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Apr 30 2008

Der Himmelsschlüssel

Geschrieben von Christ under Muttertag

Der Himmelsschlüssel, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 8 Personen

Erzähler: „Glück muss der Mensch haben” - so dachte wohl manch einer wenn er an dem neuen, schmucken Haus der Familie Winkler vorbeikam. Manch einer blieb wohl einen Augenblick stehen, um einen Blick auf dieses schöne Haus zu werfen. Doch keiner der Vorbeigehenden dachte daran, dass in einem schönen Gebäude nicht immer auch das Glück wohnt. Manch einer würde erstaunt sein, wenn er von den Problemen der Familie Winkler wüsste.
An einem Samstag saßen Vater und Mutter Winkler mit ihrem zwölfjährigen Sohn am Mittagstisch. Mit einem Blick auf den Vater fragte Erwin:

Erwin: Vater, hast du heute noch lange was im Büro zu tun?

H.Winkler: Ich glaube nicht, es ist ja Samstag, warum?

Erwin: Du weißt doch, Vater, morgen ist Muttertag. Du hast gesagt, dass wir in den Wald gehen und Schlüsselblumen für Großmutter suchen werden. Diese wollten wir ihr doch überreichen, wenn wir ihr den Schlüssel für ihr Zimmer bringen werden.

Erzähler: Peng! War es der Frühlingswind, der hinter Frau Anne die Tür so heftig ins Schloss warf? Traurig folgten die Augen Herr Winklers seiner Frau. Würde sie denn nie verstehen, dass der Platz seiner Mutter, jetzt da sie schwach und alt geworden, in diesem Hause war?

H.Winkler: (sich zu Erwin wendend) Ich glaube, es wäre besser, wenn du diesmal alleine gingest, Erwin. Am besten, du gehst gleich und ich gehe in die Küche, einiges mit Mutter besprechen. Also, dann bis heute Nachmittag!

- Musik-

H.Winkler: Ach Anni, nimm es doch nicht so zu Herzen! Nicht wahr, du findest dich jetzt darein? Es wird alles gut werden mit Mutter, besser als du denkst. Denk nur, wie lange ich ihr versprochen habe, einmal ein Haus für sie zu bauen. Ich war so alt wie Erwin, als ich damit anfing. Und nun, wo es soweit ist, es wäre doch mehr als herzlos, wenn man sie noch länger in der Dachwohnung sitzen ließe, wo wir es hier…

A.Winkler: (Unterbricht ihn) Kein Wort mehr davon! Wir haben schon genug über die Sache geredet. Ich habe es dir gesagt und das gilt ein für allemal: es geht nicht! Wir können nun einmal nicht auskommen, deine Mutter und ich. Ein paar Wochen zu Besuch, das lässt sich aushalten. Aber für immer? Nein, es gibt ein Unglück!

Erzähler: Mit diesen Worten ging Frau Winkler aus der Küche. Tief betrübt sah ihr Mann ihr nach. Wie sollte er sich verhalten? Traurigen Herzens ging er aus dem Haus, um seine letzten Pflichten im Büro zu erledigen.

- Musik -

Erzähler: Frau Winklers Ruhe war auch dahin. Freudlos und achtlos ordnete sie die Küche. Dann ging sie zögernd ins Obergeschoss und drehte den Schüssel an einer der drei Türen, die auf den geräumigen Vorplatz mündeten. Es war der Schlüssel, den Erwin morgen feierlich mit den Himmelsschlüsseln der Großmutter überreichen wollte. Dieser Schlüssel öffnete die Tür des Zimmers, welches der Sohn seiner Mutter gebaut hatte. Ja, natürlich, hier wurde es ihr gefallen, der alten Frau, hier würde sie residieren und regieren. Aber nein; so weit sollte es nicht kommen! Dafür würde sie schon sorgen.

- Musik -

Erzähler: In seinem hohen, sonnenlosen Büro schritt Herr Winkler auf und ab. Seine Gedanken konnten nicht zur Ruhe kommen.

H.Winkler: Warum sträubt sich denn meine Frau so gegen das Zusammenleben mit meiner Mutter? Mit der Mutter, der ich so viel verdanke? Hat es meine Mutter nicht ganz besonders verdient? Wie hat sie sich für mich aufgeopfert? Als Witwe hat sie gedarbt, gespart und bis in die späte Nacht hinein die Nähmaschine getreten, um mich durchzubringen. Ihr verdanke ich, was ich geworden bin. Doch sie hat nicht nur an mein äußeres Fortkommen gedacht, täglich hat sie für mich gebetet. Und nun sollte ich, ihr Sohn, sie in ihrer engen Dachzimmerwohnung lassen? Unmöglich!

Erzähler: Das Schellen des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Voller Entsetzen hörte er vom anderen Ende der Leitung die Nachricht, dass sein Sohn im Wald schwer verunglückt sei, und er, der Vater, sofort ins Krankenhaus kommen solle. (Pause)
Wie ein schweres, schwarzes Tuch legte sich dieses Ereignis über die Familie Winkler. Und es war der Tag vor Muttertag.

1. Sprecher: Muttertag: lieblicher, sonniger Festtag in tausend kinderfrohen Familien!

2. Sprecher: Muttertag: dunkler, Schmerzes reicher Trauertag für unzählige, blutende Mutterherzen auf der weiten Welt!

1. Sprecher: Muttertag: Einsamer Tag für Mütter, die weinend an nahen und fernen Gräbern stehen, deren Seelen durch unbekannte Fernen irren um Verschollenen zu begegnen und sie heimzuführen.

2. Sprecher: Muttertag: Trauriger und doch hoffnungsvoller Tag für Mütter, derer Tränen im Verborgenen fließen, um ihre in Sünde und Schande verlorene Söhne und Töchter.

1. Sprecher: Muttertag: wie zogst du herauf über dem Haus, das gestern noch Neid der Vorübergehenden erweckte, weil es lachend ins weite Land schaute.

2. Sprecher: Was ist aus den Himmelsschlüsseln geworden, die der totenblasse Knabe in verkrampften Händen hielt, als man ihn besinnungslos seiner Mutter ins Haus trug?

- Musik -

Erzähler: Ja, sie sanken zu Boden diese Himmelsschlüssel, die Erwin seiner Großmutter mitbringen wollte. Als aber der Krankenwagen den Jungen in den weißen Binden in die ferne Hauptstadt entführt hatte, in jene Stadt, in der an diesem Tag das nicht mehr ganz scharfe Ohr einer alten Frau im vierten Stock einer Mietskaserne vergebens auf das Klingelzeichen des Briefträgers harrte - ja, als dies Schreckliche geschehen war, da hob die zitternde Hand einer jungen Frau die Blüten auf, die noch zu retten waren, und stellte sie in ein Glas. Nun aber neigte sich der Muttertag dem Abend zu. Der Wagen stand vor der Einfahrt des neuen Hauses. Er sollte die von Schmerz zerschlagenen Eltern an das Lager des Jungen bringen, von dem sie noch nicht wussten, ob er ihnen erhalten bleiben würde. Da lief die junge Frau noch einmal ins Haus zurück. Sie nahm die Blüten aus dem Glas, hüllte sie in Seidenpapier, zusammen mit einem harten Gegenstand, und barg sie in ihrer Ledertasche. Dann nahm sie den Platz ein neben dem schweigsamen Mann, und der Wagen rollte davon.

- Musik -

Erzähler: Erwins Großmutter verlebte indes einen sehr schweren einsamen Muttertag. Den ganzen Sonntagmorgen hatte sie auf ihre Lieben gewartet. Entgegen ihrer Gewohnheit war sie sogar nicht in die Kirche gegangen. Allmählich aber hatte um die vergeblich harrende eine bittere Enttäuschung giftige Netze gesponnen.

Großmutter: (zu sich selbst) Sie kommen nicht! Und ich weiß auch ganz gut, warum. Sie will es nicht. Sie ist an allem schuld. Sie will ihren Mann heute für sich haben. Sie gönnt mir den Sohn nicht, nicht einmal heute, am Muttertag. Und dann? Er müsste jetzt wohl ein Wort sagen, ein Wort von dem, was jetzt spruchreif ist. Denn sie wohnen ja schon im neuen Haus, in dem er seiner Mutter ein Plätzchen versprochen hat. Und das, das leidet sie nicht.

Erzähler: War es zu verwundern, dass die Bestsuppe der alten Frau Winkler heute mit Tränen gesalzen war. Sie entschloss sich endlich, auf den Friedhof zu gehen. Der Weg zum Friedhof führte Frau Winkler an einer Kirche vorbei, aus der Orgeltöne erklangen. Sie schlüpfte durch das geöffnete Portal und bald mischte sich ihre Stimme in den Chor der Sänger. Dann lauschte sie mit Aufmerksamkeit und Andacht der Predigt, die auch auf den Muttertag Bezug nahm, sich aber keineswegs im Lobpreis der Mutterliebe und Ermahnung zur Kinderpflicht erschöpfte, sondern einmal die große Verantwortung der Mutter in den Vordergrund stellte und zu ernster Selbstprüfung mahnte. Am leuchtenden Beispiel der Hanna, der Mutter Samuels, zeigte der Prediger, was wahres Opfer, und ganze Hingabe einer Mutter bedeutet. Dann erinnerte er an Abrahams gang nach Moria. „Ach”, rief er aus „wie vieles, das wir als Mutterliebe preisen und besingen, ist verkappte Selbstsucht. Wie viele Mütter erziehen ihre Kinder für sich anstatt für den Herrn!”
Sehr nachdenklich verließ Mutter Winkler nach einem Stündchen das Gotteshaus. Und sehr bedenklich saß sie jetzt auf der Bank am Grab ihrer beiden Lieben, überlegte, was sie soeben vernommen hatte, und ließ es auf ihre Seele einwirken. Und dann hielt sie wie schon so manches Mal stille Zwiesprache mit dem Gefährten ihres kurzen Eheglücks, der nun schon vor vielen Jahren in die Ewigkeit voran gegangen und dennoch so nahe in ihrem Herzen weiter lebte:

Großmutter: Nun hast du gehört, Lieber, wie ich die Leviten gelesen bekam. Es geschieht ihr auch ganz recht, deiner Frau, Peter. Da schimpft unsereins einen ganzen Tag innerlich auf einen anderen Menschen und vergisst ganz, vor seiner eigenen Tür zu fegen. Einfach, weil man sich für eine recht vorzügliche, in allen Stücken opferbereite Mutter hält. Bis einem einmal der Geist Gottes die Binde vor den Augen nimmt damit man sich sieht, wie man ist. Und dann muss man sich schämen. Und man hört auf, von Annes Eifersucht zu reden, weil man zugeben muss, dass man selbst ein böses, eifersüchtiges Herz hat. Du hast es ja gewusst, Lieber, und es ist betrüblich, dass es sich in den langen Jahren meiner Einsamkeit nicht gebessert hat. Aber nun ist höchste Zeit, dass es anders wird, sonst - wie soll ich bestehen, wenn die große Abrechnung kommt? Darum muss ich jetzt endlich Anne gerecht werden und mich lösen von dem Jungen - innerlich lösen, an den sie von Rechts wegen den ersten Anspruch hat. Denn das habe ich bisher nie fertig gebracht. Es hat mir vom ersten Tag an einen feinen Stich ins Herz gegeben, wenn ich die zwei glücklich sah oder wenn ich merkte, dass sie den ersten Platz in seinem Herzen hat, und es war mir immer eine stille Freude, ja eine Schadenfreude, wenn ich glaubte, das Gegenteil zu entdecken. Ich wollte es mir freilich nicht eingestehen, aber wie hat doch der Prediger gesagt: „Eine Mutter, die ihre Kinder zur Wahrheit erziehen will, muss vor allem wahr sein gegen sich selbst.“ So muss ich es zu meiner Schande endlich bekennen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sie mich nicht im Haus leiden will.

- Musik -

Erzähler: Zur gleichen Stunde, da Mutter Winkler sich beruhigt und tapfer auf den Heimweg machte, betrat in dem weitläufigen Hospital, das nur wenige Straßen vom Friedhof trennten, Peter Winkler junior mit Frau Anne schweigend das Wartezimmer der chirurgischen Klinik. Auf des Vaters hohe Stirn hatte der Schmerz scharfe Linien gezeichnet. Aus Frau Annes rot geränderten Augen sprach die Angst. Stumm und starr saßen sie nun nebeneinander auf steifen Stühlen. Endlich, nach qualvoller Wartezeit, öffnete sich die breite Flügeltür. Der Professor, ein Jugendfreund Peters, trat ein und streckte den Harrenden beide Hände entgegen:

Arzt: Junge, Glück muss der Mensch haben, oder nein: in solchem Fall passt sich das frivole Gerede nicht. Glaubst du an Wunder? Nun, heute kannst du es lernen. Stell dir doch vor, da tritt der Bub auf eine Mine. Und anstatt, dass die Mine ihn in tausend Fetzen reißt und du seine Knöchelchen auf den Bäumen zusammensuchen kannst, wie es das Normale ist und leider, leider immer noch passiert, schleudert ihn die Mine bloß in die Luft und setzt ihn so sachte ins Gras, dass er mit einem Arm- und Beinbruch, einer Fleischwunde und ein paar Schürfungen davon kommt. Rein unbegreiflich!

Erzähler: Voller Freude hörte sich das Ehepaar die Worte des Arztes an. Mit dankbarem Herzen verließen sie danach das Krankenhaus, um diese frohe Botschaft auch der Mutter zu bringen.

- Musik -

Erzähler: Großmutter Winkler saß im Dämmerlicht am offenen Fenster über ihre Bibel gebeugt. Sie hatte die Geschichte von Hanna noch mal gelesen. Auch die Geschichte von Abraham, der seinen einzigen Sohn nach Moria führte, las sie. Von der Predigt her war für sie ein neues Licht auf diesen Opfergang gefallen. Plötzlich schrillte die Klingel. Sie öffnete und wusste nicht, wie ihr geschah, als sie plötzlich zwei Arme um ihren Hals fühlte und an ihrem Ohr das Wort vernahm, nachdem ihr Herz den ganzen Tag gelechzt hatte: Mutter!

Großmutter: Aber Peter, du und Anne, wo kommt ihr her, so spät noch?

H.Winkler: Wir kommen aus der Klinik, von Erwin. Er ist Gott sei Dank gerettet.

Großmutter: Erwin? Was ist mit ihm?

Erzähler: Tief erschrocken zog sie Sohn und Tochter ins Zimmer, nötigte zum Ablegen und Niedersetzen, und nun wurde sich Peter bewusst, das er ihr sehr schonend, kurz und sachlich berichten musste, was geschehen war. Sie konnte es kaum fassen.

Großmutter: Auf eine Mine getreten im Wald? Ach, und beim Schlüsselblumen. pflücken für mich, sagst du?

Erzähler: Anne aber nestelte an ihrer Tasche und legte nun ein zerknülltes Päckchen vor die Großmutter hin.

A.Winkler: Hier, ein paar von den Blumen, die er noch in den Händen hielt, als sie ihn brachten. Es ist alles was wir für dich haben, am Muttertag. Und hier - weil es Erwin nicht bringen kann…

Erzähler: Sie legte der Frau einen kleinen, harten, blanken Gegenstand in den Schoß. Mit zitternden Händen strich die Großmutter über die goldenen Blüten. Dann aber nahm sie den Schüssel und legte ihn vor ihre Kinder auf den Tisch.

Großmutter: Nein, davon darf nicht mehr die Rede sein. Das wurde begraben, heute. Zu unser aller Bestem. Es soll alles bleiben wie es ist. Ich will nur froh sein, wenn es euch gut geht, und hier und da einmal hinein schauen und mich an ihrem Glück freuen.

H.Winkler: Mutter, darfst du zurückweisen, was Erwin dir schickt und Anne dir schenkt, an einem Tag wie den heutigen?

Großmutter: Ach, ich möchte euch von Herzen danken für das Geschenk dieses Tages. Dass gerade du mir den Schlüssel brachtest, werde ich dir nie, nie vergessen. Aber nun musst du verständig sein und ihn wieder an dich nehmen für die Tage, wenn ich euch besuche. Das andere - es geht über deine und meine Kraft. Es wäre ein Unglück für uns alle. Ich bin so froh dass es mir Gott heute gezeigt hat, ehe ihr kamt.

A.Winkler: Mutter, was du sagst, das hätte ich gestern noch mit Freude und dank angenommen. Denn gestern war es auch meine Ansicht, und ich hätte alles darum gegeben, wenn ich gewusst hätte, dass du diese Ansicht teilst. Aber zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit, eine Ewigkeit an Schrecken, Herzweh, Verzweiflung, Angst und Wunder und Gnade. Gestern, ach Mutter, wie war ich doch so hässlich mit Peter, mit Erwin, gerade wegen des Schlüssels. Ich muss es dir sagen, es hilft alles nichts. Dann kam das Schreckliche. Und als dann der Bub bleich mit geschlossenen Augen vor mir lag, da traf eine Stimme mein Ohr, der ich bisher aus dem Weg gegangen war. Und die sagte: Verstehst du jetzt, was es heißt, einen einzigen, geliebten Sohn dahin geben? Und ich wusste, dass es eine Strafe Gottes war, dafür, dass ich dir, Mutter, deinen Sohn wegnehmen wollte, all die Jahre her und jetzt erst recht. Kannst du es mir ver-zeihen? Und alle hässliche Eifersucht, mit der ich Peter quälte?

Großmutter: Ich habe nichts zu verzeihen, Anne. Meine Eifersucht war schlimmer als deine. Aber ich bin auf dem Berge Moria gewesen und habe das Opfer gebracht. Das darf man nicht rückgängig machen.

A.Winkler: Hat nicht Abraham seinen Isaak wieder empfangen? Gott hat uns den unsrigen wieder geschenkt. Sollte er dir den deinen nicht auch wiedergeben? Glaubst du nicht, dass Gott uns die Kraft gibt, uns gegenseitig zu tragen?

Großmutter: Doch, die gibt er uns. Wenn du es daraufhin wagen willst, mein Kind, dann gib mir den Schlüssel, in Gottes Namen!

A.Winkler: Erwins Himmelsschlüssel!

Erzähler: Sie stand auf, nahm ihn von der Kommode und legte ihn feierlich in die ausgestreckte, zitternde Mutterhand.

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Apr 30 2008

Muttersorgen

Geschrieben von Christ under Muttertag

Muttersorgen, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 13 Personen

Autor: Über der kleinen Landstadt lag die Schwüle eines heißen Sommernachmittags. Es war still auf den Gassen. Wer nicht ausgehen musste, blieb in diesen Stunden lieber zu Hause. Und die wenigen Leute, die hier Landwirtschaft trieben, waren draußen auf dem Feld, denn die Ernte hatte begonnen.
Es schlug 4 Uhr. In der Schule verabschiedete sich der Pfarrer von der Oberklasse, in der er Religionsunterricht erteilt hatte.

Pfarrer: Ihr werdet euch auf die Sommerferien freuen. Wie auch viele von euch werde auch ich verreisen. Und nun wünsche ich euch allen eine schöne Ferienzeit!

Autor: Als er seinem Pfarrhaus zuging hörte er plötzlich Schritte hinter sich. Er wandte sich um und sah Elise, eine seiner besten Schülerinnen. Freundlich fragte er sie:

Pfarrer: Was wünschst du noch?

Elise: Ich möchte nur wissen, wann Sie von Ihrer Reise heimkommen.

Pfarrer: Wenn eure Schule wieder anfängt bin ich wieder da, Elise.

Autor: Fast schien es als wollte sie es noch genauer wissen, denn sie sah ihn noch immer fragend an. Da wiederholte er seine Antwort und reichte ihr die Hand zum Abschied.

Pfarrer: Was hat das Kind wohl zu der Frage getrieben?

Autor: Dieser Gedanke beschäftigte den Pfarrer im Weitergehen. Sie war immer ein stilles Mädchen gewesen und sehr aufmerksam in der Schule. Früher hatte sie sich nie zu einer Antwort gemeldet, aber jetzt war es anders. Er musste sich oft über ihre guten Antworten, die vom tiefen Nachdenken zeugten, wundern. Er freute sich jetzt schon, sie im Winter als Konfirmandin zu haben.
Doch nun nahmen seine Gedanken eine andere Richtung. Heute und morgen wollte er noch alle Kranken besuchen, denn übermorgen begann sein Urlaub, dessen der ältere Pfarrer dringend bedurfte.

- Musik -

Zwei bis drei Wochen waren vergangen. Da kam die Krankenschwester des Städtchens zu der Pfarrersfrau und berichtete:

Schwester: Ich wollte Ihnen sagen, dass die Elise Weiß schwer krank ist. Gestern hat sie ihrem Vater das Mittagessen aufs Feld gebracht und dann ein paar Stunden draußen geholfen. Als sie dann heim kam war sie von der Hilfe ganz müde und matt. Heute liegt sie nun mit hohem Fieber und heftigen Kopfschmerzen zu Bett.

Fr.Pfarrer: Was sagt denn der Doktor?

Schwester: Er spricht sich noch nicht aus. Man muss ihr nur kalte Umschläge auf den Kopf legen. Ich wollte Sie bitten hinzugehen, die Mutter ist recht in Sorge.

Autor: Als die Pfarrersfrau kurz darauf ihren Besuch machte, wurde sie von Fr. Weiß sofort ins Krankenzimmer geführt.

Fr.Weiß: Sehen Sie Frau Pfarrer, da liegt sie nun und wirft sich von einer Seite auf die andere. Sie ist nichts, sie sagt nichts und sieht mich so eigen an. Elise guck, die Frau Pfarrer ist zu Besuch!

Autor: Die Kranke schaute auf und ihr Blick wurde plötzlich klarer als sie die Pfarrersfrau erkannte.

Elise: Wann fängt die Schule wieder an?

Autor: Die Frauen sahen sich einen Augenblick verwundert an, wie in stiller Frage. Ob das Kind bei klarem Bewusstsein sei. Dann antwortete die Pfarrersfrau:

Fr.Pfarrer: Erst in zehn Tagen ist wieder Schule. Du kannst ganz unbesorgt im Bett liegen. Du versäumst nichts.

Autor: Dann reichte sie dem Kind die Hand mit einem lieben herzlichen Wort und winkte der Mutter zum Hinausgehen. Der Weg führte durch das Zimmer wo die andere Töchter waren - die um ein Jahr ältere Marie und die jüngere Anna.

Fr.Weiß: Es ist doch sonderbar das sie immer wissen will wann die Schule anfängt. Stimmt. Anna, dich hat sie heute auch danach gefragt?

Autor: Die Kleine nickte nur still. Doch Marie sagte:

Marie: Ich weiß warum. Zu mir hat sie gesagt: “Wenn die Schule anfängt dann kommt der Herr Pfarrer wieder heim?!”

Autor: In ernsten Gedanken ging die Pfarrersfrau nach Hause. Warum sehnte sich das Kind wohl nach dem Pfarrer? Hatte sie am Ende eine Ahnung das es bald sterben wird? Sie nahm sich vor gleich morgen früh wieder nach ihr zu sehen. Und wenn ihr Befinden sich verschlechtern sollte, würde sie ihrem Mann schreiben und ihn bitten heimzukommen. Am nächsten Morgen traf sie Frau Weiß tief bekümmert.

Fr.Weiß: O Frau Pfarrer, sie wird nimmer gesund, ich muss das gute Kind hergeben.

Fr.Pfarrer: (erschrocken) Gibt der Doktor keine Hoffnung mehr?

Fr.Weiß: Er war heute noch nicht da, aber…

Autor: Die Mutter brach in Tränen aus. Frau Pfarrer fragte teilnehmend, ob es so schlimm um Elise stünde. Die Träne trocknend, antwortete die Mutter:

Fr.Weiß: Ich habe es nicht gewusst, dass ich eine so fromme Tochter habe. Heute nacht war sie recht unruhig und hat oft nach ihrem Kopf gegriffen und dabei gestönt. Ich glaube, sei war nicht recht bei sich. Aber heute früh hat sie nach ihrem Gesangbuch verlangt. Als Marie es ihr brachte, sagte sie: "Geht alle hinaus! Ich will beten.!? ”Der Vater und Marie gingen raus, ich blieb aber, ohne dass sie es merkte. Lange blätterte sie im Buch und las darin. Schließlich rief sie nach mir. Ich kam näher und sie zeigte mir unter den Trostliedern ein Lied und sagte: “Das Lied ist für dich, Mutter!"
Dann blätterte sie weiter und schlug auf: “Mit Fried und Freud fahr ich dahin” und sagte: “Das möchte ich noch lernen.” Glauben Sie, das sie stirbt?

Autor: Ergriffen hatte die Pfarrersfrau zugehört. Nun sprach sie mit Tränen in den Augen:

Fr.Pfarrer: Wir wollen das liebe Kind der Obhut des guten Hirten übergeben, sei es im Leben oder im Tod. Dort ist es wohl geborgen.

Autor: Zu Hause schrieb sie sofort an ihren Mann und bat ihn, früher heimzukommen, da das kranke Kind nach ihm verlange. Mit bangen Herzen ging sie am Nachmittag wieder zur Familie Weiß. Die Mutter begrüßte sie mit den Worten:

Fr.Weiß: Frau Pfarrer, es ist hoffnungslos. Der Doktor sagt, es sei Gehirnhautentzündung, und sie komme nicht mehr davon los. Es sei sogar besser so, denn wenn jemand diese Krankheit überstehe, ist es ein bleibender Schaden.

Fr.Haller: Das ist wahr! Sehen Sie, Frau Pfarrer, ich habe es schon zu Frau Weiß gesagt. Sie solle es nur nicht erzwingen wollen von Gott und das Kind herausbeten von Ihm, wenn er es zu sich nehmen will. Ich habe es so oft gemacht, als mein Ernst mit vier Jahren diese Krankheit hatte. Oh wie habe ich Gott angefleht mir das Kind zu erhalten, geradezu abgetrotzt habe ich es Ihm - und jetzt..

Autor: Frau Haller, eine der Nachbarinnen, schwieg jetzt. Die andere Frauen, die im Zimmer waren, sahen sie traurig an. Sie wußten, welch schwere Last diese Mutter trug an dem Sohn, der seit 20 Jahren völlig verkrüppelt war, der eine Pflege bedurfte wie ein ganz kleines Kind. Frau Haller fuhr fort:

Fr.Haller: Ich möchte alle Leute warnen, bei ihrem Gebet für die Kranken nicht eigenwillig zu sein, sondern immer unseren Heiland nachzusprechen: “Nicht wie ich will, sondern wie Du willst!" Sonst tut uns Gott den Willen und erst später merken wir, daß es zu unserem Schaden war.

Autor: Der Blick der Pfarrersfrau fiel auf Frau Kraus, die Nachbarin des Hauses. deren Augen bei diesen Worten einen tieftraurigen Ausdruck annahmen. Man konnte sehen, daß auch hier eine schwere Erfahrung dahinter lag. In der Stille, die jetzt eintrat, fragte Frau Weiß:

Fr.Weiß: Frau Pfarrer, wollen Sie nicht zu Elise hinein? Sie ist zwar nicht bei sich, doch liegt sie jetzt ganz ruhig da.

Autor: Sie traten ins Krankenzimmer. Als Frau Pfarrer Marie am Bett sitzen sah, wurde es ihr ganz weh ums Herze. Seit Jahren hatte sie die Schwestern immer zusammen gesehen. Am liebsten hätte sie Marie ans Herz genommen und geküßt, statt dessen reichte sie dem Mädchen die Hand und trat ans Krankenbett.
Still betrachtete sie das ruhende Kind, dessen liebes Gesicht mit den roten Fieberbacken, umgeben von dem blonden Kraushaar, besonders hold und lieblich aussah. Wie schwer muss es doch für die Mutter sein, dieses Kind hergeben zu müssen! Aber wenn sie die Krankheit überstehen würde, aber dann nicht mehr ihren gesunden Verstand hätte, wäre es nicht noch schwerer?
Unwillkürlich faltete die Pfarrersfrau die Hände und sprach aus tiefbewegten Herzen:

Fr.Pfarrer: “Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm Dein Kücklein ein…”

Autor: Leise, wie sie gekommen, gingen die Frauen wieder hinaus. Frau Pfarrer wünschte den betrübten Eltern noch Gottes Beistand und verabschiedete sich. Frau Krauß hatte sich ihr angeschlossen. Als sie am Hause von Frau Krauß vorbeikamen, fragte diese:

Fr.Krauß: Müssen Sie gleich Heim, Frau Pfarrer, oder kommen Sie noch kurz zu mir rein?

Autor: Da fiel der Pfarrersfrau der traurige Blick, ein den sie heute wahrgenommen, und sie folgte gern der alleinstehenden Frau. Diese blieb auch jetzt noch still. Aber die Pfarrersfrau merkte, daß außer dem Mitleid mit der Familie Weiß auch ein eigenes Leid ihr Herz bedrücken müßte. Schließlich fragte sie:

Fr.Pfarrer: Frau Krauß, haben Sie etwas auf dem Herzen, von dem Sie frei werden möchten?

Fr.Krauß: O ja, Frau Pfarrer, mein Kummer drückt mir fast das Herz ab. Und heute ist mir klargeworden, dass ich einen großen Fehler gemacht habe, damals, als mein Wilhelm so krank war. Er ist wieder gesund geworden und jetzt denke ich oft, für ihn wäre es besser gewesen, wenn er gestorben wäre.
O Frau Pfarrer, ich meine, mein Mutterschmerz ist noch größer als der von der Frau Weiß und Frau Haller. Wenn die Elise stirbt so darf die Mutter wissen, das ihr Kind beim Heiland ist. Und der Ernst bleibt ein Sorgenkind, aber nicht ewig. Aber all dieser Trost paßt nicht für meine Muttersorgen.

Autor: Ihre Tränen hinderten sie im Weiter sprechen, und die Pfarrersfrau sagte sanft:

Fr.Pfarrer: Gewiss hat Gott auch für Sie einen Trost bereit. Es gibt kein Leid für das er keinen hätte.

Fr.Krauß: Doch, eines gibt es, Frau Pfarrer. Wenn man Ihn verlässt, dann hört aller Trost auf.

Autor: Nun erzählte sie der Pfarrersfrau von dem Schicksal ihres jüngsten und einzig am Leben gebliebenen Sohnes Wilhelm. Er hatte Gott und sie, die Mutter verlassen und in die Fremde gezogen. Seit 1/4 Jahr hat sie keinen Nachricht von ihm erhalten, so habe auch sie nicht mehr geschrieben.
Frau Pfarrer ermutigte die Mutter einen Brief in Liebe ohne Schärfe an ihren Sohn zu schreiben und verabschiedete sie sich …
Langsam ging sie nach Hause. Die Sorge ihrer Mitmenschen lasteten schwer auf ihrem Gemüt und machten sie geistig und körperlich müde. Zu Hause empfing sie ihre 14jährige Tochter Hedwig mit den Worten:

Hedwig: Du warst lange fort, Mutter. Geht es Elise noch nicht besser?

Autor: Die Mutter wusste, wie sehr ihre Hedwig die Schwestern Weiß liebte. Sie setzte sich zu ihr und teilte mit, wie ernst es stehe. Unter Tränen sagte Hedwig:

Hedwig: O wie ist das möglich? Sonntag saßen wir noch nebeneinander in der Kirche und jetzt liegt sie im Sterben. Und wie traurig ist es für Marie! O Mutter, warum muss es so gehen?

Fr.Pfarrer: Kind, wir dürfen nicht warum fragen, wenn Gott etwas schweres schickt…Wir müssen uns beugen unter seinen Willen.

Hedwig: Wie hart das klingt, Mutter! Ist Gott denn nicht die Liebe ,?

Fr.Pfarrer: Doch, Hedwig. Denn aus Liebe sandte Gott seinen Sohn auf die Erde, um uns zu retten. Sieh, das ist der Fels unseres Glaubens an seiner Liebe, der nie wanken kann!

Autor: Als die Mutter endlich zur Ruhe gegangen war; zogen noch manche Gedanken durch ihre Seele. Es war ein schwerer Tag für sie gewesen. Und sie klagte alles ihrem Gott: das kranke Kind und seine Eltern; Frau Haller, die ihr großes Kind pflegen mußte; Frau Krauß, die keinen Trost finden konnte und ihres eigenen Kindes, das heute zum ersten Mal gefragt hatte: “Ist Gott nicht die Liebe?” Sie wußte, das ihre Sorgengebete bei Gott erhört waren und daß Er helfen wird.
Am anderen Tag kam der Pfarrer zurück. Nachdem er seine Frau und Kind begrüßt hatte, war seine erste Frage um Elises Zustand. Frau Pfarrer berichtete, daß der Arzt die Krankheit für hoffnungslos ansehe.

H.Pfarrer: So will ich gleich zu ihr gehen. Das hätte ich nicht gedacht, als sie mir damals nachgeeilt und fragte, wann ich wieder komme, dass ich noch vor Schulbeginn an ihr Sterbebett gerufen würde.

Autor: Er ging hin und redete erst mit den Eltern. Trotz der gedämpften Stimme, hatte Elise es gehört, denn Marie kam aus den Krankenzimmer und sagte:

Marie: Elise hat des Herrn Pfarrers Stimme gehört und möchte dass er kommt.

Autor: Als er mit den Eltern eintrat ging ein müdes Lächeln über das abgezehrte Gesicht, dessen Anblick den Pfarrer schmerzlich bewegte. Er begrüßte sie mit kurzen warnen Worten und fragte:

H.Pfarrer: Wollen wir miteinander beten?

Autor: Elise faltete die Hände und der Pfarrer sprach ein herzliches Gebet, wobei sich ein stiller Friede auf dem Gesicht des Kindes ausbreitete. Gott war spürbar nahe.
Am Städtischen Krankenhaus in Mannheim läutete noch spät abends die Hausglocke Sturm. Es wurden zwei schwerverletzte nach einem Motorradunfall hereingetragen. Sie waren im betrunkenen Zustand bei einer Straßenkreuzung auf eine Hausecke aufgefahren. Der Motorradfahrer war schwerer verletzt, als sein Kamerad. Als dieser nach zwei Stunden aus der Bewusstlosigkeit erwachte, sah er, wie sein Freund tot herausgetragen wurde. Da erschrak er heftig und fragte:

Wilhelm: Muss ich auch sterben?

Autor: Doch er bekam keine Antwort. Die Frage war wohl nicht gehört worden. Das Bewusstsein verließ ihn.
Es folgten schwere Tage für Wilhelm Krauß. Die Verletzung am Kopf bereitete ihm rasende Kopfschmerzen. Sein linker Arm war zweimal gebrochen und lag nun hart und steif im Gipsverband. Doch der junge Mann hatte eine gesunde Natur. Die Kopfverletzung war nicht lebensgefährlich gewesen, und nach vierzehn Tagen sagte der Arzt, als er ihn untersuchte:

Arzt: So, die Kopfwunde ist merkwürdig rasch und gut geheilt. Wissen Sie eigentlich, dass das Schicksal ihres Kameraden auch Ihnen gedroht hat? Der Tod ist nahe bei Ihnen vorbeigegangen. Sie können wohl dankbar sein. Der Arm wird nicht so schnell wieder gebrauchsfähig sein, doch es bedarf keinen längeren Krankenhausaufenthalts mehr. Wie steht’s? Haben Sie noch eine Mutter, die Sie pflegen und versorgen könnte, bis Sie ganz gesund sind?

Wilhelm: Ja, meine Mutter lebt noch.

Arzt: Nun, dann ist es sehr gut. Und in einer Woche könnten Sie zu ihr gehen.

Schwester: Es heißt nicht umsonst: “Wenn du noch eine Mutter hast, so danke Gott und sei zufrieden."

Autor: Als der Arzt und die Schwester das Zimmer verließen, meinte Wilhelms Zimmernachbar:

Mann: Gewiss haben die Gebete Ihrer Mutter Sie bewahrt bei dem Unglück.

Wilhelm: Das kann wohl sein!

Autor: Wilhelm hatte seinen Nachbarn ganz erstaunt dabei angeschaut. Dann drehte er den Kopf zur Wand, denn er wollte keine weitere Unterhaltung. Der Gedanke an seine Mutter hatte ihn seltsam bewegt. Der Vers, den die Schwester sagte, ging ihm nicht aus den Sinn. Er bemühte sich das Gedicht wieder ins Gedächtnis zu rufen, was ihm teilweise sogar gut gelang.

Wilhelm: Wenn du noch eine Mutter hast,
so danke Gott und sei zufrieden;
nicht allen auf dem Erdenrund
ist dieses hohe Glück beschieden.

Wenn du noch eine Mutter hast,
so sollst du sie mit Liebe pflegen,
daß sie dereinst ihr müdes Haupt
in Frieden kann zur Ruhe legen.

Sie hat vom ersten Tage an
für dich gelebt mit bangen Sorgen;
sie brachte abends dich zu Ruh
und weckte küssend dich am Morgen.

Und warst du krank, sie pflegte dein,
den sie mit tiefen Schmerz geboren:
und gaben alle dich schon auf -
die Mutter gab dich nicht verloren.

Autor: Wilhelm dachte nach. Das Gedicht passte ganz genau zu ihm und der Beziehung zu seiner Mutter. Wie würde es der Mutter geschmerzt haben, wenn sie die Nachricht von seinem Tod erhalten hätte? Wie würde sie darum trauern, dass er nicht mit Frieden im Herzen sterben musste. Er erinnerte sich noch deutlich an seinen letzten Brief, wo er harte Worte geschrieben hatte. "Ich brauche deine Ermahnungen nicht mehr. Lass mich meinen eigenen Weg gehen. Ich bin jung und will meine Jugend und Freiheit genießen. Wenn einmal der Tod bei mir anklopft, dann ist es immer noch Zeit, wieder an Gott zu denken.”
Als er so weit gekommen war in seinen Gedanken, stutzte er. Hatte nicht der Arzt heute gesagt: “Der Tod ist nahe bei Ihnen vorbeigegangen.” War es nicht eine deutliche Mahnung, sein Wort einzulösen?
Wilhelm brütete vor sich hin. Immer klarer wurde ihm seine Schuld der Mutter gegenüber. Aber, war es nicht schon zu spät zum Umkehren? Doch mitten in seine trübe Gedanken leuchtete die Liebe und Gnade Gottes, die sein Herz tröstete.
Die Schwester kam und brachte ein Kind mit hinein und sagte:

Schwester: Das Töchterlein unseres Herrn Doktor möchte heute allen Kranken eine Freude machen!

Autor: Das weißgekleidete, etwa 12-jähriges Mädchen trug Rosen in der Hand. Freundlich reichte sie jedem der Männer einen kleinen Strauß. Wilhelm musste immer wieder an seine Nachbarin Elise Weiß denken, der die Tochter des Arztes sehr ähnlich aussah.
Er musste an seine Heimat denken und Heimweh ergriff ihn. Wenn er nur wüsste, ob die Mutter ihm noch zürne! Er dachte en sein altes Elternhaus, die heimatliche Kirche und hörte die Abendglocke läuten. Unwillkürlich faltete er die Hände, und so schlief er ein.
In dieser Nacht hatte er einen seltsamen Traum. Ihm war, als trete Elise zu ihm als Engel, strahlend schön, in weißem Gewand und mit Flügeln und spräche mit sanfter Stimme: “Komme heim, Wilhelm, deine Mutter weint so heiß um dich!” Er wollte eine Frage an sie stellen, doch sie entschwand ihm und er erwachte. Nach dem Mittagessen brachte die Schwester einen Brief

Schwester: Soeben Ist dieser Brief für Sie abgegeben worden. Er sei in ihre Wohnung gekommen.

Autor: Wilhelm warf einen raschen Blick darauf und nahm ihn dankend an. Er war von seiner Mutter! Zürnte die Mutter nicht mehr? Hastig riss er den Brief auf. Nein, es war ihre alte, treu Art, die Ihm aus ihren Worten entgegen klang. Es wurde ihm ganz warm ums Herz.
Sie erzählte von sich und ihrem Leben, sie fragte nach seinem Ergehen und berichtete allerlei aus der Heimat. Doch was stand hier?

Wilhelm: “Es wird dich auch bewegen, dass in unserem Nachbarhaus der Tod eingekehrt ist, und zwar nicht den alten Opa, sondern Elise. Heute ist sie gestorben und am Freitag um 2 Uhr wird sie beerdigt.”

Autor: Wilhelm ließ den Brief sinken. Er sah lange und ernst vor sich hin. Er musste an seinen Traum denken. Hatte hier nicht der Tod zum zweiten Mal bei ihm angeklopft, wenn auch in freundlicherer Form?
Auf einmal hörte er die Glocken 2 Uhr schlagen und ihm fiel es ein, dass zu Haue jetzt die Beerdigung ist. Fest drückte er seinen Kopf ins Kissen, damit der Zimmergenosse seine Tränen nicht sehen sollte.
Unter diesen Tränen wurde sein Herz erleichtert und der Druck, der auf seinem Gewissen lastete, schwand. In ihm reifte der Entschluss, zurück zu kehren zur Mutter ins Elternhaus und zum Vater im Himmel!
Eine Woche später trat Wilhelm Krauß ganz unerwartet ins Zimmer seiner Mutter. Mit alter, ungeschwächter Liebe wurde er von ihr empfangen. Da kam ein Gefühl der Geborgenheit und des Friedens über ihn! Er wusste nun, wie wert es ist, noch eine Mutter und eine Heimat zu haben. Nun erzählte Wilhelm seiner Mutter, wie es kam, dass er zurück gekommen war.
Als er geendet hatte, drückte sie ihm die Hand und sprach aus tiefsten Herzen:

Fr.Krauß: Gott sei Lob und Dank, dass ich das erleben durfte!

Autor: Es heißt, dass bei den Engeln Gottes Freude ist über einen Sünder, der Buße tut; aber auch die Freude, die dem bekümmerten Mutterherzen aufging bei der Heimkehr des geliebten Sohnes, ist nicht zu beschreiben.

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Apr 27 2008

Stiefmütterchen

Geschrieben von Christ under Muttertag

Stiefmütterchen, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 8 Personen

Autor: Das Leben schreibt selber die allerbesten Geschichten. Das wirkliche, schöne aber auch harte Leben. Das Leben mit seinen Sonnen- und Schattenseiten.
Ja, es gab sie schon immer, solange die Welt steht. und wird sie auch in Zukunft geben, die Stiefmütter. Schicksalsschläge reißen Familien auseinander, hinterlassen schmerzliche Lücken, die nur mit großer Mühe wieder geschlossen werden können. Wie viel Weisheit muss zum Beispiel eine neue Mutter haben, um solche Lücken zu füllen! Doch es geht, - wirklich, mit Gottes Hilfe!

Esther: (singt) Am Sonntag ist Muttertag! Da schenke ich Mama etwas ganz Schönes!

Rudi: Was denn, Esther?

Esther: Das errätst du nie, und ich verrate es nicht!

Rudi: Ich will es aber so gerne wissen! Bitte sag es mir!

Esther: Dann ist es aber kein Geheimnis mehr, weil du alles der Mama verraten wirst!

Rudi: Nein! Wirklich nicht, Esther!

Annem.: Wenn ihr doch einmal still sein könntet ihr Quälgeister! Ich kann mich bei eurem Lärm nicht konzentrieren!

Rudi: Oh, Tschuldigung, Annemarie! Aber, was wirst du denn der Mama schenken?

Annem.: (verächtlich) Phhh, schenken! Lasst mich in Ruhe! (geht)

Esther: Die Annemarie ist in der letzten Zeit so unfreundlich zu uns!

Rudi: Stimmt, das war sie früher gar nicht! Aber jetzt muss sie so viel lernen und hat keine Zeit für uns!

Esther: Komm wir gehen spielen, Rudi!

Musik

Mutter: Schön, dass du mich mal besuchst, Tante Lina! Du kommst immer grade dann, wenn man dich am notwendigsten braucht!

Tante: So? Wo drückt denn diesmal der Schuh, liebe Nichte?

Mutter: Ach, es geht um Annemarie.

Tante: Annemarie? Ihr habt euch doch sonst so gut vertragen, seit du an ihre Mutterstelle getreten bist!

Mutter: Ja, ich hatte damals sehr große Angst vor der Verant¬wortung, die ich übernehmen sollte, doch da Annemarie erst neun Jahre alt war, klappte es ganz gut. Sie akzeptierte mich sehr schnell als Mutter, doch jetzt mit sechzehn Jahren… Sie ist so verschlossen geworden und so abweisend mir gegenüber. Ich weiß oft nicht weiter! Auch den kleinen Geschwistern gegenüber ist sie unfreundlich und grob. Ob ich als Stiefmutter…

Tante: Zuerst einmal musst du die Krise deiner Tochter nicht ohne weiteres auf das Konto der Stiefmutter setzen. Jede Mutter hat Probleme mit ihren Kindern. Du wirst sie auch einmal mit Esther und Rudi haben. Doch wenn du innerlich den Weg zu deiner Tochter finden willst, musst du wissen, dieser Weg heißt nur: Versetze dich in sie! Ihr wird wahrscheinlich erst jetzt klar, was sie an ihrer leiblichen Mutter verloren hat.

Mutter: Ja, du könntest recht haben, aber was soll ich bloß tun?

Tante: Wenn ich dir raten darf, lass das Bild der Heimgegangenen Mutter wieder lebendig werden. Lass die Erinnerung an sie aufleben. Sprich mit Annemarie und mit deinem Mann über sie - und fürchte nicht, dass dies euer Verhältnis stören könnte. Im Gegenteil, Annemarie wird es dir danken. Am Sonntag ist Muttertag…

Mutter: (in Gedanken) Ja, Muttertag… Ich glaube, ich habe da eine Idee…

Autor: Im Morgengrauen des Muttertages wanderte ein Mann an der Seite seiner heranwachsenden Tochter durch den taufrischen Morgen dem Bahnhof zu. Zwei Stunden brauchte der Zug um die Reisenden zur Heimatstadt von Annemaries verstorbener Mutter zu tragen. Annemarie selber kannte diesen Weg nicht, wunderte sich nur, dass Vater, der sonst so beschäftigt war, sich heute, grade am Muttertag, Zeit nahm mit ihr eine Reise zu unternehmen. Was für ein ungewöhnlicher Tag war doch heute! Hatte die Stiefmutter Zuhause ihr zum Abschied noch ein Kuss auf die Wange gedrückt und dem Vater ein großes Päckchen in die Hand gedrückt. Annemarie war gespannt. Der Zug hielt, sie stiegen aus und gingen zu Fuß weiter.

Annem.: Aber Vater, jetzt wirst du mir doch verraten, wohin wir gehen? Diese Stadt kenne ich nicht!

Vater: Annemarie, hier bist du geboren.

Annem.: (aufgeregt) Ja? dann gehen wir doch nicht etwa…

Vater: Ja, wir besuchen heute das Grab deiner Mutter und meiner ersten Frau. Heute am Muttertag, sollst du deiner leiblichen Mutter gedenken. Es war eine Idee von Mutti!

Autor: Bald schon standen sie davor. Vater und Tochter. Das Grab, das einst das Liebste verschlungen hat. Der grausame Tod, die Schattenseite des Lebens. Doch hatten sie nicht alle beide einen Ersatz bekommen? Einen sehr guten und kostbaren Ersatz? Wenn die Annemarie das nur schätzen lernen könnte!

Vater: Hier, Annemarie. das ist für dich!

Annem.: A-aber, das ist ja eine Blume, eine wunderschöne Blume!

Vater: Sie ist von Mutti. Du sollst sie auf das Grab deiner Mutter pflanzen.

Annem.: Von Mutti?

Autor: Das Mädchen blickte verstört auf den Vater. Was soll das bedeuten? Es erschien ihr so unfassbar und fremd: Eine Blume von Mutter - für Mutter? Das war doch noch nie da gewesen! Sie bückte sich, und vorsichtig grub sie in der Mitte des Grabes ein Loch, um die schöne Blume hinein zu pflanzen. Dabei überstürzten sich ihre Gedanken und Gefühle. Eine Träne tropfte auf die offene Blüte. Auch der Vater stand grübelnd da. War es nicht sinnlos heute mit seiner Tochter an diesem fast vergessenem Grab zu stehen? Was sagte seine Frau gestern? Emil, du sollst am Muttertag mit deinem Kind an diesem Grab stehen! Weißt du denn nicht: Rechte Mütter sind Schwestern. Schwestern im Leben, Schwestern im Lieben, Schwestern im Leid. Schwestern im Sterben. Wenn eine geht, legt sie die Kinder der anderen ans Herz, ohne Eifersucht - in lauter Liebe. Und ach, wie bald gibt eine der anderen zurück, was sie ihr anvertraut. Und wer weiß wie bald - werden sie einander danken!

Vater: Annemarie, ich bin gewiss, deine Mutter würde sich freuen, das du eine so gute zweite hast. Mama würde sagen: „Hab sie lieb!” Denn sie würde sie lieben und wären gewiss gute Freundinnen gewesen, wenn sie sich gekannt hätten. Nun komm, lasst uns zurückgehen!

Autor: Die Mutter verbrachte den Muttertag dieses Jahr alleine mit ihren zwei kleineren Kindern. Doch sie wollte es ja selber so haben! Eine innere Überwindung hatte es sie zwar gekostet die beiden reisen zu lassen, doch sie spürte, dass ihre Entscheidung richtig war. Hatte sie doch lange mit ihrem HERRN darüber gesprochen. Erwarte nicht irgendein Zeichen der Dankbarkeit von deiner Großen, wenn sie heimkommt, sagte ihr Tante Lina noch. Rechne damit, dass dieser Besuch sie innerlich stark beschäftigen wird. Versuche das zu verstehen, und du wirst dadurch am schnellsten den Schlüssel zu ihrem Wesen finden!
Es änderte sich zuerst nicht viel. Doch man merkte sie, wie das schlechte Gewissen Annemarie ihrer Mutter und den Geschwistern gegenüber sie zu plagen begann. Eines Tages kam sie ganz aufgeregt nach Hause. Es ging um die Abschlussprüfung in der Schule. Sie war trotz emsiger Vorbereitung durchgefallen. Am Telefon ließ sie ihren Unmut bei der Freundin aus:

Annem.: (aufgeregt) Eine Gemeinheit ist es! Eine Ungerechtigkeit! Ein dreiviertel Punkt fehlt mir! Nur ein dreiviertel Punkt! Das haben die extra gemacht, die Lehrer! Ach, wenn Mutter noch lebte, dann wäre sie zu dem Rektor gegangen und hätte um diesen Punkt gekämpft! Ach da wäre alles anders! Ja, Mutter…

Autor: Annemarie schloss sich in ihr Zimmer ein. Das Leben war so schwer! Jetzt hatte sie auch dazu ihren Abschluss nicht geschafft. Die Mutter hatte das Telefongespräch mit angehört. Nach längerem Zögern und einer durchwachten Nacht, beschloss sie zu handeln. Ach, es fiel ihr gar nicht leicht am nächsten Tag im Schulbüro der Vorsteherin, vor ihrem riesigen Schreibtisch sitzen zu müssen. Die Frau hatte sie grade mit spöttischem Gesicht angehört.

Frau: So, so, ein dreiviertel Punkt fehlt ihrer Tochter. Der Misserfolg der Kinder erscheint den Eltern immer unbegreiflich. Man sucht den Fehler überall, bei der Schule, den Lehrern - nur nicht da, wo er ist. Sie sind nicht die erste Mutter, die blind…

Mutter: Stiefmutter.

Frau: Bitte? Stiefmutter? Hmm, da in Ihrem Fall das Argument von der blinden Liebe nicht zutrifft, werde ich den Fall ihrer Stieftochter nachprüfen! Sie erhalten Bescheid! Auf Wieder¬sehen.

Autor: Gestärkt durch ihre Gebete konnte die mutige Frau einige Tage später der verdutzten Annemarie einen Umschlag überreichen.

Annem.: (liest) Ihre Prüfungsarbeiten sind auf ausdrücklichen Wunsch, noch einmal durchgesehen worden. Die Prüfungskommission hat sich bereit erklärt, Ihre Punktzahl soweit zu erhöhen, dass Ihnen das Diplom nachträglich ausgehändigt werden kann.

Vater: Da siehst du Annemarie, was deine Mutter fertig bringt! - Du wirst ihr doch danken?

Autor: Ach, danken! Wie konnte der Vater ahnen, was in der Tochter vorging! Ihr Gewissen brannte immer stärker. Doch die Mutter war nicht empfindlich. Sie begnügte sich mit dem kurzen leisen: „Danke” von Annemarie. Sie war klug genug, darauf zu warten, dass der Dank sich in einer Wesensumstellung zeigen musste. Diese Änderung vollzog sich nur sehr langsam. Doch Mütter können warten. Ein Erlebnis trug noch dazu bei, dass Mutter und Tochter zueinander führte. Es war der Geburtstag der Mutter.

Mutter: Annemarie, du sollst wegen meinem Geburtstag auf keinen Fall euren lange geplanten Ausflug verpassen!

Annem.: Aber, ich kann doch nicht einfach wegfahren…

Mutter: Doch, das sollst du. Mach dir keine Gedanken, ich komme hier allein gut zurecht. In deinem Alter verzichtet man nicht so gerne auf so ein Ereignis. Abends nehmen wir zwei uns dann ein Stündchen Zeit in meinem Zimmer. Einverstanden?

Annem.: Vielen Dank, Mutter!

Autor: Es wollte scheinen, als hätte Annemarie das Wort Mutter ganz besonders herzlich gesagt.
Der Tag verging unter vielen Besuchen, fröhlich und harmonisch. Aber etwas enttäuscht war die Mutter dann doch, dass ihr Annemarie nicht wenigstens eine kleine Aufmerksamkeit zum Geburtstag dage¬lassen hatte. „Doch, nur nicht bitter werden!” sagte sie sich. Es wurde Abend. Die Mutter schickte den Vater zum Bahnhof um Annemarie abzuholen. Sie machte in dieser Zeit ihr Zimmer zurecht, und schaffte eine gemütliche Atmosphäre. Junge Mädchen lieben das! Wollte sie doch heute besonders ernst und liebevoll mit ihrer Tochter sprechen… doch….

Mutter: Was ist denn das? Es lag unter dem Kopfkissen! Ein kleines Päckchen? (packt es aus) Das gibt es nicht! Ein Album, ein Album von Annemarie! Also doch ein Geschenk! Wie schön!

Autor: Lauter Bilder waren darin gemalt. Bilder von ihr und den Kindern, Bilder die Friede und Freude ausstrahlten. Alle mit lauter Stiefmütterchen umrahmt. Und unter jedem Bild ein „Danke liebe Mutter!“. Tränen traten der Mutter in die Augen. Also doch nicht vergebens! Gott hat ihre Gebete erhört.
Es war eine bewegte Stunde, die Mutter und Tochter dann verbrachten. Eine Stunde, die so manche Missverständnisse ausräumte, die die Herzen der beiden zueinander finden ließ. Nein, das Warten war nicht vergebens! Es hat sich gelohnt! Und was das Schönste ist: Gott wird die Treue einst im Himmel belohnen!