Jan 18 2008
Er lebt!
Er lebt, ein christliches Anspiel zu Ostern für 7 Personen
(stehen, unterhalten sich)
Tom: Greg, mein Junge! Wie geht’s? Alles in Ordnung? Du wirkst etwas durcheinander.
Greg: Hallo, Tom. Sieht man mir das an, ja? Durcheinander? Ein bisschen schon. Du hast mich da auch in einen Fall hineinbugsiert, Mensch.
Tom: Sag bloß?! Das begreife ich nicht ganz. So eine geheimnisvoll eingepackte Auferstehungsgeschichte passt doch genau zu deinen Lieblingsarbeiten. Okay, ich gebe zu, es war bestimmt stressig, das Material innerhalb einer Woche zusammenzubekommen, aber…
Greg: Ach nein, es war nicht der Stress. Den bin ich in diesem Sender gewohnt. Den brauche ich schon fast wie das tägliche Brot.
Tom: Oder gab es Ärger mit einigen Leuten? Greg, wenn es da etwas gibt, was ich für dich tun kann, sag es mir. Ich werde doch meinen besten Mann nicht hängen lassen.
Greg: Danke Tom, das weiß ich. Darum geht es auch gar nicht. Es ist der Fall selbst, weißt du? Ich war eine ganze Woche lang auf der Suche nach einer Spur. Ich kam stärker in die Sache rein, als ursprünglich vorgesehen. Und ich habe mit einigen Menschen gesprochen, die ganz eng mit dem Erm… mit dem Hingerichteten verbunden waren. Und das was sie sagten… ich meine… ich…
Tom: Ganz ruhig jetzt. Ich wusste gar nicht, dass dir etwas so an die Nieren geht. Du findest ihn sympathisch, diesen Jesus von Nazareth, stimmt’s?
Greg: Das ist keine Frage, Tom. Der Nazarener war kein Verbrecher. Es ist ein Verbrechen, dass sie ihn getötet haben. Das hätte nie geschehen dürfen. Aber das ist nicht alles. Tom, als du mich vor einer Woche um vier in der Nacht aus dem Bett geklingelt hast, sagtest du: “Greg, hör zu! Ich hab da einen interessanten Fall für dich. In Jerusalem geht das Gerücht um, der Jesus sei von den Toten auferstanden. Geh hin, hör dich mal um und mach eine interessante Geschichte daraus.” Aber du hast niemals wirklich daran geglaubt, dass es wahr sein könnte. Dass Jesus tatsächlich Gott war und den Tod besiegt hat? Was, wenn es wahr ist?
Tom: Hör mir gut zu, Junge. Du machst jetzt diese Sendung. Und dann nimmst du dir eine Woche frei. Was meinst du?
Greg: Das wird nicht helfen. Ich…
Tom: Wir reden später darüber. Du musst auf deinen Posten.
(Greg setzt sich an den Tisch)
Ansager: Guten Abend, liebe Zuschauer. Sicher gehören auch sie zu den Menschen, die begierig darauf sind zu erfahren, was an dem seit Tagen in Jerusalem kreisenden Gerücht dran ist, der Jesus von Nazareth sei wieder lebend gesehen worden. (Pilatus setzt sich an den Tisch) Unser Korrespondent in Jerusalem sprach noch am Abend des angeblichen Auferstehungstages mit dem Stadthalter und Obersten Gerichtshof, Ihrer Exzellenz Pilatus. Schauen wir uns das einmal an.
Greg: Ihre Exzellenz, was können sie uns zu der Krise sagen, in der ihre Regierung sich zurzeit befindet?
Pilatus: Ich will zunächst einmal klarstellen, dass es sich hierbei keineswegs um eine Krise handelt.
Greg: Keine Krise? Aber was ist mit den vielen Gerüchten?
Pilatus: Das ist nun einmal Jerusalem. Für diese Menschen sind Gerüchte wie Fleisch und Brot. Und wenn man hier so lange gelebt hat wie ich, zerbricht man sich darüber nicht weiter den Kopf.
Greg: Und wie beurteilen sie den Zwischenfall, der sich heute Morgen am Grab ereignete?
Pilatus: Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.
Greg: Ich meine das Erdbeben. Es heißt, es soll sich um ein schweres Beben gehandelt haben. Sogar das Grab soll dadurch aufgesprengt worden sein.
Pilatus: Tatsächlich? Das ist unangenehm.
Greg: Möchten sie vielleicht zum Verhalten der Grabwache Stellung nehmen?
Pilatus: Es war… misslich. Natürlich waren es nicht unsere Männer. Sie waren sehr unerfahren… gerieten in Panik und so.
Greg: Eure Exzellenz, war es denn überhaupt nötig, eine Wache aufzustellen – für einen toten Mann?
Pilatus: Das zu beantworten wird schwierig. Es handelt sich um eine religiöse Angelegenheit.
Greg: Inwiefern kommt hier Religion ins Spiel? Ich denke, Jesus sei ein politischer Gefangener gewesen und wegen Hochverrats hingerichtet worden?
Pilatus: So war es auch. Er gab sich für den König der Juden aus. Dadurch wurde er zur unmittelbaren Bedrohung für die Staatssicherheit. Ich gab ihm jede Art von Hilfe, um ihm die Möglichkeit zur Rechtfertigung zu geben. Ich tat mehr, als zulässig war. Aber es hatte alles keinen Zweck. Er beharrte darauf, ein König zu sein und verbaute sich damit jeden Ausweg. Mir blieb schließlich gar keine andere Wahl, als den Hinrichtungsbefehl zu unterzeichnen.
Greg: Und wo bleibt da die religiöse Angelegenheit?
Pilatus: Nun, er behauptete nicht nur König zu sein, sondern… sondern auch Gott. Und aus diesem Grund wurde auch die Grabwache aufgestellt.
Greg: Entschuldigen sie, aber das verstehe ich nicht ganz.
Pilatus: Der Hohepriester bestand darauf. Sehen sie, wenn man einen Menschen tötet, na schön. Aber wenn man Gott tötet, sieht die Sache etwas anders aus. Man muss gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Wer garantiert einem, dass er auch tot bleibt? Am besten man lässt sein Grab bewachen.
Greg: Und erstickt so jedes Gerücht über eine Auferstehung im Keim?
Pilatus: Genau.
Greg: Euer Exzellenz, welchen Eindruck hat Jesus auf sie persönlich gemacht?
Pilatus: Er tat mir leid. Etwas an ihm befremdete mich. Er schien so von allem losgelöst zu sein.
Greg: Nun, sicherlich hatte er Angst.
Pilatus: Nein.- Nein, im Gegenteil. Wenn er mich so ansah, bekam ich das Gefühl, dass er bedauerte.
Greg: Was denn, seine Straftaten?
Pilatus: Nein, mich. Es war völlig absurd. Er schien überhaupt nicht zu begreifen, dass er sich in meiner Hand befand. Mir blieb keine andere Wahl. Überhaupt keine andere Wahl. Ich habe alles für ihn getan, was in meiner Macht stand. Es ist nicht leicht, einen Menschen zum Tod zu verurteilen.
Greg: Aber manchmal lässt sich das eben nicht umgehen?
Pilatus: Das Wohl des Staates steht obenan! Koste es was es wolle.
Greg: Die Ordnung ist also wieder hergestellt?
Pilatus: Oh ja. Das lässt sich wohl mit einiger Bestimmtheit behaupten. Und diese Gerüchte zählen nicht. Nur Tatsachen. Und der Tod Jesu von Nazareth ist eine Tatsache.
Greg: Sie meinen, der Fall ist damit abgeschlossen?
Pilatus: Ja, das meine ich.
Greg: Herzlichen Dank für das Gespräch, Euer Exzellenz. Herzlichen Dank für ihr Entgegenkommen.
(Pilatus geht, während Ansager spricht, setzt sich Simon Levi)
Ansager: Um Licht in das Dunkel dieser eigenartigen Vorgänge zu bringen, haben wir heute Abend einen besonderen Gast in unserem Studio in Jerusalem.
Greg: Rabbi Simon Levi, glauben sie wirklich, dass Jesus von Nazareth eine gerechte Verhandlung bekam?
Simon: Nach bestem Wissen und Gewissen, zweifellos. Die Beweise wurden geprüft. Und es gab viele Zeugen, die gegen ihn aussagten.
Greg: Und ihre Aussagen stimmten überein?
Simon: Im Wesentlichen. Ja.
Greg: Und unter all den Zeugen gab es nicht einen einzigen, der für ihn aussagte?
Simon: Das stimmt. Es…
Greg: Ein bisschen ungewöhnlich, Rabbi, finden sie nicht?
Simon: Es bedurfte keiner Zeugen. Er überführte sich selbst.
Greg: Sie meinen, er legte ein Geständnis ab?
Simon: Es war mehr als ein Geständnis. Es war ein Bekenntnis. Er sagte sehr wenig. Aber was er sagte, war verdammenswert.
Greg: Und sie stimmten dem Urteilsspruch also zu?
Simon: Der Urteilsspruch wurde von allen Mitgliedern gefällt.
Greg: Gab es jemanden, der sich der Stimme enthielt?
Simon: Sie haben kein Recht zu dieser Frage.
Greg: Waren sie es vielleicht, Rabbi? Haben sie sich geweigert, seinen Tod zu fordern?
Simon: Ja, ich habe mich geweigert.
Greg: Er war doch der Gotteslästerung angeklagt, nicht wahr?
Simon: Er behauptete Gottes Sohn zu sein. Deswegen stand es auch nicht in unserer Macht, ihn zu retten.
Greg: Wollten sie ihn denn retten?
Simon: Ja.
Greg: Besitzt Gott denn einen Sohn?
Simon: Ja, das glauben wir. Wir nennen ihn “Er, der da kommen wird”.
Greg: Der Messias?
Simon: Das ist sein Name.
Greg: Und worin liegt der Zweck seines Kommens?
Simon: Uns das Leben zu bringen.
Greg: Das Leben? Aber wir haben das Leben doch schon längst.
Simon: Nein, wir haben nur die Illusion des Lebens. Eine Handvoll Jahre zwischen Geburt und Tod. Der Prophet Jesaja hat vom Sohn Gottes geweissagt. Er beschrieb ihn so: “Siehe, das ist mein Knecht, ich erhalte ihn, und mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben, auf dass er Licht bringe unter die Völker, dass er die Augen öffne den Blinden, dass er aus dem Gefängnis führe die Gefangenen und die da sitzen in der Finsternis aus dem Kerker!
Greg: Natürlich bin ich in keiner Weise kompetent, zu ihrem Glauben Stellung zu nehmen. Aber die Beschreibung, die sie gerade vom Messias abgegeben haben, ist doch durchaus auf den Jesus von Nazareth anzuwenden. Sie sagten, er würde den Blinden die Augen öffnen. Soweit ich weiß, hat Jesus das einige Male getan.
Simon: Es hat vor ihm Menschen gegeben, die die Gabe hatten andere von ihren Gebrechen zu heilen. Und doch war keiner von ihnen der eine auf den wir warten.
Greg: Auch er nicht?
Simon: Nein. Er war wohl in mancher Hinsicht eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Und eine Zeitlang wagten einige von uns zu hoffen, dass sich vielleicht in ihm die Hoffnung unseres Volkes erfüllen werde. Aber wir irrten uns.
Greg: Rabbi, wie kommen sie zu dieser so überaus festen Überzeugung?
Simon: Weil er tot ist.
Greg: Tot ist oder tot war?
Simon: Der Messias kann nicht sterben. Der Messias ist Sieger über den Tod und Schöpfer des Lebens.
Greg: Ich verstehe. Vielen herzlichen Dank, Rabbi.
(Simon Levi geht, Zachäus setzt sich, während Ansager spricht)
Ansager: Nachdem wir nun zwei Stellungnahmen von offizieller Seite gehört haben, wollen wir nun einen Mann aus dem Volk hören, der den Nazarener hautnah miterlebt hat. Unser Korrespondent sprach mit einem Steuereintreiber in Jericho. Er traf ihn mitten beim Umzug in seiner großen Villa an.
Greg: Herr Zachäus, stimmt es, dass sie Jesus von Nazareth begegnet sind?
Zachäus: Ja, das stimmt.
Greg: Sie gehören zu seinen Anhängern, nicht war?
Zachäus: In gewisser Weise kann man das wohl sagen.
Greg: Heißt das, dass sie an ihn glauben?
Zachäus: Das heißt es.
Greg: Als Sohn Gottes?
Zachäus: Gewiss.
Greg: Warum? Warum glauben sie an ihn?
Zachäus: Er hat mich frei gemacht.
Greg: Frei!? Wovon?
Zachäus: Von mir selbst. Er vergab mir. Sah mich auf der Straße und blickte nicht weg wie die anderen. Er verzieh mir einfach das, was ich war. Ich war auf einen Baum geklettert. Aus Neugier. Hatte viel von ihm gehört. Wollte sehen, wie er aussah. Es ließ mich aber keiner durch. War auch nicht zu erwarten. Bin nicht besonders beliebt hier. Habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Leute jahrelang betrogen habe. War sogar stolz darauf. Wie gesagt, ich kletterte also auf diesen Baum. Und gerade noch rechtzeitig, denn schon ging er unter mir vorbei. War ein ganz schön lautes Getöse. Ihm jubelten sie zu. Mich pfiffen sie aus. Und er guckte hoch, um zu sehen, wen sie da in der Mache hatten. Und er sagte: “Nun Zachäus, willst du mich nicht zum Abendessen einladen?” Und wissen sie was? Das war das erste mal seit über vierzig Jahren, dass einer ein nettes Wort an mich richtete. Und dann saß er zusammen mit mir am Tisch. Er aß mein Brot und gab mir Liebe. Wenn man einen Menschen richtig kennen lernen möchte, dann nur so. Sich hinsetzen und mit ihm essen. Und genau das tat er. Das war nicht mehr Gott im Tempel, der sich hinter einem Vorhang befindet. Als er kam, war Gott in meinem Haus, er wurde zu einem von uns, wie es nur ein Freund kann.
Greg: Herr Zachäus, was werden sie denn jetzt mit dieser neuen Freiheit anfangen?
Zachäus: Ich werde leben!
Greg: Soweit ich sehe, geben sie gerade ihr Haus hier in Jericho auf?
Zachäus: Stimmt.
Greg: Sie geben es buchstäblich weg?
Zachäus: Ja.
Greg: Auch die Möbel?
Zachäus: Möbel, Bankkonto, alles. Das brauche ich nicht mehr. Das war ich einmal, verstehen sie? Das hatte ich mir alles aufgebaut, um mir ein gewisses Ansehen zu verschaffen. Aber jetzt brauche ich weder Haus noch Geld, um irgendwer zu sein. Ich bin auch so wer. Und ich bin frei. Völlig frei. Und das ist mehr als ich brauche.
Greg: Und wohin wollen sie?
Zachäus: Nach Galiläa, um ihn wieder zu sehen.
Greg: Jesus von Nazareth?
Zachäus: Ganz recht.
Greg: Und danach?
Zachäus: Weiß ich nicht. Aber er weiß es am besten.
Greg: Diese Geschichte, dass Jesus wieder am Leben sein soll. Glauben sie das wirklich?
Zachäus: Natürlich ist er am Leben. Da gibt es keinen Zweifel, nicht den geringsten.
Greg: Haben sie ihn inzwischen zu Gesicht bekommen?
Zachäus: Noch nicht.
Greg: Es ist also nichts weiter als ein Gerücht.
Zachäus: Glauben sie etwa, ich würde all das hier aufgeben wegen eines bloßen Gerüchtes?
(Zachäus geht, Maria setzt sich an den Tisch)
Ansager: Für sie, liebe Zuschauer, haben wir nicht nur Gerüchte. Im nächsten Interview berichtet eine Augenzeugin, die in ganz Jerusalem bekannte Frau Maria Magdalena, von dem, was sie gesehen und gehört hat. Die Aufnahmen wurden einen Tag nach dem so genannten Auferstehungstag gemacht.
Greg: Uns liegt daran, der Wahrheit über Jesus von Nazareth nahe zu kommen. Sie haben ihn gut gekannt?
Maria: Ja. Wundert sie das?
Greg: Ein wenig schon. Ich meine, sie sind… ihre Vergangenheit…
Maria: Ich weiß. Ich bin jemand, der sein Leben ruiniert hat. Und er ist Gott.
Greg: Ist er das denn? Darum geht es doch erst einmal.
Maria: Natürlich. Er ist Gott. Der Auserwählte. Das Leben der Welt.
Greg: Leben? Wir sprechen hier von einem Toten, denke ich.
Maria: Ich nicht. Er war tot, dass ist richtig. Aber jetzt lebt er.
Greg: Wie kommen sie dazu, so sicher zu sein?
Maria: Ich habe ihn gesehen.
Greg: Ich fürchte, das ist zu hoch für mich. Wie wäre es, wenn sie uns etwas berichten von Jesus? Wie er war. War er glücklich?
Maria: Glücklich? Nein. Jedenfalls nicht so, wie wir das Wort verstehen. Wir sind gefangen in einer Welt, die viel zu groß ist, als das wir damit klarkommen könnten. Wir sind Dingen ausgeliefert, die wir nicht beherrschen können. Deshalb versuchen wir uns an das festzuklammern, was wir Glück nennen. Aber wir schaffen es nicht. Ein Wort kann es zerstören, ein Brief. Ein Anruf oder ein Unfall, in den ein Freund verwickelt ist. Glück kommt nicht oft zu uns. Und wenn doch, können wir trotzdem nicht richtig froh werden. Wir haben ständig Angst, es gleich wieder zu verlieren. Bei Jesus war das anders. Er war nicht in dieser Welt gefangen. Er war frei. Das flüchtige Glück, das wir kennen, kann man auf ihn nicht anwenden. Er war nicht Opfer der Umstände, er war der Herr.
Greg: Er hatte alles unter Kontrolle, meinen sie? Auch bevor er starb?
Maria: Auch bevor er starb. Kennen sie die Bedeutung seines Namens? Jesus – Eroberer, Sieger!
Greg: Aber am Ende war er doch der Besiegte.
Maria: Das dachten wir auch zuerst. Aber jetzt ist alles völlig verändert.
Greg: Seit gestern früh?
Maria: Ja.
Greg: Möchten sie uns nicht erzählen, was vorgefallen ist? Am Grab meine ich.
Maria: Er brach aus. Nichts konnte ihn halten. Sie hatten das Grab versiegelt und eine Wache davor gestellt. Es war lächerlich, sie konnten einem Leid tun. Genauso gut hätten sie einen schlafenden Löwen mit einem Zwirnfaden fesseln können. Als er erwachte, zerriss er den Faden und verließ die Gruft!
Greg: Aber Frau Magdalena! Das ist doch gegen jede menschliche Logik!
Maria: Wie die meisten sehen sie ihn als einen Menschen, der außergewöhnliches leistete. Aber er war Gott. Gott selbst, der tat, was seinem Wesen entsprach. Alle staunten darüber, dass ein unbekannter Dörfler Wunder wirken konnte. In Wahrheit hätte es sie bestürzen müssen, dass Gott als Mensch unter uns weilte. Das ist das eigentliche Wunder. Und wenn man das begriffen hat, ergibt sich das übrige von selbst.
Greg: Auch die Auferstehung?
Maria: Gerade die Auferstehung. Denn Gott überwindet den Tod.
Greg: Sie haben ihn also dort gesehen, im Garten vor dem Grab?
Maria: Ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen. Wir brachen früh auf, hatten Spezereien bei uns, um ihn zu salben. Es war der einzige Gedanke, den wir hatten. Wir machten uns noch Gedanken darüber, wie wir wohl ins Innere des Grabes kommen könnten. Doch es war weit offen und keiner der Soldaten war dort. Das Grab selbst war leer. Wir rannten nach Hause und verständigten die Männer. Johannes und Petrus brachen sofort auf, um sich selbst zu überzeugen.
Greg: Die Männer waren also überrascht, als sie von dem leeren Grab hörten?
Maria: Überrascht und wütend. Besonders Petrus. Ich habe ihn noch nie so außer sich gesehen.
Greg: Demnach haben nicht einmal seine engsten Freunde erwartet, dass er wieder ins Leben zurückkehren würde?
Maria: Keiner von uns hatte es erwartet. Keiner.
Greg: Bitte fahren sie fort. Was geschah, als sie das zweite Mal zum Grab kamen?
Maria: Ich sah, wie Petrus heraustrat. Alt und niedergeschlagen sah er aus. Johannes nahm ihn beim Arm und mit langsamen Schritten gingen beide davon. Sie bemerkten mich nicht einmal.
Greg: Und sie? Folgten sie ihnen?
Maria: Nein. Ich blieb zurück. Weiß nicht warum. Ich war so schrecklich durcheinander. Ich weinte und…
Greg: Verstehe. Schließlich war das alles eine ungeheure Belastung für sie.
Maria: Die Vorstellung, wie sie mit ihm umgegangen waren! Ihn aus seinem Grab zu schleppen mitten in der Nacht. Ihn irgendwo in ein Loch zu schmeißen und die Erde über ihm festzustampfen. Als ich so dastand, ganz allein im Garten, dachte ich wirklich einen Augenblick, ich würde den Verstand verlieren. Doch dann kam er und sprach zu mir.
Greg: Jesus von Nazareth? Sind sie sicher?
Maria: Ja. Plötzlich war er da und fragte mich, warum ich weinte. Seine Stimme klang so – so normal, so unbeschwert, dass ich zuerst glaubte, es müsse jemand anderer sein. Merkwürdig, nicht? Eine vertraute Stimme und doch so fremd, weil ich einfach nicht darauf gefasst war. Aber dann nannte er mich beim Vornamen. “Maria”, sagte er. Und ich wusste, dass er es war, drehte mich um und sah ihn dort stehen.
Greg: Und was sagte er noch?
Maria: Er sagte: “Gehe hin zu deinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Sage ihnen aber, dass ich zuerst nach Galiläa gehe und dass sie kommen sollen, mich dort zu treffen.”
Greg: Diese Botschaft haben sie ihnen überbracht? Verstanden sie es denn?
Maria: Ja. Wir alle verstanden endlich.
Greg: Frau Magdalena, als sie Jesus von Nazareth das erste Mal begegneten, was tat er da?
Maria: Er heilte mich.
Greg: Sie meinen, er vergab ihnen?
Maria: Natürlich. Er vergab mir, er machte mich frei, er heilte mich. Das kommt alles aufs selbe raus. Es bedeutet Leben!
Greg: Das ist schwer für mich zu verstehen.
Maria: Es ist auch ganz anders als sie es sich vorstellen können. Oder auch nicht. Er sah mich an und nannte mich beim Namen. Er berührte mich nicht einmal. Aber plötzlich fühlte ich mich leer und leicht und hatte Angst, ohnmächtig zu werden. Danach weinte ich, und alle Verkrampfung war wie fortgespült. Ich fühlte, dass alles wieder ins Lot kam. Ich lebte wieder. Es war wie eine Auferstehung im kleinen Maße. Jetzt begreife ich das. Ja, es war wie eine Wiedergeburt.
Greg: Und das alles wurde möglich, weil sie ihm vertrauten?
Maria: Ja. Weil ich ihm vertraute.
Greg: Frau Magdalena, der Mensch, zu dem sie geworden sind, das Glücksgefühl, das sie erfüllt, ihr Seelenfrieden, ja, überhaupt die Kraft zum Weiterleben, all dies hängt von einer einzigen, entscheidenden Tatsache ab? Das nämlich Jesus von Nazareth das war, was er zu sein behauptete?
Maria: Ja. Und weil er das ist, bin ich die, die ich bin.
Greg: Es wird also kein Leben für sie geben, falls er nicht am Leben ist?
Maria: Weder für mich, noch für irgendjemand sonst.
Greg: Frau Magdalena, die Behörden nehmen die Sache doch sehr ernst. Haben sie keine Angst dass etwas passieren könnte, nachdem sie uns heute Abend diesen Bericht gegeben haben?
Maria: Ein bisschen schon. Aber eigentlich – was kann schon passieren? Nicht einmal der Tod zählt mehr. Das hat er uns klar gemacht. Der Tod ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang. Das Leben, das wir bis gestern geführt haben, war eigentlich nur ein halbes Leben. Aber jetzt ist das anders. Jesus lebt wieder. Und weil er lebt, lebe auch ich. Lebe wirklich, zum allerersten Mal. Es ist, als ob man neugeboren wäre. Ja, das ist es: neu geboren.
(Maria geht)
Ansager: Nach und nach vervollständigt sich das Bild der Ereignisse. Ist Jesus von Nazareth von den Toten zurückgekehrt? War er nur ein Glaubensfanatiker oder tatsächlich Gott? Ihre Exzellenz Pilatus versichert, es handle sich nur um ein Gerücht, das von einer Schar enttäuschter Anhänger in die Welt gesetzt wurde. Doch einfache Männer und Frauen geben heute Abend ihrer Freude Ausdruck, weil sie Jesus gesehen und mit ihm gesprochen haben. Für diese Menschen ist es kein Gerücht. Es ist im wörtlichen Sinne die Wahrheit Gottes.
(jemand reicht Greg den Zettel mit der Meldung)
Greg: Soeben wird mir eine Blitzmeldung gereicht. Sie lautet: Vor ungefähr einer halben Stunde wurden in einer Kneipe zwei Soldaten verhaftet. Sie sollen wegen Trunkenheit und Ruhestörung vor Gericht gestellt werden. Ihren eigenen Worten zufolge gehörten sie zu der Wacheinheit am Grab des Nazareners. Beide hatten beträchtliche Summen bei sich. Nach ihren Aussagen handelt es sich hierbei um Bestechungsgelder, die ihnen der Hohepriester zusteckte. Sie sollten das Gerücht verbreiten, das Grab sei ausgeraubt worden, während sie im Dienst schliefen. Das sei jedoch, behaupten sie, keineswegs der Fall gewesen. Vielmehr ereignete sich ein heftiges Erdbeben, das Grab sprang auf, und entsetzt vor Furcht erblickten sie eine von strahlendem Weiß umhüllte Gestalt, die an der aufgesprengten Graböffnung saß. In wörtlicher Übereinstimmung stellten beide fest, dass das Gesicht der Gestalt einem Blitzstrahl glich. Eine eingehende Untersuchung soll nun klären, wie es diesen Männern gelingen konnte, sich aus der Kaserne zu entfernen, wo sie unter strengem Arrest standen. Als die Militärpolizei sie aus der Kneipe abführte, sagte einer der beiden Soldaten wörtlich: “Es ist mir egal, was ihr mit mir macht. Ich bin sowieso erledigt. Ich habe Gottes Engel Auge in Auge gegenüber gestanden. Ich bin dem Tode verfallen.”
Und damit, liebe Zuhörer, sind wir am Ende unseres Sonderberichtes aus Jerusalem. Schönen Abend.
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