Doch was stand hier?
Wilhelm: “Es wird dich auch bewegen, dass in unserem Nachbarhaus der Tod eingekehrt ist, und zwar nicht den alten Opa, sondern Elise. Heute ist sie gestorben und am Freitag um 2 Uhr wird sie beerdigt.”
Autor: Wilhelm ließ den Brief sinken. Er sah lange und ernst vor sich hin. Er musste an seinen Traum denken. Hatte hier nicht der Tod zum zweiten Mal bei ihm angeklopft, wenn auch in freundlicherer Form?
Auf einmal hörte er die Glocken 2 Uhr schlagen und ihm fiel es ein, dass zu Haue jetzt die Beerdigung ist. Fest drückte er seinen Kopf ins Kissen, damit der Zimmergenosse seine Tränen nicht sehen sollte.
Unter diesen Tränen wurde sein Herz erleichtert und der Druck, der auf seinem Gewissen lastete, schwand. In ihm reifte der Entschluss, zurück zu kehren zur Mutter ins Elternhaus und zum Vater im Himmel!
Eine Woche später trat Wilhelm Krauß ganz unerwartet ins Zimmer seiner Mutter. Mit alter, ungeschwächter Liebe wurde er von ihr empfangen. Da kam ein Gefühl der Geborgenheit und des Friedens über ihn! Er wusste nun, wie wert es ist, noch eine Mutter und eine Heimat zu haben. Nun erzählte Wilhelm seiner Mutter, wie es kam, dass er zurück gekommen war.
Als er geendet hatte, drückte sie ihm die Hand und sprach aus tiefsten Herzen:
Fr.Krauß: Gott sei Lob und Dank, dass ich das erleben durfte!
Autor: Es heißt, dass bei den Engeln Gottes Freude ist über einen Sünder, der Buße tut; aber auch die Freude, die dem bekümmerten Mutterherzen aufging bei der Heimkehr des geliebten Sohnes, ist nicht zu beschreiben.
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