Apr 30 2008
Der Himmelsschlüssel
Der Himmelsschlüssel, ein christliches Anspiel zum Muttertag für 8 Personen
Erzähler: „Glück muss der Mensch haben” - so dachte wohl manch einer wenn er an dem neuen, schmucken Haus der Familie Winkler vorbeikam. Manch einer blieb wohl einen Augenblick stehen, um einen Blick auf dieses schöne Haus zu werfen. Doch keiner der Vorbeigehenden dachte daran, dass in einem schönen Gebäude nicht immer auch das Glück wohnt. Manch einer würde erstaunt sein, wenn er von den Problemen der Familie Winkler wüsste.
An einem Samstag saßen Vater und Mutter Winkler mit ihrem zwölfjährigen Sohn am Mittagstisch. Mit einem Blick auf den Vater fragte Erwin:
Erwin: Vater, hast du heute noch lange was im Büro zu tun?
H.Winkler: Ich glaube nicht, es ist ja Samstag, warum?
Erwin: Du weißt doch, Vater, morgen ist Muttertag. Du hast gesagt, dass wir in den Wald gehen und Schlüsselblumen für Großmutter suchen werden. Diese wollten wir ihr doch überreichen, wenn wir ihr den Schlüssel für ihr Zimmer bringen werden.
Erzähler: Peng! War es der Frühlingswind, der hinter Frau Anne die Tür so heftig ins Schloss warf? Traurig folgten die Augen Herr Winklers seiner Frau. Würde sie denn nie verstehen, dass der Platz seiner Mutter, jetzt da sie schwach und alt geworden, in diesem Hause war?
H.Winkler: (sich zu Erwin wendend) Ich glaube, es wäre besser, wenn du diesmal alleine gingest, Erwin. Am besten, du gehst gleich und ich gehe in die Küche, einiges mit Mutter besprechen. Also, dann bis heute Nachmittag!
- Musik-
H.Winkler: Ach Anni, nimm es doch nicht so zu Herzen! Nicht wahr, du findest dich jetzt darein? Es wird alles gut werden mit Mutter, besser als du denkst. Denk nur, wie lange ich ihr versprochen habe, einmal ein Haus für sie zu bauen. Ich war so alt wie Erwin, als ich damit anfing. Und nun, wo es soweit ist, es wäre doch mehr als herzlos, wenn man sie noch länger in der Dachwohnung sitzen ließe, wo wir es hier…
A.Winkler: (Unterbricht ihn) Kein Wort mehr davon! Wir haben schon genug über die Sache geredet. Ich habe es dir gesagt und das gilt ein für allemal: es geht nicht! Wir können nun einmal nicht auskommen, deine Mutter und ich. Ein paar Wochen zu Besuch, das lässt sich aushalten. Aber für immer? Nein, es gibt ein Unglück!
Erzähler: Mit diesen Worten ging Frau Winkler aus der Küche. Tief betrübt sah ihr Mann ihr nach. Wie sollte er sich verhalten? Traurigen Herzens ging er aus dem Haus, um seine letzten Pflichten im Büro zu erledigen.
- Musik -
Erzähler: Frau Winklers Ruhe war auch dahin. Freudlos und achtlos ordnete sie die Küche. Dann ging sie zögernd ins Obergeschoss und drehte den Schüssel an einer der drei Türen, die auf den geräumigen Vorplatz mündeten. Es war der Schlüssel, den Erwin morgen feierlich mit den Himmelsschlüsseln der Großmutter überreichen wollte. Dieser Schlüssel öffnete die Tür des Zimmers, welches der Sohn seiner Mutter gebaut hatte. Ja, natürlich, hier wurde es ihr gefallen, der alten Frau, hier würde sie residieren und regieren. Aber nein; so weit sollte es nicht kommen! Dafür würde sie schon sorgen.
- Musik -
Erzähler: In seinem hohen, sonnenlosen Büro schritt Herr Winkler auf und ab. Seine Gedanken konnten nicht zur Ruhe kommen.
H.Winkler: Warum sträubt sich denn meine Frau so gegen das Zusammenleben mit meiner Mutter? Mit der Mutter, der ich so viel verdanke? Hat es meine Mutter nicht ganz besonders verdient? Wie hat sie sich für mich aufgeopfert? Als Witwe hat sie gedarbt, gespart und bis in die späte Nacht hinein die Nähmaschine getreten, um mich durchzubringen. Ihr verdanke ich, was ich geworden bin. Doch sie hat nicht nur an mein äußeres Fortkommen gedacht, täglich hat sie für mich gebetet. Und nun sollte ich, ihr Sohn, sie in ihrer engen Dachzimmerwohnung lassen? Unmöglich!
Erzähler: Das Schellen des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Voller Entsetzen hörte er vom anderen Ende der Leitung die Nachricht, dass sein Sohn im Wald schwer verunglückt sei, und er, der Vater, sofort ins Krankenhaus kommen solle. (Pause)
Wie ein schweres, schwarzes Tuch legte sich dieses Ereignis über die Familie Winkler. Und es war der Tag vor Muttertag.
1. Sprecher: Muttertag: lieblicher, sonniger Festtag in tausend kinderfrohen Familien!
2. Sprecher: Muttertag: dunkler, Schmerzes reicher Trauertag für unzählige, blutende Mutterherzen auf der weiten Welt!
1. Sprecher: Muttertag: Einsamer Tag für Mütter, die weinend an nahen und fernen Gräbern stehen, deren Seelen durch unbekannte Fernen irren um Verschollenen zu begegnen und sie heimzuführen.
2. Sprecher: Muttertag: Trauriger und doch hoffnungsvoller Tag für Mütter, derer Tränen im Verborgenen fließen, um ihre in Sünde und Schande verlorene Söhne und Töchter.
1. Sprecher: Muttertag: wie zogst du herauf über dem Haus, das gestern noch Neid der Vorübergehenden erweckte, weil es lachend ins weite Land schaute.
2. Sprecher: Was ist aus den Himmelsschlüsseln geworden, die der totenblasse Knabe in verkrampften Händen hielt, als man ihn besinnungslos seiner Mutter ins Haus trug?
- Musik -
Erzähler: Ja, sie sanken zu Boden diese Himmelsschlüssel, die Erwin seiner Großmutter mitbringen wollte. Als aber der Krankenwagen den Jungen in den weißen Binden in die ferne Hauptstadt entführt hatte, in jene Stadt, in der an diesem Tag das nicht mehr ganz scharfe Ohr einer alten Frau im vierten Stock einer Mietskaserne vergebens auf das Klingelzeichen des Briefträgers harrte - ja, als dies Schreckliche geschehen war, da hob die zitternde Hand einer jungen Frau die Blüten auf, die noch zu retten waren, und stellte sie in ein Glas. Nun aber neigte sich der Muttertag dem Abend zu. Der Wagen stand vor der Einfahrt des neuen Hauses. Er sollte die von Schmerz zerschlagenen Eltern an das Lager des Jungen bringen, von dem sie noch nicht wussten, ob er ihnen erhalten bleiben würde. Da lief die junge Frau noch einmal ins Haus zurück. Sie nahm die Blüten aus dem Glas, hüllte sie in Seidenpapier, zusammen mit einem harten Gegenstand, und barg sie in ihrer Ledertasche. Dann nahm sie den Platz ein neben dem schweigsamen Mann, und der Wagen rollte davon.
- Musik -
Erzähler: Erwins Großmutter verlebte indes einen sehr schweren einsamen Muttertag. Den ganzen Sonntagmorgen hatte sie auf ihre Lieben gewartet. Entgegen ihrer Gewohnheit war sie sogar nicht in die Kirche gegangen. Allmählich aber hatte um die vergeblich harrende eine bittere Enttäuschung giftige Netze gesponnen.
Großmutter: (zu sich selbst) Sie kommen nicht! Und ich weiß auch ganz gut, warum. Sie will es nicht. Sie ist an allem schuld. Sie will ihren Mann heute für sich haben. Sie gönnt mir den Sohn nicht, nicht einmal heute, am Muttertag. Und dann? Er müsste jetzt wohl ein Wort sagen, ein Wort von dem, was jetzt spruchreif ist. Denn sie wohnen ja schon im neuen Haus, in dem er seiner Mutter ein Plätzchen versprochen hat. Und das, das leidet sie nicht.
Erzähler: War es zu verwundern, dass die Bestsuppe der alten Frau Winkler heute mit Tränen gesalzen war. Sie entschloss sich endlich, auf den Friedhof zu gehen. Der Weg zum Friedhof führte Frau Winkler an einer Kirche vorbei, aus der Orgeltöne erklangen. Sie schlüpfte durch das geöffnete Portal und bald mischte sich ihre Stimme in den Chor der Sänger. Dann lauschte sie mit Aufmerksamkeit und Andacht der Predigt, die auch auf den Muttertag Bezug nahm, sich aber keineswegs im Lobpreis der Mutterliebe und Ermahnung zur Kinderpflicht erschöpfte, sondern einmal die große Verantwortung der Mutter in den Vordergrund stellte und zu ernster Selbstprüfung mahnte. Am leuchtenden Beispiel der Hanna, der Mutter Samuels, zeigte der Prediger, was wahres Opfer, und ganze Hingabe einer Mutter bedeutet. Dann erinnerte er an Abrahams gang nach Moria. „Ach”, rief er aus „wie vieles, das wir als Mutterliebe preisen und besingen, ist verkappte Selbstsucht. Wie viele Mütter erziehen ihre Kinder für sich anstatt für den Herrn!”
Sehr nachdenklich verließ Mutter Winkler nach einem Stündchen das Gotteshaus. Und sehr bedenklich saß sie jetzt auf der Bank am Grab ihrer beiden Lieben, überlegte, was sie soeben vernommen hatte, und ließ es auf ihre Seele einwirken. Und dann hielt sie wie schon so manches Mal stille Zwiesprache mit dem Gefährten ihres kurzen Eheglücks, der nun schon vor vielen Jahren in die Ewigkeit voran gegangen und dennoch so nahe in ihrem Herzen weiter lebte:
Großmutter: Nun hast du gehört, Lieber, wie ich die Leviten gelesen bekam. Es geschieht ihr auch ganz recht, deiner Frau, Peter. Da schimpft unsereins einen ganzen Tag innerlich auf einen anderen Menschen und vergisst ganz, vor seiner eigenen Tür zu fegen. Einfach, weil man sich für eine recht vorzügliche, in allen Stücken opferbereite Mutter hält. Bis einem einmal der Geist Gottes die Binde vor den Augen nimmt damit man sich sieht, wie man ist. Und dann muss man sich schämen. Und man hört auf, von Annes Eifersucht zu reden, weil man zugeben muss, dass man selbst ein böses, eifersüchtiges Herz hat. Du hast es ja gewusst, Lieber, und es ist betrüblich, dass es sich in den langen Jahren meiner Einsamkeit nicht gebessert hat. Aber nun ist höchste Zeit, dass es anders wird, sonst - wie soll ich bestehen, wenn die große Abrechnung kommt? Darum muss ich jetzt endlich Anne gerecht werden und mich lösen von dem Jungen - innerlich lösen, an den sie von Rechts wegen den ersten Anspruch hat. Denn das habe ich bisher nie fertig gebracht. Es hat mir vom ersten Tag an einen feinen Stich ins Herz gegeben, wenn ich die zwei glücklich sah oder wenn ich merkte, dass sie den ersten Platz in seinem Herzen hat, und es war mir immer eine stille Freude, ja eine Schadenfreude, wenn ich glaubte, das Gegenteil zu entdecken. Ich wollte es mir freilich nicht eingestehen, aber wie hat doch der Prediger gesagt: „Eine Mutter, die ihre Kinder zur Wahrheit erziehen will, muss vor allem wahr sein gegen sich selbst.“ So muss ich es zu meiner Schande endlich bekennen. Es ist darum auch kein Wunder, dass sie mich nicht im Haus leiden will.
- Musik -
Erzähler: Zur gleichen Stunde, da Mutter Winkler sich beruhigt und tapfer auf den Heimweg machte, betrat in dem weitläufigen Hospital, das nur wenige Straßen vom Friedhof trennten, Peter Winkler junior mit Frau Anne schweigend das Wartezimmer der chirurgischen Klinik. Auf des Vaters hohe Stirn hatte der Schmerz scharfe Linien gezeichnet. Aus Frau Annes rot geränderten Augen sprach die Angst. Stumm und starr saßen sie nun nebeneinander auf steifen Stühlen. Endlich, nach qualvoller Wartezeit, öffnete sich die breite Flügeltür. Der Professor, ein Jugendfreund Peters, trat ein und streckte den Harrenden beide Hände entgegen:
Arzt: Junge, Glück muss der Mensch haben, oder nein: in solchem Fall passt sich das frivole Gerede nicht. Glaubst du an Wunder? Nun, heute kannst du es lernen. Stell dir doch vor, da tritt der Bub auf eine Mine. Und anstatt, dass die Mine ihn in tausend Fetzen reißt und du seine Knöchelchen auf den Bäumen zusammensuchen kannst, wie es das Normale ist und leider, leider immer noch passiert, schleudert ihn die Mine bloß in die Luft und setzt ihn so sachte ins Gras, dass er mit einem Arm- und Beinbruch, einer Fleischwunde und ein paar Schürfungen davon kommt. Rein unbegreiflich!
Erzähler: Voller Freude hörte sich das Ehepaar die Worte des Arztes an. Mit dankbarem Herzen verließen sie danach das Krankenhaus, um diese frohe Botschaft auch der Mutter zu bringen.
- Musik -
Erzähler: Großmutter Winkler saß im Dämmerlicht am offenen Fenster über ihre Bibel gebeugt. Sie hatte die Geschichte von Hanna noch mal gelesen. Auch die Geschichte von Abraham, der seinen einzigen Sohn nach Moria führte, las sie. Von der Predigt her war für sie ein neues Licht auf diesen Opfergang gefallen. Plötzlich schrillte die Klingel. Sie öffnete und wusste nicht, wie ihr geschah, als sie plötzlich zwei Arme um ihren Hals fühlte und an ihrem Ohr das Wort vernahm, nachdem ihr Herz den ganzen Tag gelechzt hatte: Mutter!
Großmutter: Aber Peter, du und Anne, wo kommt ihr her, so spät noch?
H.Winkler: Wir kommen aus der Klinik, von Erwin. Er ist Gott sei Dank gerettet.
Großmutter: Erwin? Was ist mit ihm?
Erzähler: Tief erschrocken zog sie Sohn und Tochter ins Zimmer, nötigte zum Ablegen und Niedersetzen, und nun wurde sich Peter bewusst, das er ihr sehr schonend, kurz und sachlich berichten musste, was geschehen war. Sie konnte es kaum fassen.
Großmutter: Auf eine Mine getreten im Wald? Ach, und beim Schlüsselblumen. pflücken für mich, sagst du?
Erzähler: Anne aber nestelte an ihrer Tasche und legte nun ein zerknülltes Päckchen vor die Großmutter hin.
A.Winkler: Hier, ein paar von den Blumen, die er noch in den Händen hielt, als sie ihn brachten. Es ist alles was wir für dich haben, am Muttertag. Und hier - weil es Erwin nicht bringen kann…
Erzähler: Sie legte der Frau einen kleinen, harten, blanken Gegenstand in den Schoß. Mit zitternden Händen strich die Großmutter über die goldenen Blüten. Dann aber nahm sie den Schüssel und legte ihn vor ihre Kinder auf den Tisch.
Großmutter: Nein, davon darf nicht mehr die Rede sein. Das wurde begraben, heute. Zu unser aller Bestem. Es soll alles bleiben wie es ist. Ich will nur froh sein, wenn es euch gut geht, und hier und da einmal hinein schauen und mich an ihrem Glück freuen.
H.Winkler: Mutter, darfst du zurückweisen, was Erwin dir schickt und Anne dir schenkt, an einem Tag wie den heutigen?
Großmutter: Ach, ich möchte euch von Herzen danken für das Geschenk dieses Tages. Dass gerade du mir den Schlüssel brachtest, werde ich dir nie, nie vergessen. Aber nun musst du verständig sein und ihn wieder an dich nehmen für die Tage, wenn ich euch besuche. Das andere - es geht über deine und meine Kraft. Es wäre ein Unglück für uns alle. Ich bin so froh dass es mir Gott heute gezeigt hat, ehe ihr kamt.
A.Winkler: Mutter, was du sagst, das hätte ich gestern noch mit Freude und dank angenommen. Denn gestern war es auch meine Ansicht, und ich hätte alles darum gegeben, wenn ich gewusst hätte, dass du diese Ansicht teilst. Aber zwischen gestern und heute liegt eine Ewigkeit, eine Ewigkeit an Schrecken, Herzweh, Verzweiflung, Angst und Wunder und Gnade. Gestern, ach Mutter, wie war ich doch so hässlich mit Peter, mit Erwin, gerade wegen des Schlüssels. Ich muss es dir sagen, es hilft alles nichts. Dann kam das Schreckliche. Und als dann der Bub bleich mit geschlossenen Augen vor mir lag, da traf eine Stimme mein Ohr, der ich bisher aus dem Weg gegangen war. Und die sagte: Verstehst du jetzt, was es heißt, einen einzigen, geliebten Sohn dahin geben? Und ich wusste, dass es eine Strafe Gottes war, dafür, dass ich dir, Mutter, deinen Sohn wegnehmen wollte, all die Jahre her und jetzt erst recht. Kannst du es mir ver-zeihen? Und alle hässliche Eifersucht, mit der ich Peter quälte?
Großmutter: Ich habe nichts zu verzeihen, Anne. Meine Eifersucht war schlimmer als deine. Aber ich bin auf dem Berge Moria gewesen und habe das Opfer gebracht. Das darf man nicht rückgängig machen.
A.Winkler: Hat nicht Abraham seinen Isaak wieder empfangen? Gott hat uns den unsrigen wieder geschenkt. Sollte er dir den deinen nicht auch wiedergeben? Glaubst du nicht, dass Gott uns die Kraft gibt, uns gegenseitig zu tragen?
Großmutter: Doch, die gibt er uns. Wenn du es daraufhin wagen willst, mein Kind, dann gib mir den Schlüssel, in Gottes Namen!
A.Winkler: Erwins Himmelsschlüssel!
Erzähler: Sie stand auf, nahm ihn von der Kommode und legte ihn feierlich in die ausgestreckte, zitternde Mutterhand.