Nov 17 2007
ZWISCHENSTATION
ZWISCHENSTATION, ein christliches Anspiel zum Thema Ewigkeit für 8 Personen
Arzt: Nun ja, Herr Tölsten. Sie wissen sicherlich, warum ich Sie zu mir bestellt habe. Nicht wahr? Es ist mir allerdings nicht sehr angenehm, Ihnen diese weniger gute Nachricht mitzuteilen. Aber schließlich müssen Sie es ja doch wissen.
Tölsten: Nun reden Sie schon, Herr Doktor oder meinen Sie es wird leichter, wenn Sie das Gespräch in die Länge ziehen?
Arzt: Also die Untersuchungen haben ergeben, dass sich an der Leber ein Tumor gebildet hat. Sie wissen was das bedeutet. Sie müssen operiert werden. Ich werde sofort alles Nötige veranlassen, dass Sie noch in dieser Woche in das städtische Krankenhaus eingeliefert werden können.
Tölsten: Und was ist dann? Bin ich dann gesund?
Arzt: Ja also, das ist so: Ist der Tumor gutartig, verläuft alles problemlos, und Sie sind nach der Entlassung vollständig gesund.
Tölsten: Wenn nicht, was ist dann?
Arzt: (leise) Dann haben Sie KREBS.
Sprecher: Wie versteinert blickte Tölsten den Arzt an. Er brachte kein Wort über die Lippen. KREBS! Das konnten doch nur andere Leute kriegen, aber er doch nicht! Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder soweit in der Gewalt hatte, dass er mit dem Arzt reden konnte.
Arzt: Wissen Sie, die Chance, dass der Tumor gutartig ist, liegt sehr hoch. Ich habe mit einigen Kollegen gesprochen, und sie glauben wie auch ich zu 85%, dass Sie keinen Krebs haben.
Sprecher: Als Tölsten sich kurze Zeit später auf dem Weg nach Hause befand, musste er noch mal über alles nachdenken. Was, wenn er doch KREBS hätte? Was würde dann aus seiner Frau und seinen beiden Kindern werden? Nach einer Woche war es dann soweit, man hatte Tölsten für die Operation vorbereitet und schob ihn nun in Richtung OP. Seine Frau ging neben seinem Bett. Er konnte die Angst in ihren Augen lesen. Schließlich mussten sie sich vor der OP verabschieden.
Madeleine: Friedrich, ich hab solche Angst!
Tölsten: Aber Madeleine, dass brauchst du doch nicht. Es wird schon alles wieder gut werden. Du musst nur fest daran glauben.
Sprecher: Er wusste, dass er diese Worte nur sprach, um seine Frau und auch sich selber zu beruhigen. Im Grunde genommen hatte er selber große Angst. Angst vor der Nachricht: ” SIE HABEN KREBS.” Erst am nächsten Morgen kam er wieder voll zu sich. Sofort ließ er nach dem Chefarzt rufen.
Chefarzt: Guten Morgen, Herr Tölsten. Haben Sie gut geschlafen?
Sprecher: Misstrauisch sah Tölsten in das lachende Gesicht des Arztes. Was würde jetzt kommen?
Chefarzt: Gute Nachrichten, Herr Tölsten. Der Tumor war gutartig. Wir konnten alles entfernen. Nun können Sie 100 Jahre alt werden. Sie müssen allerdings noch etwas hier bleiben und sich erholen, sonst könnte es eine Entzündung geben.
Sprecher: Als der Arzt wieder weg war, starrte Friedrich Tölsten glücklich gegen die weiße Decke des Krankenzimmers. Er sah immer noch das zufriedene Gesicht des Chefarztes vor sich.
Tölsten: Was sagte er? Ich könnte 100 Jahre alt werden? Und ich hab vor diesem Eingriff solche Angst gehabt. Aber jetzt ist ja alles vorbei.
Sprecher: Er lag noch eine Weile lächelnd da und malte sich das Gesicht seiner Frau aus, wenn sie diese gute Nachricht erhalten würde. Am nächsten Tag ging es Tölsten wieder bedeutsam besser. Er durfte sogar schon etwas aufstehen. Sogleich nahm er eine Zeitschrift zur Hand und begann zu lesen. Doch nach einer Viertelstunde wurde er von seinem Mitpatienten gestört, der ihn bat, auf das Telefon aufzupassen, solange er mal weg musste.
Tölsten: Der muss ja eh jede halbe Stunde raus. Ja, ja, schlimme (seufzend) Blasengeschichte. Dabei wissen die Ärzte noch gar nicht, was ihm wirklich fehlt. Aber ich muss schon sagen, er trägt diese Ungewissheit wirklich mit Fassung. Ob es an der Bibel oder an dem kleinen blauen Büchlein liegt? Jedenfalls behauptet er das. Aber ich glaub das nicht. Das ist wieder so ein religiöser Spinner, der sich in irgendeine Idee verrannt hat.
Sprecher: Nach einer Weile kam sein Bettnachbar zurück und legte sich wieder hin. Doch es dauerte nicht lange, da griff Frank Martin zu dem kleinen Buch und las darin. Als er nach einer Zeit bemerkte, dass Tölsten seinen “Spiegel” weggelegt hatte, sprach er ihn an.
Martin: Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe, aber hätten Sie etwas dagegen, wenn ich die zwei Bibelworte der Tageslosung laut vorlesen würde?
Tölsten: Oh nur das nicht, Herr Bettnachbar. Ich habe den lieben Gott bislang wenig beansprucht und es ist sozusagen bei flüchtigen Grüssen belassen.
Martin: Vielleicht will er durch die Losung einen Versuch machen, Sie flüchtig zu grüssen.
Tölsten: Das können Sie ihm aber mal gleich ausreden.
Sprecher: Diese letzten Worte hatten abwehrend und unfreundlich geklungen, und so zog sich Martin still zurück. Tölsten aber griff wieder nach seinem “Spiegel” und vertiefte sich darin. Noch einer geraumen Zeit öffnete sich die Tür und Madeleine Tölsten trat ein. Das Strahlen ihres Mannes ging sofort in ihr Gesicht über. Sie beugte sich über ihn und küsste ihn sacht auf die Stirn.
Madeleine: Zufrieden?
Tölsten: Was für eine Formfrage. Man sieht es doch, oder? Hundert Jahre alt kann ich nun werden, hat mir der Chefarzt prophezeit.
Sprecher: Sie hat ihm Pralinen und Traubensaft mitgebracht. Während sie ihm eingoss und ihm dann das Glas reichte, gingen ihre Blicke zur Tür.
Madeleine: Dein Bettnachbar schleicht wie halbbetäubt den Gang auf und ab. Hat er was Schlimmes?
Tölsten: Undurchsichtig wie die Gesichter der Ärzte, wenn sie an seinem Bett stehen. Aber der liebe Gott wird es schon wissen. Immerhin scheint er einen guten Draht nach oben zu haben.
Sprecher: Er wandte seinen Kopf. Sie folgte seinem Blick und sah den Rotschnitt der Bibel und ein blaues Büchlein mit festem Einband. Sie antwortete aber nichts darauf und kramte etwas aus ihrer mitgebrachten Tasche.
Madeleine: Ich soll dich übrigens noch ganz herzlich von den beiden Kleinen grüßen. Ah, da sind sie ja. Urlaubsprospekte. Genau das Richtige, um sich wenigstens in Gedanken davonstehlen zu können. Dieses Jahr werden wir die Berge mehr mit dem Sessellift erobern. Sonst könnte es mit den hundert Jahren nicht ganz hinhauen!
Sprecher: Beide lachten. Dann wurde Friedrich Tölsten ernst. Er griff nach ihrer rechten Hand und drückte sie.
Tölsten: Ist doch ein Schuss Galgenhumor dabei. Diese Zwischenstation geht mir auf die Nerven.
Madeleine: Nicht nur die “Zwischenstation” wie du das nennst, Friedrich. Es hat doch alles Nerven gekostet, vorher und so. Meinst du, ich hätte in den letzten Tagen vor der Operation nicht gemerkt, wie du innerlich abgeschaltet hattest?
Sprecher: Plötzlich ging die Zimmertür auf. Gleich kam Frank Martin herein. Der rote Morgenmantel ließ das schmale Gesicht noch blasser erscheinen. Er nickte den beiden zu und kroch mühsam ins Bett. Nach ein paar Tagen konnte Tölsten wieder aufstehen. Als er in den Gemeinschaftsraum trat, fiel ihm ein Mann auf, der in einer Ecke saß und aus dem Fenster blickte.
Tölsten: Guten Morgen. Mein Name ist Tölsten. Ich habe Sie hier noch niemals gesehen.
Walter: Ich bin auch noch nicht lange hier. Aber mir reicht es jetzt schon.
Tölsten: Da haben Sie recht. Diese “Zwischenstation” ist nicht zum aushalten, nicht wahr?
Walter: Ich bin Inhaber zweier Wurstbuden. Ich kann es mir eigentlich gar nicht leisten, hier zu sein. Ich brauche Ölgeruch um mich, gebräunte und gerötete Haut meiner Würstchen, dann könnte ich morgen schon die Mücke machen.
Sprecher: In den nächsten Tagen freundeten sich die beiden immer mehr an. Mit dem Wurstbudenbesitzer verband Tölsten mehr als mit dem Frommen aus seinem Zimmer, der nur beten und Bibel lesen konnte. Eines Tages gab es eine Überraschung. Völlig unerwartet, wie Überraschung es so an sich haben. Bei seinem Gang in den Gesellschaftsraum vermisste Tölsten den bärbeißig freundlichen Wurstbudenbesitzer, der so wie er an dieser “Zwischenstation” litt.
Tölsten: Wo bleibt er nur? Er ist doch sonst immer früher als ich hier. Ich werd mal dort drüben die Schwester fragen. Hallo Schwester. Wo bleibt denn der Wurstmaxe?
Sprecher: Ihr Gesicht wechselte wie eine huschende Lichtreklame, weiß – rot.
Tölsten: Hat’s Ihnen die Sprache verschlagen?
Schwester: Nun ja. Äh… Aus der “Zwischenstation” ist “Endstation” geworden. Embolie, heute morgen, beim Rasieren!
Sprecher: Sprachlos sah Tölsten die Schwester an.
Schwester: Hat uns alle überrascht.
Sprecher: Die Schwester huschte wieder weiter. Nachdenklich begab Tölsten sich wieder auf sein Zimmer. Am Abend blätterte der andere wieder in seinem blauen Büchlein. Friedrich Tölsten starrte gegen die angeleuchtete Decke. Seine Gedanken kreisten.
Tölsten: “Zwischenstation”, ” Endstation” und dann? Dann kommt der Tunnel. Und dann?
Sprecher: Er wandte das Gesicht dem Nachbar zu.
Tölsten: Heute hätte ich nichts dagegen, wenn Sie ihre Verse mal laut lesen.
Sprecher: Liebe Zuhörer, auch wenn ihr in dunkle Zeiten kommt, vertraut auf den Herrn. Alles was ihr erlebt, kommt von ihm, vergesst das nicht. Er will nur euer Bestes.
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