Nov 22 2007
In den Tagen des Menschensohnes
In den Tagen des Menschensohnes, ein christliches Anspiel zum Thema Ewigkeit für 10 Personen
Erzähler: Viele Predigten hört man in den letzten Jahren vom Nahe sein und Wiederkommen des Herrn. Noch dringender reden die Zeichen der Zeit von diesem Ereignis, eine Sprache, die nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen ist. Alles deutet darauf hin, dass der Tag der Wiederkunft unseres Herrn nicht mehr ferne ist. Sind wir auf dieses große Ereignis vorbereitet? Gleichen wir den Jungfrauen, die genügend Öl in ihren Lampen hatten, den Bräutigam zu erwarten und ihm mit hellen Lichtern zu begegnen? Möge der Herr bei seiner Wiederkunft uns wachend finden, einen jeden auf dem Platz, den er für uns bestimmt hat.
In einem Zugabteil befanden sich drei Männer. Professor Bitter und der Fabrikant Gutter führten ein lebhaftes Gespräch miteinander, der dritte unbekannte Mann hörte schweigend zu.
Bitter: Sieh einer an! Das ist doch der Herr Gutter, mein lieber Freund? Ich habe Sie vorhin ja überhaupt nicht erkannt, wo kommen Sie denn her?
Gutter: Wir hatten eine Besprechung und mussten etliche Geschäftsfragen klären.
Bitter: Ach so!
Gutter: Ja, ja. Sie als Arzt sind ohne Sorgen. Ihre Patienten kommen nach wie vor, aber wir.-
Bitter: Ja, stimmt genau, niemand will sich aus diesem Jammertal entfernen, und wenn die Hütte noch so baufällig ist – der Professor Bitter soll sie doch noch mal reparieren. Jeder hängt an seinem Leben.
Gutter: Werter Herr Professor, aber alles können Sie doch wohl auch nicht. Oder ist es nicht mehr wahr, was Plato gesagt hat, dass unser Wissen ein Stückwerk ist?
Bitter: Meinetwegen Stückwerk, wenn wir nur vorwärts kommen in unserem Werk. Der Krebs ist schon heilbar. Ich habe ihn zuerst geheilt.
Gutter: Was sagen Sie?
Bitter: Der Krebs ist heutzutage nicht mehr schlimmer als Schnupfen.
Gutter: Wirklich? So weit ist die Medizin schon?
Bitter: Es wird nicht mehr lange dauern, dann kann man gerade das Einfältige von dem Stückwerk aus der Bibel auslöschen.
Gutter: Ach so, in der Bibel steht das? Nun, dann ist es kein Wunder. Da stehen ja lauter Phantasien drin.
Fremder: Irret euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten.
Gutter: (verächtlich) Wie können Sie uns mit “euch” anreden?
Fremder: Mein Herr, man sollte sich fürchten, einen Spruch aus der Bibel zu schmähen. Sie beweisen damit, dass Sie in der Bibel gar nicht zu Hause sind. Trotzdem urteilen Sie darüber. Es kommt die Zeit, wo Sie einmal alles einsehen werden. Gebe Gott, dass es für Sie beide nicht zu spät sein möge.
Gutter: Nun hören Sie mal, bester Herr, läuten Sie bloß nicht die Höllenglocken! Wer glaubt denn heutzutage noch an diesen Unfug?
Fremder: Es bleibt doch, verzeihen Sie mir, meine Herren, bei dem Wort der Bibel: „Die Toren sprechen in ihrem Herzen, es ist kein Gott.“
Gutter: (erregt) Hören Sie mal, das ist doch eine Frechheit! Was erlauben Sie Sich eigentlich?
Fremder: Bitte, regen Sie Sich doch nicht auf. Wenn Sie die Ehre meines Herrn antasten, dann kann ich nicht schweigen. Die Ehre meines Heilands, der mich mit Seinem Blut erkauft hat, der mich glücklich und selig gemacht hat… Meine Herren, bei Jesus hat man es wirklich gut. Bei Ihm allein ist wahrer Friede und dauerhaftes Glück zu finden. Weder Ihre Wissenschaft, noch Ihr Geld wird Ihnen ein Trost sein, wenn Sie sterben müssen, oder wenn der Herr kommt. Meine lieben Herren, bedenken Sie es doch, mit Seinem Blute hat der Herr auch für Sie bezahlt, und Sie verachten dies teure Blut. Ich bitte Sie, tun Sie es nicht mehr länger. Wir haben doch so einen herzlichen Heiland! (geht weg)
Gutter: Das war ja eine ganze Predigt!
Bitter: (erschrocken) Was ist denn das?
Gutter: (etwas erregt) Der Zug ist am bremsen – und hält an.
Bitter: Wir sind doch noch nicht da?
Gutter: Wir sind noch auf freier Strecke!
Bitter: Was soll denn das? Warum hält der Zug? (schaut auf die Uhr) Zwei Minuten nach Mitternacht. (der Schaffner kommt) Haben wir kein Einfahrtssignal, Herr Schaffner?
Schaffner: Der Lokomotivführer ist verschwunden.
Gutter: Was heißt das “verschwunden”? Der Kerl ist sicher betrunken gewesen und heruntergefallen.
Schaffner: Der und betrunken? Nein, das gab’s bei ihm nicht. Sein Gehilfe sagt, er sei in einem Nu verschwunden und dann hat der Gehilfe sofort den Zug angehalten.
Frau: (tritt erschrocken ein und in solchem Zustande redet sie) Herr Schaffner, wo ist mein Kind? Meine Tochter ist weg. Luise! Sie ist verschwunden und noch etliche aus unserem Fahrwagen.
Schaffner: Sie müssen doch gemerkt haben, wie das Kind verschwunden ist?
Frau: Nein, das ist es ja gerade. Ich habe etwas geschlafen. Als der Zug plötzlich anhielt bin ich aufgewacht. Ich schaute mich nach meiner Tochter um, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Sie ist einfach verschwunden, spurlos verschwunden.
Bitter: Das gibt’s doch gar nicht. Hier fehlt jemand, dort fehlt jemand. Was soll das bloß heißen? Auch der unbekannte Mann aus unserem Abteil ist nicht mehr da!
Erzähler: Dem Professor war es, als ob eine kalte Hand nach seinem Herze griff. Der Zug fuhr endlich weiter. Professor Bitter saß still in einer Ecke des Abteils mit geschlossenen Augen. Was mochte das alles zu bedeuten haben? Sollten seine Frau und seine Tochter doch recht gehabt haben? Wie oft hatte seine Frau unter Tränen versucht, ihm von der Liebe Jesu zu berichten, aber er hatte sie dann nur aus seinem Zimmer geschoben und gesagt: “Ich habe für solche Dinge keine Zeit!” Seine Frau, ja sie war eine gute Hausfrau, eine so sorgsame Gattin, eine so liebende Mutter gewesen. Ob wirklich dieser Jesus auch seinem Herzen Frieden geben könnte? Der Zug fuhr endlich in den Bahnhof ein. Professor Bitter suchte so schnell wie möglich einen Wagen, und voller Ungeduld ging es dem Hause zu. Zu Hause angekommen machte Bitter schnell die Rechnung für die Fahrt, dann öffnete er mit zitternder Hand die Haustür. Jetzt wird er die Zimmertür aufgehen hören, und seine Frau, seine liebe Marta wird ihn begrüßen und willkommen heißen, wie sie es sonst getan hatte. aber – nein -… Die Wohnzimmertür öffnet sich nicht. Eine Unruhe steigt in ihm hoch. Er hört seinen eigenen Herzschlag. Sollte der schreckliche Augenblick wirklich da sein? Hastig legt er seinen Mantel ab und geht ins Wohnzimmer. Die Lampe brennt auf dem Tisch, das Zimmer ist leer. Ihm wird bange ums Herz; die Stille ist grausam. Kalter Schweiß perlt von seiner Stirn. Er eilt ins Schlafzimmer – Marta! – keine Antwort. Er macht das Licht an. Die Betten sind leer. Was mag das alles bedeuten? Er ruft laut außer sich. Nur das Echo dringt aus dem großen Wohnzimmer, dann wieder alles still. Eine Grabesstille. Jetzt eilt er ins Obergemach. Mit einigen hastigen Sätzen springt er die Treppe hinauf, klopft an die Tür und betritt das Dienstmädchenzimmer.
Bitter: (erregt) Sophie, wo ist meine Frau? Wo ist Edith?
Sophie: Herr Professor, die beiden Frauen saßen im Zimmer, als ich zu Bett ging. Der junge Herr ist ausgegangen. Er wollte in die Schenke gehen, wie ich hörte.
Bitter: Sophie, meine Frau ist nicht da, meine Tochter auch nicht! Da muss ein Unglück geschehen sein. Still, unten geht die Haustür auf, das wird sie sein.
Erzähler: Aber es war nur Werner, sein Sohn. Er arbeitete nicht, trieb sich gewöhnlich in den Kneipen herum und verzehrte so das Geld seines Vaters. Kein Wunder, dass Bitter nicht viel von seinem Sohn hielt, doch in diesem Augenblick war es eine Seele, mit der er seine Angst teilen konnte. Eilend stieg er hinunter.
Werner: Guten Abend, Vater, von der Reise schon zurück?
Bitter: Werner, wo ist Mutter?
Werner: Mutter, woher soll ich das wissen? Bin doch selbst eben nach Hause gekommen.
Bitter: Werner, die Mutter ist verschwunden und Edith auch.
Werner: Verschwunden? Vater, du machst wohl Witze?
Bitter: Junge, sehe ich nach Spaß aus?
Werner: Nein, natürlich nicht. Aber was soll das Ganze?
Bitter: Schau her, ihre Sachen sind alle da, Hut und Mantel. Ausgegangen sind sie also nicht.
Sophie: (kommt) Sind die beiden noch nicht da?
Bitter: Nein.
Sophie: Gleich nach 8 Uhr ist Ihre Frau und Ihre Tochter zur Bibelstunde zu Pastor Willmann gegangen. Von da kamen sie aber zurück und hielten sich im Wohnzimmer auf. Als ich sie um 10 Uhr verließ, lasen sie noch in der Bibel.
Bitter: Werner, komm setz dich einmal hin. Ich will dir sagen, weshalb ich so erregt bin. Du weißt, deine Mutter hat oft davon gesprochen, dass jeder Mensch sich bekehren muss. Sie meinte, ohne eine Übergabe des eigenen Lebens an Jesus Christus, sei es unmöglich, Vergebung der Schuld und ewiges Leben zu bekommen. Sie hat oft gesagt, dass jeder Mensch seine Seele vorbereiten muss; entweder für den Tod, oder aber für die Entrückung, wo der Herr in einem Augenblick alle Bekehrten zu sich holt. Hör zu, Werner, wir können nicht so weiterleben wie bisher. Unser Leben muss sich ändern.
Werner: Bitte, Vater, halte keine Moralpredigt. Es hat bei mir doch keinen Zweck.
Bitter: Werner, wir leben in der Sünde! Es darf nicht so bleiben. Gott wird uns zur Verantwortung ziehen.
Werner: Entschuldige, Vater, aber du bist so komisch.
Bitter: Warum?
Werner: “Warum” fragst du? Ich will dir sagen warum. Warst nicht du es, Vater, der mir den Glauben raubte? Sagtest nicht du es, dass die Religion nicht für solche Herrschaft, wie wir es sind, sei? Warst nicht du es, der stets über das Beten der Mutter lachte und spottete? Wer hat mir meinen Kinderglauben genommen? Wer anders, als du? Als ich zum seligen Pastor Berghausen in den Unterricht ging und mich bemühte, ein Leben mit Gott zu führen, wer hat mir da Extrastunden gegeben, dem Pastor entgegen zu arbeiten? – Du kannst zufrieden sein, Vater, dein Werk ist dir gelungen. Ich war ein gelehriger Schüler. Ich bin längst mit dem Glauben fertig geworden. Keine Spur ist davon übriggeblieben. Du hast ihn gründlich beseitigt. Das hast du erreicht. Besser bin ich durch deinen Unterricht nicht geworden, glücklicher auch nicht. Ich habe die Welt genossen. Alles ist öde und leer. Und du willst mir jetzt Moral predigen? Und wenn ich, wie die Mutter gesagt hat, verloren gehe, dann Vater, bist du schuld. Und wenn es eine Hölle gibt für solche Menschen wie du und ich, dann werde ich in der Hölle noch sagen: “Du bist schuld!” (der Sohn geht weg)
Bitter: O, schreckliche Wahrheit – er hat recht! Ich bin schuld.
Erzähler: Professor Bitter saß noch lange da und weinte. Dann faltete er seine Hände und legte seine tränenvollen Augen darauf. Der allwissende Gott sah den Zustand dieses Mannes und wusste wohl, was dieser zusammengebrochene Mann wollte. Der Professor wurde ruhiger. Sein Leben zog an ihm vorüber, jener schöne Tag kam ihm in den Sinn, an dem er Marta fragte, ob sie seine Frau werden wollte. Da bekam er das Ja – Wort, aber er war nicht gläubig. Oh, damals versprach er ihr alles zu glauben, auch zur Kirche zu gehen. Und wie hatte er sein Versprechen gehalten? Wie oft hätte es Streit zwischen ihnen gegeben, wenn sie nicht Hut und Mantel hingelegt hätte und gesagt: „Ich kann ja auch zu Hause bleiben, wenn du mit uns den Abend verbringen willst.” Und er war dann doch nicht bei Ihr geblieben. Mehr und mehr schloss sie sich an ihre Tochter Edith. Nun, die Tochter, das ließ er sich noch gefallen, aber der Sohn sollte kein Gläubiger werden. Und was war aus ihm geworden? Ein Jüngling erst, aber ausgelaugt und abgelebt wie ein Greis. Und das war seine Schuld. Wie mag die Mutter doch gelitten haben, als sie die Entwicklung ihres Sohnes sah? Daher kam wohl das frühe Ergrauen ihres Haares. Wie oft hatte Bitter, wenn er zur ungewohnten Stunde in ihr Zimmer eintrat, sie betend vorgefunden. Da betete sie auch für ihn, der ihr das Leben verdorben hatte, der ihr das Glück stahl. Ja, diese treue Frau war jetzt nicht mehr da. Nur er und sein Sohn, aber daran war er schuld. Und schuldbewusst kam aus der Tiefe seines Herzens ein Gebet: „Gott, Du Heiland meiner Frau und meiner Tochter, sei Du auch meiner Seele ein Heiland! Kann so ein Mensch wie ich Vergebung erlangen?” Noch lange rang Bitter in diesem Zustand. Der Morgen graute schon als er sich endlich von seinen Knien erhob. Seine Gelenke waren wie erstarrt. Er machte sich auf die Suche nach seinem Sohn. Im Vorbeigehen warf er einen Blick in den Spiegel. Was war denn das? Diese eine Nacht hatte sein Haar schneeweiß werden lassen. Doch er kam nicht weit. Eilends wurde er zu einem Selbstmörder gerufen, der sich die Pulsadern aufgeschlitzt hatte. Der Mann schrie laut: „Ich bin schuld. Meine Frau hatte doch recht mit ihrem Gott und Jesus. Und nun ist sie verschwunden.” Ich will euch sagen wo sie ist” sagte Bitter zu den Umstehenden. Sie ist daheim bei dem Herrn Jesus. In dieser Nacht um 12 Uhr hat der Herr alle Frommen weggeholt in den Himmel. Wir aber sind wegen unserer Sünden zurückgeblieben.“ Währenddessen machte er Arzthilfe an dem Verwundeten und dann verließ er das Haus. Auf den Straßen herrschte eigentümliche Unruhe. Arbeiter, die zur Fabrik gingen, kehrten wieder um, weil die Fabrik geschlossen war. Da fehlte ein Betriebsführer, da ein Maschinenaufseher, da mehrere Meister, und dort Arbeiter, kurz, überall Lücken. Und gerade die fehlten, die sonst am zuverlässigsten und am treuesten waren. Lauter nüchterne, ordentliche, ruhige Leute. Zu Hause angekommen, fragte ihn Sophie erschrocken, was mit dem Professor geschehen sei, denn sie sah sein schneeweißes Haar. Sie setzten sich und Bitter erzählte ihr seine Erlebnisse. “Sophie, meine Frau und meine Tochter sind wirklich fort. Sie sind daheim beim Herrn” sagte er langsam. Sophies Herz war tief erschüttert. Nach dem Kaffee entschloss sich Bitter zu Pastor Willmann zu gehen, wo seine Lieben gestern Abend gewesen waren. War das wirklich gestern Abend? Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Was hatte er seit gestern Abend nicht alles erlebt und erlitten.
Bitter: (im Hause Willmanns) Guten Morgen!
Diener: Guten Morgen.
Bitter: Ist Pfarrer Willmann schon zu sprechen?
Diener: Die Eheleute Willmann sind noch oben, sie müssten aber jeden Augenblick herunterkommen. Wen darf ich melden?
Bitter: Professor Bitter.
Diener: Bitte, nehmen Sie Platz.
Bitter: Also doch zurückgelassen. Ich hätte gedacht, dass er auch entrückt wäre. Ja, ja, dieser fromme Mann.
Diener: (erregt) Herr Professor, Familie Willmann ist nicht da. Die Betten sind leer, auch die Kinder fehlen. Was soll das bloß bedeuten?
Bitter: Sie sind beim Herrn. Ja, ja, das war ein frommer Mann, der Pastor Willmann. Sie sind entrückt.
Diener: Entrückt, entrückt? – Dann sind wir zurückgeblieben und ich war doch auch mal bekehrt. O mein Gott.
Erzähler: Nun ging Bitter zu Pastor Quante, seinem guten Freund. Dem Pastor Willmann war er bisher aus dem Weg gegangen, aber mit Pastor Quante verstand er sich besser. Er ist gewiss zu Hause. Richtig. Aber der Küster war auch schon bei ihm. Was der wohl wollte?
Quante: Herr Professor, was wollen Sie bei mir? Ich bin der elendste Mensch auf dieser Erde. Mein Leben ist verloren und wertlos. Ich bin ein blinder Blindenleiter gewesen. O Herr Professor, Sie können es nicht verstehen, Sie wissen nicht, was das heißt, das ganze Leben verloren zu haben.
Bitter: Ich verstehe Sie vollkommen, Herr Pastor. Ich bin genau in Ihrer Lage. Ich habe auch ein verlorenes Leben zu beklagen. Die Wissenschaft, der Ruhm, das waren unsere Götzen, bei Ihnen, wie bei mir. Herr Pastor, es ist jetzt zu spät.
Quante: Es ist zu spät, hören Sie nur, was der Küster mir heute früh schon erzählte. Er war früh morgens zum Kirchhof gegangen um nachzusehen, ob das Grab für den Klostermeister schon fertig wäre, denn er sollte heute begraben werden. Dort angekommen fiel er fast in Ohnmacht vor Schrecken. Er behauptete, dass wenigstens 50 – 60 Gräber offen, die Grabsteine weggewälzt und die Gräber leer seien. Ich habe den Küster noch nie in solchem Zustand gesehen. Er wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte. Ich weiß es aber genau. Die Entrückung ist geschehen, und wir sind zurückgeblieben, wie schreck-lich!
Bitter: Die Toten in Christo werden zuerst auferstehen, schreibt Paulus. Wir haben das Größte der Weltgerichte miterlebt, aber wir waren nicht bereit. Ach, Herr Pastor, es war eine entsetzliche Nacht, auch für mich. Meine Frau und Tochter sind daheim. Mein Sohn und ich sind zurückgeblieben.
Quante: Ach, lieber Herr Professor, was sollen wir denn tun? Helfen Sie uns doch.
Bitter: Ich kann Ihnen nicht helfen.
Erzähler: Professor Bitter ging nach Hause. Auf den Straßen war ein großes Durcheinander. Sparkassen und Kaufhäuser wurden geplündert. Die Polizei war machtlos. Professor Bitter kam traurig nach Hause. Zu Hause angekommen, nahm er die Bibel und las: „Von der Zeit aber und Stunde, liebe Brüder, ist nicht not euch zu schreiben, denn ihr selbst wisset gewiss, dass der Tag des Herrn kommen wird wie ein Dieb in der Nacht“. Er las noch weiter, aber er konnte es nicht fassen. Es war jetzt deutlich, dass die Bibel recht behalten hatte. Die biblischen Prophezeiungen hatten sich erfüllt, und er hatte sich darüber lustig gemacht.
Über das Sinnen und Nachdenken hörte Bitter die Kirchenglocken läuten. Im Kirchenzettel stand, dass Pastor Willmann heute im Hauptgottesdienst predigen würde. Viele kamen zum Gottesdienst. Auch Bitter machte sich auf den Weg. Nein, die Zuhörer würden heute wohl enttäuscht werden. Pastor Willmann war nicht mehr da. Pastor Quante würde die Vertretung machen. Und so war es auch. Die Kirche war überfüllt. Da trat Pastor Quante vor den Altar, merkwürdig blass. Er beugte seine Knie zum Gebet, was er sonst nicht tat. Nach dem Gebet las er aus der Bibel: „Gleich aber, wie es zur Zeit Noahs war, also wird auch die Zukunft des Menschensohnes sein. Denn gleich wie sie waren in den Tagen der Sintflut, sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen sich freien, bis an den Tag, da Noah in die Arche einging und sie achteten nicht, bis die Sintflut kam und sie alle dahin nahm. Also wird auch die Zukunft des Menschensohnes sein. Da werden zwei auf dem Felde sein, einer wird angenommen, der andere wird verworfen werden; zwei werden mahlen auf der Mühle, einer wird angenommen, der andere wird verwarfen werden“ Da fing er an zu reden: „Meine Freunde, ich muss euch etwas bekennen. Alle Jahre, die ich Pastor dieser Gemeinde gewesen bin, bin ich ein Mietling, aber nicht ein Hirte gewesen. Ich habe euch gepredigt, und bin selbst verwerflich geworden. Ihr wisst, dass mein ganzes Leben verfehlt ist. Alle meine Predigten waren ohne Saft und Kraft. Ich habe Lob und Ehre gesucht für meine Person. Pastor Willmann ist nicht mehr unter uns. Der Herr hat seinen treuen Knecht heimgeholt. Wir aber sind zurückgeblieben.“
Anfänglich hörte man, wie Männer und Frauen schluchzten und weinten, dann aber gab es ein großes Durcheinander. Da kamen Beschuldigungen, Vorwürfe, Spotten und Lachen. Es brach dem alten Bitter fast das Herz. Er versuchte Pastor Quante zu verteidigen, denn schon hatte man eine Flasche Branntwein nach ihm geworfen. Pastor Quante und Professor Bitter entfernten sich schnell, denn es war in der Kirche, als wäre die Hölle entbrannt.
Quante: O, Herr Professor, was ist das? Haben sie je so etwas erlebt?
Bitter: Nein, aber wir werden noch schrecklicheres erleben. Dies ist erst der Anfang. Der Herr hat das Salz, seine Gemeinde, von dieser Erde hinweg genommen.
Quante: Ich möchte gerne noch gutmachen was ich verdorben habe.
Bitter: Ja, das möchte ich auch, aber es ist zu spät. Auf Wiedersehen. (Der Professor reicht dem Pastor die Hand und geht)
Erzähler: Draußen ging die Sonne unter. Ihr zarter Schein umstrahlte die höchsten Gebäude der Stadt. Professor Bitter eilte zu Pastor Quante, wie sie besprochen hatten. Beide wollten sich noch einmal sprechen. Auf den Straßen standen noch immer gruppenweise Menschen. Aus den überfüllten Wirtshäusern kamen andere dazu. Viele ballten ihre Fäuste und lästerten alle Frommen und die noch geistlich gesonnen waren. An polizeiliche Hilfe war nicht zu denken, denn es war nirgends ein Schutzmann zu sehen. Das Volk war bis zum Wahnsinn aufgebracht. Man wollte Rache nehmen an den Frommen, die an dem Elend so vieler Trennungen schuld sein sollten. Als erster sollte Pastor Quante seinen Lohn bekommen und dann Professor Bitter. Professor Bitter hatte das Haus des Pastors beinahe erreicht, als er eine Menschenmenge herankommen sah. “Was ist denn los?” fragte er die Herbeieilenden. “Nieder mit den Frommen!” brüllte man ihm entgegen. Einen Augenblick stand der Professor regungslos da, dann sprang er auf eine Treppenstufe und rief so laut er konnte der Menschenmenge zu: „Liebe Leute, der Herr hat Seine Frommen hinweg genommen, aber wir waren nicht bereit, und jetzt sind wir auf ewig…” Ein Stein, der ihn an die Stirn traf, machte seiner Rede ein schnelles Ende. Die Menschenmenge schlug wie wild mit Steinen auf ihn ein. “Nieder mit den Frommen” hörte man überall schreien. Dann stürmten sie das Pastorhaus, wo Pastor Quante ein ähnlicher Tod widerfuhr. Der Anführer dieser Menge war der junge Bitter. Ihm war bewusst geworden, was es heißt, für immer verloren zu sein.
Diese Begebenheit ist nur ein Sinnbild der Entrückung der Kinder Gottes. Aber wie überraschend wird sie viele Menschen treffen? Wie viele werden sich in der Situation des Professor Bitter wiederfinden? Die Bibel spricht davon, dass dieser Tag wie ein Dieb in der Nacht plötzlich da sein wird. Dann wird offenbar werden, welches Verhältnis wir zu Jesus hatten. Dann wird keiner mehr danach fragen, wie gut wir es verstanden haben, Geld zu machen und unser Leben abzusichern, Zukunftspläne zu schmieden und unsre Persönlichkeit zu entfalten. Das einzige, was dann noch zählt ist die Frage: „Steht mein Name im Buche des Lebens? Habe ich auf diesen großen Tag hin gelebt?” Und dieser große Tag kommt immer näher. Bald wird es Wirklichkeit sein, und wir stehen alle vor dem großen Herrn. Wie wirst du ihm entgegentreten? Wie wirst du ihm begegnen?
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