Ganz wie Mutter, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 17 Personen
Auguste: .. und dabei bleibt’s, am ersten Juni geh ich.
Erzähler: Auguste, die Haushälterin, stand mit energischem Gesichtsausdruck vor ihrem Herrn, Professor Brenner, der an seinem Schreibtisch saß und in den Seiten eines mächtigen, wissenschaftlichen Werkes blätterte. Diese Störung passte ihm gar nicht. Sie hatte einigemal an die Tür des Studierzimmers geklopft, aber keine Antwort erhalten. Plötzlich stand sie vor ihm, und ihm war es nicht möglich, auch nur ein Drittel ihrer Rede zu begreifen. Der Professor saß da mit einem Gesicht, als bereite ihm allein das Zuhören körperlichen Schmerz. Auguste machte eine kleine Pause. Die benutzte er schleunigst, auch einmal zu Wort zu kommen.
Professor: Es ist gut, beste Amanda, wir sprechen in einigen Tagen wieder darüber.
Auguste: Erstens heiße ich Auguste, sie verwechseln mich wieder mit einer Ihrer vorigen Haushälterinnen, und zweitens,… du meine Güte, der Herr Professor hat scheinbar wieder einmal kein Wort von dem, was ich gesagt habe, begriffen. In ein paar Tagen darüber sprechen? In vierzehn Tagen ist doch schon der 1. Juni. Ich habe ordnungsgemäß am Ersten gekündigt. Nun macht der Herr Professor keine Anstalten, Ersatz für mich zu suchen.
Erzähler: Jetzt aber schien er doch begriffen zu haben, um was es sich handelte.
Professor: Also Sie wollen fort von uns? Ja, aber beste Auguste, warum denn nur? Gefällt es Ihnen denn so schlecht bei uns?
Auguste: Ach, jetzt fragt er auch noch warum! Soll ich denn das ganze Gerede noch einmal hersagen? Ich möchte wirklich einmal wissen, wer hier länger als drei Monate aushält? Alle meine Vorgängerinnen sind in den ersten 8-10 Wochen ausgerückt, und ich hab’s wahrhaftig auf ein halbes Jahr gebracht, und wenn der Peterle nicht da wäre… nur wegen dem unschuldigen Lamm, das ohne Mutter aufwachsen tut, hab ich ausgehalten. Aber nun ist’s aus, nun ist’s ganz und gar aus. Ich mach einfach nicht mehr mit.
Professor: (reibt sich verlegen die Hände): Aber beste Auguste, das tut mir ja alles unendlich leid, was kann ich denn tun, um Ihnen zu helfen?
Erzähler: Auguste schüttelte den Kopf, es war unmöglich. Mit dem Mann war nichts anzufangen. (Ein 15-järiges Mädchen stürmt herein).
Fränzi: Papa, ich muss auf der Stelle 5,6 Mark haben. Morgen macht unsere Klasse einen Schulausflug. Ich will dafür Einkäufe besorgen.
Erzähler: Professor greift wortlos in die Tasche und gibt ihr Geld.
Auguste: Fränzi, was brauchst du 5 oder 6 Mark? Es Ist alles in der Speisekammer, was du nötig hast. Ich packe dir deinen Rucksack voll. Nütze die Gutmütigkeit deines Vaters nicht aus.
Fränzi: (mit hochmütigem Blick): Ich wüsste nicht, dass ich mit Ihnen gesprochen hätte. Mischen Sie sich gefälligst nicht in Angelegenheiten ein, die Sie nichts angehen.
Auguste: (zornig) Das ist gewisse, am Ersten geh ich.
Professor: Fränzi, so solltest du nicht zu der Auguste reden. Sie hat mir soeben gesagt, dass sie fortgehen will, wir müssen die Mädchen auch vernünftig behandeln, sonst bleibt niemand bei uns.
Fränzi: (wirft schnippisch den Kopf in den Nacken): Lass sie doch gehen, dann kommt eben wieder eine andere.
Erzähler: Und schon war sie draußen. Auguste hatte wirklich nicht übertrieben. Es sah schlimm aus im Hause des Professors Brenner. Vor fünf Jahren, an dem Tage, als Peter, der herzige, von allen verwöhnte Liebling geboren wurde, war die Mutter, die seelengute, stille und doch stets heitere Mutter gestorben. Mit ihr, so schien es, hatte man alles Licht, alle Wärme, alle Freude, aber auch jegliche Ordnung aus dem Hause getragen. Frau Maria war des Hauses Seele gewesen. Sie hatte die Familie zusammengehalten, den Haushalt mustergültig geführt und den stets zerstreuten, oft recht eigentümlichen Gatten zu nehmen gewusst. Alle hingen mit unbeschreiblicher Liebe an ihr. Der Professor nannte sie seinen Engel, ohne den er, trotz seines reichen Wissens, ein unbeholfener Mensch war. Es konnte sich niemand das Dasein ohne die Mutter vorstellen. Und dann kam jener schreckliche Morgen. Paula, das Dienstmädchen, weckte die drei Kinder mit der Nachricht, dass in der Nacht ein Brüderlein angekommen sei und sie leise zur Mutter kommen dürften. Daraufhin waren sie natürlich mit Hallo davon gestürzt und hatten alle drei hinein geschrien: „Mama, Mama, wo ist das Brüderlein, das neue Brüderlein?“ Aber eine fremde Frau in weißer Schürze und Haube hatte entsetzt die Hände erhoben und dann einen Finger auf den Mund gelegt, während sie auf die Mutter deutete, die totenblass, aber freundlich lächelnd im Bett lag. Da waren alle ganz still geworden, und Ruth, deren Tränen von jeher locker saßen, hatte angefangen zu weinen, worauf die fremde weiße Frau sie alle drei hinausschob. Das Brüderlein hatten sie nicht zu sehen bekommen. Um die Mittagszeit war die Mama gestorben.
Autor: Die drei hatten es zuerst gar nicht fassen können. Erst an dem blumengeschmückten Sarg hatten sie das Geschehene begriffen. Am Abend hatten sie sich gefürchtet. Alle drei waren in ein Bett gekrochen und hatten flüsternd und schluchzend von ihrer Mama gesprochen. Dann war plötzlich die Tür aufgegangen, und der Vater war hereingekommen. In seinen Armen hielt er ein weißes Bündel, auf das er hilflos nieder sah. Das war ihr Brüderlein, Peterle. Er sah nicht, dass die drei alle in einem Bett waren. Er setzte sich auf den Bettrand, sah das kleine Kind an und sagte nichts als das eine: „Nun ist sie tot – nun ist sie tot!“ Tränen rollten über sein Gesicht. Die Kinder hatten ihren Vater noch nie weinen sehen. Jetzt begannen alle herzzerbrechend zu schluchzen, selbst das kleine Brüderlein bewies seine Zugehörigkeit zu dieser Trauergemeinde, indem es kläglich zu schreien begann. Der Professor war derartig verwirrt, dass er das Kleinste zu den anderen ins Bett legte. Die liebe, gute Mutter, die immer Rat wusste, fehlte -
Paula, das Dienstmädchen, war herbeigeeilt, nahm behutsam den Kleinen hoch und flüsterte mitleidig: „Ihr armen Kinder, wie wird’s euch gehen ohne Mutter?“ Und es ging nicht gut. Plötzlich bekam Paula eine Nachricht von ihren alten Eltern, nach Hause zu kommen, um die schwerkranke Mutter zu pflegen. Und nun begann der Zerfall der Familie. Wie viele Dienstmädchen und Haushälterinnen waren in diesen fünf Jahren schon dagewesen … Sie blieben nie lange. Einige untreue Dienstboten stahlen Wäsche und Geld; die Kinder wurden vernachlässigt. So geschah es, dass sie wild und zügellos aufwuchsen.
Jetzt war Herbert ein fast siebzehnjähriger junger Mann, der die Oberschule besuchte. Franziska war ein intelligentes Mädchen, in der Töchterschule eine gelehrige Schülerin, jedoch bekannt als hochmütig und schnippisch. Ruth, jetzt elfjährig, war von jeher kränklich, daher sehr empfindlich. Peterle, das Nesthäkchen, wurde als letztes Vermächtnis der verstorbenen Mutter betrachtet und von allen verwöhnt. Auguste, die jetzige Haushälterin, hatte versucht, in diesem verwahrlosten Haushalt Ordnung zu schaffen. Aber ihre Erfahrungen im Hause des Professors waren so entmutigend, dass sie es nicht länger aushalten konnte. Ihre Pflichttreue aber verbot ihr, das Haus zu verlassen, bis ein anderes Dienstmädchen gefunden war. Das Haus des Professors war aber im ganzen Ort bekannt, und niemand wollte Augustes Nachfolgerin werden.
Musik
1. Erzähler: In einer ganz anderen Familie war Henriette, Professor Brenners Schwester, aufgewachsen. Früh hatte sie ihre Eltern verloren. Der Bruder, Paul Brenner, studierte an der Hochschule. Später hatte er geheiratet und wohnte in einer Stadt. Henriette jedoch wuchs im Pfarrhaus bei ihren Verwandten auf. Viele schöne Jahre hatte sie in diesem Hause verlebt. Jetzt saß die Pfarrersfrau gerade allein in ihrem Zimmer, als Henriette plötzlich eintrat.
Tante: Sieh, hier habe ich etwas für dich.
Henriette: (greift nach dem Brief, öffnet ihn): Güntherstal bei Freiburg.
Wertes Fräulein Brenner!
Jetzt weiß ich mir wirklich keinen Rat mehr. Die Kinder können auf keinen Fall allein bleiben. Besonders nicht das kleine unschuldige Lamm. Ich bleibe solange, bis Sie kommen. Es muss jemand den Haushalt übernehmen, der was davon versteht. Und nach vielem Fragen habe ich herausgekriegt, dass der Professor eine Schwester hat, das müssen Sie wohl sein. Bitte packen sie gleich Ihre Koffer. Sie werden nötig gebraucht.
Mit bestem Gruß Auguste Schmalzbach.
(blickt fragend auf Onkel und Tante): Das muss die Haushälterin meines Bruders geschrieben haben.
Onkel: Und was gedenkst du zu tun?
Henriette: Das möchte ich euch fragen.
Tante: Was sagt dir dein Herz, mein Kind?
Henriette: (blickt auf den Brief) Sie werden nötig gebraucht… Ich meine, das ist ausschlaggebend.
1. Erzähler: So wurde beschlossen, Henriette zu ihrem Bruder fahren zu lassen.
Erzähler: Im Hause des Professors Brenner wurde die Frage der kommenden Tante Henriette sehr lebhaft erörtert.
Fränzi: Was sagt ihr dazu?
Herbert: Was soll man dazu sagen? Jemand muss ja schließlich den Haushalt führen, und wenn die Dienstboten nicht aushalten, dann ist das beste, wenn eine Verwandte ins Haus kommt.
Fränzi: Die soll sich nur nicht einbilden, dass sie hier zu bestimmen hat, ich bin kein kleines Kind mehr und lasse mir nichts von ihr gefallen.
Ruth: Ich aber auch nicht.
Herbert: Wie alt ist sie denn?
Fränzi: Wer soll das wissen? Papa scheint sie ja kaum zu kennen.
Erzähler: Unterdessen saß Henriette im Schnellzug, der sie von der Schweizer Grenze nach Freiburg bringen sollte. Sie war erfüllt von den Gedanken und Aufgaben, die auf sie warteten. Ganz leicht war ihr Abschied von den Pflegeeltern nicht gewesen. Freiburg! Tatsächlich, sie war schon da. Sie raffte das Gepäck zusammen – und stieg aus. Eigentümlich aber war es ihr doch, dass niemand sie empfing. Im Hause des Professors war Auguste inzwischen eifrig bemüht, der Küche einen festtäglichen Glanz zu geben. In den letzten Tagen hatte sie noch einmal gründlich Hausputz gehalten. Nun war sie fertig, den Gast aufzunehmen. Aber was ist das, da läuft der Herr Professor noch immer in seinem Zimmer herum.
Auguste: Herr Professor, der Zug läuft doch ein.
Professor: Ach ja, du liebe Zeit, der Zug, meine Schwester – wo ist mein Hut, meine Schuhe? – Oder, warten Sie, könnte nicht Herbert oder Fränzi …? (Ruft ins Treppenhaus): Hallo, Herbert, Fränzi, einer von euch muss schnell zur Bahn, meine Schwester kommt.
Herbert: Bedauere, Papa, ich habe eine Verabredung, da musst du schon Fränzi schicken.
Fränzi: Glaubst du, ich werde deine Faulheit stärken? Hole du nur selbst -die – die – das Fräulein ab.
Erzähler: Hätte der Professor ein wenig mehr Fühlung mit seinen Kindern gehabt, so wäre ihm die abweisende, unfreundliche Art Fränzis, so über die Tante zu sprechen, nicht entgangen.
Professor: (blickt hilflos auf Auguste): Ja, wer soll dann gehen?
Auguste: (zu Fränzi): Wärst du meine Tochter, dich würde ich lehren. (Zum Professor) Ich würde schon gehen, aber ich kenne das Fräulein nicht. Wie sieht sie denn aus?
Professor: Ja, wie sieht sie aus? Ich habe sie selbst das letzte Mal an meinem Hochzeitstag gesehen. Wie sieht sie denn aus?
Auguste: Na ja, dann wollen wir’s mal lassen, inzwischen wird das Fräulein längst angekommen oder auch schon wieder abgefahren sein.
Ruth: (kommt herein gelaufen) Eine feine Dame ist mit einem Koffer gekommen. Das ist gewiss die Neue.
Erzähler: Inzwischen hatte Auguste Fräulein Brenner in das Studierzimmer des Professors geführt. Henriette war mit ausgestreckter Hand auf ihn zugegangen.
Henriette: Ja, so ist es, wenn Geschwister sich jahrelang nicht sehen, dann laufen sie beinahe aneinander vorbei, ohne sich zu kennen. Guten Tag, Paul.
Professor: Willkommen, Henni, kleine Schwester. Ich finde keine Worte für diese Ähnlichkeit. Du bist die Mutter, ganz die Mutter. So sah sie aus, bevor sie starb. Henni, es ist eine Schande, dass man so wenig voneinander gehört hat in all den Jahren.
Erzähler: Nun fragte sie ihn, ob er von Augustes Brief wisse, wie er sich nun die Zukunft denke und anderes mehr. Bald hatte sie herausgefunden, dass ihr Bruder keine Ahnung von dem Stand der Dinge seines Hauswesens hatte. Sie wollte eben nach den kleinen Kindern fragen, als Auguste zum Mittagessen bat. Henriette folgte ihrem Bruder in das Esszimmer. Der kleine Peter saß bereits am Tisch und holte sich ungeniert aus den Schüsseln verschiedene Kostproben mit den nicht gerade sauberen Händen. Ruth stürmte mit zerzaustem Haar und tintenbespritzter, zerrissener Schürze ins Zimmer. Herbert folgte ihr.
Herbert: (verbeugt sich vor der Tante) Herbert Brenner. Ich nehme an, dass – Sie – die Schwester meines Vaters sind.
Henriette: Jawohl, ich bin die Schwester deines Vaters, deine Tante. Aber ganz köstlich amüsiert es mich, hier einen so großen Neffen, einen jungen Herrn vorzufinden, wo ich nur mit kleinen Kindern gerechnet habe.
Erzähler: Der Professor hatte sich sofort in die neue Zeitung vertieft, die neben seinem Teller lag. Man begann die Mahlzeit, ungeordnet und nach Belieben. Henriette wartete umsonst auf das Tischgebet. So senkte sie still das Haupt, um nach alter, schöner Gewohnheit Gott für die Mahlzeit zu danken. Ein Platz am Tisch war noch unbesetzt.
Herbert: Wo ist Fränzi?
Auguste: Sie war wieder nicht fertig.
Erzähler: Gleich darauf kam die aufgeputzte Fränzi herein. Sie hatte sich das beste Kleid angezogen.
Herbert: Du hast wohl einen Vogel?
Erzähler: Fränzi geht an der Tante vorbei.
Professor: (vorwurfsvoll): Möchtest du nicht deine Tante begrüßen, Fränzi?
Erzähler: Fränzi bleibt steif stehen.
Herbert: (verbeugt sich vor der Tante) Darf ich vorstellen? Gräfin Franziska Veronika Brenner – Fräulein Henriette Brenner, die Tochter unserer von uns leider nicht gekannten, aber nichtsdestoweniger verehrten und geschätzten Großeltern, die Schwester unseres würdigen Vaters und somit unsere Tante.
Professor: (Schüttelt den Kopf) Ist das öfters so bei dir, Herbert?
Erzähler: Henriette war merkwürdig berührt durch diese Szene. Sie fühlte die feindliche Einstellung Franziskas ihr gegenüber und fragte sich nach der Ursache derselben. Aber sie wollte sich dadurch nicht beeinflussen lassen. Gewiss war das Ganze eine Backfischlaune. So stand sie auf und trat zu Franziska, um sie zu begrüßen.
Henriette: Das ist allerdings eine große Überraschung für mich, anstelle der kleinen hilfsbedürftigen Neffen und Nichten schon angehende Herren und Damen zu finden (sie legt ihren Arm um Franziskas Schultern; diese bleibt in ablehnender Haltung stehen).
Fränzi: Allerdings, so hilfsbedürftig sind wir nicht mehr.
Autor: Die Mahlzeit wurde fortgesetzt, aber es war Henriette, als säße ihr etwas im Hals, was ihr das Schlucken erschwerte. Wie seltsam und ungeregelt war das alles. Ihr Bruder hatte sich wieder in der Zeitung vertieft. Nach dem Essen führte Auguste Fräulein Brenner in das Gaststübchen wo sie ihre Sachen auspackte. Später zeigte sie ihr auch die anderen Räumlichkeiten des Hauses. Am Abend brachte Henriette die kleinen Kinder zu Bett.
Henriette: Kinder, aber jetzt wollen wir noch beten.
Ruth: Wir beten niemals; ganz früher, als wir noch klein waren und unser Mutti noch lebte, da haben wir auch gebetet, aber jetzt sind wir schon zu groß dazu.
Autor: Voll Mitleid sah Henriette auf beide Kinder. Ein tiefer Schmerz kam über sie, wenn sie daran dachte, was ihr Bruder an seinen Kindern versäumt hatte.
Henriette: Man ist nie zu groß zum Beten. Eure Mama, die im Himmel ist, freut sich gewiss, wenn ihre Kinder beten, vor allem aber wartet der liebe Heiland darauf.
(Zu Peterle gewandt; betet) “Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude, und nimm dein Kindlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein. Amen.”
Peterle: Schön! Noch mal.
Henriette: Morgen beten wir wieder.
Peterle: O, warum erst morgen?
Henriette: So, nun schläft unser Bübchen gut.
Autor: Ruth lag schweigend in ihrem Bett und blickte zur Decke empor, als müsse sie dort die Lösung auf eine Frage finden, die sie scheinbar bewegte.
Henriette: Na, Ruth, worüber denkst du so angestrengt nach?
Ruth: (verlegen) Ich – ich – nein, ich kann’s nicht sagen.
Autor: In diesem Augenblick steckte Herbert seinen Kopf ins Zimmer.
Herbert: Gute Nacht, ihr Trabanten.
Autor: Etwas später ging Herbert noch einmal an Ruths Schlafzimmer vorbei.
Ruth: Herbert! Herbert!
Herbert: Was ist los?
Ruth: Du, Herbert, glaubst du, dass Fränzi recht hat, dass sie eine alte Jungfer ist?
Herbert: Was meinst du denn?
Ruth: Na ja, ob es wohl wahr ist, dass sie so verschroben und gar nicht nett ist?
Herbert: Ach, du meinst die Tante? Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen.
Ruth: Es ist nur … sie hat nämlich mit uns gebetet. Gerade so, wie Mutti es früher getan hat.
Herbert: So, sie betet? Gerade so.. wie Mutti?… So wie Mutter. Es ist doch merkwürdig mit dieser Tante, es liegt etwas in ihren Augen. Man hat den Eindruck, dass sie tiefer blicken als die Augen anderer Menschen, dass sie Geheimnisse ergründen und in verborgene Winkel eindringen können. Es ist seltsam, man kann vor ihr erröten wie ein albernes Kind. – Andererseits ist sie auch ein angenehmer Mensch, mit dem man sich über allerlei Dinge und Zeitfragen unterhalten kann. Und sie hat Zeit, trotz der vielen Arbeit, sie nimmt sich einfach die Zeit zuzuhören. Seit Jahren, seit Muttis Tod, ist man nicht mehr gewohnt, sich für andere Zeit zu nehmen. Jeder hat immer gerade genug, mit sich selbst zu tun. Der Vater, mit dem war immer dasselbe: Auch er hatte nie Zeit für uns Kinder.
Autor: Nicht alle im Hause des Professors waren dieser Meinung. Franziska war ein häufiger Gast bei ihrer Freundin Eleonore, der einzigen Tochter des Bankdirektors Klinghammer. Frau Klinghammer bestärkte Franziska in ihrer verkehrten Art und stimmte sie gegen ihre Tante ein.
Frau Klinghammer: Euer gegenseitiges Verhältnis scheint sich noch nicht gebessert zu haben.
Fränzi: Gebessert? Das wird nie im Leben anders. Sie machen sich kein Bild, wie unausstehlich sie ist. Allein ihre Ansicht ist maßgebend und niemand anders kommt dagegen auf. Glauben Sie vielleicht, ich dürfte es wagen, einmal ihrem Willen zu widersprechen?
Eleonore: (erstaunt) Ja, lässt du dir denn alles von ihr verbieten?
Fränzi: Verbieten? Nein, sie verbietet mir nichts direkt, aber sie hat eine ganz eigentümliche Art. Sie bleibt immer ruhig, und gerade diese unheimliche Ruhe macht mich rasend. (Ahmt spöttisch ihrer Tante nach): Fränzi, wie schade, dass in deinem Zimmer beständig Unordnung herrscht. Das wird zu einer hässlichen Angewohnheit und ziemt sich nicht für ein Mädchen oder eine künftige Frau.
Eleonore: Hör bloß auf (hält sich die Ohren zu). Man meint die reinste Waisenhausvorsteherin vor sich zu sehen.
Frau Klinghammer: Ich finde, du bist aus den Kinderschuhen heraus. Du liebe Zeit, das sind eben Ansichten. Deine Tante darf schließlich nicht denken, dass ihre Meinung die einzig richtige sei. Außerdem darf sie nicht vergessen, dass du in den Jahren, da fremde Menschen euren Haushalt führten, zu einer Selbständigkeit gekommen bist, die andern jungen Mädchen deines Alters fremd ist.
Autor: Das war Musik für Franziskas Ohr. Hier fand sie Verständnis.
Fränzi: Das ist es ja gerade, Frau Klinghammer, sie behandelt mich wie ein kleines Kind. Ich erzählte Ihnen bereits, dass sie von mir verlangte, ich solle meine Schuhe selber putzen, meine Wäsche selber in Ordnung halten und die Schubladen aufräumen. Es fehlt nur noch, dass sie mich morgens um vier Uhr bis zum Schulbeginn in die Waschküche schickt, diese unverschämte Person. Aber das ist sicher – eher falle ich tot um, als dass ich mich von ihrer Art beeinflussen lasse. Und wenn es mir zu bunt wird … o diese, diese Person – ich hasse sie. Warum hat Papa sie ins Haus genommen? Mit den Fremden war es viel besser. Und dann diese fromme Art, es vergeht kein Sonntag, wo sie nicht fragt: „Fränzi, möchtest du heute nicht mit zur Kirche gehen?“ Sogar das Tischgebet hat sie eingeführt. Ich sehe noch heute Papas verlegenes Gesicht, als sie in ihrer mir verhassten liebenswürdigen Weise fragte: „Paul, du gestattest doch, dass ich mit den Kindern vor dem Essen bete, wie wir es in unserem Elternhaus gewohnt waren?“ Und er war nicht imstande, sich durchzusetzen. Aber ich habe wohl gesehen, wie verlegen er wurde.
Frau Klinghammer: Sie kann euch doch nicht ihre Meinung aufdrängen. Sie wird genau das Gegenteil erreichen.
Fränzi: Jawohl, das wird sie.
Eleonore: Wie stellt sich denn Herbert dazu?
Fränzi: Herbert? Ach der weiß nicht, was er will. Manchmal hat er direkt lächerliche Anwandlungen. Dann sitzt er des Abends mit ihr im Wohnzimmer – sprechen über Bücher, oder spielen vierhändig Klavier, ich würde mich zu Tode langweilen. Wir sollten ganz anders gegen sie zusammenhalten, dann würde sie nicht so auftreten in unserem Hause.
Autor: So und ähnlich ging die Unterhaltung noch eine ganze Weile fort. Henriette ahnte kaum, dass sie im Hause Klinghammer in diesem Augenblick der Mittelpunkt des Gesprächs war.
Sie konnte sich nicht vorwerfen, ungerecht und lieblos gehandelt zu haben, aber sie spürte in diesem Augenblick deutlich, dass sie es am Wichtigsten hatte fehlen lassen. Woran das ganze Haus krankte, das war das Fehlen der liebenden, sorgenden Mutterhand, das Fehlen des Mutterherzens, das nicht mutlos wird, selbst wenn es Jahr um Jahr warten, bangen und hoffen muss, die Mutter, die für jeden da ist, ohne Anerkennung und Dank zu erwarten. Ja, das war es Henriette erkannte in dieser Stunde ihre Aufgabe: Liebe und Geduld einer Mutter sich von Gott schenken zu lassen.
Eines Tages kam Franziska aus der Schule und kündigte der Tante an, dass sie für den kommenden Nachmittag verschiedene Mädchen ihrer Klasse zu sich eingeladen habe.
Henriette: Wie nett, da lerne ich auch einmal deine Freundinnen kennen.
Fränzi: Ich hatte eigentlich vor, mit den Mädels in meinem Zimmer zu bleiben.
Erzähler: Henriette spürte die Abweisung. Sie wusste, ihre Gegenwart war morgen nicht erwünscht. Angenehm war dieser Gedanke nicht, aber sie blieb freundlich und ruhig.
Henriette: Ich werde euch alles im Esszimmer zurecht machen. Da ist es gemütlich und ihr habt Platz genug. Du kannst dann die Wirtin spielen. Eigentlich ist es schade, dass du deine Freundinnen nicht übermorgen eingeladen hast. Da könnte ich eine Rahmtorte für euch backen.
Fränzi: Nein, das ist nicht mehr rückgängig zu machen, und übrigens brauchst du nicht für uns zu backen, ich bestelle noch heute Windbeutel mit Schlagsahne beim Konditor.
Henriette: Gut, Fränzi, dann lass deine Freundinnen nur morgen kommen.
Erzähler: Die jungen Mädchen kamen. Wie die Frühlingsblumen waren sie anzusehen, und Henriette freute sich an der Jugend. Helles Lachen schallte durch Haus und Garten. Franziska stand aufgeregt am Fenster des Esszimmers.
Eleonore: Was ist dir denn? Du bist so erregt.
Fränzi: Da soll man nicht aus der Haut fahren. Dieser Idiot von Konditor hatte mir bestimmt versprochen, die bestellten Windbeutel zur rechten Zeit zu schicken. Jetzt sind sie immer noch nicht da. Ich bin direkt blamiert vor den Mädels.
Eleonore: Allerdings, das ist höchst fatal. Aber sieh, da kommt deine Tante.
Henriette: Fränzi, du bist in Sorge um deine Windbeutel?
Fränzi: (nickt ärgerlich) Dieser pflichtvergessene Kerl, dem werde ich aber meine Meinung sagen.
Henriette: Wenn du willst, gebe ich dir die Rahmtorte, die ich heute morgen gebacken habe. Es war so gutes Feuer, das wollte ich ausnutzen, anstatt morgen zu backen. Wenn du sie haben willst?
Fränzi: O ja – ich wäre dir sehr … (verschluckt das dankbar”). Gut denn, Auguste soll sie reinbringen. Hoffentlich kommen inzwischen auch die Windbeutel.
Henriette: Nun wünsche ich euch einen vergnügten Nachmittag. Ich habe einige Besorgungen in der Stadt zu machen, aber Fränzi wird gut für euch sorgen (nickt allen freundlich zu).
Fränzi: (ärgerlich zu Eleonore) Sie tut gerade, als wenn sie uns eingeladen hätte.
Eleonore: Ich finde es aber doch sehr nett, dass sie dir gleich die Torte angeboten hat.
Fränzi: Pah – das wird sich wohl so gehören!
1. Mädchen: Fräulein Brenner ist aber ein sympathischer Mensch.
2. Mädchen: O ja, ich finde sie sehr liebenswürdig.
Fränzi: (mit wegwerfender Handbewegung) Geschmacksache!
Erzähler: Aber der Nachmittag war für Franziska verdorben, und schuld war nur diese Person – die Tante -, die sich die Rechte aneignete, die ihr nicht zukamen. O sie verwünschte sie.
Henriette hatte in der Stadt ihre Besorgungen erledigt und hätte zurückfahren können, aber um dem Kaffeekränzchen der Nichte nicht zu stören, beschloss sie noch einige Zeit in der Stadt zu verweilen. Sie schritt in Gedanken versunken durch die Stadt. So manche Alltagsepisode im Hause ihres Bruders ließ auf alles andere als Erfolg und Fortschritt schließen. Aber heute … all ihr Bemühen wollte vergeblich und aussichtslos erscheinen, und das Benehmen der Nichte war ihr wieder ein klarer Beweis dafür. Wie ein schweres Gewicht legte es sich wieder einmal auf sie. Aber Henriette sah es ganz klar vor sich: Sie war in diesen Wirkungskreis von höherer Hand gestellt worden. Als sie nach Hause kam, blickte Auguste bereits nach ihr aus.
Auguste: Ich bin in Sorge um Ruth. Sie ist mit Fieber aus der Schule gekommen. Ich habe sie zu Bett geschickt.
Fränzi: (brummt) Es wird Zeit, dass jemand nach dem kranken Kind sieht, schlimm genug, dass Ruth so lange allein gelassen wird.
Autor: Nun hatte der herbstliche Sturm seine Pflicht getan. Die Bäume streckten die kahlen Äste zum Himmel. Leise begann es zu schneien. Langsam wurde die Erde weiß.
Peterle: (am Fenster): Es schneit! Es schneit! Dann kommt bald das Chiristkindlein.
Autor: Tante Henni hatte ihm davon erzählt, und nun konnte er es kaum erwarten. Es war wohl das erste mal in seinem Leben, dass er die ganzen Wonnen der Vorweihnachtszeit mit all ihren geheimnisvollen Vorbereitungen und Erwartungen in dieser Weise erlebte. Der Vater hatte keinen Sinn für familiäre Gestaltung eines Festes, und den Geschwistern hatte eben auch die anleitende Hand gefehlt. Aber Tante Henni war auch auf diesem Gebiet zu Hause, über dem Esstisch hing ein prächtiger Adventskranz. Und jeden Abend bei Dunkelwerden wurden die Kerzen angezündet. Tante Henni setzte sich ans Klavier, spielte und sang Weihnachtslieder. Peterlein hatte solche wunderschöne Lieder noch nie in seinem Leben gehört. Herbert liebte auch an diesen Abenden zu Hause zu sein. Ruth, die seit Wochen nicht zur Schule gehen konnte, lag auf dem Sofa. Nur Franziska nahm ganz selten an den Adventsfeierstunden teil. Sie war beinahe täglich bei ihrer Freundin Eleonore Klinghammer. Aber Henriette setzte große Hoffnungen auf das Weihnachtsfest.
Wenige Tage vor dem Heiligen Abend saß Henriette im Wohnzimmer mit den Kindern und erzählte ihnen von Weihnachten im erzgebirgischen Pfarrhause. Franziska war heute rechtzeitig nach Hause gekommen und nahm ausnahmsweise am Gespräch teil. Henriette freute sich, als Peter an den Fingern abzählte, wie oft man noch schlafen müsse, bis das Christkind käme.
Henriette: Kinder, es geht mir beinahe so wie dem Kleinen, ich kann den Heiligen Abend kaum erwarten. Wir wollen ein richtiges Fest erleben, und jeder von uns soll dazu beitragen, dass es wirklich ein wunderschöner Abend wird.
Fränzi: Wann gedenkst du deine Feier zu veranstalten?
Henriette: (erstaunt) Meine Feier? Wie soll ich das verstehen? Es ist doch nicht meine Feier? Gibt es überhaupt ein Fest, das die Familie so wundersam verbindet wie das Weihnachtsfest.
Fränzi: (lächelt verlegen) Tante, ich finde deine Art köstlich; hätte ich nicht solchen Respekt vor dir, ich würde sagen – naiv. Wir sind schließlich keine kleinen Kinder mehr. Wenn du für die beiden Kleinen eine Bescherung veranstalten willst, gut denn, ich will dir gewiss die Freude nicht verderben, im Gegenteil, ich spende sogar mein Teil dazu – aber um unseretwillen kannst du dir wirklich jede Mühe ersparen. Vater hat uns in dieser Hinsicht nicht verwöhnt, er hat uns zu Weihnachten ein ordentliches Stück Geld in die Hand gedrückt, und wir kauften unser Geschenk dann selber. Ich denke, wir bleiben bei der Sitte, zumal wir ja aus den Kinderjahren heraus sind. Übrigens, bin ich am Heiligen Abend von neun Uhr an bei Klinghammers eingeladen und habe bereits dort zugesagt.
Herbert: (springt zornig auf; zu Fränzi) Jetzt hörst du auf, du bist ein ganz eingebildetes, aber desto mehr ungebildetes Ding. Es ist eine bodenlose Unverschämtheit, wie du dich der Tante gegenüber benimmst. Seit Wochen plant und überlegt sie, wie sie uns ein schönes Weihnachtsfest bereiten kann und so dankst du ihr all ihre Mühe? Pfui, Fränzi, ich finde so etwas direkt niederträchtig. Du ziehst es also vor, ein Stück Geld in die Hand gedrückt zu bekommen? Glaubst du, diese alle Vorbereitungen seien mit Geld zu bezahlen? Meinst du, Weihnachtsstimmungen und Festfreude seien zu kaufen? Du scheinst dich nicht mehr zu erinnern, wie rührend unsere Mutter uns den Heiligen Abend gestaltete? Ich schäme mich nicht, es zu sagen, dass ich mich in all diesen Jahren, wer weiß wie sehr nach solchen Weihnachtsfesten gesehnt habe. Nenne mich meinetwegen sentimental, aber ich habe es von Herzen begrüßt, dass Tante Henni uns wieder zu einem wirklich echten Weihnachtsfest verhilft, und du nennst sie naiv? Du schämst dich nicht? Du zeigst ihr keinen besseren Dank, als dass du am Heiligen Abend zu fremden Leuten läufst? Ich sage dir du wirst bei Klinghammers absagen, du wirst den Weihnachtsabend bei uns verbringen, ich verbiete dir fortzugehen und wenn du glaubst, deinen Kopf durchsetzen zu können, dann werde ich mit Vater sprechen und einmal ihn über seine Tochter aufklären.
Fränzi: (ärgerlich) Du – willst mich beim Vater schlecht machen? Wage es nur du Scheinheiliger!
Autor: Das war ein trauriger Adventsabend. Die beiden Kleinen weinten. Henriette aber suchte in den kommenden Tagen fieberhaft nach einem Weg, Franziskas Herz zu erreichen. Als dann der Heilige Abend kam, da gestaltete es sich doch besser, als Henriette es erwartet hatte. Peter jauchzte über seinen Pferdestall. Tante Henni hatte jedem ein Geschenk gemacht, und jeder staunte, wieso gerade sein sehnlichster Wunsch erraten worden war.
Herbert: So war es bei Mutter auch immer!
Autor: Und dies Wort war Henriettes größter Dank und schönstes Weihnachtsgeschenk. Der Professor selbst schien ergriffen. Henriette las aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vor. Der Abend wäre ihr wertlos erschienen ohne die Ausführung dieses schönen alten Brauches. Ob es Herberts Worte bewirkt hatten, dass Franziska tatsächlich zu Hause geblieben war und an der Familienfeier teilgenommen hatte? Der Abend war bestimmt auch bei ihr nicht gleichgültig vorbeigegangen. Franziska wusste nicht, dass die Tante ihr noch eine Überraschung zugedacht hatte. Als sie nach der Bescherung in ihr Zimmer kam, fand sie an der Wand eine vergrößerte Photographie ihrer Mutter. Nun kam doch ein Gefühl der Beschämung über das Mädchen. Tränen traten in ihre Augen. Und zum ersten mal empfand sie, wie wenig sie die Güte der Tante erwiderte.
Fräulein Brenner und Auguste saßen im Wohnzimmer. Plötzlich lachte Henriette hell auf. Die alte Haushälterin blickte erstaunt über ihre Brille.
Henriette: O Auguste, sie wollten uns doch längst verlassen, und nun arbeiten wir schon über ein Jahr zusammen, und sie sind noch immer hier.
Auguste: (lächelnd) Ja, Fräulein, das habe ich mir auch nicht träumen lassen, aber so ist es halt manchmal im Leben. Damit wir uns aber beide darüber klar sind: solange das Fräulein bei Professors ist, bleibt die alte Auguste auch.
Henriette: Gute Auguste, wenn sie wüssten, wie ich sie schätze. Ich bin ihnen sehr dankbar.
Autor: Die alte Haushälterin überlegte, was sie tun könnte, um ihr eine Freude zu machen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke.
Auguste: Die Ruth ist eigentlich noch immer recht elend.
Henriette: Das Kind macht mir Sorge. Trotz aller Mühe, die man sich mit ihrer Pflege gibt, will sie nicht kräftiger werden.
Auguste: Ich meine immer, Luftveränderung würde ihr sicher gut tun.
Henriette: Ja, das sagte der Arzt auch. Wenn ich nur wüsste, wen wir mit ihr fortschicken könnten. Wenn Franziska zuverlässiger wäre!
Auguste: (mit wegwerfendem Ton) Franziska. Aber ich wüsste jemand, Fräulein Brenner.
Henriette: Wen denn?
Auguste: Sie, Sie, Fräulein Brenner, fahren mit Ruth zu Ihrer Tante ins Erzgebirge nach Stollberg. Vier Wochen werde ich schon fertig werden. Die drei Männer sind erträglich – und Fränzi – na, ich weiß ja, dass sie wiederkommen.
Autor: Wie ein Kind hat Fräulein Brenner sich gefreut, für ein paar Tage nach Hause zu dürfen. Sie würde Kräfte sammeln, mit Onkel ein paar Wanderungen mitmachen, mit Pflegemutter Gedanken austauschen. Übrigens könnte sie Peter auch mitnehmen. Die Freude auf Ferienwochen erfüllte Henriette so, dass sie das Bedürfnis hatte, andern davon mitzuteilen. Einen Augenblick später steckte Franziska den Kopf ins Zimmer.
Fränzi: Ist Herbert hier?
Henriette: Nein! Aber komm doch ein Weilchen zu mir, ich möchte dir etwas sagen. Wir wollen mit den Kindern nach Stollberg fahren. Eben kommt mir der Gedanke, du könntest, da die Ferien diese Tage beginnen, uns dorthin begleiten. Ich fände es so schön, wenn du Onkel und Tante Winter und auch mein Kindheitsparadies kennenlerntest.
Fränzi: (mit abwehrenden Händen) Ich bitte dich, verschone mich, ich habe keineswegs so paradiesische Gelüste. Und deinen Leuten bin ich bestimmt nicht fromm genug. Nein, Tante Henni, ein Pfarrhaus ist nichts für mich. Außerdem gedenke ich mit Klinghammers nach Wiesbaden zu fahren. Ich habe bereits zugesagt!
Henriette: Aber Fränzi, davon weiß ich ja gar nichts.
Fränzi: Ich habe es dir ja eben gesagt.
Henriette: Hast du denn mit Vater darüber gesprochen?
Fränzi: Pah, das ist früh genug, wenn er mir das nötige Kleingeld geben muss.
Henriette: Aber Kind, ich verstehe dich wirklich nicht.
Fränzi: Das ist mir nichts Neues, wir beide werden uns wohl nie verstehen.
Autor: Franziska schloss sich wirklich den Klinghammers an. Henriette fuhr mit Ruth und Peter nach Stollberg zu ihren Pflegeeltern.
1. Erzähler: In Stollberg wartete die ganze Familie auf Henriette und die Kinder. Als die Gäste kamen, war die Begrüßung stürmisch. Alle freuten sich zu diesem Wiedersehen.
Ruth: Bei euch meint man, es sei alle Tage Sonntag.
1. Erzähler: Henriette hörte dies und wurde etwas traurig. Nun versuchte sie es bereits ein Jahr in dem Hause ihres Bruders, eine derartige Atmosphäre zu schaffen, und jetzt musste dieses Kind schon in den ersten Tagen einen Unterschied feststellen. Tante Winter spürte sofort, was im Herzen ihrer Pflegetochter vorging.
Tante: Bist du schon mutlos? Vergiss nicht, dass du erst ein Jahr in deinem neuen Pflichtenkreis stehst. Eine Mutter muss warten und beten können, Henni. Ja, als du klein warst, hast du oft gewünscht, eine Mutter zu sein mit vielen Kindern. Nun ist es so ganz anders gekommen, als wir es uns alle dachten, und dennoch bist du Mutter geworden, stellvertretende Mutter, und dieses Amt ist oft viel schwerer. Übrigens wird jede echte Frau auch eine echte Mutter sein. Selbst wenn sie nie ein eigenes Kind hat. Mütter erleben aber nicht nur Freuden, sondern tragen ihr Leben lang auch Lasten, und unter ihren Kindern wird immer ein Sorgenkind sein. Deswegen dürfen sie aber nicht mutlos werden, da heißt es Jahr um Jahr warten können. Wenn Gott dir nun ein solches Amt anvertraut hat, wenn er dir die Verantwortung einer Mutter übergibt und das ist gewisslich ein Ehrenamt, dann traue ihm zu, dass er dich auch mit den nötigen Fähigkeiten ausrüsten wird.
Henriette: Es ist nicht leicht, erfolglos zu arbeiten.
Tante: Ob du wohl ein Recht hast, so zu sprechen? Was die Kinder brauchen, das ist eine Mutter.
1. Erzähler: Alle fühlten sich heimisch im alten Pfarrhaus. Am glücklichsten war wohl Henriette. Nur zu schnell vergingen die Wochen. Noch wenige Tage, und die Heimreise musste wieder angetreten werden. Henriettes Geburtstag fiel auf die letzten Ferientage. Als der Geburtstag da war, saßen alle am Tisch beim Kaffee zusammen.
Tante: Ich wünsche dir, dass du nie müde werden möchtest, Mutterlasten zu tragen (Pause).
Henriette: Es kommt jemand.
Onkel: O weh, ich hatte so gewünscht, dass wir heute einmal ganz unter uns sein könnten.
Heidi: (bei der Tür) Wen darf ich melden?
Herbert: Herbert Brenner.
Peter: Mein Bruder, mein großer Bruder.
Onkel: Das ist die beste Geburtstagsüberraschung. (Schüttelt Herbert die Hand)
Herbert: (zu Henni) Dein Großer kommt persönlich, um dir zu gratulieren, Pflegemutter.
Tante: Sei uns herzlich willkommen, Herbert, es ist uns eine große Freude, dich persönlich kennenzulernen.
1. Erzähler: Herbert begleitete in den nächsten Tagen den Pfarrer öfters auf den Wegen des Gemeindebesuchs. Dann besprachen sie auch Themen der Religion, wofür Herbert bisher kein Interesse gehabt hatte. Der Pfarrer wies den jungen Studenten auch auf den einzigen Erretter und Heiland, Jesus Christus, hin. Er riet Herbert den richtigen Lebensweg in der Bibel zu suchen. Das wollte Herbert auch tun, zumal in ihrem Hause noch die Bibel der Mutter erhalten geblieben war.
Nach Ferienende war Henriette mit den kleinen Kindern wieder nach Hause zurückgekehrt. Auch Franziska, die mit Klinghammers gemeinsam die Ferien verbracht hatte, war nach Hause gekommen. Jetzt war sie noch trotziger und feindlicher gegen Henriette geworden. Sie hatte sich mit einem jungen Verwandten der Klinghammers befreundet und erhielt von ihm heimlich Briefe. Als man einen Briefumschlag, den sie im Hausflur verloren hatte, entdeckte, stellte Henriette sie zur Rede.
Henriette: Hat dein langes Ausbleiben heute einen Zusammenhang mit diesem Brief?
Fränzi: Wo hast du das her?
Henriette: Du hast den Umschlag im Hausflur verloren.
Fränzi: Bin ich dir darüber Rechenschaft schuldig?
Henriette: Fränzi, möchtest du dich einmal daran erinnern, dass dein Vater mich gebeten hat, Mutterstelle an euch zu vertreten?
Fränzi: Der Vater vielleicht, aber nicht ich – und ich lasse mir einfach nicht in meine Angelegenheiten hineinreden. Du hast schon immer versucht, meinen Willen zu unterdrücken. Aber dagegen werde ich mich wehren, solange ich kann. Ich bin kein Kind mehr. Ich bin schon siebzehn Jahre alt.
Henriette: Deine Mutter würde gewiss in Sorge um dich sein, wenn sie sehen würde, dass ihre Tochter postlagernd Briefe empfängt.
Fränzi: Wenn meine Mutter noch lebte, wäre manches anders.
Henriette: Ja, du hast Recht. Wie schön wäre es, wenn du nun mit mir, die ich an Stelle deiner Mutter stehen soll, vertrauensvoll über alles sprechen würdest. Wie gerne würde ich dir raten und helfen. Ich mache mir große Sorgen um dich.
Fränzi: Du brauchst dich nicht um mich zu sorgen, das ist ganz unnötig. Eins aber ist sicher: mein letztes Schuljahr wird auch vorübergehen, und dann hat diese Sklaverei ein Ende. Lieber in einer Pension eingesperrt sein, als hier, wo man zu Hause sein soll und doch keine Freiheit genießt, sich unterdrücken zu lassen.
Erzähler: Henriette beschloss, mit Frau Klinghammer über Franziska zu sprechen; sie ist doch auch eine Mutter. Diese bestärkte jedoch Franziskas Verhalten. Henriette verstand, nicht jede Mutter ist wirklich eine Mutter.
Herr Brenner war nur zutiefst mit seiner Wissenschaft beschäftigt gewesen, und hatte sich nicht um die Erziehung seiner Kinder gekümmert. So gelang es Franziska, den Vater zu überreden, dass er ihr wieder erlaubte, mit den Klinghammers die nächsten Ferien an der Ostsee zu verbringen.
Jedoch hier wurde Franziska von ihrem “Ideal” einem Verwandten der Klinghammers, dem 22jährigen Studenten, grausam getäuscht und wäre beinahe entehrt worden. Nach einer schlaflosen Nacht war sie an den Meeresstrand gegangen, um sich hier von ihrem überspannten Seelenzustand zu erholen. Plötzlich hatte sie das Verlangen, weit aufs Meer hinaus zu schwimmen, ein erquickendes Bad zu nehmen. Als sie schon weit vom Ufer entfernt war und umkehren wollte, begannen ihre Kräfte zu schwinden. Während sie so im Kampf mit den Wogen lag, war es ihr, als rolle ein Film von ihrem ganzen Leben in wenigen Augenblicken an ihr vorüber. Jetzt fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von ihren Augen und sie erkannte ihre unbeschreibliche Selbstsucht. Und nun sollte sie sterben? … Sollte sie so vor dem himmlischen Richter erscheinen, wenn es doch einen Gott gibt? … Ist es wirklich zu spät, alles gutzumachen? … O wäre sie jetzt zu Hause … Hilfe! Hilfe!… Ihre Kräfte schwanden mehr und mehr. Der Körper sank immer tiefer. Hil-fe Hil-fe! – Vater!- Herbert!- Ruth! Peter! – Hilfe, Tante Henni – O könnte ich beten wie du! – Vergib mir! – Hil-fe! – Gott – erbarme dich–!
Erzähler: Ein Fischer und seine Frau hatten gesehen, daß Franziska so weit ins Meer hinausgeschwommen war und kamen jetzt im letzten Augenblick zu Hilfe.
Fischersfrau: Halt sie fest! Vater, halt sie fest! Sie ist ohnmächtig oder gar schon tot. Ja, gewiss, O Gott, sie ist tot. Es ist – -
Fischer: Halt deinen Mund und hilf mir, sie ins Boot zu legen. Wie kannst du behaupten, dass sie tot ist?
Fischersfrau: Sie ist tot.
Fischer: Sie ist nicht tot.
Erzähler: Nach einer Stunde Wiederbelebungsversuchen schlug Franziska die Augen auf.
Fränzi: Wo bin ich? Was ist mit mir? Bin ich nicht tot? O Gott, bin ich nicht tot? … Leben – leben! O Gott im Himmel, hab Dank, hab Dank. Oh, ich will gut werden, ich will anders werden!
Erzähler: Nur wer auch einmal im Vorraum der Ewigkeit gestanden hat, wer es erlebt hat, dass ihn nur ein Atemzug vom Jenseits trennte, der wird verstehen, was im Herzen Franziskas vor sich ging.
Als Franziska sich bei den Fischern etwas erholt hatte, war es ihr innigster Wunsch, schnellstens nach Hause zu fahren. Hier angekommen, erfuhr sie, dass ihre, früher so gehasste Tante Henni, an schwerer Lungenentzündung im Sterben lag. Sie durfte nur ganz kurz am Bett der Tante verweilen. Alle anderen waren draußen geblieben. Hier sank sie vor dem Bett auf die Knie … Gott allein war Zeuge dieses wunderbaren Augenblickes, wo sich Herz zum Herzen fand. Zur weiteren Erholung wurde Franziska nach Stollberg ins Pfarrhaus gebracht.
1. Erzähler: Wie seltsam sind oft die Wege Gottes! Wie hatte sie sich gesträubt, hierherzukommen! Wie hatte sie sich gegen alles Religiöse gewehrt! Nun saß sie hier an der Seite der stillen, gütigen Pfarrersfrau und empfand es so wohltuend, dass diese mit ihr von der Möglichkeit eines neuen Lebens mit Gott sprach und mit ihr betete. Es ging nicht von heute auf morgen. Auch in ihr musste die Erkenntnis erst zur Reife kommen, dass auch sie ein neuer Mensch werden konnte, nicht durch eigene Kraft und Bemühungen, sondern allein durch die Gnade Gottes und das Erbarmen Christi. Sie erlebte Zeiten schwerster Selbstanklage, und sie meinte, nie im Leben wieder froh werden zu können. Aber solche Not lehrte sie beten. In den ersten Tagen hatte sie angstvoll auf die Todesnachricht der Tante gewartet. Aber eines Tages kam ein Brief mit der Freudenbotschaft, dass Tante Henni auf dem Wege der Genesung sei. Und endlich kam auch der erste Brief, den Tante Henni nach der Krankheit geschrieben hatte. Sie schrieb: „Meine liebe große Tochter! Das bist du jetzt, ich fühle es. Ich finde nicht Worte des Dankes für die wunderbare Hilfe Gottes.“ Der Brief schloss mit den Worten: „Grüße mir meine lieben Pflegeeltern. Du aber lass nicht zu lange auf Dich warten. In herzlicher Liebe Deine Tante Henni!”
Noch am selben Abend ging ein Telegramm von Stollberg ab: „Mutter, ich komme morgen nach Hause. Franziska.“